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1887.

Sonnabend, den 17. Dezember.

Vis LhrißkiÄ in du Mnnsnrdk.

Von Carlos Armand.

(Schluß.)

In der kleinen Hütte vor dem Thor herrschte am kommenden Morgen dankbare Freude. Die Frau hatte, als fie, krank wie sie war, sich den­noch hinausgeschleppt, um Wasser zu holen, mit frohem Erstaunen vor ihrer Thür einen dürren Tannenbaum gefunden und machte sich nun ge­schäftig ans Werk, mittels seine» Holze» auf dem Herd, auf dem so lange kein Feuer mehr gebrannt, eine wärmende Flamme zu ent­zünden.

Willig bot die Tanne den Händen der armen Mutter ihre Zweige dar. Sie ertrug ohne Murren den Schmerz, bett das Zerbrechen des­selben ihr bereitete; las sie doch in den abge­zehrten Gesichtchen der Kinder, die sich erwartungs­voll um den Herd drängten und die blaugefrorenen Händchen ausstreckten, die Sehnsucht nach einem wärmenden Strahlt

Es schien ihr ein süßer Tod, sterbend den Armen die lang entbehrte Wohlthat bereiten zu können, und als dann die Flamme knisternd em­porschlug und mit feuriger Lohe ihr Lebensmark verzehrte, in den Augen der armen Mutter ein paar Helle Freudenthränen beleuchtend, da schied sie aus der Welt ohne Groll und Bitterkeit — friedvoll, versöhnt mit ihrem Lose."

Die Erzählerin schwieg; im Zimmer war es ganz dunkel geworden, nur das weiße Brautge­wand in der geöffneten Truhe leuchtete gespenstisch gleich einem Todtenkleide.

Hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser, in denen man jetzt wohl den Christbaum anzündete, zeigte sich hie und da schwacher Licht­schein, und von der Straße herauf klangen einzelne verlorene Töne eines alten Weihnachts­liedes.

Die Kinder blieben stumm. Der Schluß des Märchen» mochte ihren Erwartungen nicht ent­sprochen haben: er war gar so ernst und seltsam gewesen und über ihre kindliche Fassungskraft vielfach hinausgegangen.

Die Frau in ihrem Lehnstuhl achtete nicht auf fie. Sie faß aufrecht, vorgebeugt — die Hände krampfhaft im Schooß gefaltet.

Hat Gott ihr Gebet erhört? Hat diejenige, für die ihr Mutterherz das Märchen ersonnen, es ver­nommen und seinen verborgenen Sinn erkannt? Das ist der Punkt, auf den all ihre Gedanken gerichtet sind.

Da regt es sich drüben an dem kleinen Fenster — es klingt wie das Rauschen eine» Frauen- kleit.es. — Durch das Dunkel huscht es schatten­haft heran: eine schlanke Mädchengestalt gleitet über den Estrich, und dann klingt e« durch die Stille wie ein schluchzender Laut; Angeltke liegt zu den Füßen ihrer Mutter — das thränenüber- strömte Antlitz tief in beten Schoß gedrückt.

Des Mädchens ganzer Körper bebt unter krank­hafter Erschütterung. Wie ein Sturm braust es hin über die zarte Gestalt, aber die Mutter läßt ihn toben diesen Sturm, fie wehrt nicht der Fluth, die heiß und unaufhaltsam aus ihres Kindes Augen bricht: fie weiß ja, daß nur so es wieder Frieden werden kann in dem jungen, leidenschaft­lichen Herzen. Leise und liebkosend nur gleitet ihre Hand über da» in ihrem Schoße ruhende Haupt, während sie im Stillen brünstige Gebete zu Gott emporsendet, daß er der Ringenden beistehen möge in ihrem schweren Kampfe. —

Und endlich war er ausgekämpft, dieser Kampf. Der gewaltsame Ausbruch ging vorüber, die Zuck­ungen, in denen das schluchzende Mädchen erbebte, wurden schwächer und schwächer, und endlich hörten fie ganz auf. Angelika hatte sich ganz wieser- gefunden. — Ja, sie wollte das Kreuz auf sich nehmen, das Gott ihr auferlegt, wollte geduldig zurückkehren zu dem arbeitsvollen pflichtenreichen Dasein, aus besser» enggezogenem Kreise fie an der Hand der Liebe hinauszutreten gehofft, und das nun für immer ihres Lebens Antheil fein würde! — Noch vor wenigen Stunden hatte ihr gegraut vor diesem Lose; fie hatte gemeint, es nicht tragen zu können, aber der Mutter Worte hatten ihr da­zu das rechte Mittel gezeigt: nicht in Groll und Verbitterung — nein, mit einem Herzen voll warmer, opfermuthiger Menschenliebe wollte fie den dunklen Pfad betreten, der nun vor ihr lag, und der Gedanke an ihr versunkenes Glück sollte das Licht sein, das ihr denselben erleuchtete.

Mit einem letzten zitternden Seufzer hob sie jetzt das Haupt empor und schaute die Mutter an mit langem, innigen Blick. Und diese verstand ihn, den stumm beredten Blick! Sie las darin das Gelöbniß der Ergebung, das die zuckenden Lippen nicht auszusprechen vermochten. Mit un­endlicher Zärtlichkeit legte sie ihre beiden Hände auf des Inieenben Mädchens Haupt.

