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ontag, den 2. Januar

1888

Jtilnng

Memoiren eines starken Rauchers.

O glückliche Zeit, da ich meinem Vater d e erste Cigarre stahl und mich mit ihr und mit meinen Kameraden ins Heimliche zurückzog, um zu rauchen! — Oft schon hatten mir dünne Rohrftücke an einem Ende angezündet und den Qualm des glimmenden Holzes vom andern Ende her eingesogen, einmal hatte Doktors Franz eine hölzerne Pfeife erwischt, die wir mit trockenem Eichen­laub füllten, ein andermal hatte Müllers Otto ein Häuf­chen Tabak ergattert, welches wir mit dem Papier unserer Schulhefte zu Cigaretten verarbeiteten — das waren nur Surrogate gewesen und das Papier verbrannte uns die Nasen; jetzt hatte ich eine wirkliche, solide Cigarre, jetzt war es ein Hochgenuß! Neben der Dorfkirche lag, im Hintergründe des ehemaligen Kirchhofes, ein leeres Ge- "öude, halb Schuppen, halb Spritzenhaus, da hockten wir mer, meine beiden besten Freunde, ich selbst und Meiers Marie, die aus besonderer Gunst bei dem Feste zuge- lafsen wurde, nur als Publikum natürlich, nicht als han­delnde Person und gegen feierliches Gelöbniß, Niemanden zu verrathen. Also begann es; wir hielten eine Berath- >mg, wie die Cigarre abzuschneiden sei, ob gerade oder Ichief; die Meinungen waren getheilt, aber ich entschied den Streit kategorisch: „mein Vater schneidet sie immer Ichief ab" — ich habe die Gewohnheit beibehalten bis auf den heutigen Tag. Feierlich wurde angezündet und die ^erhenfolge festgestellt; ich als Besitzer hatte das erste

Otto das zweite, Franz das dritte. Ich rauchte ’ »f,e zieht vortrefflich", sprach ich, und es dampfte li1®; T^r Geschmack war weniger angenehm, als ich • ’atte' uni) wurde bald wirklich bitter, ich mag S?’1. em etwas merkwürdiges Gesicht gemacht haben, denn i i9t®: schmeckt sie dir nicht mehr? „Ausgezeichnet", ntwortete ich, und spuckte. Bist du bald fertig? hieß es >

es nicht lange, so lag auch er im Grase; Franz war ver­schwunden und Mariechen bot uns an, Wasser zu holen; wir lehnten unwirsch ab, und fie sprang davon. Eine halbe Stunde unsäglichen Elends folgte; dann richteten wir uns mühsam auf und schlichen nach Hause. Ich höre noch den Schreckensruf, mit dem mich meine Mutter em­pfing: „Junge, wie siehst du aus, was hast du?" — Ein Würgen war die Antwort. — „Lisette, holen Sie schnell den Doktor!" Da klingelte es an der HauSthür und herein trat der Arzt. „Ach Gott, ich wollte Sie grade rufen lasten." „Ich konnte mirs denken," lachte der dicke Herr, „deswegen komme ich im Vorbeigehen herein. Machen Sie sich keine Sorge, die Jungen haben geraucht; meine Pflanze war auch dabei, daher weiß ichs; geben Sie dem Bengel Master zu trinken, wenn er noch vomiren will, und lasten Sie ihn ausschlafen, wenn er fertig ist, das ist alles." Ein Blick meiner Mutter voll­endete meine moralische Vernichtung, dann wurde ich ins Bett geschafft.

Nicht immer waren meine jugendlichen Rauchoersuche von so abschreckenden Folgen begleitet, aber es dauerte doch ziemlich lange, ehe ich die stolze Behauptung mit vollem Recht aufstellen konnte: „ich vertrage eine Cigarre"; ganz habe ich die edle Kunst des Dampfentwickelns erst beim Militär gelernt, und selbst da war mir der Tabak mehr ein Gebot kameradschaftlicher Convenienz als ein Genuß.

Das letztere entwickelte sich erst, als ich in die ge­setzter» Jahre kam, meine geschäftliche Bethätigung auf ein anstrengungsloses Mnimum beschränken und meinen Liebhabereien leben konnte. Da kam ich auf den Stand­punkt, wo ich mir nach dem Waschen eine Pfeife anzündete, ehe ich meine Weste anzog, und wo ich lieber das Abend- effen entbehrt hätte als die Abendcigarre. Duftig um­ringelten mich die blauen Wolken den Tag über, es machte

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* Ueber die Papftfeier und die kirchenpolitische Lage in Preußen bringt die ,Schief. Vztg.' in einem Rückblick auf die weltlichen Festveranstaltungen der deutschen Städte einige Betrachtungen, die besondere Beachtung verdienen und deshalb auch hier eine Stelle finden mögen. Das genannte Blatt schreibt u. a.:

