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Erstes Blatt
Oesterreichs mit Preußen — Deutschland auf der
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;rei.
7? Jahres-Rundschau.*) ix.
Für den alten Kaiserstaat Oesterreich war das Jahr 1887 voller Unruhen und Besorgniß. Und in der ärgsten Unruhe und Besorgniß hat e» geschloffen. Keine andere Großmacht steht in so dringender Kriegsgefahr wie Oesterreich. Und je mehr die Dinge im Südosten Europa'» sich zuspitzen, desto dringender wird für Oesterreich selbst die Gefahr des Krieges. Die Fortexistenz Oesterreichs als Großmacht und seine ungeschwächte Stellung im Osten ist z. Zt. zu sehr auch das Jnterefle anderer Großstaaten, ja geradezu europäisches Jntereffe, als daß ein Krieg gegen Oesterreich lokalisirt, resp. Oesterreich isolirt bleiben könnte. Darin liegt die Erklärung dafür, daß es nicht zum Kriege gekommen ist, wie auch die Erklärung dafür, daß das Jahr 1887 gerade die Mächte zu seinen engeren Verbündeten geschaffen hat, die mit den Waffen in der Hand seine Machtstellung in Deutschland wie in Italien gebrochen haben. Das eigene Jntereffe spielt die Hauptrolle und gibt den Ausschlag in der Politik. Und mehr als je lebt sie gleichsam von der Hand in den Mund, darauf angewiesen, mit den Bedürfnissen der Gegenwart und höchstens noch der allernächsten Zukunft zu rechnen. Das Eine wie das Andere gibt die Erklärung für die Bundesgenoflenschaft
droht die erste und größte Gefahr. Er liegt in der Natur der Verhältnisse, daß Rußland und Oesterreich in nicht so ferner Zukunft blutig auf einander stoßen. Davon ist Jedermann überzeugt und das Jahr 1887 hat sehr lebhaft daran erinnert. Schon der Neujahrswunsch" den Kaiser Franz Josef dem Kaiser Alexander übermittelt, lautet etwas bedenklich; es hieß darin:
„Ich hege die feste Ueberzeugung, daß es uns bei vor- urtheilsloser Beurtheilung der Sachlage und geleitet von unfern Gefühlen gelingen werde, die Schwierigkeiten, die uns umgeben zu beseitigen und unfern Völkern die Segnungen des Friedens zu erhalten."
Das ist nicht die Sprache zuversichtlicher Hoffnung auf Erhaltung des Friedens. Im Frühjahr wurde ein Kredit von rund 100 Millionen Mark zu militärischen Zwecken verlangt und bewilligt. Seitens der Regierung wurden die friedlichsten Versicherungen abgegeben. Die Anforderung war lediglich durch das Vorgehen anderer Mächte nothwendig. In der That kann auch Niemand im Ernste glauben, daß Oesterreich zum Kriege reizen will. Wenn eine Großmacht Europas die Erhaltung des Friedens wünscht und erstrebt, so ist es sicher Oesterreich in erster Linie. Bei dem regelmäßrgen Zusammentritt der Delegationen im Spätjahre 1887 sprach sich dem Beispiele des Kaisers folgend der Reichskanzler Graf Kalnocky mit größter Offenheit und Bestimmtheit über Oesterreichs Politik in der bulgarischen Frage aus. Das rief in Rußland einen wahren Sturm zornigen Haffes hervor. Die Pceffe dieses Landes führte gegen Oesterreich sowohl wie auch gegen Deutschland eine Sprache, daß man meinen konnte, der Krieg sei unvermeidlich. Dazu kamen außer- i ordentliche militärische Vorkehrungen an der deutsch- österreichischen Grenze, namentlich starke Tcuppen- anhäufungen gegen Galizien hin. In den beiden Reichshälften war man von Kciegsbesorgniffen erfüllt; die ungarische Presse ganz besonders warf die Frage auf, ob man denn auch für den Kriegsfall gerichtet sei. Daß die Lage sehr ernst war, beweist der Umstand, daß wiederholt außerordentliche Berathungen unter Vorsitz des Kaisers darüber gepflogen wurden, ob und was den russischen Kriegsrüstungen gegenüber zu geschehen habe. Das Ecgebniß war