M 16.
1888
Freitag, den 20. Januar.
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Die Fuldaer, Zeitung erlcherm räalich, Sonn« und Je,erläge ausgenommen, «lerrelj-ihrlrcher »bonnememspre,« ohne Brmgerlohn und Bestellgeld. 1 M. 50 Pf. mit der belletristilchen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.
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~ Jahres-Rundschau.*)
XIII.
Frankreich im Jahre 1887.
Die Republikaner thaten sich sehr viel zu gute auf die Einmüthigkeit, die schließlich in der Wahl Sadi Carnot's zu Tage getreten war. Jn- deffen war sie von sehr kurzer Dauer. Die rauhe Wirklichkeit trat sofort an den neuen Präsidenten heran, da er ein Ministerium bilden sollte. Nach wiederholten Versuchen ist es ihm endlich mit vieler Mühe gelungen, ein Kollegium sehr mittelmäßiger Männer zum Ministerium zusammenzubringen. Dasielbe trägt den Namen Tirard, der schon einmal Finanzminister war, als solcher zum Gespötte wurde, gleichfalls aber wieder Finanzminister und sogar Ministerpräsident werden konnte.
Ein sehr tiefer Schatten ist auf die hohen Militärs gefallen. Gerade mit solchen hat das bereits erwähnte verkommene Weib intime Beziehungen und wurde im Kriegsministerium allseitig mit Aufmerk- samkeit überhäuft, wie wenn ihr Alles unterstellt gewesen wäre. Namentlich stand sie sehr intim zum ehemaligen Kriegsminester Thibaudin, der bei dieser Gelegenheit als gewöhnlicher Lügner entlarvt wurde. Am meisten aber machte Kriegsminister Boulanger von sich reden, so lange er im Amte war, wie auch nach seinem Sturze. Man hat ihm eine Zeit lang weiß Gott welche großen Pläne zu- gemuthet, bis Alles den reinsten militärischen Komödianten in ihm fand, der wohl den Ehrgeiz hat, als großer Mann zu gelten, aber nicht die Fähigkeit, es zu sein oder zu werden. So lange er im Amte war, bereitete er der Regierung ständig Verlegenheiten, kam mit dem Minister des Auswärtigen in Konflikt und kokettirte in lächerlichster Weise mit dem Gasfiripöbel. Als gewöhnlicher Streber entlarvt, suchte er sich in den Nimbus eines republikanischen Heros zu hüllen, den man angegangen habe, an der Spitze der Republik den Todesstoß zu versetzen. Der Nimbus ward ihm unbarmherzig abgeriflen und er selbst dem Fluche der Lächerlichkeit überantwortet, als er mit De- roulede Arm in Arm auf seinen neuen Posten abreiste und vom Gasienpöbel sich hindern ließ, den Eisenbahnwagen zu besteigen. Als der große Wilson-Skandal zum Ausdruck kam, glaubte er einen Hauptschlag gegen seinen Nachfolger im Amte füh-
*) Nachdruck verboten.
Original-Roman von Marie Romany.
(12. Fortsetzung.)
„Wird diese Prozedur ein Nachspiel haben?" fragte sie, mit ängstlich forschendem Blick den Polizeirath fixirend.
Es war ein eigenthümliches Zucken, das um seine Mundwinkel ging.
„Wenn die Anklage dementirt wird, gewiß nicht," meinte er.
„Die Anklage gegen mich, wollen Sie sagen?"
Der Polizeirath zog die Stirn.
„Ich würde Ihnen rathen, ohne Sorge in Ihr Hotel zurückzukehren," entgegnete er mit der seinem Amte geläufigen Geschwindigkeit. „Da Ihnen weder von dem Brennstoff, noch über die Ursache des Brandes etwas bekannt ist, können wettere Unannehmlichkeiten für Sie nicht folgen."
Der Athem der Baronin stockte bei dem so eigen- thümlichen Tone, in welchem er sprach.
„Herr Martine!!" rief sie, ihr Auge starr auf ihn gerichtet.
Er antwortete nicht.
