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M 11.

Sonnabend, den 14. Januar.

1888

filhet W Jtilixg.

Die Fuldaer, Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Zweites Blatt.

Marien.

Original-Roman von Marie Romany.

(7. Fortsetzung.)

IV.

Ein entzückender Oktobertag neigte sich dem Ende zu.

Es war einer jener milden, sonnenhellen, be­rauschenden Spätherbsttage gewesen, wie man sie in der Umgebung von Paris die Ringeltauben zu nennen gewohnt ist; kein Lüftchen regte sich, der Himmel, so weit das Auge reichte, strahlte in lichter Bläue, nichts im weiten Kreise der Schöpfung ließ ahnen, daß nach einer halben Woche schon diese Pracht der Natur einem regnerischen, trüb­seligen, fröstelnden November verfallen war.

Auch die Lust der Bevölkerung war durch ein so paradiesisches Behagen in der Schöpfung mehr denn jemals rege gemacht. Hoch und Niedrig, Greise und Kinder, alles, was nicht durch das harte Muß gebunden war und Lebenslust in sich fühlte, war hinausgeeilt, um die Wonne der Natur in ihrer Fülle zu genießen; mit glückseligen Mienen sah man die Jeunesse doree auf den Boule­vards und im Boulogner Hölzchen - spazieren gehen, ein unübersehbares Durcheinander von Karoffen und Equipagen bedeckte die Elyseeischen Felder, kolonnenweise waren die Arbeiter dem Park von Vincennes oder über diesen hinaus ihren Vergnügungsplätzen am Ufer der Marne zu­geströmt.

Jetzt sank die Sonne zur Ruhe. Jenes räthsel- hafte, unbeschreibliche Wonnegefühl, das nach sonnigen Frühlings- und Herbsttagen in Paris dem Hereinbrechen der Nächte vorangeht, lag über der Natur. Auf den Boulevards, in den Gehölzen — so wenigstens schien es — wurde das Leben um so bewegter; jeder gab sich der Lust hin, nur wenigen kam in die Erinnerung, daß die Tischzeit zur Heimkehr mahnte; man schien allseits zu ahnen, daß ein Abend wie der heutige auf Monate hinaus nicht mehr zu erwarten war. So neigte sich die Dämmerung auf die Flur. Vor den Cafö's und Lesehallen auf den Boulrvards gab es ein Gewirrs, daß ein Uebersehen und Bewirthen aller der sich herzudrängen Gäste kaum denkbar war; bei der Cascade wogte es, obgleich schon Grau die Erde bedeckte, als sei ein Jubeltag.

Die Dunkelheit kam gemach. Langsam hatte sich der Purpurschein des Abendglühens am Him­mel verloren; der Mond stand im Osten, freund­lich glitzernd sandte ein Sternchen nach dem andern seinen Gruß auf die Erde herab.

Die allgemeine Lust jedoch nahm nicht ab. Freilich erstarb allmählich das bunte Treiben in den dunkel gewordenen Alleen des Vincenner Parks und auf den Straßen jener Viertel, welche die niederen Klaffen der Bevölkerung bewohnen, aber in den vornehmeren Quartiers schien man jetzt erst den richtigen Genuß am Aufenthalt in der so wonnebelebten Natur zu haben, denn auf den Boulevards drängten sich die Promenierenden und bunter und lustiger eilten die Karoffen dem Triumphbogen, den illuminirten Avenüen des Bou­logner Wäldchens zu.

Natürlich lagen die von den modeüblichen Reu­nionplätzen entfernten Quartiers jetzt verödet da. Wohl sah man hin und wieder Jemanden auf der Straße, aber es waren verspätete Spaziergänger oder Domestiken; die Herrschaften, die ihren Nach­mittag im Freien verbracht hatten, vergaßen ob der Glückseligkeit, in der sie schwelgten, die Rückkehr.

Auch die Kordilletstraße war wie ausgekehrt.

Eine geraume Zeit war vorüber, seitdem ein mensch­liches Wesen die kleine Gaffe passirte; also konnte auch niemand bemerken, wie aus den Kaminen einer Villa die Funken sprühten, wie dicke Rauch­wolken den Fenstern des oberen Stockwerks ent­strömten, wie helle Flammen den Rauch über­eilten, wie der Feuerschein sich über die Häuser warf und bald siegesbewußt bis zum Himmel drang.

Endlich — wohl eine Viertelstunde nach den ersten Kundgebungen des Unglücks — schlug man Allarm.

„Feuer I Das Haus von Wildenau brennt! Hilfe! Feuer!" tönte es plötzlich von allen Seiten und überall streckten Dienstboten ihre Köpfe aus den Fenstern und stürzten aus den Thüren, hilfe­rufend und die Nachbarschaft allarmirend, bis nach wenigen Minuten die kurze Gaffe mit Neugierigen und Schreienden angefüllt war. Des Umherrennens und Lamentirens war jetzt kein Ende mehr; man stürmte in die nächsten Straßen, nm Polizisten zu finden ober um auf der Station zu berichten; nur an einem Tage, wie der heutige, konnte es geschehen, daß die Flammen sich längst ihren Weg gebahnt hatten, als die Behörde davon Kenntniß erlangte, daß die Gluth bereits zum Himmel loderte, als endlich die erste Hilfe angelangt war.

Doch jetzt war Rettung da. Der schrille Ton der Glocke, das Signal der Pfeife und eine Spritze nach der anderen rollte die Straße herab. Das Korps der Löschmannschaft folgte. Bald hatte eine Abteilung der Feuerwehr die Menge auseinander­getrieben, die Gaffe abgesperrt, das Kommando- wort ertönte und wetteifernd sendeten nun die Löschmaschinen ihre Wafferftrahlen von allen Rich­tungen der lodernden Unglücksstätte, der Bel-Etage der von Wildenau'schen Villa zu.

