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M 300

Sonnabend, den 31. Dezember.

1887

fnliim W Jeitiig.

Die Fuldaer, Zeitung' erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher SbonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochmbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf, Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Zweites Blatt.

& Glückwünsche.

Eine Neujahrsplauderei.

Schneeflocken und Glückwünsche erfüllen jetzt die Welt. E» gibt Leute, welche die Glückwünsche ver­wünschen und es g;bt andere, welche mit Leiden­schaft diese Schlagsahne der Höflichkeit genießen. Wenn ein vielbeschäftigter Mann am Neujahr«- morgen einige hundert Briefchen durchfliegen muß, in denen nichts anderes steht, was nicht längst als selbstverständlich ihm bekannt ist, so kann man ihm etwa» Unmuth nicht verargen. Um so weniger, äl« sich am Neujahrsmorgen die meisten Menschen in einer besonderen Disposition zur Ungeduld be- k finden, was wiederum die Folge der flüssigen Neujahrsgratulationen sein soll.

Man hat zur Ablösung der NeujahrSgratulations» pflicht ein umständliches Verfahren ersonnen, als ob es sich um die rechtschaffene Beseitigung einer Grundlast handele: öffentliche Maffen-Erklärungen nebst Zahlung einer Loskauf-Summe für wohl- thätige Zwecke. Man könnte das Maffeninferat praktischer so fassen: „Die Unterzeichneten erklären ein für alle Mal, daß sie allen ihren Freunoen und Bekannten nicht bloß zu Neujahr sondern immer und allerwege möglichst viel Gutes wünschen und sie nehmen an, daß das auf Gegenseitigkeit L ^DekUyi. Deßhall» braucht bloß deajerüge sich bei Mühe der schriftlichen Benachrichtigung zu unter­ziehen, der ihnen keinen Neujahrswunsch zukom­men lassen will. (Folgen die 'Unterschriften.)" Welch' eine Erleichterung für die Postboten, wenn bloß die Unglückswünscher sie in Anspruch nähmen! Nicht, als ob es deren nicht genug gäbe; aber sie hüllen sich meist in Schweigen. Verwandt mit den Unglückswünschern sind die Absender von satirischen Neujahrs-Karten. In

Take the pledge!

Eine lehrreiche Geschichte von H. L.

(Schluß.)

Leider währte das schöne Verhältniß nicht lange. Kurz nach Weihnachten klagte der Verwalter nach einer kleinen Reise, die er gemacht hatte, daß es ihm schrecklich kalt sei. Auf Eugen's dringende Bitte legte er sich frühzeitig zu Belt, und Eugen ließ sofort den Arzt aus dem nahen Städtchen kommen. Nachdem dieser den Kranken untersucht hatte, gab er die beruhigende Versicherung, daß von einer besondern Krankheit keine Rede sei; in ein paar Tagen würde sich die Sache wieder machen. Nichtsdestoweniger li.ß Eugen cs sich nicht nehmen, die Nacht hindurch in der Nähe des Verwalters zu wachen.

Am andern Morgen sagte der alte Herr zu Eugen:

„Mein lieber Freund, der Doktor mag sagen, was er will, ich fühle, es geht zu Ende mit mir. Ich bin noch im Leben nicht krank gewesen, aber ich habe eine solche Schwäche in meinem ganzen Körper, daß ich es nicht überstehen kann. Lassen Sie anspannen, und bitten Sie den Pastor, daß er mir die Sterbesakramente spende."

Engen erschrak heftig bei dem Gedanken, schon bald vielleicht sich des biedern, wohlwollenden Grei­ses durch den Tod beraubt zu sehen, er wollte einige Einwendungen machen, aber der alte Herr blieb bei seiner Meinung. „Sterben müssen wir Alle," sagte er, „und ich fürchte mich nicht vor dem Tode. Wenn ich noch gerne länger leben wollte, so wäre es lediglich au« dem Grunde, um mich an Ihrem häuslichen Glücke zu freuen."