„Herr Martine!!" wiederholte sie erregter. „Glauben Sie nicht, wa« ich sagte?"
ren zu können, erzielte aber gar nichts Anderes, als daß man einen aktenmäßigen Beleg dafür hatte, daß er nur da für strenge militärische Disziplin war, wo er selbst zu befehlen hatte. Außerdem trug es ihm noch 30 Tage strengen Arrest ein. Die Boulanger-Episode ist einer der markantesten Abschnitte in der französischen Geschichte des Jahres 1887.
Ueberhaupt hat Frankreich in militärischer Beziehung während des abgelaufenen Jahres ausnehmend vielen Lärm gemacht, während andererseits gerade das Jahr 1887 mehrfach den Beweis seiner militärischen Schwäche erbracht hat. Die große Abhängigkeit vom Parlament und der häufige Wechsel in der Oberleitung der Armee ist in keinem andern europäischen Staate so, wie in Frankreich. Wiederholt hat sich der Kriegsminister vor den Beschlüssen der Armeekommission der Kammer beugen müssen; mit wichtigen Gesetzesvorlagen geht es sehr langsam. Während man zu Anfang des Jahres die Franzosen zum Emfall in Deutschland gerüstet und bereit schilderte, fanden sie selbst im Frühjahr, daß ihre Osigrenze gegen Deutschland hin nur un- genügend in Vertheidigungszustand gesetzt sei. Mit ihrem neuentdeckren Säüeßmatecial hatten sie nur Unglück, und als die vielbesprochene Probemobilmachung zur Ausführung komnien sollte, war der ganze Plan zum Voraus verrathen.
Wie ganz anders steht es mit all' solchen Dingen bei uns in Deutschland! Verschiedene nahe Verwandte des Präsidenten Grevy wurden als Aussauger des Staates entlarvt, und Cassagnac hat der ganzen Kammer in's Gesicht gesagt, daß die Hälfte der Abgeordneten ihr Amt mißbrauche, um Geld zu verdienen, ohne daß einer der Herren mit ihm anzubinden wagte. Vielleicht liegt gerade darin die Erklärung dafür, daß die Herren eifrige Kulturkämpfer sind. Wiederholt machten die Radikalen kultmkämpferische Anläufe; nur die Furcht vor den schlimmen Folgen für die Republik hielt davon ab, auf dieser Bahn weiter zu gehen. Und als die kulturkämpferischen Bestimmungen im neuen Militärgesetz für die Regierung Rouvier bedrohlich wurden, fetzte sich dieselbe mit dem Nuntius in's Benehmen und wußte dadurch um die Klippe herum zu kommen, daß sie eine wohlwollende Anwendung des Gesetzes in Aussicht stellte.
Je schlimmere Geschäfte die Republik macht, desto mehr konnten die Monarchisten obenhin kommen.
Der Polizeirath blickte vor sich.
„Entsetzlich!" brach die Baronin hervor. „Sie, der Busenfreund meines seligen Gatten, Sie, der Sie seit zehn Jahren mein Beschützer zu sein schienen, —"
„Geduld, gnädige Frau," machte der Polizeirath ernst. „Ich erwähnte schon einmal, daß ich nur meinem Amt diente, indem ich Sie zu mir rief." ,
Die Baronin starrte ihn an. Ihre Lippen vibrirten, ihre Augen füllten sich mit Thränen, als sie zu sprechen begann.
„Ich verstehe Sie, Herr Martine!", sagte sie langsam. „Sie alauben mir nicht, Sie halten mich für eine Schuldige, weil ich Ihnen vor ein paar Wochen vertraute, daß in nicht langer Zeit mein finanzieller Ruin an der Thüre sein wird. Solch' ein Verdacht von Ihnen schmerzt tief; um so mehr, als ich nichts thun kann, um Ihre Meinung in eine andere Richtung zu führen; die Zeit wird lehren, in wie weit Ihr Urtheil gerechtfertigt ist. Ich habe Ihnen Antwort gegeben, weil ich Ihnen, dem Polizeirath, dem Staatsdiener, Rechenschaft schuldete; dem Freunde meines Hauser wiederhole ich, daß mich die Nachricht von dem Brande, die mir in'» Boulogner Wäldchen gebracht wurde,
Ihre Fortschritte standen aber, keineswegs auf gleicher Linie mit dem republikanischen Niedergang. Das hervorragenvste Moment war eine Proklamation des Grafen von Paris, der sich darin auf den Boden der allgemeinen Volksabstimmung stellte, von derselben emporgehoben, aber nicht abhängig sein will von den Beschlüssen des Parlaments.
