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Sonnabend, den 24. Dezember.
1887
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Zweites Blatt.
Take the pledge!
Eine lehrreiche Geschichte von H. L.
6. Fortsetzung.
Diesem Vorschläge folgte Eugen. Er verpflichtete sich, nie Schnaps, Liqueur u. dgl. zu trinken, und bezüglich des Bieres und Weine» setzte er sich ein ganz bestimmtes Quantum fest, über das er nicht hinaus wollte.
Fügen wir hinzu, daß er trotz mancher Verlockungen und Spöttereien unvernünftiger Menschen diesem Entschlüsse treu geblieben ist.
Die erste Versuchung dieser Art trat an ihn heran, als int Herbste Herr Bavon von Schön-- born in jenen Waldungen eine große Jagd veranstaltete. Eine Anzahl fremder Gäste hatte sich eingefunden, und auf der Holzmühle, deren Betrieb so lange ruhte, ging e» lustig zu. Der Baron war selbst zugegen, und es machte den Herren schon viel Vergnügen, sich für die paar Tage der Jagd in dem für solche Zwecke viel zu engen Hauptgebäude einquartiren zu müssen. Um so besser war für Küche und Keller gesorgt. Der Oberförster und seine Forstgehilfen waren selbst- verständlich in Anspruch genommen. Außer den gemeinsamen Jagden und großen Treiben, bei denen die Arbeiter der Schneidemühle al» Treiber thätig waren, hatte jeder der Herren seine besonderen Wünsche. Der wollte auf dem Anstand einen Hirsch schießen, ein anderer einen Fuchs graben u. s. w. u. s. w. Auch Eugen mußte darum die Kenntnisse und Fertigkeiten seines früheren Be- rufes verwerthen und war sofort unter den Herren als zuverlässiger Jagdhelfer berühmt. Kein Wunder, denn er hatte mit Vorliebe die ganze Zeit hindurch jeden freien Augenblick im Walde zugebracht und kannte deßhalb alle Wildverhältnisse auf's Genaueste.
Am zweiten Tage kam der Baron zu ihm und rief ihn auf die Seite. Dort drückte er ihm herzlich die Hand und wünschte ihm Glück zu seiner vollständigen Besserung. Eugen dankte verlegen. Der Baron aber gab ihm zu erkennen, daß er jetzt wieder volle» Vertrauen zu ihm hege, und al» Beweis desselben ertheilte er ihm einen heiklen Auftrag.
Unter den Herren befand sich nämlich einer,- der al» leidenschaftlicher Jäger bekannt war, von dem man aber auch wußte, daß er ein unmäßiger Trinker sei. Mehr al» einmal hatte man ihn total betrunken au» dem Walde Heimtragen müssen. Besonders, wenn er auf dem Anstand war, trank er einen Schluck starken Cognac nach dem andern. Merkwürdig war nur, daß er in diesem Zustand immer noch bei seinem Schießen Glück hatte. Mit diesem Herrn sollte nun nach dem Auftrage de» Baron» Eugen auf den Anstand gehen, um einen Hirsch zu schießen. Ehe sie fortgingen, sagte der Herr zu ihm: „Mein lieber Eugen, wir wollen dafür sorgen, daß e» uns draußen nicht kalt wird. Hier nehmen Sie die [Flasche Cognac in ihren Jagdsack l"
Eugen antwortete: „Für mich brauchen Sie keinen Cognac mitzunehmen, denn ich werde keinen trinken."
„Nun", sprach der Herr, „dann nehmen Sie für sich diese Flasche Rothwein mit," und damit packte er ihm die beiden Flaschen in den Ranzen.
Eugen hatte, durch die Jagdfestlichkeiten veranlaßt, an diesem Tage schon da» Quantum Wein getrunken, über da» nicht hinauszugehen, er sich vorgenommen, und er faßte von Neuem den festen Entschluß, seinem Vorhaben treu zu bleiben.
Sie waren auf dem Anstand angekommen und mußten länger als sie geglaubt hatten, auf das Pafsiren des Hirsche» warten. Einige Stück kleineres Wild waren schon vorübergekommen, aber sie ließen dieselben laufen, um den erwarteten Hirsch durch den Schuß nicht zu verscheuchen.
Dem Herrn wurde die Zeit lang, er öffnete die Flasche Cognac und trank einen gehörigen Schluck daraus.
„Machen Sie Ihre Flasche auch auf," flüsterte er Eugen zu; „der Hirsch kann un« noch lange warten lassen."
Eugen winkte mit der Hand und horchte, als ob er etwas im Walde sich regen hörte. Nach wenigen Minuten trank der Herr wieder und forderte Eugen auf, auch feine Flasche zu öffnen. Eugen aber flüsterte ihm zu:
„Ich werde Ihnen nachher sagen, weßhalb ich jetzt nicht trinke. Uebrigens wird der Hirsch in einigen Augenblicken hier fein!"
Der Herr brummte etwas in den Bart hinein und trank wieder. Diese Scene wiederholte sich noch ein paar Mal, und schließlich wurde der Herr ganz ärgerlich, weil Eugen nicht trinken wollte.
