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M 15. Donnerstag, den 19. Januar. 1888

M«er

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= Jahres-Rundschau.*)

XII.

Frankreich im Jahre 1887.

Wie gründlich das Angesicht Europa» seit 25 Jahren sich verändert hat, beweist deutlich die Ge­schichte Frankreichs im Jahre 1887. Es ist weit hinter die Stellung zurückgedrängt, die es vor einem Viertel jahrhundert im Konzert der euro­päischen Mächle eingenommen hat. Seine Macht, den Gang der europäischen Politik zu bestimmen, ist gebrochen und die geheimnißvolle Macht, mora­lische Eroberungen zu machen, ihm genommen. In seinem Innern mehr als je zerklüftet, hat der französische Staatskörper während de» Jahres 1887 eine solche Masse bedenklichster Krankheitr- stoffe und sittlicher Fäulniß schauen lassen, daß man nur mit bangen Sorgen an die nächste Zu­kunft dieses Landes denken kann. So unsicher es auch sein mag, wie im Einzelnen sich dieselbe gestalten wird, so scheint doch das Eine ganz sicher: Umsturz der bestehenden Verhält­nisse; ob zum Besseren oder zum Schlimmeren, weiß Gott allein. Das Jahr 1887 bedeutet für Frankreich einen sehr wetten Schritt zu diesem Endergebniß hin. Für die republikanische Staats­form war es eines der allerschlimmsten Jahre. Mehr als je hat Frankreich mit sich selbst zu thun gehabt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, mit sich selbst auch nur einigermaßen zurecht zu kommen.

Trotz des starken Anwachsens der Monarchisten bilden die Republikaner die große Mehrheit in der Kammer sowohl wie auch im Senat. Sie haben also Gelegenheit, ihre Befähigung zu zeigen, Land und Volk groß und glücklich zu machen. Allein von einem solchen RegierunaSelend, wie es während des ganzen Jahres 1887 in Frankreich herrschte, weiß die Geschichte der europäischen Groß­staaten sonst nickt zu erzählen. Die französische Hauptstadt wimmelt von Persönlichkeiten, die hoher staatsmännischer Begabung sich bewußt sind und bereitwilligst sich und ihre Fähigkeiten in hohen Stellungen dem Staate zur Verfügung stellen möchten. Gleichwohl gibt es bald nichts, was in Frankreich schwieriger wäre, al» die Bildung eines lebensfähigen Ministeriums. So war es wenigstens im Jahre 1887. Zu Anfang desselben haben sich

*) Nachdruck verboten.

Mariae.

Original-Roman von Marie Romany.

(11. Fortsetzung.)

Die Baronin fuhr auf. Ein paar Sekunden starrte ste, als seien die Worte des Polizeiraths unverständlich geblieben, mit weit aufgerissenen «ugen auf ihn, dann sank sie in die Lehne des Eessels zurück und schlug eine Lache auf, die dem sie Beobachtenden bis in die Tiefe der Seele fuhr.

„Halten Sie mich für toll oder find Sie Ihrer Sinne nicht mächtig?" rief sie, das in Gluth schwimmende Auge stier ins Leere gerichtet. Sie mochte wohl nich. imstande fein, dis Aufwallung iu bemeistern, die ihren Busen stürmend auf- und Niedertrieb."

„Frau Baronin," sagte Herr Martine! ruhig.

Sre antwortete nicht.

»Frau von Wildenau," wiederholte der Polizei­rath; „mir fitzen uns gegenüber, um Ihre Be- der Angelegenheit auszunehmen; —"

Wieder hatte sie aufgelacht.

