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M 13. Dienstag, den 17. Januar. 1888

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tt Jahres-Rundschau.*) XI.

Für Italien war dar Jahr 1887 ein ganz eigenthümliches, im Innern sowohl wie nac» Außen. Anzeichen von großen Schwächen und Gefahren find zugleich mit Anläufen zu registriren, Italien ebenbürtig neben die maßgebenden Groß­mächte Europas zu stellen. Auf dem Gebiete der inneren Politik war es hauptsächlich die wieder­holte Ministernoth, welche Aufmerksamkeit und Jnteresie erweckte. Gleich zu Anfang des Jahres wurde das Ministerium gestürzt, nachdem es kurz zuvor ein Vertrauensvotum des Parla­mentes erhalten hatte. Wochen lang zog sich die Krisis dahin; mehrere Ministerkandidaten erhielten vom König nacheinander den Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden, allein keiner brachte eines zusammen, so daß schließlich nach mehrwöchent­licher Krisis der König das Entlaffungsgesuch nachträglich nicht annahm, und das alte Mini­sterium wieder amtirte. Es hatte in einer wich­tigen Frage nur eine Mehrheit von 34 Stimmen für sich gehabt und trat deshalb zurück, weil ihm eine so geringe Mehrheit ungenügend schien. Nun, da es wieder erneuert war, stellte ihm Crispi gleich eine Falle, indem er ein Tadelsvotum ob seines Verhaltens während der Krisis beantragte. Mit der kleinen Mehrheit von 20 Stimmen wurde dieser Antrag abgelehnt, und unter diesen 20 Mehrheitsstimmen war mehr als ein Dutzend, die von Mitgliedern der Regierung abgegeben waren. Dem Ministerium war aber nunmehr die noch kleinere Mehrheit gut genug. Es blieb. Lange sollte es indeffen nicht dauern. Sämmt- liche Minister stellten dem Präsidenten Depretis ihre Aemter zur Verfügung. Derselbe nahm das Anerbieten an, ließ namentlich den Minister des Auswärtigen Robilant fallen und nahm den streb­samen Crispi herein, der alsbald die eigentliche Seele des Ministeriums war. Depretis war nur dem Namen nach Präsident. Der nominelle wie der wirkliche Leiter des Ministeriums lebten in Civilehe, beide hatten selbst in dieser Beziehung eine sehr anrüchige Vergangenheit. Depretis heirathete als alter Junggeselle seine Mündel, die

*) Nachdruck verboten.

ihm vorher den Hausstand geführt hatte, aber blos civiliter. Und Crispi hatte sich von seiner Frau getrennt, um civiliter eine andere zu hei- rathen. Wenige Monate nach dem neuen Mini­sterwechsel starb Depretis; selbst im Tode wollte er von der Kirche nichts wisien und wurde dann auch civiliter beerdigt. Crispi ward sein Nach­folger. Wie vorher Depretis, so wird nun Crispi als der unersetzbare Staatsmann gepriesen, an beffett Person das Heil des Landes hängt. Auch am Hofe hat man dem Rechnung getragen. Die Frau, mit der er civiliter getraut ist, wurde nach langem Sträuben von der Königin geladen und damit hoffähig gemacht. Uebrigens hat Crispi zuerst als Minister des Innern und später auch als Minister des Aeußern kräftig eingegriffen, um tüchtige und zuverlässige Beamte zu haben und die Verwaltung frei zu machen von den Einflüssen des Parlamentes. Wie die Herren vom Ministerium privatim von der Kirchs Nicht­wissen wollen, so sind sie in ihrem Amte ausge­sprochene Kulturkämpfer. Im Geheimen hat die Regierung die Hetze gegen da« Papstthum geschürt und wurde deshalb vom hl. Vater auch dafür verantwortlich erklärt; mit rücksichtslosem lieber« muth haben die Herren jegliche Konzession an den päpstlichen Stuhl von der Hand gewiesen, als die Frage der Aussöhnung mit dem heiligen Stuhl in der Kammer zur Diskussion gestellt wurde; außerdem hat sich aber namentlich der Justizminister auch gesetzgeberisch als Kulturkämpfer der schlimmsten Art gezeigt.

~ Die Frage der Aussöhnung mit dem päpstlichen Stuhle hat die Gemüther der Italiener während des abgelaufenen Jahres sehr beschäftigt, obwohl König, Regierung und Parlament nichts von dem zurückerstatten wollen, was dem päpstlichen Stuhle an Rechten und an Besitz entrissen worden ist. Der schwärmerisch Patriotisch gesinnte Fazzari, der ehemals unter Garibaldi gedient hat, sieht es als seine Lebensaufgabe an, für die wahre Aus­söhnung zu wirken und ist aus dem Parlamente ausgeschieden, weil er in demselben gar keine Empfänglichkeit für seine Ideen gefunden hat. Im Volke aber greift die Bewegung immer mehr um sich, schon sind Petitionen in diesem Sinne an das Parlament gegangen. Daß die Regierung die Sache nicht so ganz gleichgiltig und ohne Besorg-

niß ansieht, geht daraus hervor, daß sie Bürger­meister absetzte, weil sie solche Petitionen unter­schrieben haben. Wenn heute die kirchentreuen Katholiken an den politischen Wahlen sich be­theiligen , so wird morgen schon das Parlament ein anderes Aussehen haben. Das stolze „Un­antastbar" des Königs Humbert erinnert leb­haft an das nicht minder stolze „Jamais" des französischen „Vizekaisers" Rouher. Die Ergeb­nisse der Gemeindewahlen in verschiedenen größeren Städten, wie namentlich in Rom selbst, berech­tigen durchaus zu dieser Hoffnung. Das italie­nische Volk ist in seiner großen Mehrheit katho­lisch und hängt an Kirche und Papst; nur eine kleinere Minderheit ist es, die regirt. Und je mehr die neuitalienischs Monarchie „demo­kratisch" ist, desto weniger wird ihr Vertreter im gegebenen Momente in der Lage sein, an dem „Unantastbar" festhalten zu können, abgesehen da­von, daß die Frage einen vorwiegend internatio­nalen Charakter hat. Schwere Heimsuchungen haben das schöne Land im Süden durch die Cholera, im Norden durch Erdbeben getroffen.

Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik war Italien während des Jahres 1887 sehr bemüht, von sich reden zu machen und als begehrens- werther Bundesgenosse zu erscheinen. Während es in kolonialpolitischen Angelegenheiten sich eng an England anlehnte, hat es bezüglich der euro­päischen Politik mit Deutschland und Oesterreich sich verbündet. Wnn auch nicht planmäßig, so kehrt dieses Bündnißoerhältniß doch tatsächlich seine Spitze gegen Frankreich, was im Lande vielfach sehr übel ausgenommen wird. In ganz kategorischer Form ist dem auch im Parlament Ausdruck gegeben worden. Interesse und Vor- theil rathen Italien diese Politik an, die man mit Fug und Recht die Politik des Undankes nennen kann. Allerdings können die italienischen Politiker sich darauf berufen, daß andere es genau ebenso machen. In der bulgarischen Frage, die Europa das ganze Jahr hindurch in Athem hielt, hat sich Italien am entschiedensten auf den Standpunkt der Unabhängigkeit des Landes und des freien Selbstbestimmungsrechtes des Volkes gestellt.

Auf afrikanischem Boden hat Italien schweres Mißgeschick gehabt. Das Ministerium hat die

Warisi.

Original-Roman von Marie Romany.

(9. Fortsetzung.)

„Du, mein Gott!" stammelte Jeannette; „ich «ar, töie es alle Tage mein Amt ist, in der Küche, «eil um halb sie ben Uhr bei uns Essenszeit ist. Die Fenster, die auf den Hinteren Garten hinaus­gehen, waren offen und die Thür geschlossen, auch wissen der Herr Polizeirath, oaß das Souterrain durch eine Glasthür vom Parterre abgesperrt ist. Ich kann nicht sagen, was während der zwei Stun­den im Hause passirte, weil meine Aufmerksamkeit m der Küche vollauf m Anspruch genommen war. «s war nach sechs Uhr, als ich die Küchenthür öffnete, um in den Keller zu gehen, weil mir Ma­deira zum Braten fehlte, aber ich prallte zurück vor dem Geruch, der mir in's Gesicht schlug. Von «ngst getrieben stürmte ich die Treppe hinan und Mete die Glasthür; heilige Jungfrau! Meine Gueder zittern noch heute vor Entsetzen, ich weiß Nicht, wie ich Herrin meiner selbst wurde, als ich das Haus in Rauch und Flammen sah! Wie und w« schnell ich aus der Hausthür kam, kann ich mwt sagen; nur so viel weiß ich, daß ich die Straßen alarmirte, bis ich auf der Meldestation angelangt war!"

Das Auge des Polizeiraths funkelte sie an.

„War Fräulein Delorme allein in dem oberen Haufe?" fragte er in einem Tone, der die ge­ringste Lüge unmöglich zu machen schien.

„So viel ich weiß, ja," brachte Jeannette hervor.

„Wie so!" rief der Polizeirath.

„Sie waren ja alle fort außer Fräulein Delorme und mir," wiederholte, in Thränen ausbrechend, das Mädchen.

„Un der Fremde, der gefunden wurde?" fragte der Polizeirath, mit derselben Schärfe im Tone.

„Ich weiß nichts von ihm."

„Nichts?!"

„Gewiß nicht," stammelte Jeannette.

Der Polizeirath hatte sich erhoben und schritt angiam, den Kopf gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt, im Zimmer umher.

„Weiß sie, daß sie bestraft wird, wenn sie eine Inwahrheit sagt?" fuhr er plötzlich das Mäd­chen an.

„Gewiß."

„Und also?"

„Ich log nicht," betheuerte Jeannette.

„Hat Niemand das Haus betreten, nachdem die Herrschaft ausfuhr?"

„Ich habe nichts gehört," wiederholte das Mäd­chen noch zuversichtlicher als vordem.

Der Polizeirath ließ eine kurze Weile hingehen, während der er sich augenscheinlich in Gedanken vertiefte, dann trat er an seinen Schreibtisch und machte die Notizen, welche das Mädchen, bebend vor Angst, unterzeichnete. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Herr Martine! die Glocke ertönen ließ.

„Diese Person kann fortgehen, sagte er zu dem Beamten, der eintrat.

Jeannette athmete auf. Sie stand noch einen Moment beb.nd, dann knixte sie untertänig und wurde von dem Beamten an den Ausgang geführt.

Die Stirn des Polizeiraths verfinsterte sich mehr und mehr. Mit sorgenschwerer, fast unheimlicher Miene starrte er auf das Papier, auf welches er die Aussagen der Köchin notirte; also war der vierte Zeuge nun abgefragt worden und auch diese Antworten stimmten mit den vorhergegangenen Be­richten in den Hauptmomenten genau.

Herr Martinel seufzte schwer. So nahe der Verdacht lag, es war ihm unmöglich, die Baronin, die er schätzte und ehrte, deren Beschützer er seit Jahren gewesen, für erbärmlich, für die Verbreche­rin anzusehen. Er stöhnte. Das ganze Raffine­ment, welches seine langjährige Praxis ihm zu eigen gemacht hatte, nahm er zusammen, um einen Weg zu finden, der sie aus diesem Pfuhl voll Schande und Erniedrigung leite; mit verzweifelter