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12 3. (Erstes Blatt.)
des Bild in dem großen Spiegel, der ihr gerade gegenüberhing. Und dann ertönte ein silbernes Glöckchen: eine jubelnde Kinderschaar stürzte her» ein, die voll Entzücken den herrlich geschmückten Baum umtanzte und dazu gar süße, liebliche Lieder sang.
Die Tanne fühlte sich wie berauscht. In ihrem Glück war sie sogar geneigt, den anderen Bäumen ihren Spott zu vergeben und sie zu bemitleiden, daß sie nicht theilnehmen könnten an ihrer Herrlichkeit , denn im Grunde hatte die Tanne ein gutes, weiches Herz — und Gutsein ist ja so leicht wenn man glücklich ist.
In vollen Zügen genaß sie den langersehnten Triumph, sich geschmückt und bewundert zu sehen, Sie dachte, das würde nun ewig so dauern — nicht im Traum fiel es ihr em, daß all die Herrlichkeit auch einmal ein End nehmen könne.
Um so größer war daher ihr Entsetzen, als eines Tage» dieselben Kinder, die sich an ihrem Anblick nicht satt sehen gekonnt, unter lautem Jubel all' das süße Naschwerk ihr von den Zweigen rissen.
Aber dos war erst der Anfang vom Ende. Nach den Kmdern kamen die Diener und nahmen auch die Kerzen und all' den andern Flitter, mit dem sie ihn vor Kurzem so sorgsam geschmückt, wieder fort, bis sie wieder ganz kahl und leer stand, wie zuvor. Dann ergriffen sie die arme Tanne mit rauher Hand, schleppten sie hinaus aus dieiem Paradiese und warfen sie draußen sctzonungslos auf einen Kehrichthaufen. —
Da lag sie nun in Schnee und Regen, ganz betäubt von Schreck und Jammer. Nicht einmal weinen konnte sie mehr, so betrübt war sie . . .
Aber vor Kummer verlor sie allmählig alle ihre Nadeln, so vaß sie schließlich ganz nackt und kahl war.
Das ulio war das Ende der geträumten Herrlichkeit! Die unglückliche Tanne haderte in ihrem Herzen mit dem lieben Gott, den sie so grausam und ungerecht nannte. Sie verzweifelte an seiner Barmh rzigkeit und wandte sich von ihm in Trotz und Groll.
Ein.« N ichts, als sie wieder recht schlimme und gottlose G vanken hegte, erschien ihr p özlich abermals der Engel, der ihr einst die Verheißung gebracht. Lange und traurig sah er sie an, dann sagte er vorwurfsvoll:
„U ibank 'arer Baum! Gott hat Dich vor Vielen begnadet, indem er Dir ohne Dein Verdienst ein hohes Guck gegeben, und Du willst Dich trotzig aufl.'hnen q.'g.n dn Herrn über L den und Tod, weil fen uneiforfchlicher Rathschluß es Dir nach einer Welle wieder entzogen? War das Glück nicht Dem, wenn auch nur für ku.ze Zeit?
Uno ' leibt die Erinnerung darum nicht Dein außergewöhnliches Elgenthum? Des L benS höchste Freute hast Du genoffen — willst Du nun selbstsüchtig Tstch sträuben, auch seine schweren Pst chlen auf D w zu n omen, so warst Du unwerth der Gnade, die Gones Huld Dir erwiesen."
Die Tanne suhlt sich beschämt von ve« Engel« Worten, a 'ec noch war ihr Herz voll Bitterkeit. Trotzig erwiderte sie:
„Was für Pflichten gäbe es denn für mich noch zu erfüllen? Das ist ja eben mein Kummer, daß ich zu nichts mehr nütze bin auf der Welt."
Ernst schüttelte der Engel sein lichtes Haupt.
„Nichts und Niemand ist unnütz aufjGotte« Welt," sprach-er feierlich. M W
„Keine Kreatur ist so armselig, um nicht etwa» Gutes wirken zu können, und Pflichten gibt er überall, man muß nur die Augen öffnen, sie zu erkennen. Hältst Du die Deinen für erschöpft mit der Fähigkeit, selbst glücklich zu sein? Selbstsüchtige Verblendung! Ist denn nicht glücklich machen eine schönere und hehrere Pflicht? Und ist nicht Leiden lindern und Thränen trocknen dar beste Heilmittel für ein wundes, kummerbeladenes Herz?"
Die Stimme der Erzählerin bebte wie in unterdrückter Bewegung. Ueber die gespannt lauschenden Kinder hinweg schweifte ihr umflorter Blick zu der schlanken Mädchengestalt am Fenster, die nur in dämmernd-n Umriffen noch zu erkennen war. Täuschte fie sich, oder hatte Angelika wirklich die gefalteten Hände vor das Antlitz geschlagen?
Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, aber ein ganz leiser Schimmer von Hoffnung stahl sich in ihre Züge, während sie nach kurzer Pause in ihrer Erzählung fortfuhr: , ,
„Wie ein warmer Strom ging es bei diesen Worten des Engels durch die erstarrte Rinde der armen Tanne. Es war ihr, als thaute etwas auf in ihr: sie konnte wieder meinen, und an Stelle der Bitterkeit, die ihres Schmerzes schärfster Dorn gewesen, trat eine sanfte, sinnvolle Empfindung.
