Dienstag, den 20. Dezember.
1887
13tihmg.
Muer
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. Dezember.
* Bei der am Sonnabend unter Vorsitz des Kaisers flattgefundenen militärischen Be- rathung, an der Prinz Wilhelm, Feldmarschall Graf Moltke, Kriegsminister Bronsart von Schel- lendoiff, Generalquartiermeister Graf Waldersee und General der Kavallerie von Albedyll theil- nahmen, soll es sich lediglich um die Widerlegung der in einem vom Chef des russischen Generalstabs General Obrutschew an den Zaren erstatteten Bericht über militärische Vorbereitungen Deutschlands gegen Rußland gemachten falschen Angaben gehandelt haben. Diese Angaben sind in den.Russischen Invaliden' übergegangen.
* Die Getreidezolivorlage hat nunmehr im Reichstage ihre Erledigung gefunden. Der Roggen- und Weizenzoll wurde auf 5 Mark, statt der geforderten 6 Mark, erhöht, die übrigen Zollerhöhungen wurden meist nach der Regierungsvorlage angenommen, die vorgeschlagene Sperrmaßregel dahin abgeschwächt , daß für Getreide, welches auf Grund nachweislich vor dem 26. November abgefchloflener Verträge eingeführl wird, bis zum 15. Januar 1888 nur der bisherige Zoll zu zahlen ist. Dieses Resultat ist dem Zentrum, bezw. der Taktik des Abgeordneten Dr. Windt- horst zu verdanken. Das Zentrum hatte es in der Hand, ob die Vorlage überhaupt abgelehnt, oder der geforderte höhere Zoll angenommen
Take the pledge!
Eine lehrreiche Geschichte von H. L.
1. Fortsetzung
2.
Eugen Pitsch stand vor dem Schwurgerichte. Die Verhandlungen brachten weiter nicht» Neues, als die Aussage des Baron», seine» Dienstherrn. Er erzählte Folgendes:
„Der verstorbene Vater und desgleichen der Großvater des Angeklagten find in unserer Familie als Forstaufseher angestellt gewesen. Grundsätzlich suchen wir die Kinder unserer Beamten, so weit möglich, auf unseren Befitzungen anzustellen, und deshalb mache ich mir schon frühzeitig Beobachtungen über deren Fähigkeiten und Charakter. Eugen hat sich von Kindheit an als zum Forstfach berufen bewiesen. Ein klares Auge, eine ruhige Hand machten ihn schon als jungen Menschen zum guten Schützen. Er trat bei den Jäger» ein, und ich konnte ihn dort seinem Hauptmanne, einem meiner Freunde, insoweit empfehlen, al» dieser mir versprach, auch über sein außerdienstliche» Verhalten ein wachsames Auge zu haben. Alle« ging gut. Er war bald einer der tüchtigsten Leute seiner Kompagnie und bei seinen Vorgesetzten höchst beliebt. Ungefähr ein halbes Jahr vor seinem Abgänge vom Militär traf ich mit
werden sollte. In seiner eigenen Mitte gingen die Ansichten auseinander; die einen forderten den hohen Zoll, die anderen waren gegen jede Zollerhöhung, ein dritter Theil war für eine mäßige Erhöhung. Diese drei Richtungen zu vereinigen, war gewiß keine Kleinigkeit; es ist aber doch gelungen und bis auf wenige Ausnahmen trat die Fraktion geschloffen für den ermäßigten Zollsatz ein. Naturgemäß wendet sich gegen das Zentrum sowohl der Zorn derjenigen Parteien, die gegen jeden Zoll sind, wie derjenigen, die einen höheren forderten. Am drolligsten ist das Benehmen der Parteien, mit deren Hilfe dem Zentrum die Durchsetzung seiner Vorschläge überhaupt erst ermöglicht wurde, der Freikonservativen und der Nationalliberalen. Diese „schämen sich", mit dem reichsfeindlichen Zentrum zusammengegangen zu sein, besonders der freikonservativen .Post' schlägt das Gewiffen ganz unheimlich. Sie suchen nun die Schuld auf die lieben Brüder rechts abzuwälzen. Hätten die Konservativen, sagt die ,Post', sich mit weniger begnügt, und nicht so blind auf dem „alles oder nichts" bestanden, so hätten wir das Zentrum nicht nöthig gehabt, wenigstens hätten wir uns mit einem Theile des Zentrum» begnügen können. Ueber die Bedeutung des Sieges, den die Taktik des Abgeordneten Dr. Windthorst errungen hat, denken wir vorläufig sehr nüchtern. Wir glauben auch, daß der Sieger selbst ihn am allerwenigsten überschätzt. Mag auch der Kartellverband wieder einmal versagt und das Zentrum fich der Regierung al« unentbehrlich erwiesen haben, eine Aenderung der Parteikonstellation und der Stellung der Negierung zu den Parteien ist davon nicht zu erwarten. Die Regierung wird gewiß nicht« dagegen einzuwenden haben, wenn ihr zwei Mehrheiten zur Verfügung stehen; die Verabschiedung der Kartellmehrheit wird aber erst dann erfolgen, wenn da« Zentrum sich zum Grundsätze machte, die Regierung nie in die Minorität gelangen zu lassen, sondern im Nothfalle ihr unter allen Umständen beizuspringen. Dahin kann e« aber naturgemäß nicht kommen, und so wird der politische Erfolg des Zentrums ein um so unbedeutenderer sein, als Dankbarkeit bekanntlich im politischen Leben, und zumal bei uns, nur eine untergeordnete Rolle spielt. — Daß mit den
seinem Hauptmanne zusammen und erkundigte mich nach ihm. Dieser antwortete, dienstlich sei alle« in Ordnung, aber e« komme ihm vor, al« ob Eugen in letzter Zeit nicht mit den rechten Käme- raden umgehe; er selbst wolle nicht etngreifen, aber ich möchte der Sache mal gelegentlich auf den Grund schauen.
