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1888

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Dienstag, den 3. Januar.

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Jahres-Rundschau.*)

i.

Das Jahr 1887 war ein ungemein bewegtes, reich an Ereignissen wie an Sorgen und Be­fürchtungen. Unruhe und Unsicherheit auf allen Gebieten ist der Grundzug dessen, was es ent­wickelt oder vorbereitet hat. Darum ist die Er­innerung an das Meiste von dem, was sich während seines Verlaufes abspielte, nicht freuden­voll und der Ausblick in die nächste Zukunft nicht besonders hoffnungsvoll. Fürsten und Völker können nicht ungestört der Gegenwart sich freuen und sind mehr oder weniger von Bangen erfüllt ob der Dinge, welche die Zunkunft bringen kann.

Das Centrum der politischen Welt bildet das neue deutsche Reich. Wir handeln also nicht bloß patriotisch, sondern rein sachlich, wenn wir bei unserer Jahresrundschau zuerst bei ihm ver­weilen. Siebzehn ereignißreiche Jahre sind seit feiner Gründung vorUderZrgangrn, aber keine» davon war so ereignißreich, wie das Jahr 1887. In keinem anderen wgx man genöthigt, so un­unterbrochen und so allgemein mit gespannter Aufmerksamkeit den Gang der Dinge zu verfolgen und die Entwicklung neuer Verhältniffe zu beo­bachten, wie im Jahre 1887. Dem Volke wie seinen Fürsten hat es Freude gebracht, doch mehr noch Sorge, und kaum eine Freude war unge­trübt.

Für den hochbetagten Kaiser hat es mit einem Jubiläum seltener Art begonnen; 80 Jahre zu­vor war er unter die Offiziere der preußischen Armee eingereiht worden; wenige Monate nachher war es ihm vergönnt, seinen 91. Geburtstag zu feiern. In die Freude ob dieser seltenen Feste fielen aber auch bittere Wermuthstropfen. Vier­mal im Laufe des Jahres ist der Kaiser selbst von ernstem Unwohlsein befallen worden, obwohl mit peinlichster Sorgfalt Alles fern zu halten ge­sucht wird, was irgendwie Gefahr bringen könnte. Und die schwerste Sorge bereitete das bedenkliche Halsleiden der Kronprinzen, welches das ganze Jahr hindurch gedauert hat, in den ersten Monaten dem größeren Publikum unbekannt ge­blieben war, dann aber nicht bloß die kaiserliche Familie, sondern das ganze deutsche Volk mit banger Sorge erfüllte. Den größeren Theil des Jahres hat der hohe Kranke außerhalb seiner Heimath verbracht, zuerst in England, dann in Toblach in Oesterreich, und nun seit geraumer Zeit in San Remo in Italien weilend. ' Längere Zeit hindurch war man ziemlich hoffnungslos, in­dem allgemein geglaubt wurde, das Leiden bestehe in Krebs des Kehlkopfes. Ganz unverblümt wurde öffentlich davon gesprochen, daß keine Hoffnung sei, ihn zur Regierung kommen zu sehen, und man las in der Preffe Erörterungen seiner Stell­vertretung. Wie in der letzten Zeit bekannt ge­worden ist, wurde ihm selbst nahe gelegt, auf seine Rechte als Erbe des kaiserlichen und königlichen Thrones zu verzichten. Er hat es indeffsn abge- Uhnt und hält zuversichtlich an der Hoffnung fest, gegebenen Falls die Regentenpflichten erfüllen zu

*) Nachdruck verboten.

können. Auch die Aerzte sind in ihrem Urtheil über Natur und Wesen des Uebels wankend ge­worden und haben wieder einige Hoffnung auf Hebung des UebelS. Dementsprechend ist auch die Stimmung im kaiserlichen Hause wie im deutschen Volke wieder hoffnnngsvoller, obwohl die bange Sorge auch in's neue Jahr hinübergeht.