„Zeige mir, wie ich thun kann nach Deinen Worten," bat sie unter Thränen den Engel, „fie haben mich Ergebung gelehrt, und ich fühle schon jetzt, daß Dem Heilmittel das rechte ist."
Da lächelte der Engel — ein mildes, verklärtes Lächeln. ,,
„Draußen vor dem Thor", sprach er, „weiß ich eine elende Hütte, darinnen eine arme Wittwe wohnt mit fünf kleinen Kindern. Die Frau ist sieg vor Hunger uns Entbehrung und hat nicht soviel, um stch und ihren frierenden Klemen bei der eisigen Winterkälte ein Feuer machen zu können. — Wie würde sie sich freuen, wenn sie Dein Holz besäß ! was meinst Du? — Glaubst Du nun noch immer, unnütz auf der Welt zu sein? oder scheint Dir das Opfer zu schwer, das Du den Armen bringen müßtest? Die Tanne kämpfte einen letzten Kampf. Den Abstand zwi- fchen dem stolzen Palast, wo ste als g.änzender Weihnachtsbaum alle Herzen entzückt, und der armen Hütte, auf deren ausgebranntem Herd ihr Holz das erleid), ne Feuer neu entfachen sollte, war gar so fürcht« rlich! — Doch ihr gute6 Herz behielt den Sieg . • . „Bringe mich hm," hauchte fie, mit den kahlen Z neigen nickend und rauschend, „bringe mich hm za Der armen Frau! ich habe mich ergeben in des Schöpfers Ralüichluß und will mein Dasein freudig opfern im Dunste der Armm; ich fühle, e« ist da« Beste, was mir noch zu Theil werden kann! . . (Schluß folgt.)
Ais ShriAkmd m der WaOrde.
Von Carlos Armand.
(Fortsetzung.)
Erwartungsvoll schauten die Kinder zu ihr auf, während sie mit leicht zitternder Stimme, die aber allmälig an Festigkeit gewann und zuletzt klar und hell durch die dämmernde Stille tönte, also zu erzählen anhub:
„In einem großen, tiefen Walde stand einmal ein Tannenbaum. Der war schlank und gerade gewachsen, und seine Zweige standen prächtig in der Rinde, aber dennoch war er nicht glücklich und zufrieden. Es kränkte ihn, daß er statt des frischgrünen Laubes, mit dem sich allsommerlich die Eichen, die Buchen, die Linden und all die andern Bäume schmücken durften, dazu verurtheilt war, Jahr aus, Jahr ein nur schlichte, düstere Nadeln zu tragen, die Bäume verächtlich auf ihn herabsahen und sich vornehmer dünkten als er.
Einmal in einer mondhellen Sommernacht, als die Tanne wieder besonders traurig war, trat plötzlich in lichtgrünem Schleiergewande der Engel des Waldes zu ihr und sprach:
„Sei getrost! Zur Winterszeit, wenn die eisigen Stürme das Laub von den Zweigen Deiner stolzen Genoffen gelegt, dann wird für Dich eine Stunde kommen, wo Du herrlicher strahlst als sie alle. Man wird Dich fortbringen von hier in die Wohnungen der Menschen und dich schmücken mit vielfarbigem Zierrat, mit buntem, glänzendem Lichtgewand — weit schöner und prächtiger anzuschauen, als das schlichte grüne Laub, um das Du Deine Genoffen so oft beneidet — und alle Herzen werden Höger schlagen bei Deinem Anblicke!"
Nachdem er gesprochen, verschwand der Engel wieder. Mit Staunen und Neid vernahmen die andern Bäume die wunderbare Verheißung; die Tanne aber hob ihre Krone stolz empor. Nun brauchte fie sich nicht mehr zu grämen, wenn man sie verspotten würde! sie vertraute den Worten des Engels und wartete geduldig ihre Zeit ab.
Als bann der Winter ins Land gekommen, erfüllte sich alles, wie der Engel es verkündet. Es kamen Männer mit der Axt in den Wald, und als fie die Tanne erblickten, die schlank und präch- ttg gewachsen, da sprachen fte untereinander: „Die taugt für ins Gravenschloß, die laßt uns fällen, das gibt einen prächtigen Weihnachtsbaum!"
Wie war da die Tanne in froher Eiwartung und bot freudig ihren Stamm den Streichen der Axt.
Als sie nun wirklich droben in dem prächtigen Saale stand, auf einem Tisch mit kostbarer Decke — und viele geschäftige Hände ihre Zweige mit Kerzen und köstlichem Naschwerk uno zahllosem schimmerndem Flitter behängten, da wußte sie sich nicht mehr zu fassen vor Stolz und Seligkeit und dachte, nun könne es gar nicht mehr schöner werden.
Ader es wurde noch schöner, als erst wirklich der Weihnachtsabend kam und all die rothen, grünen, blauen und weiß n Kerzlem entzündet wurden. Wie geblendet beschaute ste ihr strahlen
Sonnabend, den 10. Dezember.
1887.