Einzelbild herunterladen
 

'( f -"wrv x»k ä

MMMW tzMM

1888

Mittwoch, dm 18. Januar.

3tilmig

faliiarr

der auf den gen den des

die Muttersprache der Kinder ist. Der Erzbischof entschied sich nach Berathung mit sei en Ordina- riathsräthen für die Erfüllung der Forderung der Regierung und hob die Verfügung seines Vorgän­gers auf.

Das ist dis eine Seite der Sache. Der zweite Schlag, der die polnischen Katholiken traf, war die kultusministerielle Verfügung, wodurch die paar polnischen Sprachstunden aufgehoben wurden, in denen die Kindernothdürftig ihre Muttersprache lesen und Katechismus, biblische Geschichte und Ge­sangbuch verstehen lernten. Dieser Schlag, der gegen Elementarschüler gerichtet war, ist noch här­ter. Er muß im Laufe weniger Jahre dahin füh­ren, daß den polnischen Kindern der Gebrauch des Katechismus und Gebetbuches wegen mangelnden Lehrverständnisses ganz unmöglich ist. Die polni­schen Kmder werden also in ihrer eigenen Mutter­sprache, soweit ihre Erlernung von der Schule ab»

* Eine Deputation vor dem Erz­bischof Dinder.

Seit zwei Jahren fällt Schlag auf Schlag gegen die polnischen Katholiken. Zwei der härtesten Schläge datiren aus den letzten Monaten. Schon bei Ausbruch des Kulturkampfes forcierte die Re­gierung die Ertheilung des Gpmnafial-Reli- gionsunterrichts für polnische Schüler in deutscher Sprache. Kardinal Ledochowski bewilligte ihn in den betben obersten Klassen, doch nicht in den 4 unteren. So siel der Religionsunterricht während des ganzen Kulturkampfes an den Gym­nasien ganz aus.

Erzbischof Dinder kannte diese Lage, und er hat schon bei seiner Anwesenheit in Berlin beim Kul­tusminister Schritte zur Wiedereinführung gethan.

Uhr gewesen sein."

Der Polizeirath notirte. Er zweifelte nicht

Jndeflen die Regierung wich keinen Schritt von Forderung zurück, daß der Religionsunterricht allen Gymnasialstufen deutsch ertheilt wer- müsie. Nach langen mühsamen Unterhandlun­gestand sie nur zu, daß die Religionslehrer in zwei untersten Klaffen sich zur Erklärung deutschen Memorirstoffes der polnischen Mutter­sprache der Kinder bedienen dürfen. Nun stand der Erzbischof vor der schmerzlichen Wahl: entweder gar keinen Gymnasial-Religionsunterricht oder einen solchen in einer Sprache, welche nicht

die Besorgnisse für die Religion und Kirche, deren Würde unter derLage leiben müsse, diktirt sei.

Erzbischof Dinder hat nun die Zurücknahme der Verfügung nicht zugesagt, weil — nun weil die Haltung der Regierung es ihm als sicher erscheinen läßt, daß dann an den Gymnasien gar kein Religionsunterricht ertheilt wird. „Ich konnte es nicht gleichgiltig mit ansehen, daß die Kinder ohne Religion heranwachsen und moralisch verwildern" — sagt derOderhirt, und damit ist seine schreck­liche Lage hinreichend geschildert.

Original-Roman von Marie Romany.

(10. Fortsetzung.)

Die Thür wurde geöffnet, der Beamte meldete, worauf die Baronin von Wildenau, von dem Polizeirath mit dienstlicher Orde zum Verhör ge­rufen, über die Schwelle trat.

Ein qualvoller Augenblick kam. Der Polizeirath stutzte, die Baronin, wie Marmor bleich, ihn mit einem Blick fixirmd, aus welchem die volle Gluth verletzten Stolze und geschmähter, beleidigter Freundschaft sprach.

„Sie haben mich zu '/z 11 Uhr auf Ihr Bureau befohlen, Herr Rath", sagte sie mit einer Stimme, die, obgleich bebend, gewaltsam in ihre Schranken gewiesen war.