der Beschluß, vorläufig jede außerordentliche Maßregel zu unterlassen. Allem Anscheine nach ist das Vertrauen in die eigene militärische Leistungsfähigkeit kein allzu großes. Mit Recht wurde es in der deutschen Presse auch als sehr auffallend bezeichnet, daß man in Oesterreich erst eingehende und ziemlich schwerfällige Berathungen halten muß, um über die Frage in's Reine zu kommen, ob man in der Lage sei, es auf den Krieg ankommen lassen zu können ober nicht. In Berlin ist man in dieser Beziehung ganz anders daran; freilich hat man hier auch ganz andere Verhältnisse; hier kann man mit den Ergebnissen einer sehr langen konsequent fortschreitenden Entwicklung zu stets vollkommeneren militärischen Zuständen rechnen, während man in Oesterreich bis zur Stunde in der größten Schwerfälligkeit hängt. Es ist sehr charakteristisch, daß die ernsten Stimmen in der deutschen Presse nach dem Bekanntwerden der Beschlüsse, alle außerordentlichen diplomatischen wie militärischen Maßnahmen zu unterlassen, stch sehr unzufrieden äußerten. Man hatte ein anderes Resultat erwartet und sprach unverhohlen die Meinung dahin aus, Oesterreich solle Rußland nicht Zeit lassen, seine militärischen Maßnahmen zu vervollkommnen, da der Krieg doch unvermeidlich sei. Die politischen und mllitärischen Autoritäten, mit dem Kaiser an der Spitze, werden ihre guten Gründe dafür haben, daß sie so und nicht anders sich entschlossen. Inzwischen hat stch die hochgradige *
einen und Italien auf der anderen Seite. Beide Momente bilden zugleich auch die Grundlage dieses Bündnisses und die Gewähr für seine Dauer. Während der außerordentlichen Tagung der Delegationen im März wurde der ungarische Minister- prästdent Tisza veranlaßt, über das deutsch-österreichische Bündniß stch auszusprechen, that es aber so zurückhaltend, daß nur ausgesprochene Optimisten befriedigt waren. Zwei Monate später brachte das „Leibblatt" Bismarck's Artikel über die Vorgeschichte der Besetzung Bosniens durch Oesterreich, die eine große Erregung in Oesterreich hervorriesen und einen bedenklichen Zeitungskrieg zwischen Pest-Wien und Berlin zur Folge gehabt hätten, wenn nicht der Kaiser selbst Schweigen geboten hätte. Allerdings war von Berlin aus versichert worden, daß die Spitze der Artikel keineswegs gegen Oesterreich gerichtet sei. Die Zusammenkunft der beiden Kaiser wie auch der beiden Reichskanzler hat alle Besorgnisse bezüglich der Beziehungen Oesterreichs zu Deutschland zerstreut. Mtt großer Beruhigung nahm man in Oesterreich stenntniß von den kategorischen Erklärungen, die Bismarck gegenüber dem russischen Kaiser bezüglich des deutsch-österreichischen Bündnisses abgab. Nicht minder mag die Bestimmtheit beruhigt haben, mit welcher Pceßstimmen, bereit Ursprung kaum Zweifelhaft sein kann, Oesterretch bewaffnete Hilfe Deutschlands in Aussicht stellten, falls e» von Nußlanb angegriffen werden sollte. So war an der Jahreswende in der .Köln. Zig.' zu lesen:
„Wir sprechen dies um so rückhaltloser aus, als Rußland, unter welchem Vorwande auch immer es Oesterreich ait greif en wird, das deutsche Volk in Wehr und Waffen "n der Seite seines Verbündeten finden wird. Die deutsche -iation ist entschlossen, ihr Herzblut dafür einzufetzen, daß Oesterreich nicht niedergerungen wird oder auch nur ®e- Taljr läuft, niedergerungen zu werden."
Da» bietet allerdings die sicherste Gewähr für A nächste Zukunft. Da» Bündnißverhältniß zu -Deutschland hat auch da» zu Italien zur Folge gehabt. Dadurch ist e» dem Donaureiche ermög- M. für die nächste Zeit wenigsten» all' seine ^l^erkfamkeit ostwärts zu richten. Von dort
*) Rachdruck verboten.
