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1887

Montag, den 19. Dezember.

M 290.

Marr W 3rit«ng.

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Deutsche- Reich.

Berlin, 18. Dezember.

• Der Kaiser empfing heute den Besuch des Großherzogs von Sachsen-Weimar und hatte später eine Konferenz mit dem Generalfeldmarschall Grafen Moltke.

* Au» San Remo liegt von gestern Vor­mittag folgende» ärztliche Bulletin vor: „San Remo, den 17. Dezember 1887, 11 Uhr 30 Mi­nuten Vormittags. Er zeigt sich jetzt in der linken Kehlkopfhälfte Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des K r on p ri.n z e n ein; kleine Wucherung, welche etwas höher aufwärts liegt al» die Ende Oktober aufgetretene Schwellung. Diese letztere, zum Theil benarbt, hat stch verkleinert. Das Befinden ist andauernd recht gut. Morell Mackenzie. Schrader. Krause. Mark Hovell."

♦ Der Reichstag nahm in dritter Lesung debattelo» den Gesetzentwurf über die Kontrole des Reichshaushalts an und trat dann in die dritte Berathnng der Getreidezollvorlage ein. In der Generaldebatte erklärte der Abg. Magdzinski Namen» der polnischen Fraktion, daß seine politischen Freunde für die Erhöhung der Getreidezölle gestimmt hätten in der Er­wartung, daß e» sich nicht um einen Finanzzoll, son­dern um einen Schutzzoll handele; sie hätten aber gegen den § 2 der Regierungsvorlage gestimmt, weil sie grundsätzlich keinem Gesetze rückwirkende Kraft verleihen wollten. Nachdem dann der frei­konservative Abgeordnete Leuschner nochmals den Nothstand der Landwirthschaft geschildert, die ohne die Getreidezollerhöhung dem Bankerott ent­gegen treibe, kritisirte der sozialdemokratische Abg.

Take the pledge!*)

8ine lehrreiche Geschichte v'on H. L.

1.

Take the pledge“ ist ein amerikanisch-eng­lischer Ausdruck und wird „Täk de Pletsck" aus­gesprochen. Er bedeutet wörtlich „die Verpflichtung übernehmen». Gewohnheitstrinker, welche sich das trinken abgewöhnen wollen, treten in Noidamenka häufig vor den Tisch de» Richter» und erklären dort eidlich, daß sie keinen Tropfen geistigen Ge­tränke» mehr trink«» wollen. Für Viele ist dies außergewöhnliche Mittel der Weg zur Rettung ge- worden. Die Uebernahme dieser vollkomm nsn „Abstinenz" wird mit dem Ausdruck „take the pledge“ bezeichnet.

Der Gerichtssaal de» Amtsgericht» zu N. war beute von einer großen Anzahl Landlstute aus dem Dorfe X. besetzt. E» handelte sich zwar nur um eine gewöhnliche Forstges.tz-U-bertretung, aber die Umstände machten die Sache für die Landleute interesiant. ...

Baron von Schönborn hatte ui fernen weit­läufigen, an den Gemeindebann von X. anstoßen­den Waldungen größere Aufforstungen vorgenommen

») Nachdruck verboten.

