M 289.
Sonnabend, den 17. Dezember.
1887
Jnlimer
Zitiinz
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Zweites Blatt.
* Die Reliquie n der hl. Elisabeth.
Am 20. November wurde in der Klosterkirche der Eli- sabeihinerinnen auf der Landstraße in Wien das Fest der h. Elisabeth in der feierlichsten Weise begangen. Auf dem rechten Seitenaltar waren die Reliquien der h. Elisabeth, das Haupt und zwei Schienbeine, in einem von Krystallglas zusammengesetzten und von Silber eingefaßten Schreine zur Verehrung ausgesetzt Bei diesem Anlaß ließen sich Stimmen hören, welche Zweifel über die Echtheit der Reliquien äußerten. Ich halte es daher schreibt Hr. Hurter, Kirchen-Direktor bei St. Elisabeth, im .Wiener Vaterland', für gebotene Pflicht, diesen Zweifeln auf Grundlage von authentischen Dokumenten zu begegnen.
Das erste Dokument ist aus Wien, worin am 14. Februar 1609 mit eigenhändiger Unterschrift und großem Siegel Erzherzog Maximilian von Oesterreich bezeugt, daß er 1588 einen Theil des Körpers von der h. Elisabeth, welche in der ritterlichen Ocdenskirche und Spital, die sie selbst erbaute, und in ihrer Namenskapelle am Deutschen Haus zu Marburg in Hessen in einem silbernen Sarg begraben worden, durch einen Almosenpfleger Kornelius von Lautern am vermeldeten Orte habe erheben, nach Wien transferiren und dem Stift des Ordens St. Klara ausliefern und präsentiren kaffen. Schon 1616 verlieh Papst Paul V. auf das Fest St. Elisabeth für die Klosterfrauen und Gläubigen einen vollkommenen Ablaß durch zehn Jahre. Urban VIII. erneuerte denselben f«r die Dauer von sieben Jahren 1628 und 1640, ebenso Alexander VII. 1656, Jnnocenz XI. 1687 und Alexander VIII. 1690. Leider fehlen weitere Urkunden, da bekanntlich bei der vandalischen Klosteraufhebung im vorigen Jahrhund rt auch die werthvollsten Dokumente und Manuskripte verschleudert oder an Selcher und Greisler pfandweise verkauft wurden. Nichtsdestoweniger konnte sich der damalige Weihbischof von Wien mit Rücksicht auf die Echtheit dieser Reliquien auf eingesehene Authentiken berufen. Als nämlich 1782 auch das Kloster der Klarissinnen aufgehoben wurde, überließ Kaiser Joseph II. diese Reliquien, nachdem sie zuvor ihres kostbaren Schmuckes be- raubt worden, dem Konvent der Elisabethinerinnen. Mit Hülfe wohlthätiger Gläubigen wurde eine neue silberne Krone und ein Reliquien-Schrein angefertigt. Auf Bitten der Oberin Anna Barbara untersuchte der Weihbischof der Erzdiözese Wien, Edmund Maria Graf v. Artz und Baffey, die Reliquien und die darauf bezüglichen authentischen Zeugniffe. Das Ergebniß dieser Untersuchung war die kirchliche Beglaubigung der Echtheit derselben. Am 6. Februar 1846 bestätigte der damalige Weihbischof von Wien, Mathias Pollitzer, bei Gelegenheit der Ausbefferung des Reliquien-Schreines die Echtheit der Reliquien und erneuerte die Erlaubniß, dieselben zur Verehrung in der Kirche auszusetzen. Seit einigen Jahrzehnten haben sich indeffen Zweifel erhoben, theils aus Unkenntniß der er
wähnten Dokumente, theils in Folge der Lektüre von Lebensbeschreibungen der h. Landgräfin von Thüringen, welche vieldeutige Angaben über deren Reliquien enthalten. So berichtet eine neueste, in Wien erschienene Schrift, daß der Schädel der Heiligen im St. Jakobs- Spital zu Besangon aufbewahrt werde. Es ist aber nicht der Schädel; sondern der Unterkiefer, welcher dem Haupte bei St. Elisabeth in Wien wirklich abgeht. In gleicher Weise wird dort erwähnt, daß sich auch Reliquien in Hannover, Breslau, Köln und Ungarn befinden. Dieselben wie in Wien sind es aber nicht und können es nicht sein, gleichwie auch von der Mehrzahl der Heiligen in vielen Kirchen verschiedene Reliquien aufbewahrt werden. In Ungarn befinden sich ein Armbein und ein Schulterblatt. Dieser Umstand kann daher keine Zweifel erwecken.