„Diese Gelegenheit Bot sich mir bald darauf, al» ich durch einen Garnisonsort durchreiste. Ich ließ Eugen rufen und unterhielt mich eine Zeitlang mit ihm bei einem Glas Wein. Hier fiel mir nun die Hast auf, mit welcher er trank, und die ein ficheres Zeichen für die erwachende oder bereits vorhandene Trunksucht ist. Ich erinnere mich noch genau der Worte, die ich ihm damals sagt«:
„„Du weißt, daß e» mir nicht auf eine Flasche Wein mehr oder weniger ankommt; aber nimm eine Warnung von mir an; Du bist in Gefahr, Dich dem Trünke zu ergeben.""
„Er wurde verlegen und schwieg. „„Hast Du,"" fuhr ich fort „„vielleicht Kameraden, die Dich zum Trinken verleiten?""
„Da traten ihm die Thränen in die Augen, und er stammelte: „„Ja — ich habe es aüch schon gedacht — ich fühle selbst, daß es verkehrt ist.""
„„Run,"" sagte ich, „„dann bleibe weg von
jetzigen Beschlüssen die Getreidezollfrage endgültig aus der Welt geschafft sein sollte, vermögen wir mit dem besten Willen nicht zu glauben. Selbst die Urheber dieser Beschlüsse wollen nicht behaupten, daß sie das Richtige getroffen haben. Wir haben es da wieder mit einem der jetzt Mode gewordenen „Sprünge ins Dunkle" zu thun. Die Interessenten behaupten, es sei ein Roggen- und Weizenzoll von 8 Mark' nöthig, wenn er helfen solle. Da können natürlich 5 Mark nichts aur- richten, oder doch absolut das nicht, was man von dem Zolle erwartet. Die Wirkung des neuen Zolles wird zumal in der nächsten Zeit vollständig ausbleiben, schon weil die Spekulation ihre Maßregeln gegen denselben längst getroffen hat. Die Agitation hat also sogleich wieder Boden unter den Füßen. Daß sie nicht aufgegeben werden soll, erklären ja die Interessenten jetzt schon; sie und die Regierung nehmen die Abschlagszahlung an, aber zufrieden sind sie nicht damit. In der jetzt bewiesenen halben Nachgiebigkeit des Reichstages werden sie mit Recht eine Aufforderung zu neuer und energischerer Forderung sehen. Heute über zwei Jahre kommt eine Kornzollvorlage, die 8 Mark fordert, während die Agrarier 10 für nothwendig erklären, und der Reichstag wird 6 oder 7 Mark bewilligen, während er jetzt, wenn ihm daran lag, mit 6 Mark die Sache definitiv hätte aus der Welt schaffen können. Wer heute A gesagt hat, wird nach zwei Jahren B sagen müffen, das steht fest; es fei denn, daß man endlich ernst macht mit anderweitigen gesetzgeberischen Maßregeln, die die Nothlage der Landwirthschast zu heben geeignet sind. Es scheint nicht, daß man das thun wird.
* Die neueren Nachrichten über da» Befinden de» Abg. Dr. Fchr. v. Schorlemer-Alst lauten verhältnißmäßig günstig. Jedoch haben die Aerzte völlige Ruhe und jedwede anstrengende und auftegende Thätigkeit absolut verboten.
* Leipzig, 19. Dez. Das Reichsgericht ver- urtheilte den Kanzlisten Cabannes aus Straßburg i. E. wegen Landesverraths, Bestechung, Beiseiteschaffung amtlicher Urkunden und Diebstahls zu 10 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust.
ihnen. Als Grund kannst Du sagen, Du müßtest Dich jetzt besonders auf unfern Forstdienst vorbereiten, wie es ja auch wirklich ist. Nächster Tage werde ich Dir S.off zum Studieren schicken lassen. Kopf in die Höhe! Ueberwinde Deine Leivenschaft!" "
„Ein halbes Jahr später kam er vom Militär ab und erzählte mir beim ersten Zusammenlr. ffen, der Sergeant, welcher hauptsächlich sein Verführer zum Trinken gewesen, habe ^ch in einem Anfall von Säuferwahnfinn erschossen. Ec wurde nun Gehülfe seines Vaters und nach dessen bald darauf erfolgtem Tode Forstaufseher.' Ich behielt ihn als jungen Anfänger natürlich etwa» mehr im Auge und ich muß sagen, ec Dertraf in j^der Beziehung meine besten Erwartungen. W nige seiner Ki. sse mögen ihn an Tüchtigkeit in seinem Fache erreichen. Allein leider kommt j tzt die Kehrseite.
„Seit ungefähr einem Jahre fing er wieder an zu trinken. Ich mahnte und warnte — stet» versprach er Besserung; aber bis j tzt vergeblich. An dem Tage vor der betreffenden Geschichte war Sonntag, und ich fuhr mit der Eisenbahn von 2). nach X. Unterwegs führt die Linie an meinen Waldungen vorbei, und ich konnte vom Zuge aus beobachten, wie eine Anzahl Kinder im Walde Schaden anrichteten, indem sie die Spitzen junger