Umgeben von der sorglichen Pflege Eugen'» und

Freundeskreisen ist das „Uzen" und gegenseitige „Verulken" eine erfrischende Sitte. Nur muß man allzeit bedenken, daß beim Kitzeln die offenen Wunden geschont werden müssen. Im Allgemeinen empfiehlt sich für den freundschaftlichen Spott mehr der mündliche, als der schriftliche Verkehr. Wenn eine fröhliche, warme Stimme dir in neckischem Tone einen „Schafrkopf" oder dergleichen in's Ohr schallen läßt, so kann das angenehm sein, wie ein weicher Schneeball, der den Hut wackeln macht. Aber wenn dasselbe Wort in starren Buch­staben auf kaltem Papier vor dir liegt und liegen bleibt, dann gleicht es dem Schneeball, der zwischen Haut und Kragen rutscht und langsam das kältende Naß den Rücken entlang sendet. Bei mündlichen Neckereien weiß man die Zuhörerschaft mit in Rechnung zu ziehen; von dem geschriebenen oder gedruckten Ulk weiß Niemand, in welche Hände er fallen, zu welchen Mißverständnissen er Anlaß geben kann. Weg mit den Scherzen, die zu Schmerzen führen können. Entweder Glückwünsche in hergebrachter Form oder gar nichts! Wollen wir mit deutscher Gründlichkeit die Neujahrs- Glückwünsche eintheilen, so können wir allenfalls drei Klassen machen: 1) Glückwünsche mit offener Hand; 2) desgleichen mit offenem Munde; 3) desgleichen mit offenem Herzen. Die Klaffen 1 und 3 haben eine gewisse Berechtigung, Klasse 2 umfaßt die überflüssige Schaumschlägerei.

Ls ist in neuetet Zeit Mode-geworden, gegen das Trinkgeld^runwesen zu Felde zu ziehen. Trotz aller Anfeindungen wird das Trinkgeld be­stehen bleiben, weil er auf der menschlichen Ge­rn üthlichkeit und Eitelkeit beruht, welche bis zum jüngsten Tage ihm ein festes Fundament gewähren werden. E»-ist so schön, einem anstän» digen Mitmenschen mit Gönnermiene etwas in die Hand drücken zu können und dafür eine ergebene Verbeugung zu ernten. Man klagt nun, daß zu

seiner jungen Frau lebte der Verwalter, nachdem er versehen war, noch drei Tage ruhig und sanft, wie sein Leben gewesen war, schlummerte er ohne besonderen Todeskampf hinüber, von Engen und allen seinen Untergebenen heiß beweint, gleich als ob jeder seinen eigenen Vater verloren hätte. Kurz vor seinem Sterben hatte Eugen ihm gesagt: „Wenn der Tod Sie aus unserer Mitte fortnimmt, verliere ich in Ihnen meinen Schutzengel. Ihnen verdanke ich es, daß ich wieder auf dem Wege des Guten bin." Der nunmehr Verstorbene hatte ihm darauf die Hand gereicht und geantwortet: „Mein lieber Freund! Sie haben j tzt-einen noch bessern Schutzengel in Ihrer Frau, und hoffentlich werden sich nach un) nach noch mehrere kleine Schutzengel- chen um Sie herumstellen." Dabei lächelte er freundlich. Das waren die letzten zusammenhän­genden Worte gewesen, die er gesprochen.

Der Baron ließ es sich nicht nehmen, selbst zur Beerdigung seines alten treuen Beamten zu erschei­nen. Nach der Feier rief er Eugen und seine Frau bei Seite und eröffnete ihnen, daß der Verwalier schon vor längerer Zeit Eugen zu seinem Univer­salerben eingesetzt habe. Da« war ein Freund­schaftsbeweis d.s theueren Verstorbenen, an den die jungen Eheleute am w nigsten gedacht hatten. Als der Baron ihnen die ungefähre Höhe des Ka­pitals nannte, waren sie noch mehr überrascht. Die Fcau Eugen's aber sagte: „Dann werden wir ihm auf dem Kirchhofe ein Denkmal setzen, wie noch keines darauf steht: es muß ein würdiger Auieruck des dankbaren Andenkens sein, welches er in unserem Herzen hinterlassen hat."