In den Blschofsstädten ergriffen bet den Fest­versammlungen oder Festmahlen neben berufenen weltlichen R.dnern fast Überall auch die Bischöfe zu zündenden Ansprachen das Wort, so die Bischöfe von Breslau, Köln, Mainz und Trier, während der Bischof von Paderborn durch Krankheit ver­hindert war. Vielfach wurden in den Reden und Trinksprüchen neben dem Jubilar und „Friedens­papste" zugleich auch dec Kaiser, dessen Mit­wirken das kirchenpolitische Fciedenswerk ermöglichte, gefeiert. Bei anderen gedachte man zugleich des leidenden K r o n p r i n z e n, an den man Glückwunsch­telegramme absendete. Besonders hervorzuhsben ist das überall sich bekundende volle Verständnis für die beklagenswerthe und auf die Dauer unhalt- bare Lage des Heiligen Stuhles in dem von der Revolution annektirten Rom und die Dank­barkeit für die Verdienste Leo XIII. um die Anbahnung des kirchenpolitischen Friedens in unserem Vater lande, verbunden jedoch mit der ausgesprochenen Ueberzeugung, daß uns noch vieles zur Erreichung hes von dem Jubelgreise her^eigcfehnten „vollkom- menen Friedens" f ehlt. Daher wurde in den bei den Festvsrsammlungen gefaßten Resolutionen und in den nach Rom gesandten Huldigungstele­grammen überall neben den Gefühlen der Liebe, des Dankes und des Gehorsams gegen den Heiligen Vater noch besonders der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß die dem Heiligen Stuhl in Rom bereitete Lage unhaltbar sei, und daran die Ver­sicherung inbrünstigen Gebetes um Wiedergewinn­ung der der Kirche zu unrecht entrissenen Rechte geknüpft. Die in Rom triumphirende Revolution mag über diese Protests der katholischen Welt zur Zeit lachen; aber sie kann daraus och die Ueber­zeugung nehmen, daß die 250 Millionen Katholiken des Erdballes den Raub nicht sanktioniren und dasGeraubte bei günstigerLage zurückfordern werden.

Freudig und dankbar ist anzuerkennen, daß sich

„noch ein Stückchen," sagte ich, und spuckte. Ich hatte einen merkwürdigen Widerwillen gegen das Sprechen. Harrend standen die beiden anderen, mir schien es eine Ewigkeit, aber ich rauchte tapfer weiter; endlich sagte Otto: „Du bist jetzt fertig." Schweigend reichte ich ihm das corpus delicti und spuckte. Nicht lange dauerte es, so hörte ich Mariechen wieder sagen: „Dir scheint sie auch nicht zu schmecken, du siehst auch so aus —" Er ant­wortete stolz: „Die Cigarre ist sehr gut", und spuckte. Viel weiter aber reichte meine Beobachtung nicht mehr; eine immer größere Sehnsucht bemächtigte sich meiner, abseits zu sitzen und nichts andes zu thun, als den Mund offen zu halten — ich ging hinaus, nahm auf einem Maulwurfshaufen Platz und legte den Kopf zwischen die Hände, es flimmerte etwas, ich weiß nicht recht ob in meinem Schädel oder vor meinen Augen, eine greuliche Uebelkeit stieg in mir auf, der kalte Schweiß brach aus — die Explosion begann. Als ich mit der ersten Serie zu Ende war, kam Franz aus der Thür, stolpernd und bleich; er verschwand hinter einer Ecke des Gebäudes, ich raffte mich zusammen und trat wieder hinein. Da stand Otto, im Munde die schon stark zerkaute Cigarre und hohnlachte: „Ha, ihr könnt nicht rauchen", Mariechen aber schaute achtungsvoll zu ihm auf, wie er dampfte. Unter anderen Umständen hätte mich seine Ueberlegenheit zur heftigsten Gegenbewerbung herausgefordert, ich wollte ihm schon die Cigarre abnehmen, um zu zeigen, daß ichs doch könnte, aber der bloße Geruch des Rauches kehrte mir den Magen auf's neue um — ich zog mich wieder in’S Freie zurück und gab die zweite Serie heraus. Es war mir, als müßten meine Füße unter mir einbrechen, ich legte mich ins Gras, nicht weil es mich erleichterte, sondern weil ich nicht anders konnte. Nicht lange dauerte es, so erschien auch Otto, den Stummel noch zischen den Zähnen, aber expectorativ gestimmt, und wieder dauerte

vielfach, namentlich in Schlesien, auch die städtischen und staatlichen Behörden an der Feier betheiligten, und an mehreren Orten Andersgläubige sich auch von der Illumination nicht ausschlossen. Wir forschen nicht nach den Motiven, welche hier stellenweise zu Grunde gelegen haben mögen, sondern verzeichnen die Thatsachen als ebenso viele der Person des Heiligen Vaters, dem Papstthum und der Kirche erwiesene Huldigungen. Der konfessionelle Frieden kann davon nur eine Förder­ung erwarten.

