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Montag, den 16. Januar.
1888
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Jahres-Rundschau.*) x.
Neben Oesterreich muß kein anderes Land mit mehr Besorgniß an die Zukunft denken als England.
Die stolze „Königin der Meere" steht immer näher die Stunde heranrücken, in der fie den Entscheidunzskampf um ihre Weltstellung aus- kämpfen soll. Mehr als jedes andere hat das Jahr 1887 sie daran erinnert, aber auch über die Grenzen Englands hinaus bekannt werden lasien, daß es zu diesem entscheidenden Kampfe nicht gerüstet ist und wahrscheinlich auch später nicht ge- rüstet sein wird. Das Jahr 1887 hatte für die auswärtige Politik Englands ein ganz eigenthüm- liches Gepräge: von allen Weltteilen her häuft.n sich Schwierigkeiten an, und jede neue Schwierigkeit war für Land und Regierung in mehr oder weniger hohem Grade eine Verlegenheit. Und das ist bedenklich für einen Großstaat, dessen Fang- arme an alle Kontinente sich angsklammsrt haben. In der That bestand die Hauptaufgabe der englischen Diplomatie darin, den Verlegenheiten aus- zuweichen und keine derselben zur ernsten Krisis sich gestalten zu lassen. Sie hat während des Jahres 1887 diese Hauptaufgabe wiederholt glücklich gelöst, allein die Machtstellung des Landes hat dabei nicht gewonnen. Fast jede Lösung einer Schwierigkeit hatte für England den Charakter des Rückzuges. Am schroffsten stehen sich englische und russische Interessen in Asien gegenüber. Das ganze Jahr hindurch haben England und Rußland einen diplomatischen Krieg im Geheimen geführt, dessen Preis der herrschende Einfluß in Afghanistan und Buchara war; beide Gebiete halten die beiden Kolosse noch getrennt. Mit Mühe hat sich der Emir von Afghanistan auf dem Throne erhalten und so der Ueberfluthung des Landes durch Rußland vorgebeugt. In Buchara aber, wo der Emir umgekehrt für Rußland ist, ist die Gegenströmung zu Gunsten Englands blutig unterdrückt worden. Rach beispiellos langer Verschleppung ist die englisch-russische Kommission zur Re- gulirung der russisch-afghanischen Grenze endlich zu einem Ergebniß gekommen, indem England fast
*) Nachdruck verboten.
Marien.
Original-Roman von Marie Romany.
(7. Fortsetzung.)
V.
Es war ein regnerischer, trüber Novembermorgen, als ein paar Tage nach der Feuersbrunst in der Kordilletstraße der Polizeirath Martine! sich frühzeitiger, als es seine Gewohnheit war, auf d.e Präfektur begab.
Die Witterung hatte am vorhergehenden Nachmittag einen plötzlichen Umschlag gemacht, schwere Wolken, vom Westwinde getrieben, hatten sich in dichten Knäueln über der Stadt und Umgebung zusammengezogen und plätschernd rieselte nun der Regen in unaufhaltsamen Strömen auf die Erde herab.
Finsterer, als die Bäume der Natur, war die Miene de« Polizeirath«, als er, die ihm vorgc- legten Berichte und Nachweise prüfend, seit ein paar Stunden vor seinem Arbeitstische saß. Qualvolle Gedanken umdüsterten seine Stirn. Der bei dem Feuer thätig gewesene Kommissar hatte Die Muthmaßung einer Brandlegung als berechtigt et- wiesen und die — in anbetracht seiner Freundschaft für da« Hau« von Wildenau — entsetzliche Pflicht, zu untersuchen und ein Faktum aufzustelleu, war nun auf seine Schultern gelegt.
