j|G 4. Donnerstag, den 5. Januar. 1888
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Die nächste Nummer ds. Bl. er« scheint am Sonnabend.
Jahres-Rundscharr.
in.
Die neue Geschichte Deutschland» ist zum größten Theile die Geschichte Preußens. Für das Gebiet der äußeren Politik gilt die» voll und ganz, für da» der inneren Politik zum großen Thetle. Unter dem, was in letzterer Beziehung da» Jahr 1887 für Preußen zur Entwicklung gebracht hat, steht obenan ein Werk des Frieden» zwischen Staat und Kirche. Nach langen Verhandlun» gen zwischen Berlin und Rom kam e» endlich dazu, daß zunächst dem Herrenhause eine Kirchenvorlage unterbreitet wurde, die in ihrem wichtigsten Inhalte die Erziehung de» künftigen Klerus und die Wiederzulasiung der Orden betraf. Sie war keineswegs das, was die Bischöfe und das katholische Volk wünschten und wünschen mußten. Nachdem aber Rom in weitem Entgegenkommen sich genügsam gezeigt, selber große Zugeständnifle gemacht und mit kleinen sich zufrieden gegeben hatte, waren auch Bischöfe und Volksvertretung mit einigen Verbesierungen zufrieden, die Bischof Kopp im Herrenhause durchgesetzt hatte. Im Abgeordnetenhause bedurfte e» der ganzen Energie Bismarck'«, um der Vorlage die Annahme zu sichern; er sprach sogar von Rücktritt im Falle der Ablehnung. Die unzugänglichen Kulturkämpfer merkten indesien zu ihrer Erleichterung bald, daß diese» Wort nicht so tragisch zu nehmen sei, und Bismarck sich zufrieden gebe, wenn nur überhaupt die Annahme der Vorlage erfolge, wenn auch nicht einstimmig. So wurde denn die Vorlage gegen die Stimmen der Nationalliberalen und eines Theiles der ihnen gesinnungsverwandten Freikonservativen angenommen. Bickmarck hielt dabei denkwürdige Reden über die Kirche und ihre Ver- hältniffe vor dem Kulturkämpfe, über die kirchliche Erziehung de» Klerus und deren Folgen, über Orden und da» Recht der Katholiken auf Zulasiung derselben rc. ic. Niemals hätte es zum Kulturkampf kommen können, wenn der leitende Staatsmann Preußens stets so gedacht und darnach die Beziehungen zur katholischen Kirche zu regeln gesucht hätte. Ungemein befremdend war aber die
Wn1 i«n.
Original-Roman von Marie Romany.
Nachdruck verboten.
I.
Sin drückend heißer Sommer hatte endlich einem kühleren Herbstwetter Platz gemacht. Freilich brannte noch während der Mittagszeit die Sonne glühend zur Erde, aber die Morgen- und Abendstunden boten willkommene Erfrischung nach der fast unüberwindlichen Schwüle, die Monate lang Beherrscherin der Schöpfung gewesen war.
Alles, was in der Natur lebte, athmete nun in wonniger Behaglichkeit; die Wiesen schimmerten, die Blumen, die sich, müde der Last, zu Boden geneigt hatten, erhoben ihre Köpfe; die Vögel trillerten, da» Vieh, da» wochenlang in den Ställen verborgen gewesen, graste wieder im Sonnenschein ; die ganze Schöpfung lachte wie aufs Neue geboren; und auch die Menschen zeigten ihre heitersten Mienen, wohl ein Beweis, wie unerträglich auch für sie die so übermäßige Hitze geworden war.
