M 7.
Dienstag, den 10. Januar.
1888
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. Januar.
* Die Zuversicht in die friedliche Entwicklung der politischen Lage ist bereits so weit fortgeschritten, daß einzelne Stimmen vor einer Ueber- schätzung der friedlichen Symptome warnen und daran erinnern, daß mit den diplomatischen Verhandlungen zur Lösung der bulgarischen Frage die Schwierigkeiten erst beginnen. Zu der Verschiebung weit rer zwei russischer Divisionen an die Westgrenze bemerkt die .Kreuzzeitung': „Wenn hierin auch kein neues Moment zu erblicken ist, da der .Russische Invalide' die weitere Ausführung des Truppendislokationsplanes angekündigt hat, fo ist doch aus der Thatfache, daß es bei der Ausführung dieses Planes verbleibt, ersichtlich, daß sich eben an der militärischen Situation nichts geändert hat." Die ,N. A. Z.' schreibt heute: „Ein Zwischenfall, der daran gemahnt, wie ungemein schwer das Moment des Unberechenbaren in die Wagschale der internationalen Situation fällt, ist der von Nabokow und Gencflen in Bulgarien angestiftete Putschversuch. Obwohl dem Unternehmen kein befferer Erfolg beschieden gewesen als seinen Vorgängern, zeigt es doch, daß Bulgarien von einer definitiven Ordnung der Dinge noch recht weit entfernt und nicht in der Lage ist, den In- tereflenten des europäischen Friedens moralische Bürgschaften für die Stetigkeit seiner normalen Entwickelung zu bieten."
* Das Krönungs- und Ordensfest wird am 22. d. M. in den Festräumen des königlichen Schlaffes in hergebrachter Weise gefeiert werden. Am 18. Januar soll ebenfalls im königl. Schlöffe ein Kapitel des Schwarzen Adlerordens stattfinden. — Der .Reichsanzeiger' meldet amtlich die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Oberst- Kämmerer Grafen zu Stolberg-Wernigerode und an den deutschen Botschafter in Petersburg General-Adjutanten von Schweinitz.
* Das Sozialistengesetz soll, wie verlautet, dem Reichstagsbureau schon zugegangen gewesen, behufs Revision aber wieder zurückgezogen worden sein.
* Die Nachricht von einer Hundert millio ne n- forderung für Bekleidung, Bewaffnung und Ausrüstung der für den Kriegsfall in Aussicht ge-
M i r i«i.
Original-Roman von Marie Romany.
(3. Fortsetzung.)
„Wie?" fiel Frau von Wildenau erglühend ein; „Sie wollen ein Unglück, das ich Ihnen an- vertraute, wie eine statutenmäßige Dienstsache no- tiren? Herr Polizeirath," wurde sie heftiger, „Sie verpfändeten Ihr Wort, das, was ich Ihnen mittheilen würde, wenn es nicht in die Pflichten Ihres Berufs griffe, al» Geheimniß zu bewahren!"
„Ich versprach Ihnen in diesem wie in jedem anderen Falle meine Freundschaft," entgegnete Herr Martine! in einem Tone, darin nicht die geringste Spur der oder jener Absicht erkenn - var war.
Die Baronin sah ihn starren Auges an.
„Wenn Sie das kleinste Detall meines Geheim- mffes an die Oeffentlichkeit bringen, wird meine ^kistenz und die Zukunft meiner Kinder ruinirt mv," meinte sie bebend. „Bedenken Sie, welche Folgen meine Verarmung nach sich ziehen würde, wenn die Welt erfährt, daß in meinen Pre- jwfen, die Hoch und Niedrig für ein Kapital an- Wägt, nichts mehr al« tauber Schimmer zu finden ist!"
nommenen Gefammtverstärkung des Heeres wird hier vielfach bezweifelt und die Vermuthung ausgesprochen, die Nachricht sei nur lancirt worden, damit die öffentliche Meinung die geringere Forderung um so bescheidener finde.