e’”e Brandlegung?" rief sie wie eben. „Sie herbestellt, um mich zur Verbrecherin M ermedngen? mich, die ich--die ich ---

in Schluchzen, das krampfhaft hervorbrach,

die beiden R valen Ferry und Freycinet versöhnt, die z. Z. als die hervorragendsten Männer der republikanischen Partei gelten. Präsident Grevy war eifrigst bemüht. die Versöhnung zu Stande kommen zu sehen. Obwohl da» Jahr 1887 drei Ministerien und 2 Präsidenten erlebt hat, ist es indessen doch keinem der beiden gelungen, an die Regierung»- oder Präsidialgewalt zu kommen. Mit dem Ministerium Goblet-Boulanger-Flourens bat das Jahr begonnen, mit dem Ministerium Tirard geschlossen; dazwischen lag das Ministerium Rouvier-Ferron-FlourenS; wiederholte Minister- Nörhen gingen ihm voraus und folgten ihm nach. Unbedingt fest saß nie ein Ministerium im Sattel; jedem ward in seiner ersten Stunde nur eine ganz kurze Lebensdauer prophezeit. Und doch haben die Republikaner eine wahre Angst vor Minister­krisen, weil jeder weitere Verbrauch eines Mini­steriums ein Schlag gegen die Republik selber ist. Diese Angst war nie so ausgeprägt und wurde nie so ungenirt öffentlich ausgesprochen wie gerade während des Jahres 1887. Sie hat auch dem Ministerium Goblet sowohl wie dem Ministerium Rouoier das Leben etwas länger gefristet, nach­dem da» eine wie das andere unter sehr erschwerten Umständen zu Stande gekommen war. Am meisten charakteristisch ist der Umstand, daß selbst der Kriegsminister, wie auch der Finanzminister jeweils in den Sturz und Wechsel hineingezogen wurden. Wenn es beim Minister des Auswärtigem nicht gleichfalls eintrat, so war es mehr Zufall; aller­dings hat auch der Wunsch dabei eine Rolle ge- spielt, die Beziehungen zu anderen Mächten nicht zu gefährden. Wenn auch nicht in demselben Maße, wie im Jahre 1887, so doch ähnlich war es mit dem häufigen Ministerwechsel, so lange die Republik besteht. Das ist kein Zeichen ge­sunder Verhältnisse im Staatsleben. Ist es gar in einem Großstaat wie Frankreich die Regel, so muß es mit der Zeit desorganisiren und schwächen.

Eine Hauptichwierigkeit für die franzöfischen Ministerien bildeten die finanziellen Verhältnisse over Mißverhältnisse. Auf der einen Seite wollten die Einnahmen den latenten Bedürfnissen nicht ge­nügen, auf de: anderen ist die Steuerschraube bereits so fest angezogen, daß die Republikaner mit Rückficht auf die Stimmung im Lanke, sich gar nicht getrauten, mit neuen Steuern zu kom-

erstickte ihren Ton. Sie wollte fich erheben, sank aber auf ihren Platz zurück, wo sie, in Thränen schwimmend, mit fieberhaft wogender Brust minu­tenlang liegen blieb.

„Also das war es!" hauchte fie endlich, das thränengefüllte Auge wie flehend nach oben gerichtet.

Der Polizeirath starrte fie ohne Unterlaß an. Er kannte ja da» so leicht erregbare Temperament dieser Frau und wartete geduldig; er wußte, die jähe Aufwallung, wie sie so häufig bei ihr zum Vorschein kam, mußte vorübergehen.

„Es ist eine ents tzliche Anklage," sagte er endlich.

Die Baronin fuhr zusammen.

„Und Sie glauben an das?" rief fie plötzlich laut au»; „Sie, der Sie mich kennen und —"

„Geduld, schöne Frau," fiel der Polizeirath, ich verg ssend, ein. „Meine persönliche Meinung über die Sache kommt für den Augenblick nicht in Betracht. Die Wahrscheinlichkeit einer Brandlegung st der oberen Behörde gemeldet und mir, dem Diener des Gesetzes, ist die Untersuchung als Pflicht auferlegt. Ich würde mein Amt verletzen, wenn ch von dem Wege abginge, den das Gesetz vor- chreibt; ich mußte Sie vorladen, um Ihre Äus- äge entgegenzunehmen. Sie verstehen mich?" fügte er, sie mitleidsvoll betrachtend, hinzu.

