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M 8.

1888

Mittwoch, den 11. Januar.

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TT Jahres-Rundschau.*) VI.

Da» Papstthum im Jahre 1887.

Da» Jahr 1887 war vorzugsweise da» Jahr de» Papstes. Sein Name war in Aller Munde, die ganze Welt hat auf ihn geschaut, als das Jahr begonnen und noch unvergleichlich mehr, als es geschloffen. Und so hat es stch im Laufe desselben wiederholt. Da» einzige Jahr 1887 ist für stch allein eine höchst interessante Episode der Papst­geschichte. Wir können sie aber nicht ganz und ausschließlich der Kirchengeschichte ei.reihen; es will uns sogar scheinen, als ob sie mehr der Weltge­schichte, als der Kirchengeschichte angehörte: jeden­falls hat sie diesen Doppelcharakter. In pragma­tischer Beziehung ist sie zum Theil das Ergebniß vorausgegangener Vorbereitung und Entwickelung, zum andern Theile die Vorbereitung künftiger Ge­staltungen. Schon aus diesem Grunde geht es nicht an, ein abschließendes Urtheil fällen zu wol- len; das wird Sache späterer Geschichtsschreibung sein. Un« kann es nur obliegen, die wichtigsten Ereignisse in's Gedächtniß zurückzurufen und auf einzelne hervorragende Charakterzüge aufmerksam zu machen. Letztere ergeben sich aus den ersteren theilweise von selbst. Die Thätigkeit des Papstes, soweit st- dem größeren Publikum bekannt gewor­den ist, war während des Jahres 1887 mehr als sonst den Beziehungen der Kirche zur Welt gewidmet. Fürsten und Völker für die . .Sache der Kirche zu interessiren unh empfänglich

zu machen für dre übernatürliche Kraft ver heit und Heilung, die in ihr hinterlegt ist, war zu allen Zeiten eine Hauptaufgabe der Statthalter Christi auf Erden und roiri es bleiben bis zum Ende der Tage. Allein nicht zu jeder Zeit tritt da« Streben in gleicher Weise zu Tage, dieser Aufgabe gerecht zu werdm; nicht zu jeder Znt hat es auch den gleichen Erfolg.

Es liegt die Zeit nicht so weit hinter uns, in der die Großen und Mächtigen dieser Welt vom Papste in Rom nichts wiffen wollten, und man froh sein mußte, wenn sie nicht in bitterster Femd- schaft ihm gegenüberstanden. Das hat sich gründ­lich geändert. Seiner weltlichen Herrschaft beraubt, war er doch mehr beachtet und gesucht von den Mäch- tigen dieser Erde, als in irgend einer Geschichts-

*) Nachdruck verboten.

Morien.

Original-Roman von Marie Romany.

(4. Fortsetzung.)

Ein solches Verweisen auf ihre eigene Festig­keit, ring« umgeben von dieser in Jubel und Luxus schäumenden Weltstadt, übermaß Eugemens Kraft. Sie besaß einen hingebenden und reinen doch ebenso prunksüchtigen und eitlen Charakter und ein Temperament, bei welchem die Erregung eines Augenblicks oft genügendes Unheil für Tage und Wochen nach sich zog. Es war nicht ihre Absicht gewesen, ihren Etat zu überbieten, als sie nach dem Tode ihres Gatten ihre Ausgaben in einer Weise forzierte, daß ein Verhältniß, rote sie es dem Polizeirath geschildert, die unaus­bleibliche Folge sein mußte; ihre Schwäche, zu prunken, sich wenn möglich in ihren gesellschast- lichen Kreisen als die Schönste bewundern zu lassen, ihre Kinder auf eine hervorstechende Werse in die Welt einzuführen, war das alleinige Ztel, auf welches sie unausgesetzt ihr Augenmerk wandte; so konnte es, wenn man die leidenschaftliche Er­regtheit ihres Temperaments hinzunahm, nicht fehlen, daß ein stufenweises Herabsinken ihres finanziellen Etat» herbeigeführt ward. Ihr