Der Polizeirath sah sie an. Ein Gefühl unaus­sprechlichen Mitleids ergriff ihn. Er mußte seine ganze Faffung zusammennehmen, um seinen Stand­punkt als Diener der Gerechtigkeit nicht zu ver­lieren; die Erregung, die er zu bemeistern suchte, machte seine Stimme herbe, als er sprach.

„Ich handelte im Auftrag meines Dienstes, Frau Baronin," entgegnete er mit fo ruhiger Ge­lassenheit, wie ihm möglich war.

Frau von Wildenau nickte stumm.

Enterst«: einfältige Zeile oder deren Raum 15 W.. bei Wiederholungen entsprechender Rabatts

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Januar.

* Die Centcumsfraction des Reichstags feierte heute im Kaiserhof den Geburtstag des Abg. Dr. Windthorst durch ein solennes Diner. Freiherr v. Franckenstein brachte das Hoch auf das Geburtstagskind aus, Senestrey legte dar, was der heilige Vater über seine Lage, das Centrum und seinen Führer Windthorst gesagt, worauf Windhorst ein Hoch auf den hl. Vater ausbrachte in großartiger bedeutungsvoller Rede, die stürmische Begeisterung wachrief.

• Der Reichstag fetzte heute die 2. Berathung des Etats fort. Erledigt wurde zunächst der Ma­rineetat. Abgeordneter Rickert lenkte die Aufmerk- famkeit auf gewisse offiziöse Zeitungsartikel, welche unsere Marine kritifiren. Chef der Admiralität v. Caprivi erwiderte, daß stch das Kommando auf Preßeröcteruagen nicht einlaffen könne, daß er auf dem Boden der Denkschrift von 1884 stehe und sich in dieser Beziehung in voller Ueberein- stimmung mit dem Reichskanzler befinde, endlich, daß ihm von einem Marinenachtragselat nichts bekannt sei. Die fortdauernden Ausgaben des Marineetats wurden unverändert genehmigt, ebenso die einmaligen Ausgaben mit Ausnahme einer Forderung für Errichtung eines Marinelazareths zu Lehe, welche an die Kommission mrückoerwiefen wurde. Hierauf wurde in die Berathung des Etats des Innern eingetreten. Abg. Dr. Baum­bach äußerte verschiedene Wünsche in Bezug auf Vermehrung der Fabrikinspektoren, Aufrechter­haltung der freien Hülfskasse und Erlaß eines Arbeiterschutzgesetzes. Staatssekretär v. Bötticher erwiderte, daß das vom vorigen Reichstage be­ruhte glühend auf der Miene des Staatsdieners, der ihr nun gegenübersaß.

„Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß meine dienstliche Aufnahme die näheren Um­stände des Brandes angeht," begann der Polizei- rath. „Sie waren nicht zu Hause, als das Feuer ausbrach."

Die Baronin schwieg.

„Sie waren im Boulogner Wäldchen/ fuhr Herr Martine! fort. „Ihre Tochter Elly war mit Ihnen. Jean und Charles begleiteten Sie.'

„Sehr richtig." .

„Auch Ihr Sohn Raoul war seit dem Deieuner nicht zu Hause gewesen. Wo war er?" Frau von Wildenau sprach in einem Tone, der deutlich genug zeigte, daß sie dem gewesenen Freunde nur deshalb auf solche Fragen Antwort gab, weil sie, durch die Behörde vorgeladen, dem Staatsdiener Rechenschaft schuldete.

„So viel ich weiß, hielt sich Raoul während der Mittagsstunden im Fechtklub auf," erwiderte sie, „später kam er ins Gehölz, wo er bei der Kaskade mit uns zusammentraf."

„Um wie viel Uhr war das?"