men. Diese Kollision der Rücksichten war so groß, daß Rouoier einen Finanzplan einbrachte und ver- theidigte, von dem er ganz offen sagte, daß er selber ihn nicht billige und ihn nur einbringe und vertrete, weil er keinen besseren wisse. Es handelte sich dabei um Rentenkonversion, wobei er mit gleich großer Offenheit auch das andere noch sagte, daß die Rücksicht auf die großen Bankhäuser die Ausgestaltung des Planes beeinflussen mußte. Neben den finanziellen Nöthen waren es aber noch ganz andere Momente, welche den wiederholten Sturz des Ministeriums herbeiführten. Im Mini­sterium Goblet waren die Elemente stark vertreten, die das demoralifirenbe GünstlingSwefen förderten und auf Kosten der Staatskasse fich selber Vor­theile zu sichern und sich zu bereichern wußten. Außerdem hatte sich Goblet den Elementen der wüsten Deutschenhetze wie überhaupt dem Radi­kalismus gegenüber skandalös schwach gezeigt.

Das Ministerium Rouoier hat durch die Präsi- dentschaftskrisi« den Todesstoß bekommen. Letztere hat mit den sie begleitenden Umständen einen wahren Abgrund sittlicher Fäulniß aufgedeckt und die gegenwärtige französische Republik in eine Beleuchtung gestellt, daß es die europäischen Natio­nen wahrlich nicht zu gelüsten braucht nach repu­blikanischen Staatsformen. Da» Land mußte es erleben, daß ein General, der eine Stellung im Kriegsministerium inne hatte, mit einer verkom­menen Dame des Ordens- und Aemter-Schacher» angeklagt, daß ein anderer General, der Mitglied des Senates war, desselben Schwindels wegen verurtheilt wurde; daß der Prozeß gegen den ersteren zu einem Prozeß gegen den Schwieger­sohn des Präsidenten sich auswuchs, der denn als­bald als Schwindler und Aussaugcr des Staates entlarvt wurde. Diese Doppelrolle hat er in einem Umfang betrieben, daß man nicht genug staunen kann. Mit kühner Stirne hat er anfangs alle Schuld geleugnet, hat mit der Polizei unter einer Decke spielend, beschlagnahmte Briefe, die ihn kom- promittirten, an sich zu ziehen gewußt, di- Re­gierung veranlaßt, der Justiz in die Hände zu fallen und steht nun nach all' dem als der Mann da, vor dessen „Enthüllungen" die großen Männer der französischen Republik sich fürchten. Die Ge­schichte kennt keinen zweiten ähnlichen Skandal ver so weit verzweigt wäre. Präsivent Grevy selber ist nach langem Sträuben unter dem

Diese Worte, in Güte gesprochen, verfehlten ihre Wirkung nicht. Freilich wogte Eugenien'S Busen wie eben, aber das Funkeln ihrer Augen nahm einen milderen Ausdruck an.

„Entsetzlich!" quoll es von ihr.

Der Polizeirath zog die Stirn.

„Es wäre am besten," meinte er, „die Sache ohne weitere Unterbrechungen statutenmäßig aufzu­nehmen. Jede Erregung macht ein Verhänzmß schlimmer."

„Sicher," brachte Frau von Wildenau hervor. — S-e wußte kaum, was sie sprach.

„Sagen Sie mir doch," begann der Polizeirath nach einer kurzen Pause, „zu welchem Zwecke die Phosphor- und Schwefelvorräthe in Ihrem Hause aufgespeichert waren?"

„Weiß ich es?" rief Frau von Wildenau. „Es klingt mir wie ein Märchen, was Sie mir erzählen!"

„Sie wissen nicht, daß die Mineralien Überhaupt in Ihrem Haufe waren?" fragte Herr Martine! ernst.

„Nein! Gewiß nicht!" machte die Baronin. „Was würde mir daran gelegen fein, zu sagen, daß dieser oder jener Zweck damit verbunden war! — Ich weiß überhaupt nicht, daß dergleichen Vorräthe in meinem Hause existirten!" betonte sie scharf.