„Gewiß," antwortete der Baron, „werden Sie ihm rin Kreuz auf's Grab setzen — aber vergessen Sie dabei nicht den schlichten und einfachen Sinn

Neujahr zu viele Trinkgeld-Schnorrer auf eiW mal kämen; trösten wir uns mit der Ecwägun^ daß die Sache noch viel schlimmer wäre, wenn die offenhändigen Leute sich auf die einzelnen Tage des Jahres vertheilten, denn dann würde die Ausgabe sich höher stellen al« jetzt, wo matt in Anbetracht der Menge zu dem niedrigsten Satze des üblichen Trinkgeldertarifes greift.

Zu der dritten Klasse, der herzlichen Neujahrs­gratulationen, rechne ich alle Kundgebungen einer innigeren Sympathie, welche so weit über das konventionelle Neujahrs-Compliment hinausgehen, wie ein kindlicher Morgenkuß über das „Guten Morgen" des Herrn Nachbarn. Wenn zwei alte, treue Freunde sich beim Glockenschlage 12 oder bei der Begegnung am anderen Morgen fest die Hände schütteln, so liegt, wie der Berliner sagt, „Musik darin", ganz einerlei, ob und in welcher Form sie ihre Gefühle aus­sprechen. Es ist eine Erneuerung des Freund- fchaftsvertrages, und das eine Jahr, von dem ge­rade die Rede ist, dient als Anhaltspunkt für die wehmüthige Erwägung, daß nur zu bald das letzte Jahr kommt und daß sie nichts B.fferes thun kön­nen, als sich den Rest des Lebens in herzlicher Freundschaft gegenseitig verschönern. Solche Glückwünsche, hinter welchen eine thatkräftige Liebe steckt, fisch den Banknoten zu vergleichen, für welche man jeden Augenblick baare» Gold einlösen kann. Die konoeuiioiielleu GlückMünfchr Nr. 2, wclchr bloß aus dem Munde kommen, ohne mit dem Her­zen in Berührung getreten zu sein, gleichen d-a scheinbaren Werthpapieren, welche man in der Gau­nersprache „Blüthen" nennt. Mit solchen Dinger­chen, welche zusammengeknifft wie ein Hundert­markschein aussehen, kann man Narren bethören und Kinder erfreuen, ein vernünftiger Mensch straft den hohlen Schein mit Mißachtung.

Damit kommen wir zur Lösung der Hauptfrage:

des Verstorbenen. Wollen Sie etwas mehr thun, so rathe ich Ihnen, das in anderer Weise zu be­werkstelligen, so daß auch die Armen und Verlas­senen dieser Gegend davon Nutzen haben. Ueber« legen Sie sich die Sache einmal von diesem Stand­punkte aus."

So geschah es denn auch. Einen ansehnlichen Theil der Erbschaft verwandte Eugen dazu, um eine Stiftung für alte und gebrechliche Leute de» Städtchens, der zugehörigen Dörfchen und Gehöfte zu machen, eine Stiftung, die den Namen de» treuen Verwalters trägt und hoffentlich noch lange Zeit hindurch Segen verbreiten wird.

Wir sind zum Schluffe angelangt. Eugen fährt fort, ein tüchtiger Mensch zu sein. Wie früher, steht er auch jetzt noch an der Spitze de» techni­schen Betriebes der sich immer mehr vergrößernden Holzmühle. Das kaufmännische Geschäft besorgt ein Nachfolger des alten Verwalters, der sich an Eugen's Haus in Freundschaft angeschloffen hat.

Es ist ein schönes, gemüthliches Verhältniß auf der Holzmühle. Enzen fühlt sich überglücklich, zu- mal er schon zw i der versprochenen „Schutzengel- chen" auf seinen Knieen schaukelt. Seine Schwie- geceltern wohnen jetzt auch bei ihm, und von Z it zu Zeit sieht er die Familie seines Schwagers, in dec ein kleiner Eugen den Mittelpunkt des allge­meinen Interesses bildet.

Manche unserer Leser kennen unfern Freund Eugen Pitsch, freilich unter andern, Namen und etwas anderen Vechältnlff.n. Auch diejenigen, die ihn nicht kennen, mögen gleichwohl aus feiner Ge­schichte zwei große Wahrheiten erfaßen: 1) Glück­lich kann nur sein, wer sich selbst beherrschen lernt; und 2) einen gefallenen Mitbruder wieder auf die Füße helfen, ist ein Werk höchsten Verdienste«.