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1888

Sonnabend, den 7. Januar.

I

Di« Kuldaer, Rettung erscheint täglich. Gönn- und Aeiertaze ouügeaommea. Bierteljährlicher «bomrementspreii ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Bi., mit der belletristische« Wochenbeilage ,® t e $ n e und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Jahres-Rundschau.

IV.

Für Bayer« war da« Jahr 1887 ungleich ruhiger, als das Jahr zuvor mit der schrecklichen Königskrtastrophe, obwohl es an belebenden und aufregenden Ereignissen nicht fehlte. War cs doch so recht eigentlich ein Wahljahr für das Land. So groß auch der Rummel der Reichstagswahlen war, so ging er doch bald vorüber, auch die Vorberei­tung darauf war nur ganz kurz. Anders bei den Landtagswahlen. Schon das Jahr zuvor warfen sie ihre Schatten voraus, indem sich Alles zu ge­meinsamem Vorgehen zu verbinden trachtete, was es außer dem Centrum an politischen Parteien in Bayern noch gibt. Je näher dann die Landtags­wahlen heranrückren, desto größer wurde der Wirr- war innerhalb der Parteien. Es war ein Drän­gen und Schieben zu neuen Parteigestaltungen, die indessen über kleine Anfänge nicht hinauskamen. Seit Jahren hatte die Centrumspartei die Mchr- heit; diese ihr zu entreißen, war vor Allem das Streben und Ziel d-r Gegner. Leider ist es theil- weise erreicht worden, wie denn das Jahr 1887 überhaupt einen Rückgang der bayerischen Cen­trumspartei verz-ichmt — bezüglich der Wahler­folge wenigstens. So war es auch bei Gemeinde­wahlen hervorragender Städte. Am meisten trat dies in der Hauptstadt München selbst zu Tage. Jndeffen waren es weniger die Gegner, welche durch eigene Kraft Terrain eroberten; ungleich mehr waren cs Elemente aus dem eigenen Schooße, welche Verlegenheit brachten. Einige Männer, die früher eine hervorragende Rolle innerhalb der Par­teien spielten, dabei aber mehr sich selbst, als die gemeinsame Sache der Partei im Auge hatte.:, entfalteten die Fahne der Mäßigung und suchten sich als die spezielle Partei des Prinz-Regenten bei dem königstreuen Bayernvolke zu empfehlen. Sie machten schlechte Geschäfte, brachten aber doch so viel fertig, daß die Mehrheit für die Centrums­partei verloren ging. In der allerneuesten Zeit suchten sich die Herren Rittler und Bucher hinter Rom zu verschanzen und dort ein Wort zu er­haschen, um auf dasielbe sich berufend den Nimbus vollwerthiger Centrumsleute um sich zu verbreiten. Der Versuch ist indeß mißlungen. Das Verhalten der Regierung den Wahlen gegenüber war muster- giltig korrekt. Das Ausschreiben der Wahlen ent­hielt nämlich folgende Mahnung an die Beamten:

Ration.

Original-Roman von Marie Romany.

(1. Fortsetzung.)

„Es ist ein entsetzlicher Schlag, der unser Haus trifft," meinte sie bebend. „Ich bedarf Ihrer gan­zen Freundschaft, ich meine der ganzen Freund­schaft, die Sie einst meinem seligen Gatten bezeug­ten, um nicht vollständig vernichtet zu sein. — „Herr Martine!," sprach fie mit feierlichem Ernste, wie zur Aufforderung untrüglichen Freundschafts­dienstes iom ihre Rechte bietend, „Sie versprechen mir, welches auch für spätere Zeiten die Folgen des Geschehenen sein mögen, für die nächste Zu­kunft außer Gott der alleinige Mitwisser meines erbärmlichen Geheimnisses zu sein!"

„Insoweit es die Pflichten meines Berufes nicht «greift, sicher; —"

„O, ich meinte das," fiel Frau von Wildenau ein. „Die Gewissenhaftigkeit, mit der Sie Ihrem Dienste Rechnung tragen, ist so allbekannt, daß es mir nicht in den Sinn kommen konnte, Sie in Ihrem Pflichtgefühl wankend zu machen. — Sie erinnern fich der testamentarischen Bestimmungen meine« seligen Großvaters?" fragte sie plötzlich.