Auch an den Ufern der Seine strahlte die Sonne milde lächelnd auf Berg und Thal. Sie hatte nicht viel Mühe, diesem gesegneten Landstriche eine muntere Farbe zu geben; überall begrüßten sie duftende Reben, überall spiegelte sich ihr Glanz in
Leichtigkeit, mit welcher er sich über die Folgen de« unseligen Kampfe» äußerte. Er scheint keine Ahnung, geschweige denn richtige Vorstellung von den schweren Opfern zu haben, die er für die Kirche, für da» Volk und Hunderte ja Tausende von Personen im Gefolge hatte. Dieser letztere Umstand wie auch der andere, daß Liberalismus und Protestantismus im Bunde gegen das Zustandekommen des Friedenswerkes sich wehrten, so viel sie vermochten, ist eine ernste Mahnung für die Katholiken, stets auf der Hut fein; aber auch ein glänzendes Zeugniß für die Katholiken Preußens ist darin ausgesprochen; ohne ihre Ausdauer im Leiden wie int Kampfe wäre ihnen und ihrer Kirche nie mehr zu Theil geworden, was das Jahr 1887 in Vervollständigung des Friedenswerkes von 1886 ihr gebracht hat. Es gereicht dem Volke, wie auch dem Klerus, dem niederen wie dem höheren, zur größten Ehre, daß Alle sofort auch die Gefahr erkannten, welche die weitgehenden Zugeständnisse an die Staatsgewalt in sich bergen. Darum ist der Abschluß dieses weiteren Friedenswerkes in der Stimmung ernster Sorge ausgenommen worden. Die Bischöfe haben die Gelegenheit wahrgenommen, öffentlich und feierlich zu erklären, daß damit der Kirche noch nicht Alles zurückgegeben ist, was sie verlangen muß. Und in Schlesien hat sich der Klerus zufammen- gethan, um durch einmüthigcs Auftreten die Gefahren des staatlichen Einspracherechtes von der Kirche fernzuhalten. Der fürstbischöfliche Stuhl von Breslau, der Ende 1888 durch den Tod des Fürstbischofs Dr. Robert Herzog erledigt ward, ist im Laufe des Jahres wieder besetzt worden, indem Berlin und Rom auf die Person des Bischofs Dr. Kopp in Fulda sich verständigten. Der dadurch verwaiste Bischofrstuhl von Fulda ist durch Wahl de» Domkapitels rasch wieder besetzt worden. Prälat Weyland, bisher Stadtpfarrer in Wiesbaden, ward einstimmig gewählt. Die „Staatt- katholiken", die in der Zeit des Kampfes und der Leiden ihre Glaubensgenoffen im Stiche ließen und sich in die bequeme Rolle der Staatstreuen warfen, möchten nun, da die Zeit schwerer Prüfung so ziemlich vorüber ist, ohne Weiteres als treue Katholiken gelten und Beachtung finden. In der widerwärtigsten Weise suchten sie fich im Laufe des Jahre« wiederholt an den Papst anzuhängen
den schimmernven Fluren, überall zeigte sich die Glückseligkeit im Genuß der herbstlichen Schönheit, wie sie nun über Wäldern und Fluren lag.
Auf den Landsitzen und in den Villen, die während der Sommergluth wie begraben gelegen, wurde regere« Leben wach; Jeder, den die Ferienhitze niedergedrückt hatte, bemühte sich nun, die Wonne der Natur in ihrer Fülle zu genießen, um so mehr, al« nach der so langen Schwüle eine vielleicht ebenso peinigende Regenzeit zu erwarten war. Bald zeigten sich die Elvorado« der reichen Großstädter in ihrer ganzen, sie belebenden Pracht; F.ste wurden gegeben, Jagden gehalten, hier ar- rangi te man eine venettanische Nackt, dort einen Bal champdtre und auch in den Pariser Villen und Palais gab e« Bälle und Manions in Fülle; doch wen nicht« an die Mauern der Stadt band, der eilte auf feinen Landsitz, um, erleichtert nach der so belästigenden Atmosphäre, die er Monate lang geathmet, nach Herzensgutdünken dem süßen Nichtsthun zu leben und mit den Fröhlichen fröhlich zu sein.
Der Polizeirath Martine! gehörte nicht zu jenen Auserlesenen, denen die Gunst der Verhältniffe gestattete, sich nach Wohlbehagen an der gebotenen Lust zu erfreuen. Er war nicht unvermögend; aber seine Tüchtigkeit im Dienste, die unerschütter-
und mit seinem Namen sihre Felonie von ehedem zu decken. Klerus und Volk in Preußen ist indessen zu geweckt und zu entschieden, als daß die Versuche hätten gelingen können.