Bebel die Vorlage in der schärfsten Werse. Gerade diejenigen, welche das Volk beten lehren „Unser täglich Brot gieb uns heute", hätten durch ihre Abstimmung da» Brot vertheuert. Den Generalnutzen aus der Vorlage ziehe der Groß- gmndbefitz, während der kleine Besitzer leer aui- geht. Der Uebelstand der Gesellschaft beruht auf der gegenwärtigen anarchistischen Produktionsform; diese schafft den Gegensatz zwisch n den einzelnen Klaffen, indem sie den Produktionsertrag in den Händen der vermögenden Klaffen konzentrirt. Die Zolloorlage verschärfe diesen Gegensatz. Herr Beb.l nahm in seiner Rede die Juden gegen Dr. Böckel in Schutz, was mit den ökonomischen Deduktionen des Redners im schärfsten Gegensatz stand, aber nicht weiter auffällt, denn die Abgg. Singer, Sabor u. s. w. find Juden, die Verbindung zwischen Judenthum und Sozialdemokratie ist also durch ganz starke materielle Bande hergestellt Nach Bebel begründete der Handwerkerführer Abg. Metzner (Zentrum) seine Abstimmung für die höheren Zölle durch den Hinweis, daß in neuerer Zeit nicht die gute oder schlechte Ernte, sondern da» Jobberthum die Getreidepreise macht. Man müffe, wolle man die gegenwärtige Gesellschaft erhallen, die Landwirthschaft restauriren, ehe er zu spät ist, denn der Bauernstand ist da« festeste Bollwerk gegen die Sozialdemokratie. Gerade die niedrigen Getreidezölle vermehren die soziale Notb, da» zeige da» Beispiel von England. Minister Dr. Lucius erklärte, daß die Regierun­gen gegen die in zweiter Lesung gefaßten Be­schlüsse keinen Wrderfiand leisten wollten. Abg. Frhr. v. Hammerstein bedauerte die in zweiter L-sung beschloss ne Ermäßigung des Roggen- und Weizenzolls gegenüber der Regierungsvorlage, erachtete aber die durch die Abstimmung erfolgte Anerkennung des Grundgesetze», daß die Lanv- nnrthschaft Anspruch auf nutzbringenden Betrieb habe, für werthvoll. Abg. Ricke rt (freis.) erklärt in den Schutzzöllen den Ruin der Landwirthschaft. Abg. Frhr. von Uaruhe-Bomst endlich be­gründete seine Zustimmung zu der Vorlage mit den Interessen und Wünschen seiner Wähler. Der Zoll für Weizen und Roggen wurde darauf nach den Beschlüssen der zweiten Lesung in Höhe von 5 Mark angenommen. Dagegen wurde der Hafer- zoll mit 172 gegen 136 Stimmen auf 4 Mark

und unter Anderem auch ein Terrain, welches bi», her als Oedland liegen geblieben war, mit kleineren Fichtenpflanzen angelegt.

Da» betreffende Terrain schnitt in die Fluren der Xer Landleute hinein, und so hatten diese vorher häufig, um Zeit zu gewinnen, ihren W'g über da» Oedland genommen. Da« mußte nun aushören. Wie e« aber im Leben geht, ließ sich doch der Eine oder Andere durch seine Bequem­lichkeit verleiten, über da» neu angepflanzte Land zu geben oder zu fahren. Deshalb halte Barcn von Schönborn seinen Forstauisehern ein be­sondere» Augenmerk auf diesen Mißbrauch an- b-fohlen.

Heute war eine Verhandlung gegen einen Guts­besitzer aus 3E. Die Klage gin dahrn, fein Knecht, Peker Müller, sei mit ein» m zwerspännigen Wauen durch die junge Anpfl rnzung gefahren. Der Guts­besitzer sollte den Schaden ersetzen, der Knecht nock besonder« bestraft werden.

Beide Angeklagte waren erschienen. Der Guts­besitzer erklärte, daß er seinen Leuten wiederholt ausdrücklich verboten habe, über die Anpflanzung zu fahren; dies könnte fein ganzes Gesinde be­zeugen. Nicht« desto weniger weigerte er sich mchl, den Schadenersatz zu leisten, wenn sein Knecht schul­dig befunden werde.

erhöht, gegen 3 Mark in zweiter Lesung. Die übrigen Zollsätze wurden durchweg nach den Be­schlüssen der zweiten Lesung angenommen. § 2 erhielt auf Antrag der Abgg. v. Mirbach und Klemm einen Zusatz, durch welchen die Bestimmung betreffend die Einfuhr von Getreide bi» zum 15. Januar auf Grund von vor dem 26. November abgeschlossenen Verträgen zu den bisherigen Zoll­sätze dann nicht Auw ndung findet, wenn die Kontrahenten über die Tragung de» Zoll» für den Fall einer Erhöhung desselben schriftliche Verein- darung getroffen haben. Endlich wurde da« ganze Gesetz mit 203 gegen 116 Stimmen an­genommen. Daraus vertagte stch der Reichstag bis zum 17. Januar: Etat.