Da Eugen bemerkte, daß der Cognac bereits seine Wirkung zu üben begann, antwortete er gar nicht mehr, gab aber um so mehr Acht auf jedes Geräusch, welches sich vernehmen ließ. Endlich nahm er das Nahen be» Hirsche» wahr. Er berührte leise die Hand de» Herrn und machte ihn auf da» Geräusch aufmerksam. Dieser richtete sich fertig ein, nachdem er seine offene Flasche vorsichtig auf .den Boden gestellt hatte. Eugen schmunzelte vergnügt, denn ein schlauer Einfall war" ihm plötzlich gekommen; indem er sich nämlich auch zum Schießen bereitete, stieß er wie unabsichlich leise die Flasche um, so daß der Cognac herauslief. Der Herr aber bemerkte dies nicht.
Nun trat der Hirsch', gefolgt von seiner Familie, majestätisch heraus und sah sich nach allen Seiten vornehm um. Aber nicht lange, ein donnernder Schuß — und da» schöne Thier stürzte mit einem großen Satze zu Boden. Die andern flohen.
Höchst erfreut eilte der glückliche Schütze mit Eugen auf den Hirsch zu. Die Kugel mußte ihm das Herz getroffen haben, denn er zuckte nicht mehr.
„Ein Kapitalschuß!" rief der Herr, „darauf nehmen wir aber einen gehörigen Schluck!" Er kehrte zu seiner Flasche zurück, fand dieselbe aber bi» auf wenige Tropfen leer da liegen.
„Donnerwetter," rief er Eugen zu, „jetzt habe ich meine Wasche umgestoßen, und sie ist total leer I"
Eugen rief zurück: „Sie können ja die Flasche Rothwein nehmen, ich habe noch nicht daraus getrunken!"
„Ach was," antwortete der Andere, „Rothwein! Ich mag keinen! Kommen Sie und lassen Sie uns nach der Mühle eilen, wir werden die andern Herren noch wach finden, und die Arbeiter können dann gleich den Hirsch bringen."
So geschah es denn auch. Die Jagdgesellschaft gratulirte dem siegreichen Helden, besonder« aber nahm der Baron mit Vergnügen wahr, daß derselbe ganz gegen seine Gewohnheit bei solchen Gelegenheiten nicht betrunken war.
Nun wurde erzählt, wie Alles gegangen sei, und als der Herr mittheilte, daß er seine Flasche Cognac umgestoßen, erhob sich ein schallendes Gelächter. Der Baron aber warf Eugen einen fragenden Blick zu, den dieser mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte.
„Euer Eugen," schloß der Erzähler, „ist zwar ein Wasserbruder, aber ein tüchtiger Jagdgenosse !"
„Nun, sagen Sie mir", frug der glückliche Jäger am andern Morgen Eugen, „warum wollten Sie im Walde gestern nicht» trinken?"
„Ich hatte für den Tag schon genug getrunken l" war die Antwort.
„Ach was!" entgegnete der Andere, „Sie waren vollständig nüchtern, und keine Spur von „Genug" an Ihnen wahrzunehmen I"
Kurz, er drängte so lange Eugen, bi» dieser ihm sagte, er habe früher die Leidenschaft de» Trinken» gehabt, jetzt trinke er überhaupt keinen Schnaps, und nie mehr al» eine bestimmte Anzahl Glas Wein oder Bier an demselben Tage.
„Und Sie können das durchsetzen, ohne daß e» Ihnen schwer fällt?"
„Es ist mir bis jetzt noch immer gelungen," antwortete Eugen ruhig.
„Na! hören Sie einmal, da habe ich doch Respekt vor Ihnen. Ich glaube nicht, daß ich mich so überwinden könnte. Wenn ich die Gelegenheit habe, muß ich trinken."
Eugen wagte es, zu erwidern:
„Das glauben Sie wohl selbst nicht. E» käme doch einfach auf die Probe an."
„Probieren? Freilich, das könnte ich! Will mal sehen, wie weit ich mich beherrschen kann. Ich will von nun an keinen Schnaps mehr mit auf die Jagd nehmen. Bin neugierig, wie lang ich es zwinge."
Während dieser Unterhaltung stand der Baron ungesehen von beiden in der Nähe, und hörte jedes Wort.
Nun trat er hervor, grüßte freundlich und sagte:
„Habe ich recht gehört, so haben Sie eben einen Entschluß gefaßt, den ich auf» Höchste billige. Wie oft sind Sie schon bei unfern Bekannten der Gegenstand liebloser Spöttereien nm Ihrer Schwäche willen gewesen! Alle Ihre wahren Freunde werden Sie herzlich beglückwünschen, wenn Sie Ihr Wort durchsetzen." -
Da erscholl auf einmal ein große» Geschrei von der Schneidemühle her und man hörte, wie sich die Räder in Bewegung setzten, obschon sie, wie wir wissen, für die Dauer der Jagdtage M gestellt waren.
Eugen, gefolgt von den beiden Herren, lief eilig in die Mühle hinein, um zu sehen, wa» e» gäbe.
(Fortsetzung, folgt.)
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