Auf dem Gebiete der äußeren Politik war das Jahr 1887 für Deutschland ganz besonders ereignißreich. Es erzählt uns, wie der Kaiser vor Allem mit dem Kaiser von Oesterreich eine Be­gegnung hatte, die das Frsundschaftsbündniß zwischen den beiden Kaiserstaaten der übrigen Welt auf's Neue bestätigte; es erzählt uns ferner, wie der Kaiser von Rußland nach Berlin kam, nach­dem man zuerst gehört hatte, die getrübten Be­ziehungen zwischen Berlin und St. Petersburg ließen eine Zusammenkunft der beiden nordischen Kaiser nicht zu Stande kommen, und dann wieder mit aller Bestimmtheit versichert worden war, unser Kaiser würde in Stettin mit dem Kaiser von Rußland zusammentreffen; endlich erzählt es uns auch von einer vielbesprochenen Reise des italienischen Ministerpräsidenten Crispi zum Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh. Das deutsch- österreichisch-italienische Bündniß ist ein Hauptereigniß des Jahres 1887 — auf poli­tischem Gebiete. Die alten freundlichen Be­ziehungen zu Rußland haben sich nich" erneuert. Zeitweise waren sie sogar äußerst gespannt; in der beiderseitigen Preffe wenigstens wurde wiederholt gegenseitig eine Sprache geführt, wie unmittelbar vor einem Kriege. Daß auch die Regierungen dem Zeitungskriege nicht durchaus ferne stanken, bewies der rücksichtslose Feldzug gegen die russischen Werthpapiere. Fürst Bismarck hatte zwar eine längere Unterredung mit dem Kaiser von Ruß­land, wobei er ihn über seine Politik zu beruhigen suchte und ihm den Nachweis lieferte, daß er, der Kaiser, in dieser Beziehung getäuscht worden sei, allein das gegenseitige Mißtrauen ist nicht ge­wichen. Es kann auch nicht weichen, so lange Deutschland mit Oesterreich befreundet ist, also unmittelbar Rußland hindert, seine Eroberungs­politik im Südosten Europas auf Oesterreichs Kosten fortzusetzsn und zu vollenden.

Auch zum westlichen Nachbar Frankreich waren die Beziehungen das Jahr hindurch vorwiegend gespannt. Es bedurfte der ausgesprochenen Friedens­liebe und der imponirenden Ruhe und überlegenen Klugheit der deutschen Diplomatie, um den Aus­bruch offener Feindseligkeiten zu verhüten. Die wiederholten Landesverrathsprozeffe, wie auch die Affäre Schnäbele lieferten Belege für das Vor­handensein eines höchst bedenklichen Spioniersystemr der französischen Regierung, das wohl dazu an- gethan war, einen so starken und wohlgerüsteten Nachbar zum Kriege zu reizen, wenn er minder friedlich war, als das deutsche Reich. Allein in all' diesen Fällen, wie auch in den minder wich­tigen mit Schnäbele Sohn, den deutschen Fabri­kanten tu Nancy, den französischen Eisenbahn­beamten in Deutsch-Avricourt und den franzö­sischen Jägern, die von einem deutschen Jagdauf­seher angeschossen wurden, hat die deutsche Diplo­matie ihre große Friedensliebe bekundet. Allein sehr große Mißstimmung gegen Frankreich und eine Masse Zündstoff zum Ausbruch offener Feind­seligkeiten läßt das Jahr 1887 zurück.

Gegen das kleine Dänemark herrschte eine Zeit lang eine sehr gereizte Stimmung in Berlin. Die intimen Verwandtschaftöverhältnifle zum russischen Hofe und die neugeknüpften Familienbeziehungen zur Familie Orleans mögen Stoff und Anlaß ge­liefert haben. Fürst Bismanck war noch nie gut zu sprechen auf die Familie Orleans, und die

Geschichte der Wiederbesetzang des bulgarischen Fürstenthrones hat ihn auf's Neue gereizt und nachhaltig mißstimmt. Die „Enthüllungen", mit denen er den Kaiser von Rußland von der Un­eigennützigkeit seiner Politik zu überzeugen suchte, kehrten ihre Spitze vor Allem gegen die orleani- stischen Verwandten des Fürsten Ferdinand von Bulgarien.