Epoche. Die auffallendste Erscheinung dieser Art war die Anrufung der päpstlichen Intervention für die Reichrtagiwahlen de» deutschen Reiche». So vorstchtig und zurückhaltend auch da» Sekretariat Leo'» XIII. dem Ansinnen des deutschen Reichs­kanzleramts Rechnung trug, so wurde e« eben doch in unglaublicher Weise gegen die treuesten Glieder der Kirche wie auch gegen den Episkopat und Kle­rus Deutschland» mißbraucht, was der Papst durch feinen Staatssekretär den parlamentarischen Ver­tretern des katholischen Volkes sagen ließ. Unter der doppelten Voraussetzung, den allgemeinen Frie­den sicher zu stellen uno die Interessen der katho­lischen Kirche Deutschlands zu fördern, wurde den Centrumsabgeordneten als wünschenswerth bezeich­net, der militärischen Vorlage der Regierung zu­zustimmen. Zu gleicher Znt wurde die Unabhän­gigkeit ihrer Entschließungen in solchen Dingen be­tont, und ohne alle Einschränkung die Fortexistenz der Centrumsfraktion in ungeschwächter Krast und Zahl als wünschenswerth und nothwendig bezeich­net. In einem Schreiben, datirt 3. Jan. 1887, schrieb Kardinal-Staatssekretär Jakobini:

„Im Hinblick auf diese nahe bevorstehende Revision der Kirchengesetze, welche — wie Grund ist anzunehmen — befriedigend ausfallen wird, wünscht der heil. Vater, daß das Centrum die Vorlage des militärischen Septennats in jeder ihm möglichen Weise begünstige. Es ist hinlänglich bekannt, daß die Regierung auf die Annahme dieses Ge­setzes den größten Werth legt. Wenn es nun in Folge dessen gelingen sollte, die Gefahr eines nahen Krieges zu beseitigen, so würde das Centrum sich sehr verdient ge­macht haben um das Vaterland, um die Humanität und

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tius die Pietro in München gerichtet, dem bezüg­lich der Verweithung desselben bemerkt wurve:

„Sie wollen daher die Führer des C-ntrums auf das Lebhafteste dafür interessiren, daß Sie Ihren ganzen Ein­fluß bei Ihren Kollegen anwenden und denselben versichern, daß sie durch die Unterstützung des Septennats dem Herl. Vater eine große Freude bereiten, und daß das„ für die Sache der Katholiken sehr vortheilhaft sem wird. ....

„Indem ich die vorstehenden Betrachtungen Ihrem Takte und Ihrer Umsicht anvertraue, bin ich überzeugt, daß Sw den in Betracht zu ziehenden Personen und Verhältnissen gegenüber davon Gebrauch machen werden.

Wie der Vorsitzende der Centrumsfraktton, zu Franckenstein, selbst erklärte, .st ihm diese Note des Staatssekretärs Jakobini nicht mrtgethe.lt woc- den, erst aus den späteren Mittheilungen der Press- Hat er ihren Wortlaut erfahren. Nuntius dr Pretro hat ihm nur geschrieben:

Bruder, der sich, wie schon erwähnt, um ihre Angelegenheiten nicht bekümmerte, half anfänglich durch erhebliche Vorschüsse ihren Defizits nach; doch als die Summen, die Eugenie verlangte, sich massenhaft thürmten, unterzog er sich der Mühe, in ihre Verhältnisse Einsicht zu nehmen und erklärte fest, daß, so lange sie ihre Lebens­weise nicht einschränken würde, kem Heller von ihm zu erwarten sei. Welches die Folgen dieser Erklärung sein mußten, haben wir aus der Unterredung mit dem Polizeirath Sefe9en-

Emen Grundbesitz hatte Frau von Wildenau nicht. Der Baron war unvermögend gewesen und sie selbst hatte außer ihrer Rente und dem erwähn­ten Brillantschmuck keine flüssigen Gelder geerbt. Freilich prankte an der Fasade ihrer Villa die weithin leserliche Inschrift: „Villa von Wildenau aber das Grundstück war feit allein Anbeginn auf eine Weise überbürdet, daß an einen Besitzanthe.l der von Wildenaus, nicht zu denken war. Inden Kreisen der Gesellschaft war dies Nicht bekamt dem die auf dem Hause ruhenden Gelder gehörten einem alten General in Koblenz, der feit feinen Kinderjahren mit dem Haufe von Bülow befremdet gewesen und demzufolge mit einem privaten Arran­gement zufriedengestellt worden war.

„der hl. Vater wünsche, daß das Centrum für daS Septennat stimme, weil ihm Zusicherung geworden sei, daß eine vollständige Revision der Maigesetze beabsichtigt werde, und daß eine desfallsige Vorlage dem nächsten preußischen Landtage gemacht werden solle."