ganz nachgab. Zu seinem Schrecken hat England bemerkt, daß e« nicht einmal genügende Verkehrswege hat, um Mannschaften und Kriegsmaterial an die gefährdeten Punkte zu befördern, wenn e« in der nächsten Zeit zum kriegerischen Zusammenstoß in Asien kommen sollte. Das erklärt zum Theil auch seins ausweichende und nachgiebige Haltung gegenüber Rußland. Wäre England in der Lage, einer auswärtigen Krisis ruhig ent« gegensehen zu können, dann müßte es Rußland allüberall entgegentreten, wo sich ihm Gelegenheit bietet. Statt dessen erzählt uns das Jahr 1887 das direkte Gegentheil. Nicht einmal die Bulgaren haben in ihrem Widerstand gegen russische Brutalität einen Rückhalt an England gefunden. Und gegen Ende des I ihres hat sich die englische Diplomatie sogar bemüht, in intimere Beziehungen zu Rußland zu kommen.
Neben Afghanistan und Buchara hat auch Birma der englischen Regierung im Laufe des Jahres schwere Sorge gemacht. Die Unsicherheit der dortigen Zustände war so groß, das weite Strecken Landes gar nicht angepflanzt wurden, was in dem ungemein gesegneten und fruchtbaren Lands Hungers- noth zur Folge hatte.
Und bedenkliche Gefahren drohen im Innern. Die eiternde Wunde, die England sich durch Jahrhunderts lange barbarische Mißhandlung Irlands selbst geschaffen, ist im Laufe des Jahres 1887 in einen höchst bedenklichen Zustand gekommen. Aufruhr und Bürgerkrieg drohte auszubrechen. Zu vereinzMen Aufruhrscenen ist es wiederholt gekommen. Die Frage, welche Politik Irland gegenüber einzuschlagen ist, hat erbitterte Parteikämpfe hervorgerufen, aber auch Verschiebungen innerhalb der einzelnen größeren Parteien zur Folge gehabt, die sich noch weiter ausdehnen werden. Die Politik, die mit den Mitteln der Gewalt die irische Bewegung unterdrücken zu können hofft, findet immer mehr Opposition. Hat die Regierung ihr schon bisher einigermaßen Rechnung tragen müssen, so wird es in Zukunft in noch höherem Maße nöthig fallen. Die Durchführbarkeit ist mehr als zweifelhaft. Die Irländer haben den entschlossensten Widerstand entgegengesetzt, an dem alle Schichten der Bevölkerung sich betheiligen. Der Kern derselben ist berechtigte Nothwehr, wenn auch nicht
„Gegen ein viertel nach sechs Uhr", so lautete der Bericht des Kömmissarius, „stürzte die Köchin Jeanette Sorel athemlos in mein Bureau, um die Meldung zu machen, daß das Haus ihrer Herrschaft, Kordilletstraße, in Flammen sei. Augenblicklich begab sich eine Abteilung Sergeanten zur Stelle. Ich folgte. Der Polizeirath Rossi wurde in Kemttniß gesetzt. Als wir zwei Minuten später in der Kordilletstraße anlangten, stand das Haus Nr. 6, der verwittwetsn Baronin von Wildenau gehörig, in lichter FeuerSgluth, was, da sämmt- liche Anzeigen auf meinem Bureau erst nach der Meldung der Sorel gemacht wurden, die Ver« muthung in mir wach rief, daß vielleicht Menschenhände bei der Anlegung des Feuers behilflich gewesen sein könnten. Aeußerungen, die unter der Löschmannschaft gehört wurden, bestätigten meine Muthmaßung. Der Brand dauerte, obgleich sechszig Mann der Pompiers und vierzig Mann der Sauveur« riesenhaft arbeiteten, bis gegen halb zehn Uhr; die Bel-Etage und das obere Geschoß stnd vollständig zerstört, die Parterreräumlichkeiten befinden fich in desolatem Zustande; das Souterrain wurde verschont, ist jedoch durch die riesenhaften Waflergüffe vollständig verwüstet. Menschenleben forderte die Flamme, so viel bi« jetzt bekannt wurde, nicht. Sine Pflegetochter der Frau von Wildenau, Mario« Delorme, wurde brfimmag«.