1 Erregung etwas gelegt, eine gewisse Spannung aber ist geblieben und nach wie vor gilt für Oesterreich: im Osten ist die Gefahr, int Osten der Feind.
E» bedarf keiner näheren Erörterung der Frage, was das gespannte Verhältniß Oesterreichs zu Rußland bedingt. Das Jahr 1887 hat für volle Klarstellung int Allgemeinen wie int Besonderen gesorgt.
Aus Deutschland und Italien verdrängt, muß Oesterreich naturgemäß seinen Blick ostwärts richten; und je mehr das alte Türkenreich zerbröckelt, desto mehr wird es zum Handeln gedrängt. Es muß, denn es steht vor der Existenzfrage. Damit tritt es aber in unversöhnliche Gegnerschaft zu Rußland, dem der Glaube an die von der göttlichen Vorsehung ihm bestimmte Beerbung des türkischen Reiches in Fleisch und Blut übergegangen ist. Im tieferen Hintergründe stehen Fragen von noch größerer Tragweite, vor Allem die Frage der Herrschaft über das mittelländische Meer. Eben deswegen find die österreichisch- russtschen Beziehungen eine Frage für ganz Europa. Im letzten Jahrzehnt stand ständig die bulgarische Frage im Vordergrund, die sich im Jahre 1887 ganz besonders scharf zuspitzen wollte. Oesterreichs Stellung ihr gegenüber ist klar und bestimmt, allein — gegnerisch zu Rußland. Der Kaiser selbst wie auch der Reichskanzler Kalnocky haben die Freiheit und Unabhängigkeit Bulgariens in Bestimmung seiner Geschicke betont, was Rußland bekanntlich nicht gelten lassen will. Während Rußland die kleineren Staatengebilde auf der Balkanhalbinsel unter feine direkte Botmäßigkeit beugen will, sucht Oesterreich das „Selbstgefühl der Balkanvölker" zu heben. Nicht durch eigene Beherrschung derselben sucht es feine Interessen zu befriedigen, sondern dadurch, daß e» der Beherrschung durch Andere wehrt. Diese Maxime bedingt sein Verhältniß zu den einzelnen Balkanstaaten wie auch sein Auftreten gegenüber denselben. Nach Bulgarien kommt in erster Linie Serbien, wo sich österreichische und russische Interessen kreuzen. Oesterreichs Beziehungen zu I diesem Lande haben im verlaufenen Jahre mehr als sonst von sich reden gemacht. War doch König Milan selbst in Wien, in der offenkundigen Absicht, daselbst Rückhalt sich zu schaffen gegenüber den Gefahren, die ihn und feinen Thron bedrohten. Er selbst ist ein ausgesprochener Gegner der russischen Orientpolitik, weil er richtig erkennt, daß ein wahrhaft unabhängiges Serbien darin keine Rolle spielt. Allein er ist zu wenig König und Herrscher, als daß er im Stande wäre, dem befreundeten Oesterreich die Garantieen bieten zu können, die es für alle Fälle erwarten und verlangen muß. So kam es, daß trotz der Reife Milan's nach Wien ein ruffenfreundliches Ministerium an's Ruder kam, was allenthalben überrascht, in Oesterreich aber geradezu verblüfft hat. Freilich hat es gegen Schluß des Jahres den Platz wieder räumen müssen und Oesterreichs Einfluß in Serbien überwiegt den Rußland».
Auch zu Rumänien haben sich die spezifisch politischen Beziehungen freundlich erhalten, obwohl die Handels- und Verkehrs-Interessen der beiden Staaten kollidirten und eine Zeit lang ein förmlicher Zollkrieg herrschte.
In der Entwickelung seiner inneren Verhältnisse bot der österreichische Kaiserstaat ein höchst unerquickliches Bild. Der nunmehr 20jährige Dualismus wird das Reich stets an seiner Erstarkung hindern. Und das bunte Gemisch von Nationalitäten machen es sogar den einzelnen Reichshäiften unmöglich, fich zu innerlich triftigen Organismen zu konsolidiren. In sehr betrübender Weife hat
Sonnabend, den 14. Januar.
1888
fnlhoer
Zeitung