Dies sollte Herrn Dr. Windthorst rnitgetheilt werden mit dem Ersuchen, „bi»treten Ge­brauch" davon zu machen. Freiherr zu Francken­stein antwortete auf dieses Schreiben. Aus seinem Antwortschreiben theilt.' die ,Köl. VolkSztg.' folgende Haupstellen mit:

„Ich brauche nicht zu sagen, daß das Centrum immer glücklich war, den Weisungen des hl. Stuhles nachzukom- men, wenn es sich um kirchliche Gesetze handelte. Ich habe mir aber schon im Jahre 1880 erlaubt, aufmerksam darauf zu machen, daß es für das Centrum absolut unmöglich ist, bei nicht kirchlichen Gesetzen gegebenen Direktiven Folge zu leisten.

„Rach meiner Ansicht würde es Unglück für das Cen­trum und eine reiche Quelle von Unannehmlichkeiten für den hl. Stuhl sein, wenn das Centrum in Fragen, welche die Rechte der Kirche nicht berühren, sich Instruktionen von dem hl. Stuhle erbitten würde."

Daraufhin erging ein zweites Schreiben an Nuntius bi Pietro, in welchem ausdrücklich bemerkt

war,

„daß der hl. Stuhl die Verdienste unverändert aner­kennt, welche das Centrum und seine Leiter bei der Ver- theid.gung der Sache der Katholiken sich erworben haben."

Zur anderen Frage, ob das Centrum auch fernerhin fortbestehen und sich geltend machen solle, hieß es:

„Die Aufgabe der Katholiken, ihre religiösen Interessen zU beschützen, kann noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden; man muß dabei die absolute und andauernde, hinzuwirken, die legitime Auslegung der neuen Gesetze zu vertheidigen, deren Ausführung ,u .überwachen, das be­dingt jetzt die Aktion der Katholiken .m Reichstag. Es »st ferner ,u bedenken, daß in einer Nation, b-, der die reit, a^fen Verhältnisse gemischt und der Protestantismus als Staatsreligion angenommen ist, sich Veranlaffungen zu religiösen Reizungen finden können, bei denen die Katho­liken berufen sind, ihre Ansichten m gesetzlicher We.se zu vertheidigen oder ihren Einfluß zur Besserung der Lage geltend zu machen. Auch wollen Sie nicht °°rfthlen, her­vorzuheben, daß eine katholische parlamentarische Parte«, welche für die unhaltbare Sage des erhabenen Hauptes der Kirche Mitgefühl hat, passende Gelegenheiten benutzen kann, um die Wünsche ihrer katholischen Landsleute zu Gunsten des Papstes auszu prechen und zur Geltunszu bringen. Dem Centrum ,n seiner Eigenschaft als politische Partei ist stets unbeschränkte Aktionsfrechett emgeräumt worden, sobald es sich aber um d,e JntereffenderKlrche handelt, würde es in dieser Eigenschaft dieselben nicht nach eigener Anschauung vertreten tonnen.

Die Kinder bet Bgronin, Raoul und Elly, zählten j tzt einunbzwanzig unb achtzehn Jahre. Raoul, der ältere, ein junger Bonvivant ui des Wortes vollster Bedeutung, in Pa'stonen und Ansprüchen so unermeßlich viel ausschweifender, als die Baronin es ihren Verhältnissen entsprechend erlaubt haben dürfte, studirte feit nun bald drei Jahren die Rechte und Elly, eine üppig schöne Brünette, strahlte in der Gesellschaft, die sie wie eine Königin unter den jungen Damen ver- 9°£en ihren Kindern war im Hause der Ba­ronin unter ihrer Obhut noch eine junge Waise herangereift. Sie war die Tochter eines Jugend- freundes ihres seligen Gatten, Pierre Delorme, der in früheren Jahren Kaufmann in Antwerpen war und ein bedeutendes Handlungshaus stmE.gen nannte; allein die Spekulationen biefe» Mannes waren mißglückt, er hatte geschwankt, operrrt, war gescheitert, bann, in der eitlen Hoffnung, em neue» Glück zu finden, hatte er feine Heimath verlassen und das Meer gekreuzt.

Scheidend vertraute er, b,s die Verhältnisse sich wieder gebessert hätten, dem Baron fein einziges Kind; eine Zeit lang kamen Briefe, Versprechungen für spätere Zeiten, bann fehlten auch biefe und