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M 293. Donnerstag, den 22. Dezember. 1887

Jtitnng.

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Die Fuldaer, Bettung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSpretS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., rnti der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 R. 70 Pf., auswärts 1 R. 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Ein römischer Jubiläumsbrief.

Auf der Katholikenversammlung zu Münster am 3. September 1885 citirte der hochwürdigste Herr Bischof Dr. Haffner in seinem herrlichen Vor­trage über die antichristlichen Ideen in Wiffen- schaft, Literatur und Presse bezüglich des Feuille­tons der »Frankfurter Zsttung', worin damals die Ueberfetzung eines Romans von Emile Zola erschienen war, den Ausspruch Freytags, der einen jener französischen Schandromane eine „permanente Verletzung der Schamhaftigkeit" genannt hat. Der hochwürdigste Herr fügte dann hinzu: „Das sicherste Mittel, das Gewissen zu ruiniren und mit dem Gewissen die Religion, ist eine solche Romanliteratur!"

Wir dürfen es uns zur Ehre rechnen, schreibt da» Mainzer Journal', dem wir diese treff­liche Abfertigung der .Franks. Ztg.' entnehmen, bereits in Nr. 14 unseres Jahrgangs 1880 dem damaligen „nichtigen und flüchtigen" Feuilleton­redakteur des „Weltblattes" ,Franks. Ztg.', Ferd. Groß, wirkungsvoll heimzeleuchtet zu haben. Bald darauf verschwand der Herr in der „Versenkung" und ging mit seiner „Ge streichigkeit" ins Ausland hausiren. Seitdem zeichnet Herr Johann Proelß als Feuilletonredakteur — der Haß gegen „Kreuz und Christenthum" ist jedoch „unter oem Strich" jenes Blattes der alte. Wir wüßten für diese Sorte von Feuilleton keine bessere Devise, als da» infernale Wort Göthe»:

„Meles kann ich ertragen, die meisten beschwerlichen Dinge Trag' ich mit duldendem Geist, wie ein Gott mir gebeut, Wenige sind mir doch wie Gift und Schlange zuwider, Mere: Rauch des Tabaks, Knoblauch, Wanze und Kreuz."

„Ueber dem Strich" finden sich im „Weltblatt" die politischen Artikel, worin ein ehemaliger Semi- uarist seine Kenntniß katholischer Dinge auskramt. Gar oft hat die Centrumrpreffe in seiner schnei­digen Feder wirksamen Succur» gefunden und viele Katholiken schwören auf seine Parole. Er wäre sonst undenkbar, wie der feuilletonistische Urbrei der .Franks. Ztg.' Jahr aus Jahr ein auch in katholische Familien Eingang finden könnte. Auf die .Franks. Ztg.' paßt eben, weil wir doch bei „Altvater" Göthe find, dessen Ausspruch über die persische Literatur, sie gleiche einem Gemüse­markt, wo neben app titlichen Sachen auch aller­hand Strunk und Kehricht herumfährt.

Take the pledge!

Eine lehrreiche Geschichte von H. L.

3. Fortsetzung

Anstatt im Dienste zu erscheinen, betrunken vor einer halbgeleerten Fische starken Weines zu liegen, und das am Vormittage! Die ganze Stadt sprach wochenlang davon, da» Verhältniß mit dem alten Notar, die Verlobung mit der Tochter, lösten sich selbstverständlich — und der unglückliche junge Mann war froh, in dem kleinen Landstädtchen noch eine Notariatsstelle zu finden. Aber er war doch ein gebrochener Mann; sein Ehrgefühl hatte einen mächtigen Stoß erfahren, und wenn er auch die Pflichten seine» Amte» noch immer erfüllte, so verscherzte er die öffentliche Achtung durch sein Privatleben in immer größerem Umfange.

Von einer entsprechenden Heiraih konnte keine Rede sein; wo er deshalb anklopfte, fand er ver­schlossene Thüren.

Zuletzt kam er immer mehr herunter, trank Schnaps und starb nach unsäglichen Schmerzen in den besten Jahren am Magenkrebs, indem er buch­stäblich verhungerte. Heute sollte er beerdigt werden, und die Verwandten stiegen bei der be­treffenden Station aus dem Zuge.