* In der Kommission zur Vorberathung de« Gesetze» betreffend Aenderung der Wehrpflicht sind vertreten da» Zentrum durch Graf von Ballestrem, B ckmann, Dr. Windthorst, Szmula, Frhr. von Huene, Frhr. von Fcanckenstein, Spahn und Dr. Lwber, die Reichspartei durch die Aogg. Graf Behr, von Goldfus, Baumbach-Altenburg und Frhr. von Ellrichsdaufen, die Deurschkonservativen durch von Helldorff, Frhr. von Maltzahn-Gültz, Frhr. von Friesen, von Maffow, Graf von Döhnhoff-Friedrich - st in und Graf von Holstein, die Nationalliberalen durch von Bennigsen, von Benoa, Frhr. von Degenfeld-Neuhaus, Dr. Ennccceru», Dr. Götz, Keller-Württemberg, Dr. Marquardsen und Zeitz, und die Freisinnigen durch Richter und Rickert, zu Vorsitzenden wurden gewählt von Bennigsen und Fihr. von Huene, zu Schriftführern Keller und Spahn.

* Die Reichstags-Kommission für den Gesetzent­wurf, betreffend Unterstützung von Familien in den Dienst eingetretener Mannschaften beendete ihre Berathungen. Zu § 2, welcher be­stimmt, daß aus die zu gewährenden Unterstützun­gen Anspruch haben a. die Ehefrau des Singetre- tenen und dessen Kinder unter 15 Jahren, sowie b. b.ffen Kinder über 15 Jahre, Verwandte in aufsteigender Linie und Geschwister, insofern sie von ihm unterhalten wurden, beschloß die Komis- sto.. auf Antrag des Abgeordneten v. Klerst-Retzow folgenden Zusatz: „Unter den sub b. bemerkten Voraussetzungen kann Verwandten der Ehe­frau in aufsteigender Lmie ihren Kmdern au« früherer Ehe eine Unterstützung ohne Anspruch

P ter Müller erklärte, er sei erst seit Kurzem im Dienste des Gutsbesitzers, und weder an dem bem ff ndenTage, noch zu eine-andern Zeit jemal» über da» verbotene Terrain gefahren.

Nun wurde der einzige Belastungszeuge, der Foiftauffeher de« Baron», Eugen Prtfch, aufge­rufen. Er war ein stattlicher junger Mann, dem die schmucke Jägertracht besonder« schön stand. Sein Gesicht war geziert durch eine kräftig vor- 'prmgende Nase und zwei schwarze funkelnde Augen. Seine rothen Wangen, umspielt von einem dunkelen Barte, zeugten von Gesundheit und (traft. Dem Menschenkenner mißfiel aber etwa« ui dem Auftreten de« jungen Manne«, und wenn r sich auch nicht sofort darüber klar werden konnte, so blieb ihm dennoch ein gewisser Miß­trauen.

Der Amtsrichter fragte den Zeugen, was er zur Sache zu berichten habe. Derselbe fing nun mit <t®a8 sehr lauter Stimme und einer gewiffen H uigkeit zu erzählen an:

„Er mochte una-fähr 4 Uhr Nachmittags sein, als ich mich von X. au« nach meiner im Walde gelegenen Wohnung begab. Da gewahrte ich in der Ferne einen Wagen, der durch die junge Ftchchnpflanzung fuhr. Ich eitle darauf zu und konnte gerade noch erkennen, daß der Wagen in