1888
Sonnabend, den 21. Januar.
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Deutsches Reich.
Berlin, 20. Januar.
* Im Reichstage wurde heute vor äußerst schwach besetztem Hause die am Dienstag abgebrochene Spezial!erathung des Etats des Reichsamts des Innern bei dem Kapitel „Gehalt des Staatssekcettu» 36,000 Mk." fortgesetzt. Die Berathung erstreckte stch zunächst wieder auf die Berichte der Fabrikinspektoren und auf die Arbeiterschutz-Gesetzgebung. Abgeordneter Frohme (Sozialdemokrat) protestirte dagegen, daß in den Berichten unrichtige Angaben über die Streikes und deren Veranlassung vorhanden seien, während Abg. Hartmann (kons.) die Fabrikin- spektoren in Schutz nahm und für Ausdehnung des Krankenkaflengesetzes auf die Handlungsgehilfen plaidirte. Abg. Hitze kritifirte scharf das Verhalten des Bundesrathes zu dem vom Reichstage in der vorigen Session beschlossenen Arbeiterschutzgesetze, worauf Staatssekretär von Bötticher erwiderte, daß der vom Reichstage beschlossme Entwurf bei näherer Prüfung erhebliche Mängel gezeigt habe, die es verhinderten, daß derselbe in der vom Reichstage beschlossenen Form Annahme finden könne. Prinzipiell ablehnend verhalte sich der Bundesrath nicht. Abg. Dr. Miquel be- Sirwortete eine Reichsgesetzgebung zur Verbesserung er Wohnungen im gesundheitlichen Interesse sowie eine Beschränkung des Retentionsrechtes der Vermiether. Abg. Schrader (frs.) beschwerte sich über die Schwierigkeiten, welche den freien Hilfr- kaffen bereitet würden. Staatssekretär von Bötticher stellte dies in Abrede. Die freien Kaffen seien in mehrfacher Hinficht, so z. B. bezüglich der Aufnahme der Mitglieder beffer gestellt als die Zwangskaffen. Weiterberathung morgen.
* Da« Abgeordnetenhaus trat heute in die erste Berathung des Etats ein. Freiherr v. Huene konnte den Etat mit Befriedigung als einen zwar zurückhaltend, aber doch nicht zu Unrecht sparsam aufgestellten bezeichnen. Die Frage freilich müffe vorweg gestellt werden, ob die hervorgetretene Befferung wirklich eine dauernde sei. Wenn er die Frage prinzipiell bejahe, so bastre er diese» sein Urtheil nicht auf die Erwartung, daß im Reiche weitere indirekte Steuern bewilligt wer-
Marie».
Original-Roman von Marie Romany.
(13. Fortsetzung.)
So klang die Stimme der Berufsmenschen in ihm. Es war seine Pflicht, nur dieser Stimme Rechnung zu tragen; und dennoch hörte er — und er hörte auf ihn nicht ungern — noch einen anderen Ton, der jene Stimme übertönte, der fie, ob ihr gleich der Schein des Rechtes zur Seite stand, Lügen zu strafen schien.