Landgraf Philipp von Hessen öffnete 1539 den silbernen Sarg der h. Elisabeth, raubte ihn mit sammt der kostbaren Krone, welche Kaiser Friedrich III, verehrt hatte, und nahm die Gebeine heraus. Als er aber in der Schlacht von Mühlberg 1547 von Kaiser Karl V. besiegt und gefangen genommen worden war, mußte er alles zurückstellen. Die Reliquien konnten indeffen in Marburg nicht mehr zur Verehrung ausgestellt werden, weil die Kirche der h. Elisabeth in die Gewalt der Protestanten gefallen war und alles bei einer Untersuchung, welche im Auftrag des früher erwähnten Erzherzogs Maximilian 1808 erfolgte, im verwüsteten Zustande gefunden wurde. Es war daher ein Glück, daß die h. Reliquien heimlich in jener Kirche waren begraben worden, um sie vor neuer Profanation zu schützen. 1718 wurde auf Befehl des Hoch- und Deutsch-Meisters Franz Ludwig, Kurfürst von Trier, nach diesem Grabe gesucht und in demselben eine eiserne Kiste mit den Ueberresten der Reliquien gefunden und heimlich wieder vermacht. Bei der Restauration der Kirche 1854 wurden das Grab und die Kiste abermals entdeckt; das Haupt aber mit andern Reliquien fanden sich nicht vor, weil Erzherzog Maximilian dasselbe schon 1588 in Sicherheit gebracht und dem Kloster der h. Klara in Wien zur öffentlichen Verehrung übergeben hatte.
Vermischtes.
(Vorsicht beim Telephoniren.) Ein Berliner Arzt macht jetzt auf eine sanitäre Gefahr beim Tele- phoniren aufmerksam. Was er sagt, verdient die ernsteste Beachtung. Es dürften oft Halskrankheiten dadurch entstehen, daß die Fernsprechvorrichtungen schnell hintereinander von Personen gebraucht werden, die halsleidend sind, oder zu Halsleiden neigen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß sich Krankheitspartikelchen an der Schallmuschel, welcher sich der Mund j des Sprechenden sehr nähert, festsetzen und sich auf den nächsten Sprecher Übertragen. Der Arzt empfiehlt daher neben jedem Telephonapparat ein Gefäß mit Carbollösung aufzustellen und nach, bezw. vor jedesmaligem Gebrauch die Mundstücktheile des Apparats damit abzuwaschen.
S Die originellste Berliner Grabschrift, die vielleicht jemals verfaßt worden ist, befindet sich, wie die ,Nat.-Z.' meldet, auf einem verwitterten Sandstein an der Sophien- kirche. Nur mühsam sind die Worte zu entziffern, bald werden sie gänzlich unleserlich sein, und darum mögen st« in diesen Zeilen vor völliger Bergeffenheit bewahrt bleiben. Die Inschrift lautete wörtlich:
Hier ruht an des Sohnes Seit gegen diesem Leichensteine Dorothe Elisabeth so aus Kautschens Fleisch und Beine Auf die Welt gebohren wurde, da man sechszehnhundert Jahr Und noch sechs und achtzig zehlte. Johann Wilhelm Finne war Ihr vertrauter erster Mann, bey dem sie in fünfzehn Jahren Von neun Kindern Mutter ward, aber auch den Riß erfahren, Daß der Mann wie auch fünf Kinder gingen in die Ewigkeit Und sie also nur noch viere hier behielte in der Zeit Doch nachdem sechs Jahre hin, daß sie Wittwe war gewesen Kam ihr zweyter Ehemann, der sie sich ihm auserlesen Zur Gehülfin seines Hauses, Herr Johannes Daniel So aus Schwartzenhauer Stamm und trat an des Ersten Stell. Mit demselben zeugte sie binnen sechs und zwanzig Jahren Sohn und Tochter, welche beyd schon voran zu G«tt gefahren. Denen sie auch nachgefolget, als sie ward am achten May Siebzehnhundert zwei und fünfzig von des Lebens Banden frey Da sie sechs und sechszig Jahr in demselben es geschehen Daß sie von elf Kindern hier fünfzehn Enkel hat gesehen. Nun, mein Wanderer, gehe weiter, eile und errette Dich Damit Du dereinsten sterbest in dem Herren seeliglich.
Und das helfe Gott uns Allen Die wir noch im Leibe wallen Durch Tod, der uns Heyl verschafft Und durch seines Geistes Krafft.
Literarisches.
Weltlicher Humor in Geschichte, Recht und G «- setzgebung. Von W de Porta. Münster und Paderborn, Ferdina nd Schöningh. 380 S. 8»
Ein höchst belehrendes und unterhaltendes Buch, das nicht allein dem Geschichtsforscher, sondern auch dem weiteren Kreise der gebildeten Leser Freude machen wird. Der Humor spielt in der G schichte und im öffentlichen Leben eine große Rolle, obgleich ihm offiziell di« Mitwirkung bei so wichtigen Angelegenheiten nicht gestattet ist, er treibt daher heimlich fein Spiel und wird erst vielleicht nach sehr langer Zeit entdeckt. Porta findet ihn bei den Alten und Neuen, am Hofe und am grünen Tische, in der Gesetzgebung und im Parteigetriebe und die Beispiel«, welche er dafür anführt, sind intereffant und erheiternd zugleich. Besonders anziehend sind die Kapitel: „Zur Geschichte der Hofetiquelte und Präcedenz", „Titel und Titulaturen", „Humoristische Gesellschaften und Orden", „Genealogische Fernflüge", aus denen man mit Staunen ersieht, welch' einem komischen Formelkram unsere Altvorderen huldigten. Die Belesenheit, welche der Verfasser bei Behandlung der verschiedenen Gegenstände entwickelt, ist eine ganz außerordentliche, und er weiß deren Früchte in geschmackvoller und anziehender Form zu verwerthen.
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