„Es mag nach 6 Uhr, vielleicht auch erst gegen

hängt, vollständig Analphabeten bleiben, und zwar | auf Befehl der preußischen Unierrichtsverwaltung. Dazu kam dann noch in letzter Zeit die Thatsache, daß man damit begann, in einzelnen Elementar- schulen auch den polnischen Kindern den Religions­unterricht in deutscher Sprache zu ertheilen. Das zum Verständniß der von der Deputation dem Erz­bischöfe vorgetragenen Bitte.

Mit den beiden letzten Maßnahmen ist die Re­gierung auf eigene Faust vorgegangen, dagegen hat der Erzbischof zur Ertheilung des deutschen Religionsunterrichts seine Erlaubniß ertheilt. Diese Erlaubniß seitens des Oberhirten hat in der ganzen Diözese, wie die Zuschriften an die polni­schen Blätter zeigen, eine sehr starke Aufregung hervorgerufen, die Deputation war lediglich der Ausdruck der allgemeinen Ueberzeugung. Ein Ber- (iner polenfeindliches Hetzblatt ist nun sofort mit Klagen über „eine polnische Demonstration gegen den Erzbischof Dinder" bei der Hand. Wollte man demoustriren, so hätte man andeie Wege einge­schlagen. Die Ertheilung des Religionsunterrichts auf den Gymnasien in einer fremden Sprache ist sicher eine Sache, welche die Familienväter angeht, bei der sie ebenfalls ein Wort mitzureden haben. Die Kompetenz der Deputation in der Sache kann also nicht bestritten werden.

Die Deputation, welche aus hochgeachteten Män­nern bestand, welche stet« treu zur Kirche und dem erzbischöflichen Stuhle selbst in der schlimmsten Kulturkampfszeit gestanden haben, schlug aber auch den richtigen Weg ein. Man lamentirte nicht über die erzbischöfliche Erlaubniß in Volksversamm­lungen, sondern man wandte sich an den Ober­hirten selbst mit der allerdings eben io dringenden als kindlich vertrauensvollen Bitte um Rücknahme der den Religionsunterricht betreffenden Verfügung.

Wenn nun ein so verbissmes Kulturkampfsblatt, wie die ,Rat.-Ztg.', heuchlerisch meint, „der In­halt der Adresse sei nicht weit von einer direkten Auflehnung gegen den Oberhirten zurückgeblieben", so verkennt das Blatt bas Kindesverhältniß zwischen katholischen Gläubigen und ihren Hirten. Offenheit, rückhaltslose Offenheit ist stets eine gute Seite des Kindes, und daß Erzbischof Dinder die Bitte in diesem Sinne aufgefaßt, zeigt seine Antwort. Die Deputation hatte aber auch keinen Zweifel gelassen, daß ihr der Schritt gerade durch

„Wenn meine Pflicht nicht in erster Linie meinem Amte gehörte. würde ich mich der Ehre nicht beraubt haben, Sie in Ihrem Hotel aufzu- suchen," fügte Herr Martine! hinzu. „Ich würde Ihnen meinen Schutz angeboten, die Beweise meiner Freundschaft zu Füßen gelegt haben. Leider vereitelte das Geschick meine Absicht, in­dem es mich Ihnen als — Berufsmensch ent­gegenführt."

Ein Flammenblick aus den Augen der Baronin traf den Sprechenden.

„Und worin besteht mein Verbrechen?" fragte sie in einem Tone, Der keineswegs ihre Erregung verhehlte.

Herr Martinel zögerte.

„Wir werden sehen, gnädige Frau," entgegnete er dann langsam. „Erlauben Sie mir, da meine Pflicht gebietet, die Sache von dienstlicher Seite zu nehmen; ohne Zweifel ist in ein paar Tagen das Dunkel aufgeklärt und ich stehe Ihnen wieder als Freund gegenüber, wie es seit Jahren der Fall war."

Er schob einen Sessel in die Nähe seines Arbeits­tisches und lud durch eine Handbewegung die Ba­ronin zum Sitzen ein.

Frau von Wildenau biß die Lippen aufeinander, während sie stillschweigend Platz nahm. Ihr Blick