Dies war die Sprache des Gefühls in ihm. Vielleicht war es nur eine Schwäche, die stch dieses Namens anmaßte; er hatte der Baronin Jahre lang al» Freund zur Seite gestanden und al» solcher ihren Aeußerungen, ihren Mienen, ihren Worten unbedingt glauben gelernt. E» war ihm ««möglich, diesen Glauben, den er heilig hielt, von stch zu werfen; er kam sich, sobald diese Sprache de» Gefühls in ihm laut ward, wie ein Judas vor, der den ausdrücklichen Betheuerungen hier Unschuld, die fie ihm al« Freund gemacht, chimpflichen Verdacht gegenüberhielt. Und je häu- lger dieser Ton klang, desto eingreifender wirkte eine Macht auf ihn; da« Gefühl der Fremd- chast siegte über die Stimme der berechnenden Verstände», er sah alle Möglichkeiten, nur nicht
den müßten, sondern darauf, daß wir in Preußen an eine Reform der direkten Steuern gehen würden. Leider habe der Finanzminister von dieser Reform kein Wort gesprochen. Redner kritifirte die geplante Aufbefferung der Gehälter der Geistlichen, die trotz der Ankündigung in der Thronrede doch nicht» weiter fei, al» eine in die Diskretion des KultuSminist rs gestellte Alterszulage. Befriedigter war Redner von der Aufhebung der Relik- ten-Beiträge, erklärte dabei jedoch, daß an eine allgemeine Aufbefferung der Beamtengehälter, insbesondere der höheren Kategorien, nicht gedacht werden könne. Ernste Bedenken sowohl prinzipieller wie praktischer Natur erhob Freiherr v. Huene gegen die Art der den Volksschulen zugedachten Zuwendungen. Er konnte sich hiervon eine wirkliche Erleichterung der Gemeinden nicht versprechen, erwartete dieselbe vielmehr von einer anderweitigen Regelung der Grund- und Gebäudesteuerverhältniffe. Er schlug in dieser Beziehung vor, den Kommunalverbänden die Hälfte des Ertrages der Grund- und Gebäudesteuer zu überweisen und damit zugleich die Befreiung der Grund- und Gebäudesteuer von den kommunalen Zuschlägen zu verbinden. Der nationalliberale Abg. Dr. Sattler, der hierauf das Wort ergriff, erklärte sich im Großen und Ganzen mit dem Etat zufrieden und hob hervor, daß unsere günstige Finanzlage ohne die Steuerreform im Reiche nicht möglich gewesen wäre. Auch mit den vorgeschlagenen Verwendungszwecken war er im Allgemeinen einverstanden, hielt es jedoch für erforderlich, die einzelnen Bestimmungen des neuen Schulgesetzes, speziell den Vertheilungsmodus, einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Der folgende Redner war der deutschfreistnnige Abgeordnete Rickert, der in mehr al« einstündiger Auseinandersetzung sich um den Nachweis bemühte, daß unser Etat durchaus unsicher bastrt sei, weil er gänzlich von dem Eisenbahnetat und dieser wieder von zufälligen Konjunkturen der Kohlen- und Eisenpreise, des Verkehrs rc. abhängig sei. Mit dem finanziellen Abschluß war er zufrieden, desgleichen mit den vorgeschlagenen neuen Verwendungen. Nur bezüglich des Schulgesetzes bemerkte er, daß er in dem Vorschläge, der an Stelle der seit Jahren verheißenen Wohlthaten bitterlich wenig biete, eine Reform nicht erblicken könne. Immerhin sei ihm der Vorschlag der Regierung doch noch annehm- die eine, daß Frau von Wildenau eine Schuldige, eine Verbrecherin war. Instinktmäßig grübelte er diesem Faden nach. Er stellte sich in der Phantasie vor den Juden, er führte sich die» und jene» Gaunerstückchen vor Augen, er dachte an einen Akt der Rache, doch haltlose Bilder, wie fie waren, hielt kein» von allen einer prüfenden Betrachtung Widerstand. Je eingehender er sich in diese fruchtlose Bemühung vertiefte, desto mehr grollte er dem Schicksal, welche» gerade ihm diese Affaire zur Bearbeitung übergeben; er haderte mit sich selbst, daß er, der doch im Gefühl der Freundschaft den Worten der Baronin glaubte, nicht da» richtige Geleise fand.
Noch eine Möglichkeit gab ihm da» Geschick an die Hand. Fräulein Delorme, die, wie e» den Anschein hatte, wichtigste aller Zeugen, hatte noch nicht vor ihm gestanden; vielleicht, wenn er sich auch nur einer geringen Hoffnung hingab, bewirkte ihre Aussage, daß der Verdacht auf eine andere Person sich al» begründet erwiese und also der Name, den er schätzte, gereinigt ward.