7^oe einzelne Handlung zu billigen war. Selbst der Episkopat hat sich gedrungen gefühlt, zu prote- stirsn. Und au» England selbst bekommen dis Iren namhaften Sukurs, besonders au» den Reihen der Abgeordneten heraus. Dazu kommt aber noch, daß England selbst wie auch Schottland eine agrarische Frage hat, dir im Jahre 1887 gleichfalls einen bedrohlichen Charakter gezeigt hat. Und zur agrarischen gesellt sich die spezielle Arbeiterfrage. Diese Fragen allein schon wären die Quelle vieler und schwerer Sorgen, wenn auch die Luft der äußeren Pelitik ganz rein wäre. Nun hat aber noch ein weitere« schweres Problem sich an- gekündet, d.ssm Lösung einen Bruch mit der englischen Geschichte der letzten 3 Jihrhunderte bedeuten wird. Die bisherige Stellung der englischen Hochkirchs ist in’» Wanken gekommen. Die Loslösung vom Staats hat begonnen; der Prozeß wird sich weiter entwickeln, und es ist die Hoffnung wohl berechtigt, daß das Eirdergsbniß für dis katholische Kirchs erfreulich sein wird.
Für das englische Ministerium war das Jahr 1887 weder erfreulich noch ruhmvoll. Ständig hat es mehr oder weniger „gekriselt", nachdem das Jahr mit einer ernsten Krisis begonnen hatte. Es bedurfte einer wahren Balancirkunst, um es in feinem Bestände zu erhalten.
Für die Königin dagegen war es ein Jubeljahr. Sre feierte ihr 50jähriges RsgierungSjubiläum, an dem alle Mächtigen der Welt Antheil nahmen. Die Jubilöumrfreude wurde indessen sehr vergellt. Die Erinnerungen an die letzten 50 Jahre find keineswegs ungetrübt freudige für England. Eine ganze Reihe blutiger Kriegs haben Sieg und Triumph gebracht, aber auch schwere Wunden geschlagen. Und ist die Königin auch Kaiserin geworden, so steht England doch ungleich schwächer da, als vor 50 Jnhcen. Dis Erinnerung daran war aber keineswegs der bitterste Wermuthstropfsn. Irland weigerte fich, mitzufeiern, das war das Bitterste.
Auch in Afrika gab es diplomatische Arbeit und Sorgen. Vor Allem war es die Stellung Englands in Egypten, über welche viel verhandelt wurde. Endlich kam ein englisch-türkisches Übereinkommen zu Stande, das jedoch vom Sultan nicht unterzeichnet wurde und nicht zur Ausführung los auf den oberen Stufen der ersten Treppe gefunden, kam aber nach Verlauf einer halben Stunde zu stch; ein alter Mann, augenscheinlich Jude, über dessen Identität bis jetzt nichts Bestimmtes fsstgestellt werden konnte, wurde anscheinend leblos aus einem Hinteren Zimmer des oberen Stockwerks hervorgeholt und auf Anordnung des Dr. Rossi in die Charite gebracht, wo es gelang, ihn in's Leben zurückzurufen, obgleich er bis zur Stunde noch ohne Besinnung ist. Seltsam erscheint der Umstand, daß die Thür de« Zimmer«, in welchem der Mann gefunden wurde, verschlossen war, wie mir berichtet wurde. Al« ich nach Löschung des Feuers mit sechs Mann das Innere des Gebäudes inspizirte, fanden sich auf zwei Schränken der Hinteren Parterrezimmer, sowie in einer Nische verborgen, die mit Büchern und Mustkalien ausgefüllt war, erhebliche Massen Phosphor; ein Phosphor- und Schwefelvorrath wurde aus einem unter der Treppe befindlichen Winkel hervorgeholt, was mir, da die Feuersbrunst eine ungewöhnliche Hartnäckigkeit zeigte, die Thatsache einer Brandlegung al« sicher erscheinen läßt. Der Kommissar Flavigneul."
Mst finsteren Blicken musterte der Polizeirath wieder und abermal« diese« Schreiben, dessen Inhalt wie mit tausend Krallen sein Herz zusammenzog. Bor eia paar Wochen noch hätte er diese