Zu diesen Betrachtungen regt uns dar neueste Feuilleton der Frankfurterin mit der Ueberschrift: „Römische Jubiläumsbriefe" an, deren erster in der Morgenausgabe vom 16. d. erschienen ist. Alle Souveräne der Welt huldigen dem Priester­greise auf dem päpstlichen Stuhle, die Presse aller Parteien und Nationen füllt ihre Spalten mit sympathischen Kundgebungen, selbst der liberalste, aufgeklärteste Gemeinderath der Welt, der Wiener, hat beschlossen, dem Papst Leo XIII. zum Jubi­läum seine Glückwünsche darzubringen! Und das Frankfurter Blatt? Es benutzt die Gelegenheit, sein Gift in ohnmächtiger Wuth „unter dem Strich" gegen den Heiligen Vater auszuspritzen, wovon unfern Lesern folgender Auszug einen schwachen Begriff geben mag:

„ .... Es scheint, als ob die Strahlen, die von d-r mit Diamanten besetzten Tiara ausgehen, im Verbleichen begriffen seien. Das Papstthum „zieht" nicht mehr so recht, so weit die römische Lokal-Aristokratie in Betracht kommt. Aber es fand sich doch gestern eine immerhin be­trächtliche Anzahl fescher Dandy's und alte und junger Prinzessinnen im Vatikan ein, um dem Pontifex Dasjenige darzubieten, was sie für sein goldenes Priesterfest ange­schafft oder mit eigener Hand angefertigt, gestrickt und ge- stickt hatten. Es gibt noch in aller Welt Nonnen und Prinzessinnen, die zu Ehren des Oberhauptes der heiligen Kirche stricken und sticken. Der Vatikan wird sich für einen Augenblick in eia Arsenal umwandeln, in dem von schöner Hand angefertigte Mitren, Meßgewänder und Pantoffeln zu einem großen Schatzlager der Kirche aufgehäuft dalie­gen. Der Unfehlbare versteht es, wie asketisch streng und diplomatisch nüchtern er sich auch mit seinen von heiliger Bläffe umflossenen Zügen darbietet, ritterlichen galanten Dank an schöne Frauen auszustatten, die sich für ihn und die Kirche ihre zagten Rosenfinger wund genäht, gestrickt und gestickt. Die Königin von Saba hat dem weisen Ju­denkönig nicht so viele Herrlichkeiten aus ihrem Zauber­lande mitgebracht, als sie vor ihm erschien, um seiner legendären Weisheit zu lauschen, wie gestern die Frauen aus der schwarzen (will sagen klerikalen) Aristokratie Roms, als sie vor Leo XIII. mit jungfräulich bebendem Herzen erschienen, um den apostolischen Segen aus dem Munde Desjenigen zu empfangen, der ihnen doppelt göttlich er­schien — göttlich, weil er unfehlbar, und göttlich, weil er, eine fast 40jährige S attengestalt, dem Tode nahe ist. Der päpstliche Adel Roms wird nicht viel mehr länger leben als dieser Papst. Der Pontifex ahnte gestern die kommenden Dinge, als er den getreuen blaublütigen Söh­nen und Töchtern Roms zuries: „Ihr, die ihr die Ehre habt, der römischen Aristokratie anzugehören, seid auf der Hut vor den Lockungen Derjenigen, die euch durch illu­sorische Versprechungen vom Papstihum abwendig zu machen suchen." Sprach's und wies hin auf die Ovationen, die der katholische Orbis terrarum ihm, dem Hochzeitshelden, bereitete. Da senkten sich zu Boden die schönen Augen der anwesenden Prinzessinnen; Fürstin Altieri, die Mar-

Eugen befand sich jetzt nur mehr mit einem Herrn in dem Koupö, der einige Stationen früher eingestiegen war und einen Theil des Ge­spräches über den verstorbenen Notar mit ange- hört hatte.

„Sehen Sie," so begann der Fremde die Unter­haltung, „von diesen Dingen kann ich aus eigener Erfahrung auch ein Lied singen. Ich bin kein studirter Mann, aber ich habe Viele» erlebt. Seit 18 Jahren bin ich in Amerika, in Cincinnati im Staate Ohio. Jetzt halte ich mich nur zur Ord­nung einer Erbschaft hier auf, und reise in ein paar Wochen wieder über'» Wasser zurück. Ih bin Schmied. Acht Jahre habe ich zuerst in Cincinnati in einer großen Gießerei gearbeitet — aber da wurde getrunken! Schnaps! und was für Schnaps? Pures G ft! War auch dran gekommen, Tag und Nacht immer in einem Dalel, meinte schließlich, es müßte so sein. Eine« Tages steigt ein Kamerad an den Mund des Gießofens, um nachzufüllen, hatte auch den Schnapsteufel im Leibe und — mir nichts, Dir nichts — stürzt er in die Gluth. Fanden nichts — nichts mehr von ihm, war vollständig verbrannt. Wie wir so da stehen und den Fall besprechen, klopft mir ein alter Mann auf die Schulter und sagt:

chesa Serlupi und manche andere fielen auf ihre Kniee' Der Pontifex segnete alsdann die fürstlichen Schafe Roms. Der Fürst Chigi brachte dem Papst einen kostbaren Becher und eine antike Säule dar; die Familie Patrizi erschien mit zwei herrlichen Sarkophagen. Vielleicht lernt Leo XIII. aus dem Becher Vergessenheit trinken, Vergeffenheit dessen, daß es je ein dominum temporale gegeben, ober er sargt das Prinzip der weltlichen Herrschaft in die Sarkophage ein! Lächelnd dankend nimmt der Pontifex alle diese Herr­lichkeiten entgegen. O ihr meine getreuen Kinder, gute Schafe, die mir der Genius meines Lebens aus dem Schiff­bruche der Seelen gerettet hat! Und der gottlose Sohn des piemontesischen Emporkömmlings, der im Quirinal thront, er ist noch immer nicht in sich gegangen? — er Bringt mir nicht die mir schnöde geraubte Roma? Der Pontifer flüstert's träumend vor sich hin, und mitten durch die Schaar der fürstlichen Schönen bricht sich ein Harlekin Bahn — sein Gewand ist aus allerlei papiemen Lappen, Fetzen von der konstantinischen Schenkungsurkunde, den isidorischen Dekretalen, den Encycliken Pius IX., Fetzen von dem großen Briefe Leo's XIII. an den Kardinal- Staatssekretär Rampolla, päpstlichen an die Nuntien ge­richteten Noten zusammengesetzt — er tritt hin vor den Unfehlbaren und schäkernd reicht er ihm auf kostbarem Teller ein großes Fragezeichen aus Goldpapier gefertigt dar und sagt: Die römische Frage! Eilig faltet der Un­fehlbare noch einmal seine Hände zum Segen — dann entschwebt er wie ein antiquirtes orientalisches Prinzip. Er zieht sich in seine Gemächer zurück und widmet, wie es einem großen Diplomaten geziemt, ein Stündchen weihevollen Gedenkens seinem Mitbruder in der Politik, dem eisernen Fürsten-Reichskanzler . . . ."

Eine größere Summe von Gefühlsroheit und Geschmacklosigkeit erinnern wir uns nicht, jemals in vier Spältchen Feuilleton gelesen zu haben. Wir sind nach dieser Leistung gespannt, wie der „römische Korrespondent" der Frankfurterin die Fäden weiter spinnt. — Man denke sich den blühenden Blödsinn: Ein „Greis", der sich bereit» in der Agonie befindet und der deßhalb „göttlich" erscheint. Einen „Arceten", der sich Vergessenheit im Weine trinkt, und mit „weltlichem Wohlge­fallen" alle die Kostbarkeiten betrachtet. Ein „anti­quirtes orientalisches Prinzip", da» seinem „Mit­bruder in der Politik, dem eisernen Fürsten-Reichs- kanzler, ein Stündlein weihevollen Gedenkens widmet." „Einen Harlekin", der in „Fetzen" einer altehrwürdigen, im Original untergegangenen Schenkungsurkunde und päpstliche Encyklcken ge­hüllt ist. Was soll sich der unglück.iche Feuilleton­leser der Frankfurterin bei solcher geistigen Morgen­kost anders denken, al»:

„Jrn Schatten kühler Denkungsart

Des Lebens Unverstand mit Wehrnuth zu genießen, Ist Tugend, ist Begriff, Verstand und Seligkeit!"

„„Jim," so hießm sie mich, „„alter Jim, va» nächste Mal ist die Reihe an Dir, bist auch einer von der Familie!""

„Aber Herr! ich sage Euch, da» schlug mir durch die Knochen. Ich sprach nichts, konnte nichts sprechen — aber als wir zur Schlafstelle gingen, winkte ich dem alten Manne zu mir und sagte:

„„Möchte gern vom Schnaps loskommen, was muß ich machen?""

„Er besah mich so von der Seile, hatte klare Augen, der Alte, und antwortete:

„„Nur ein Mittel: take the pledge! — will sagen, vor dem Richter freiwillig erklären, nie mehr irgend ein geistiges ® tränte trinken zu wollen! Das thun sie f> drüben.""

„„Well,"" sagte ich, „„gut, komm mit.""

„Und so hab' ich gethan! A'er der Kampf, den das die ersten acht Tage g kostet hrt: zuerst in mir, dann mit Den Krmeraven! Um m ch zu überwinden, trank ich Wasser, Wrsser und wieber Wasser, bis ich fast kem Wasser mehr sehen konnte — aber ich ließ nicht nach; ich schloß die Augen und ließ das Wasser die Kehle hinunter l rufen. Das half Denn endlich. Von den Kameraden be­kam ich auch Ruhe. Als mich am zweiten Tage