Herr Martinel seufzte, al» er sich, vor feinem Arbeitstisch wieder Platz nehmend, dieser schwanken Hoffnung ergab. Er schien keine besondere Vor- ahmimg für die Vernehmung der jungen Dame zu haben, denn seine Miene «ar finster, al» er
barer als das Programm des Freiherrn v. Huene, das nach seiner Auffassung gerade die unteren Klassen wieder belasten würde. Dis weitschweifigen Ausführungen des freisinnigen Redners, der in seiner bekannten Manier „aus dem Hundertsten in's Tausendste" fiel, boten de» Neuen und In- tereffanten sonst wenig. Ihm zu antworten unternahm der konservative Abg. v. M innige rode. Derselbe billigte die Verwendungsvorschläge der Regierung, wünschte aber Beibehaltung de» Schulgeldes in Höhe des Ausfall», den einzelne Gemeinden trotz der Dotation erleiden würden. Redner kündigte schließlich den Antrag auf Verlängerung derLegislaturperiode an. —Weiterberathung morgen.
• Nach dem neuen Mitgliederverzeichniß des Abgeordnetenhauses besteht die konservative Fraktion au« 132 Mitgliedern. 97 Abgeordnete gehören dem Centrum an, 72 der nationalliberalen Fraktion, 62 der freikonservativen Fraktion, 40 der deutsch-freisinnigen Partei, 14 der Fraktion der Polen.
• Sonntag, 15. d., war ein seltsamer Jubi- läumstag: 50 Jahre vorher erließ Minister v. Rochow jenes denkwürdige Schreiben an einige Bürger von Elbing, welche an den gemaßregelten Prof. Albrecht zu Göttingen (einen von den „Sieben") eine Zustimmungs-Adresse gesandt hatten. Der Minister meint darin, für den „Unter- thanen zieme es sich nicht, die Handlungm de» Staats-Oberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen" rc., woraus dam das geflügelte Wort vom „b e s ch r ä n k t e n U n t e r- thanen-Verstand" entstanden ist. Uebrigen» soll die Phrase von einem strebsamen Assessor herrühren, dessen Elaborat Herr v. Rochow lediglich unterschrieben habe. Heute ist die schöne Theorie vom beschränkten Unterthanen-Verstand wieder in voller Geltung, nur wird fie in etwas anderen Worten vorgetragen. Dabei ist es gar nicht nöthig, daß man „Handlungen de» Staats-Ober- hauptes" kritistrt; es genügt vollkommen, wenn man mit dem Reichskanzler oder auch andern amtlichen Stellen nicht einverstanden ist.
* Der hochw. Herr Fürstbischof Dr. Kopp soll nächste Woche nach Berlin kommen.
"Magdeburg, 20. Jan. Die .Magdeb. Ztg.' meldet, daß Fürstbischof Kopp in besonderem Auftrage des Papste» die heißesten Segenswünsche nach einer kurzen Weile die Glocke ertönen ließ.
Mit zusammengebissenen Lippen, die ©tim in Falten gezogen, musterte er sekundenlang den Beamten, der in« Zimmer trat.
Um elf Uhr hatte er Raoul und Elly, um halb zwölf Uhr Marion geladen; er ließ die beiden ersteren warten, da ihr Verhör nicht viel Gewicht haben konnte und beorderte Fräulein Delorme herein.
Marion trat ein.
Bebend, mit niedergeschlagenem Blicke, schritt fie, nachdem fie eine kurze Verneigung gemacht, bi« zur Mitte de» Zimmer« vor.
Der Polizeirath notirte mit Unlust die leichenartige Bläffe, die ihre Mienen bedeckte; es lag etwas Finsteres in seinem Tone, al» er, auf einen Stuhl deutend, sagte:
„Nehmen Sie Platz, Fräulein Delorme." Marion setzte stch.
Ohne den Blick zu erheben, erwartete fie, augenscheinlich befangen, da» nun Kommende.
Der Polizeirath fixirte sie ohne Unterlaß; er schien nicht besondere» Wohlgefallen an der Angst zu haben, die fie zur Schau trug.
„Wie heißen Sie?" fragte er endlich mit der- selben Finsterkeit im Tone, wie vordem.
„Marion 6oeline Delorme."