Auch über Europa hinaus hat sich die Macht und der Einfluß des jungen deutschen Reiches be­merkbar gemalt, so namentlich in Afrika. Mit England und Portugal hat es Verträge über die Theilung weiter Länderstrecken abgeschlossen und die Freundschaft des Sultans von Sansibar sich gesichert. Begehrliche Freunde der deutschen Kolonial­politik waren zwar sehr unzufrieden, weil sie meinten, England sei zu viel zugestanden worden. Indessen hat gerade das Jahr 1887 zu einer ge­wissen Zurückhaltung und vorsichtigen Genügsam­keit in dieser Beziehung gemahnt und keineswegs die günstigsten Erfolge zu Tage gefördert. In Kamerun hat sich widerspenstigen Häuptlingen gegenüber der starke Arm Deutschlands mit Er­folg fühlbar gemacht, ebenso auf Samoa gegen­über dem sog. Könige Mcrlietoa. Die ungemein erstarkte deutsche Flotte hat dem deutschen Namen überall Ehre gemacht und sein Ansehen befestigt. Auf den riesigen Fortschritt derselben weist die Erbauung des Nordostseekanales hin. Vor nicht so langer Zeit noch hielt man dieses große Werk für unausführbar. Das Jahr 1887 hat seinen Beginn gesehen.

(Fortsetzung folgt.)

* Das Rundschreiben des hl. Vaters Leo XIII. an die Erzbischöfe

und Bischöfe Bayerns

wird bereits von den größeren katholischen Blättern Deutschlands veröffentlicht. Wir lassen einen Aus­zug dieser Encyclika „Officio sanctissimo“, welche einen Strich durch die bekannte vielfach angefoch­tene Behauptung des „katholischen" Ministers Lutz über die „volle Befriedigung" des Papstes mit den bayerischen Verhältnissen macht, hier folgen:

Der hl. Vater erinnert in der Einleitung an die Fort­schritte, welche die religiöse Freiheit in Preußen gemacht, indem er konstatirt, daß die Lage der katholischen Kirche sich einigermaßen (aliquauto melius) gebessert habe. Obwohl man nun freilich die kirchlichen Verhältnisse in Bayern nicht mit jenen Preußens vergleichen könne, so hält der hl. Vater es doch für wünschenswerth, daß die Freiheit der katholischen Kirche in Bayern der noch be­stehenden Fesseln entledigt werde. Sodann entwirft Leo XIII. ein historisches Bild der kirchlichen Verhältnisse Bayerns seit den ersten Zeiten des Christenthums bis zum Breve Pius IX. vom 21. Februar 1851: Nihil no- bis gratius. Er erinnert an die ruhmreichen Zeiten der bayerischen Geschichte, auf welchen die Kirche an erster Stelle verzeichnet steht, beklagt aber bitter, daß in den letzten Zeiten die Kirche schweren Prüfungen ausgesetzt war, und leitet daraus für die Bischöfe die Pflicht ab, ihre Thätigkeit, Wachsamkeit und Klugbeit zu verdoppeln. An erster Stelle sollen die Oberhirten sich bemühen, dem Klerus eine entschieden kirchliche Erziehung und wissen­schaftliche Ausbildung zur Grundlage zu geben. Er be­spricht an der Hand der Beschlüsse des Concils von Trient eingehend die Frage der Seminare und des Rechtes der Bischöfe, frei einen tüchtigen und heiligmäßigen Klerus heranzubilden, denn der Klerus sei berufen, die ganze Wahrheit in der Welt zu verbreiten. — Leo XIII. weist hin auf die wunderbare innere Harmonie zwischen dem Glauben und der Vernunft, eine Harmonie, die ihren vollsten Ausdruck in dem Werke De civitate Dei vom hl. Augustinus und in der Summa theologica des heil. Thomas von Aguin findet. Der Klerus müsse gerade in unseren Tagen im Stande sein, die modernen Jrrthümer: den Materialismus, den Rationalismus und Naturalismus, zu widerlegen. Deßhalb soll er mit Eifer und Erfolg die Werke des hl. Thomas studiren, dieses englischen Lehrers, der in der großen christlichen Philosophie einen hervor­ragenden Platz einnimmt. Nächst der Wissenschaft fordert der hl. Vater, daß der Klerus vor allem sich der Tugend