„Gott segne dich und helfe dir überwinden, du armes, theures Kind," flüsterte sie in tiefster Be­wegung. „Was deiner Mutter Liebe verlnag, dir bchustehen, da» soll getreulich geschehen." —

Sie hielten einander umfaßt in langer schweigen­der Umarmung.

Endlich löste sich Angelika sanft von der Mutter Brust und beugte sich herab zu den kleinen Waisen, die fie in ihrem Schmerze vergessen und für die fich nun ein um so tieferes Erbarmen in ihrem zum Bewußtsein seiner Pflicht erwachten Herzen regte. --«.-MW.......

Als ob fie ein Unrecht an ihnen gut zu machen hätte, so innig preßte fie fie an fich und sprach mtt weicher Stimme: __

„Ich glaube, das Christkindlein will doch noch zu Euch kommen, mir ist, al» hätte ich da» Rauschen seiner Flügel gehört! Freut Euch und sprecht ein Gebetchen, indeß ich draußen nachsehe, ob e» nicht ein Bäumchen für Euch gebracht."

Eine Sttmde später war e» nicht mehr dunkel in der kleinen Mansarde. — Ruf bent hölzernen

Tische inmitten stanb ein winzig kleine», zierlich geputztes Tannenbäumchen, bas Angelika noch in letzter Stunde herbeigeschafft und mit rothbäckigen Aepfeln und Rüssen behängt hatte.

Hell brannten die Kerzchen aus den Zweigen und spiegelten sich in den glänzenden Kinderaugen.

Angelika stand zwishen ben Kleinen, mit bem eigenthümlichen, aus Schmerz und wehmüthiger Freude gemischten Zug in ihrem lieblichen Antlitz, gleich einem verklärten Engel anzuschauen.

Es war ein holdes, rührendes Bild. Von ihrem Platz im Lehnstuhl aus betrachtete die alte Frau es mit innigem Dank gegen Gott, der mit der Kraft erlösender Liebe ihres Kindes Herz aus­gerüstet.

Von draußen klangen jetzt abermals die Töne eine» Weihnachtsliedes. Unwillkürlich falteten die Kinder ihre Händchen. In Angelika'» Zügen malte sich ein kurzer heftiger Kampf, dann begann sie leise zu singen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her" und die hellen Kinderstimmchen fielen jubelnd ein.

„Siehst Du, Klärchen, nun ist das Christkind doch zu uns hinaufgekommen!" sagte der kleine Knabe, als das Sieb zu Ende war, zu seinem Schwesterchen.

Angelika und ihre Mutter sahen einander be­deutungsvoll an bei den kindlichen Worten. Ja, der Knabe hatte Recht, sie fühlten es Beide, daß in dieser gesegneten Stunde wirklich und wahr­haftig das Christkind in die kleine Mansarde ein» gekehrt — jenes holde segenbringende Christkind­lein, das aus jetzt noch die Palmen des Friedens und der Erlösung in den göttlichen Händen herab zur armen Erde trägt, und das da heißet: „Liebe".

Weihrrachtswetter seit tausend Jahre«.

Als im Jahre 800 Karl der Große nach Rom zog, war es zu Weihnachten weit und breit gefroren. Darauf folgten 801 sehr milde Weihnachten, in deren Gefolge die Pest verheerend auftrat; 1179 dauerte der Winter von Weihnachten bis Ostern. Ein sächsischer Chronist schreibt: „Es war so kalt, daß die Vögel mit uns seufzten und wir kaum das fröhliche Alleluja anzustimmen im Stande waren." 1227 blühten die Bäume zu Weihnachten am Bodensee. Mädchen kamen mit Blumen des Feldes geschmückt zur Kirche. 1289 brüteten Vögel im Freien, der Weinstock belaubte sich, Knaben badeten sich in Flüssen; in Oester­reich blühten die Bäume wie im Mai und hatten noch ihr altes Laub, als bereits das neue kam — so schreibt näm­lich der Wiener Bürgermeister Paltram. 1340 war es um Weihnachten warm wie im Sommer, am Faschina große Kälte; 1478 und 1479 täglich Gewitter und warme Winde; 1568 ungeheuerer Schnee, dann Ueberschwemmungen; 1569 blühende Bäume; 1608 so kalt, wie seit 100 Jahren nicht; 1708 war nach vielem Regen zu Weihnachten nächst 1780 der kälteste Winter des Jahrhunderts, er richtete unter Menschen und Thieren die unerhörtesten Verwüstungen an; 1759 blühten die Alpenrosen; 1783 nach drei strengen und 10 mittelmäßigen Wintern herrschte wahres Frühlingswet­ter zu Weihnachten. In unserem Jahrhundert brachten di» Jahre 1806, 1824, 1834, 1863 und 1872 Weihnachten mit Blumen und grünenden Wiesen; die Jahre 1821, 1829, 1840, 1855 und 1879 18 Grad Kälte. In bei Thal, es läßt sich nicht leugnen, der Dezember weiß z» sorgen, daß seine Weihnachtsgaben stets die Fa»m wechseln.