* Zum Prozeß Thümmel, welcher am Freitag vor dem Kaffeler Landgericht zu Ende ging, während das Urtheil auf den 13. dr. vertagt wurde, bemerkt die Köln. Vztg.' u. A. Folgendes: Auch bas ruhigste Referat bietet reichlich Gelegenheit, sich über den streitbaren Mann noch mehr zu wundern als bisher. Man könnte staunen über die Langmuth, mit welcher der Präsident ihn über alle erdenklichen Dinge deklamiren ließ, wollte man nicht gern annehmen, daß auch der leiseste Schein der Beschränkung der Verthei- digung geflissentlich vermieden wurde. Gewonnen hat da» Bild des Herrn Thümmel durch seine forensische Beredtsamkeit ganz gewiß nicht. Ein seltsameres Ragout als seine langathmigen Ver- theioigungsreden dürste selten einem deutschen Gc- richtShof servirt worden sein, und mehr als einmal mögen die Richter mit knapper Roth das Lachen verbissen haben. Wir nehmen überhaupt schon seit längerer Zeit Herrn Th. persönlich nicht mehr ganz ernst, und aus diesem Grunde können wir uns über die Liebenswürdigkeiten, mit welchen er auch in Kasftl wieder sowohl die katholische Kirche als den rheinischen Richterstand bedachte, nicht besonder» aufregen. Desto ernster aber nehmen wir da» Auftreten dieses Mannes als Symptom. Ein junger Mensch, der schon 1882 mit knappster Roth, unter scharfem Tadel des freisprechenden Gerichtshofes und unter ernster Verwarnung des Konsistoriums, von der Anklage auf öffentliche Beschimpfung einer Einrichtung der katholischen Kirche freigesprochen worden ist, setzt jetzt seit genau zwei Jahren wieder die Gerichte in Bewegung. Er wird wegen einer schweren Beschimpfung verurtheilt, kommt in's Gefängniß, wird aus irgend welchen Gründen wieder entlassen und läßt schleunigst eine Schmähschrift gegen die katholische Geistlichkeit und den rheinischen Juristenstand drucken, die derartig von den stärksten Ausfällen strotzt, daß der Kasseler Staatsanwalt nur bedauernd auf die Ausschließung der Oeffentlichkeit verzichtet. Hätte ein katholischer Priester den zehnten Theil dieser Schimpfereien gegen den Prote-
Der Polizeirath erwiderte noch immer nichts.
„Herr Martine!", ward die Baronin erregter, „ich kam zu Ihnen nur, um von Ihnen, dem Busenfreunde meines seligen Gatten, einen Rath in der für mich so verhängnisreichen Affaire zu hören! Ich bat um Ihren Beistand, Ihre Hilfe! Run?" sagte sie in einem Tone, der sein Herz traf.
Ein paar Sekunden noch blieb der Polizeirath stumm, dann heftete er sein Auge voll Milde auf sie.
„Ich würde zu jedem Freundschaftsdienst, Ihre pekuniäre Lage betreffend, bereit sein", meinte er ruhig. „Da Ihre Idee in Brüssel verfehlt gewesen , wird Ihnen meine Hilfe vor der Hand wenigstens sicher sein."
Die Baronin fuhr^mpor. Purpurgluth überzog ihre Miene.