Eine der giftigsten Erscheinungen war die Spio- nenriecherei wie die Chikanirung der Fremden überhaupt, mit der Hand in Hand das rücksichtsloseste System eigenen Spionirens ging.
Zur Erinnerung an die große Revolution von 1789 soll eine große Weltausstellung in Paris zu Stande kommen. Das Jahr 1887 hat aber den Franzosen in. höchst unangenehmer Weise gerade anläßlich dieser Sache gezeigt, daß sie ziemlich isolirt in Europa dastehen. Eine Ablehnung nach der andern ist in Paris eingelaufen. Auch sonst hat es sich gezeigt, daß Europa nichts weniger al» angenehm berührt isiurde von dem Jahre langen Geschrei über die Revanche. Selbst Rußland, dem die Franzosen nur zu viele Aufmerksamkeit erwiesen haben, ist sehr ernüchtert geworden und hat es ihnen nicht einmal extra angerechnet, daß sie die armen Bulgaren moralisch mißhandelt haben.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Januar.
* Die Reichstagskommission zur Vorberathung der Wehrgesetzvorlage hat heute die erste Lesung des Entwurfs beendet und denselben ohne wesentliche Abänderungen angenommen. Zur Erledigung kamen, nachdem der Abschnitt Landwehr schon gestern erledigt worden, die Abschnitte Ersatzreserve, Seewehr und Marineersatzreserve und Landsturm. Zu den Bestimmungen über den Landsturm wurden 2 Amendements angenommen. Nach dem einen, Richter-Huene, wird der Landsturm zweiten Aufgebots in der Regel in besonderen Adtheilungen formirt, doch soll in Fällen außerordentlichen Bedarfes die Einstellung auch in Truppentheile der Landwehr zweiten Aufgebots erfolgen können, wenn sämmtliche Jahrgänge der Landwehr einberufen sind. Das zweite Amendement, vom Abg. Dr. Windthorst, bestimmt: Der Aufruf des Landsturms erfolgt durch Kaiserliche Verordnung, bei unmittelbarer Kriegsgefahr im Bedarfsfall durch die kommandirenden Generale, wie ein Blitz aus lachendem Himmel traf. Ich habe" — die Thränen perlten auf ihren Wangen — „nichts gethan, um dem Ruin, der mir winkt, entgegenzutreten; ich habe vielleicht gefehlt, indem ich meinen Schwächen fröhnte, indem ich ein Prachtleden weiter führte, welches meine Verhältnisse überstiegen hat, aber eines Verbrechens hat sich ihre Schutzbefohlene, die Wittwe ihres Freundes, niemals schuldig gemacht."
Sie hatte ihm ihre Hand entgegengestreckt, während sie sich zum Fortgehen wandte. Der Polizeirath berührte sie nur flüchtig mit den Fingerspitzen und trat dann zurück.
Die Baronin überlief es kalt. Sie stand einen Moment zaghaft, dann schritt sie der Thüre zu.
„Leben Sie wohl, Herr Rath," sagte sie in gewaltsam niedergepreßtem Ton.
Herr Martine! komplimentirte und zog bi« Glocke, worauf der diensthabende Beamte wieder in das Zimmer trat.
„Führen Sie die Dame an den Ausgang," befahl der Polizeirath.
Die Baronin machte noch eine kurze Verbeugung und hatte im nächsten Moment bie Schwelle pafsirt. Sie zog ihren Schleier bichter vor, al» sie bem Ausgang zueilte; ihre Brust fieberte; sie