Von den nicht katholischen Zeitungen haben sogar einige recht freundlich klingende Festartikel geliefert. Das ist gewiß recht hübsch. Aber täuschen lassen wir uns denn doch nicht, wenn z. B. die .Post' nicht Worte genug finden kann, um Leo XIII, zu loben. Die Freude über diese angeblichs Ehrenbezeigung gegenüber dem Ober­haupte unserer Kirche wird nicht wenig gedämpft, wenn man den Inhalt dieser Artikel genauer prüft und findet, daß der alte Kulturkampf- Geist hinter der „friedlichen" Maske steckt. Es ist doch eine sonderbare Art der Theilnahme an einem katholischen Feste, wenn ein Blatt aus­rechnet, wie sehr die neue kirchenpolitische Gesetz­gebung die Rechte des Staates auf dem kirchen­politischen Gebiete wahre, oder wenn die ,Post' sich anmaßt, den Papst als Gönner des Kampfes gegen die polnische Rationalität ut Anspruch zu nehmen. Wenn das Blatt „D-, j.-i

Unterstützung oes Pe lonismus durch die katholische Hierarchie ein Ziel gesetzt ist, wird als eine der erfreulichsten Früchte desselben anzusehen sein. In der Kooperation des Priest er- thums mit dem Polenthum lag das schwerste Hinderniß für die erfolgreiche Verlheidignng des Deutschthums in unseren Ostmarken. Von Ledo- chowski zu Dinder ist ein überaus erfreulicher Fortschritt nach der Richtung der Abänderung derselben zu verzeichnen" — so heißt das aus dem Jargon der ,Post' in verständliches Deutsch übersetzt: „Der Papst hat die polnischen Katholiken der preußischen Regierung schutzlos ausgeliefert, verkauft!" Gegen eine derartige kulturkämpferischs Auslegung der versöhnlichen Schritte des Papstes muß denn doch entschieden Einspruch erhoben werden.

, ES wird nach den festlichen Tagen noch Zeit sein, auf Einzelheiten dieser Act zurückzukommen. Aber in der Hauptsache muß sofort der Protest erneuert werden gegenüber der durch alle akatho- lischen Festartikel laufenden Entstellung der That­sachen, als ob der Kulturkampf in Preußen jetzt voll und ganz beendigt und die kirchenpolitische Gesetzgebung in ihrer jetzigen Gestalt endgültig als dauernde Grundlage des kirchlichen Friedens vom Papste angenommen worden sei.

Das ist eine grobe Entstellung des Thatbe- standes, welche eine sehr schlimme Absicht verräth. Wenn man auf jener Seite sich jetzt -den Anschein gibt, als ob man für das Oberhaupt unserer Kirche eine große Ehrerbietung empfinde, dann sollte man doch nicht den feierlichen Erklärungen und Bedingungen, welche Leo XIII. bei Abschluß der letzten kirchenpolitischen Vereinigungen kundgegeben hat, im selben Athemzuge Hohn sprechen.

Wenn die Gegner nicht müde werden, vom „Abschluß" der kirchenpolitischen Revision zu reden, dann wollen wir auch nicht Nachlassen in dem H nweis darauf, daß der Heilige Vater das letzte Gesetz bloß als „Zugang" zum Frieden acceptirt hat, daß er noch eine „abschließende" Revision gefordert und daß er insbesondere noch eine Vereinbarung über Fjorm und Wirkung des Einspruchs­rechtes ui Aussicht gestellt hat. Diese Erklärungen des Heftigen Vaters sino nichi erwa bloß einseitige Wünsche oder Forderungen, sondern fie find Be­dingungen, welche den Staat verpflichten, da er die kirchliche Gegenleistung für die künftige Erfüllung dieser Bedingungen schon in Empfang genommen hat. Wenn der Staat sich nicht ver­pflichtet hätte, die Mängel des bisherigen Reoistons- werkes noch durch eine weitere Vereinbarung und ein weiteres Gesetz zu heben, und eine befriedigende abschließende Revision noch zu schaffen, so wäre das letzte kirchenpolitische Gesetz nicht mit Hilfe der entscheidenden CentrumSstimmen zu stände gekommen, und die Leistung der Anzeige wäre von der Kirche nicht zugestanden worden.

Man hört nichts mehr von den Verhandlungen, welche laut dem Schreiben, des Heiligen Vaters an den Erzbischof von Köln dem Abschluß nahe