„Herr Jacques Martine!", preßte sie hervor, „ich kam nicht zu Ihnen, um als Bittende, als Gedemüthigte vor Ihnen zu stehen! Ich danke von Herzen für Ihre Güte; aber der Rest meiner echten Juwelen wird, nachdem ich ihn gestern verkaufte, zur Sicherstellung unserer Bedürfnisse für die nächsten drei Vierteljahre genügen; bi« dahin, haha!" brach sie in ein verzweifeltes Lachen au», „bi« dahin wird der Himmel uns helfen,
stantismu» veröffentlicht, er würde Mühe gehabt haben, einen Vertheidiger zu finden. Aber für Herrn Thümmel interefsiren sich hervorragende Juristen; nach Elberfeld wird ein halbes Dutzend Sachverständige geladen, damit der Vertheidiger auf ihre Vernehmung verzichten kann; in Köln und in Kassel hält Herr Th. stundenlange Reden voll von neuen Angriffen und abgeschmackten Geschichten; seine Gemeinde bringt ihm Ovationen, welche da» Einschreiten der Polizei nöthig machen, sein Verleger — er hat'S in Kaffel selbst gesagt — läßt die Schmähschrift in den Thurmknopf der Barmener Kirche einschließen, Herr Nippold in Jena wird in nächster Zeit den Fall Thümmel in einer besondern Schrift erörtern, seine Vertheidiger identifiziren sich mehr oder weniger mit ihm und behandeln seinen Fall als eine hochwichtige Prinzipienfrage — wie lange soll das eigentlich noch dauern? In der Tagespresse findet er unseres Wissens keinen eigentlichen Vertheidiger mehr — seit seiner Weitmarer Rede wurde es selbst seinen kecksten Anhängern unheimlich —, aber daß er, und durchaus nicht bloß in dem verhetzten Remscheid, viele Tausende begeisterter Anhänger zählt, bezweifeln wir keinen Augenblick. Andernfalls würden die Gerichtshöfe in Elberfeld und Kaffel nicht so viele Umstände gemacht, sondern den Fall Thümmel mit jener Kürze abgethan haben, welche bei Schmähschriften sich empfiehlt, während sie jetzt den Thümmelianern offenbar den Vorwand zur Fortsetzung des Lärm» abschnei'oen wollen.
Ausland.
* Sofia, 7. Jan. Das Kriegsministerium hat eine Offert-Ausschreibung publizirt für folgende, am 1. April zu liefernde Gegenstände: 100,000 Tornister, 100,000 Reserve-Patrontaschen, 140,000 Infanterie - Patrontaschen, 70,000 Leibriemen, 70,000 Gewehrriemen und 100,000 Menagc- schalen. — Rabolow ist in Konst-antinopel gelandet. Von Odeffa langten daselbst gegen 3000 Gewehre und Munition zur Vertheilung an die Insurgenten an.
* Rom, 7. Jan. Die vatikanische Ausstellung wurde gestern feierlichst durch den P a p st eröffnet. Neben dem päpstlichen Throne saß die Großherzogin von Toskana; daran reihten sich die Kar- dinäle, der päpstliche Hofstaat, 300 Bischöfe, der ewige Gott wird unser Beschützer und Beistand sein!"
Der Polizeirath sah sie verwundert an. Freilich, er kannte ihr so leicht erregbares Temperament zur Genüge.
„Lassen Sie uns nun scheiden", sagte Frau von Wildenau schnell. „Vielleicht überdenken Sie ein wenig, was ich Ihnen erzählte. — Sehen Sie dort", warf sie hin, aus einen Stadtboten deutend, der die Parkpforte passierte, „ohne Zweifel irgend eine Meldung von Wichtigkeit, die man Ihnen hierher bringt."
„Ich erwartete diese Botschaft", entgegnete der Polizeirath. Dann trat er an das Fenster, gab dem Boten ein Zeichen, sich zu verweilen, entriegelte die Thüre und geleitete in ceremonielster Weise die Baronin an ihre Chaise, die in geringer Entfernung von der Parkpforte wartete.
„Ich werde in ein paar Tagen die Ehre haben, Sie noch einmal zu mir zu bitten", flüsterte er, als er ihr beim Einsteigen in den Wagen beyilf« lich war.
Doch Frau von Wlldenau lächelte nur noch stumm ihre Antwort. Sie grüßte etiquett- voll.gab dem Kutscher ein Zeichen und rollte davon.
Ein paar Sekunden lang blickte der Polizei-