„Rur dunkel."

SBir erwarten hierbei lon allen Behörden gewissenhafte Erfüllung ihrer beschworenen Pflichten, Leitung der Wahl- verhandlungen mit rücksichtsloser Unbefangenheit, Beschir­mung der Freiheit der Wahlstimmung vor Einschüchterung ober Bestechung und pflichtgemäße Enthaltung von jeder Beschränkung der Wahlfreiheit."

Auch sonst zeigte fich deutlich, wie der Prinz- Regent bestrebt ist, fich feil ft wie auch seine Re­gierung über dem Getriebe d-r Parteien zu erhal­ten. So war es, als der Tod des Ministers Fäustle die Ernennung eines neuen Justizministers nothwendig machte. Die Wahl fiel auf einen hohen Justizbeamten, der allgemein als eifriger Katholik bekannt — v. Leonrod, Bruder des Bischofs von Eichstätt.

Wie für die süddeutschen Staaten überhaupt, so war auch für Bayern das Jahr 1887 ein finan­zielles Glücksjahr — wenigstens für die Staats­kasse. Das sehr bedenkliche Branntweinsteuergesetz bringt nämlich den süddeutschen Staatskassen des­wegen große Vortheile, weil die Bundesstaaten im Verhältniß zu ihrer Seelenzahl am Erträgniß par- tizipiren, im Norden aber unoerhältnißmäßig mehr Branntwein bereit* t und getrunken wird als im Süden. Diesem finanziellen Vortheil der Staats­kasse gehen allerdings bedenklliche wirthschaftliche Nachtheile zur Seite. Auch haben die süddeutschen Staaten auf ihr R.-serva!recht der eigenen Brannt- weinbesteuerung verzichten müssen, was in Bayern nicht einstimmig, wohl aber mit sehr großer Stim­menmehrheit geschah.

Wie bei den Landtagswahlen, so hatte die Cen- trumspartei auch bei den Gemeindewahlen hervor­ragender Städte, so namentlich in München selbst, einen Rückgang zu verzeichnen.

Gleich Bayern hatte auch das Königreich Sach­se« im Laufe des Jahres 1887 Landtagswahlen. Das „Kartell" der Reichstagswahlen wurde dabei erneuert, um die Sozialdemokraten nicht aufkommen zu lassen, die bekanntlich in Sachsen am meisten hei­misch sind. Die Konservativen geben in diesem fast ganz protestantischen Lande den Ton an, die Na­tionalliberalen spielen nur eine untergeordnete Rolle. Dem entsprechend fielen auch die Wahlen aus. Während des Kampfes scheuten fich die „Kartell­parteien" nicht, das Volk glauben zu machen, die Selbstständigkeit Sachsens sei gefährdet, wenn die Sozialdemokraten namhafte Erfolge erringen würden.

Sehr viel hat Baden von sich reden gemacht. Es hatte im Laufe des Jahres einen außerorden!«

„Aber Sie entsinnen sich, daß zum weitaus größeren Theile die Existenz unserer ganzen Fami­lie davon abhängig war."

Der Polizeirath zog die Stirn.

„Etwas Aehnliches schwebt mir vor," meinte er, mit der Gewandtheit seines Amtes einer eingehen­deren Erklärung vorbeugeno; „aber die Einzel­heiten —"

„Sind ganz in meiner Erinnerung," sprach Frau von Wildenau bestimmt. „Mein Großvater, da er das Vorrecht der Geburt meines Bruders und wohl auch den Namen der Familie in ihm respek- tirte, verfügte zu seinen ungetheilten Gunsten über die Besitzung Taubenheim, während für mich nur eine jährliche Rente von viertausend Thalern fest­gemacht wurde. Diese Summe war in halbjähr­lichen Raten durch meinen Bruder an mich zahl­bar; und da der Gehalt meines seligen Gatten kaum zweitausend Thaler betrug, so machte die Dotation meines Großvaters, wohl mein recht­mäßige» Erbe, den hauptsächlicheren Theil unseres Einkommens aus. Rach dem Tode meine» Gatten aber, da die mir zugewiesene Pension kaum der Rede werth ist, blieb diese Revenüe mein Alle»; auf welche Weise hätte ich die Erziehung meiner Kinder ermöglichen sollen, wenn diese Rente mir