Für die armen Polen in Preußen war da« Jahr 1887 ein unglückliches. Nachdem in der ersten Hälfte des Jahres eine neue Kreis- und Distriktseintheilung verfügt worden war, zu dem ausgesprochenen Zwecke, das spezifissch polnische Wesen in den Hintergrund zu drängen und all- mählig ganz zu beseitigen, ist in der zweiten Hälfte die hart empfundene Verfügung erlassen worden, jeglichen Unterricht blos in deutscher Sprache zu ertheilen. Die Folge ist, daß Tausende von Kindern de» Schulunterrichtes thatsächlich ganz entbehren.
Das sogen. „Kartell", da» zwischen Nationalliberalen und Konservativen für die Reichstagswahlen abgeschlossen wurde, hat in Preußen wiederholt von sich reden gemacht. Die Stockkonservativen konnten sich nie recht damit befreunden und wollten den Nationalliberalen nie eine andere Rolle zugestehen, al« die de« Kopfnickens zu dem, was geschieht. Je begehrlicher die Nationalliberalen auftretrn, desto größer der Unwille der Konservativen. So kam es denn wiederholt zu den heftigsten Auseinandersetzungen in der Presse und sogar zu rücksichtslosester Gegnerschaft bei einer Ersatzwahl für das Abgeordnetenhaus. Auch auf die Gemeindewahlen in der Reichshauptstadt sollte und wollte das „Kartell" ausgedehnt werden. E» kam auch zu Stande, machte aber bei den Wahlen großartig Fiasko. Eine Zeit lang stand die Ministerkandidatur des nationallioeraleti Dr. Miquel in Sicht, und da« machte die Konservativen ganz besonders stutzig.
Mehr als irgendwo ander» ist in Preußen die Person des Landesherrn in den Kampf der Parteien herabgezogen worden. Ungescheuter als je ward es im Jahre 1887 offen proklamirt, daß auch bei Wahlen der Wille des König» zu respektiren sei. Ein bekannter Parlamentarier, der schon Präsident des Reichstages war, hat den horrenden Satz ausgesprochen, auch die Wahl sei al» Dienst des Kaisers anzusehen. Mit Recht hat solchen Anschauungen und Grundsätzen gegenüber ein konservatives Blatt von dem Streben gesprochen, „den zweifelhaften Ehrendienst eine« politischen liche Gewissenhaftigkeit, mit der er seinen Pflichten oblag, hatten mit dem Laufe der Zeit ein so übervolle« Maß an Sorge und Arbeit auf ihn gebürdet, daß ein Stündchen zu seiner Erholung nur selten übrig war. .6r besaß eine Villa, von üppigen Parkanlagen umgeben, ein paar Minuten abwärts von St. Cloud, die zu jenen Stunden seine Zuflucht, überhaupt sein bevorzugter Aufenthalt war.
Jacques Martine!, seine gesellschaftliche Position betreffend, war ein so beliebter, wie gewinnender Mann. Er zählte fünfzig Jahre; doch die Artig- feit, mit welcher er der Welt entgegentrat, mel- leicht auch der Umstand, daß er mit der Tochter eines ersten Notabeln der Stadt vermählt gewesen, hatte ihn noch jetzt, nach dem vor Jahren erfolgten Tode seiner Gattin, zu einem der gesuchtesten Kavaliere gemacht. So durste e« ihn auch nicht erstaunen, daß er, al« die unter den Honoratioren der Umgebung in Aussicht genommenen kstes ihren Anfang nahmen, mit Einladungen und Besuchen aller Art überlaufen ward; man sandte Boten und meldete fich auf seinem Bureau oder in seiner Stadtwohnung, wo er den Tag zuzubringen gewohnt war, und traf man ihn dort nicht, so wußte man, daß er an Sonn- uno Festtagen un- abweislich in seiner Villa zu finden war.
An einem jener wonnigen Herbstabende war e«