Währenddeffen hatte sich das Korps der Ret­tungsmannschaft den Weg in's Haus gebahnt. Freilich trieb der hervorbrechende Qualm sie bei ihrem ersten Anlauf zurück, doch bald eilten sie aus's neue nach allen Seiten, bis zum Giebel, in den Keller, um zu retten, was Lebendes ober sonst Werthvolles im Hause zu finben war.

Nach wenigen Augenblicken hatte man ein jun­ges Weib auf bie Straße gebracht.

„Reibt ihr Brust und Schläfe," beorberte ber Polizeiarzt, ber zur Stelle war.

Man that, wie er befahl. Man bettete bieR- gungslose auf ^Decken unb bemühte stch mit Frot­tieren, aber noch zeigte sich keine Spur van Erfolg, als ein zweites Opfer aus bem Hause getragen warb.

Es war ein Jube, schon bei Jahren, mit wel­kem, bürrem Leib; ber halbversengte Kinnbart unb Branbwunben, die hier und dort den Körper be­deckten, zeigten, daß er dem Kampfe mit den Ele­menten erlegen war. Ec schien dem Leben ver­loren zu sein; mit offenem Munde, die Augen halb geschloffen, nicht eine Spur von Athem, so hatte man ihn aus einem Hinteren Zimmer des zweiten Stockwerks hervorgeholt.

„Der ist tobt," meinten bie Leute, welche bie Jammergestalt trugen.

Der Polizeirath trat herzu. Hastig untersuchte er ben Puls unb bie Schläfen unb winkte bann ein paar Polizisten, bie in kurzer Entfernung ihrer Dienstleistung harrten.

„Es ist noch nicht aus mit ihm," konstatirte er. „Zn ben Barmherzigen mit ihm! Hurtig!" kom- manbirte er, „in einer halben Stnnbe muß er am Platze sein, ober er ist verloren!"

Die Polizisten bemächtigten sich bes Körpers unb betteten ihn in einen Rettungskorb, der, nachdem auf der Polizeistation Meldung gemacht worden, in jene Abtheilung der Charit«, bie Verunglückte bei sich anfnimmt, befördert ward.

Unterdeffen hatte die Löschmannschaft ihre eifrig sten Bemühungen fortgesetzt; ein Wasserstrahl nach dem andern goß sich auf die lodernden Flammen, aber das wüthende Element schien zum Vernichten des Hauses mit der Hölle im Bunde zu fein; immer von Neuem, mit stets erneuerter Kraft brach sich die quellende Gluth Bahn, bald hier, bald dort in einem lichten Feuerstrahl aufschießend, mit sich fortreißend, was nahe war, Alles verzehrend, was ihrer dämonischen Gier im Wege lag.

Mit finsterer Miene starrte der Kapitän der Löschmannschaft auf eine Tücke des Elementes, wie sie für eine gewöhnliche Feuersbrunst nicht in sei­ner Erinnerung war; auch die Mannschaft, die ihre Geschicklichkeit wieder und abermals vergeblich angestrengt hatte, ließ Worte fallen, die Kunst und Naturkraft in Beziehung mit einander brachten; doch Jeder spannte seinen Muth auf das höchste unb trieb bie Anberen zu energischster Thätigkeit an. Die Feuerwehr arbeitete mit wahrem Selben« muthe an ihrem Rettung-plan. Ein lebendes Wesen hatte sich außer dem jungen Weibe und dem Juden im ganzen Innern des Hauses nicht mehr vorge- funden, aber an Werthgegenständen war fortge- fchleppt, was vom Platze gebracht werden konnte. Die kleine Gaffe bot einen grauenerregenden An­blick bar. Was bie Feuersbrunst selbst nicht zum Schrecken gestaltete, vollenbete das Jammergeschrei, bie herzzerreißenben Ausrufe ber Angst unb Ver­zweiflung, von denen jedes der benachbarten Häu­ser angefüllt war. Bald überzog die Kunde des Unglücks Straße um Straße und so konnte es nicht fehlen, daß sie endlich bis zu den Boulevards, bis zu den Sammelplätzen der allgemeinen Freude gedrungen war. In Schaaren pilgerte man dem Schauplätze des Unheils zu; bald war die weite Runde überfluthet von Leben; ein Jeder wollte sehen, wollte hören, wie weit der Schaden gediehen fei, wer von der Hand oes Schicksals so jählings getroffen worden fei.

Wie zumeist in solchen Fällen, zog ein Jeder von Allen unbefriedigt heim. Wohl halte man er­fahren, daß nach Stunden rastloser Mühe das Feuer gelöscht war, doch über die Einzelheiten unb näheren Umstänbe cirkulirten Gerüchte der verschie­densten Art.

Eingehender unterrichtete sich die Baronin, als sie von ihrer Spazierfahrt im Boulogner Wäldchen nach Hause zurückkehrte; das Schicksal hatte, wäh- renb sie sich sorgenlos amüfirte, das letzte Spiegel­bild ihrer Größe zu Asche gemacht.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

* Das Jahr der Ausstellungen kann das Jahr 1888 genannt werden. Nicht weniger als sieben solcher Wettkämpfe auf dem Gebiet: der Kunst und Industrie sind für das lausende Jahr geplant. Den Anfang machte am 6. Januar in Rom die vatikanische Ausstellung; ferner finden statt in Wien die Jubiläums-Gewerbe Ausstellung, die Kunstausstellung und Gartenbau Ausstellung in Barce­lona, Weltausstellungen in Melbourne, Glasgow und Brüffel und schließlich eine deutsche Gewerbe-Ausstellung und inter­nationale Kunstausstellung in München.

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