lichen Landtag und Wahlen zum ordentlichen, der gegen Schluß des Jahres einberufen wurde. Schon die Rrichstagswahten lenkten die allgemeinste und größte Aufmerksamkeit auf sich. Nirgends in Deutschland wurde Seitens der „Karlellparteien" der Kampf fo wüst und gewaltthätig geführt, wie gerade in Baden. Nirgends hat der Nationallibe­ralismus so gewaltchätig die Kirchenbehörde förm­lich zwingen wollen, zu Gunsten der „Kartell"« Kandidaten in den Kampf einzugreifen wie gerade in Baden. Nirgend» ist auch das Ergebniß so un­günstig für die Centrumrpartei ausgefallen. Leider hat der heiße Kampf nicht einmal die gute Folge gehabt, daß er den Zwist innerhalb der Centrums- Partei erstickte, der im Jahre zuvor mit der größ­ten Heftigkeit ausgebrochen war. Im Gegentheile: in der Zeit zwischen den Reichstagswahlen und den Landtagswahlen trat er mit neuer Schärfe hervor. Verschiedene Ve. suche, geschlossen in den Kampf um die Landtagssitze einzutreten, schlugen fehl. So war es denn nicht zu verwundern, wenn das Er­gebniß eine großartige Niederlage für die Cen­trumspartei war. Seitdem legen die kulturkämpfe­rischen Nationalliberalen einen Uebermuth an den Tag, der für die katholische Mehrheit der badischen B völkerung ti-.f beschämend ist. Das zeigt sich ganz besonders gegenüber der Kirchenvorlage, welche die Regierung der Kammer unterbreitet hat. Ob­wohl sie nur ein geringes Maß von Zugeständ­nissen an die katholische Kirche enthält, ist doch in der nationalliberalen Presse ein förmliches Toben gegen sie losgebrochen, namentlich gegen den Arti­kel, der in Äusnahmefällen einzelnen Ordensleuten in widerruflicher Weise Aushilfe in der Seelsorge gestatten will. Auch in der Kammermehrheit hat fich das Echo dieses Toben» bereits vernehmen lassen, so daß es sehr zweifelhaft erscheint, ob die Vorlage Annahme findet. Da» Auftreten der Re- girung wird dabei schwer in’» Gewicht fallen. An ihrem Ernste, die Vorlage zur Annahme zu brin­gen, wird man nicht zweifeln; ob sie eine Kabinets- frage daraus machen wird, muß sich zeigen. Nir­gends in Deutschland leisten die Katholiken bei Wahlen im Allgemeinen so wenig, wie in Baden. Es ist darum auch nicht zu verwundern, wenn die kirchenpolitischen Zustände darnach aussehen.

Auch der badischen Staatskasse kommt da» Branntweinsteuergesetz sehr gelegen, um so unge­legener aber den kleinen Brauern. Massenhaft ist fehlte? Es würoe mir unmöglich gewesen sein, auf einem .standesgemäßen Fuße .weiter zu leben, würde ich auf die Bagatelle meiner Witwengelder angewiesen sein."

Sie schwieg einen Moment, in Verlegenheit bald hier bald dorthin mit den Blicken schweifend. Der Polizeirath betrachtete sie stillschweigend in zunehmender Verwunderung.

„Mit den Jahren wuchsen meine Kinder heran", fuhr die Baronin fort, „und somit steigerten sich die Bedürfnisse, die das Leben mit sich bringt. Mein Sohn mußte die Universität beziehen, meine Tochter sollte in die Gesellschaft eingeführt werden. Es wird Sie nicht erstaunen, wenn ich bekenne, daß meine Einnahmen für die zunehmenden und doch so dringend nöthigen Ausgaben nicht reichten; ich war gezwungen, von meinem Bruder auf meine Revenüen Vorschüsse zu erheben, die allmählich eine gewisse Höhe annahmen. Es hätte ihn nicht beeinträchtigt, würde er mir noch ein paar Jahre hindurch diese Vorschüsse ausgezahlt haben, aber er verweigerte vor ein paar Monaten plötzlich unter dem Vorwande, daß ich meine Lebensweise einschränken müsse, weitere Summen für mich flüssig zu machen. Aber Sie kennen ja derlei Mißhelligkeiten in Familien", setzte fie plötzlich,