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M 278.

Montag, den 5. Dezember.

1887

Mm W 3titni.

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N Man MchilMngbuch.

Vortrag des Herrn Gymnasiallehrers H. Breitung, gehalten am 1. d. Mts.

im katholischen Männerverein M. N. Hierselbst.

Meine Herren I Neue Bücher pflegen recensirt, d. h. einer Begutachtung unterzogen zu werden, welche meist mit einer Empfehlung oder Warnung schließt. Möge es mir gestattet sein, heute ein­mal ein altes Buch zu recenfiren, das schon im Jahre 1778 herausgegeben ist. Meine Absicht dabei geht dahin, dieses Buch aufmerksamer Be­achtung zu empfehlen nicht zwar, damit es eine weite Verbreitung finde, (die hat es bereits, es ist in 50 Auflagen erschienen und gegenwärtig noch in vielen Tausenden von Exemplaren im Gebrauch;) sondern eben weil es so weit ver­breitet ist halte ich eine Erörterung darüber für angezeigt, ob denn das Buch seinem richtigen Zwecke entsprechend eingerichtet sei. M. H., ich rede von unserm Diözesangesangbuch, welches den Titel führt: „Der nach dem Sinne der katholischen Kirche singende Christ." Ein Diözesangcsangbuch ist aber eines der allermächtigsten Bücher; denn es ist keineswegs einerlei, aus was für einer Quelle die Mehrzahl des christlichen Volkes beim hl. Opfer und bei den andern gottesdienstlichen Hebungen Gedanken fq-öpst; cs ist vielmehr für das ganze religiöse Leben des Volkes von hoher Wichtigkeit, daß das Gesangbuch, welches ja für die Hälfte der Leute auch ihr einziges Gebetbuch ist, eine wahre Fundgrube echt christlicher Gedanken sei, und daß diese Gedanken und Wahrheiten in einer das Herz des Volkes ansprechenden und zu wahrer Frömmigkeit anleitenden Weise da niedergelegt seien; mit andern Worten, ein Diözesangesangbuch muß ein frommes und volksthümliches Buch sein — und wir haben zu fragen: Ist „Der . . . singende Christ" ein solches? — M. H., ich ge­stehe, daß es mir etwas schwer fällt, diese Frage ohne das Gefühl einerseits einer tiefen Wehmuth, andrerseits einer bittern Ironie zu erwägen; inveß versuchen wir beide Gefühle möglichst zurück­zudrängen, die Frage selbst aber ruhig und klar zu behandeln.

Bevor ich jedoch an die Sache selbst näher herantrete, möchte ich mich gegen einen Verdacht verwahren, in den ich durch meine weiteren Aus­führungen etwa gerathen könnte, gegen den Ver­dacht nämlich, als ob ich den Verfaffer des Fuld. Gesangbuches, den sel. Pater Augustinus Erthel verunglimpfen wollte. Nichts liegt mir ferner als das. Ich bin überzeugt, daß es vollkommen richtig ist, wenn in einem frühem Vorbericht zum Gesangbuch Pater Augustin Erthel genannt wird „ein vaterländischer, ebenso frommer als gelehrter Priester des Venedictinerordens." Für die Gelehr­samkeit dieses Herrn spricht schon hinreichend die Thalsache, daß er der Verfasser unserer trefflich

gearbeiteten, jetzt noch in Gebrauch stehenden Diözesanagende ist. P. A. Erthel war auch ein frommer Priester; ich weiß, daß er gar manchmal die halbe Nacht am Chor des Domes gekniet und gebetet hat: er war dabei ein äußerst bescheidener und demüthiger Mann und hat speziell für seine Lieder Ausstellungen und Korrekturen seiner Ordens­brüder erbeten und dankbar angenommen. Das ist alles wahr, und darum Ehre seinem Andenken! Aber auch das ist wahr: Es kann Jemand eia frommer und gelehrter Mann, er kann auch vater­ländisch, er kann überdies Benedictiner- oder Franziskaner- oder Jesuitenordens sein, ohne des­halb auch ein von Gott begnadigter Sänger und ohne fähig zu fein, für ein ganzes Diözefan- gesangbuch fast sämmtliche Lieder zu dichten.

Indem ich nunmehr zu der uns beschäftigenden Frage übergehe, glaube ich keinem Widerspruche zu begegnen, wenn ich die Behauptung aurspreche: Der Volksgesang in der Kirre soll eine Uebung der Andacht, er soll eine Art gemeinsamen Ge­betes sein, welches in die poetische Form eines Silbe» gefaßt ist und nach einer melodischen Weise vorgetragen wird. Die Melodien des Fuld. Ge­sangbuches lasse ich hier außer Betracht; nur die eine Bemerkung möchte ich mir erlauben, daß unser Choralbuch eine Anzahl recht ansprechender Me­lodien enthält, und daß unser Volk vielleicht mehr an den Melodien als an den Texten des Gesang­buchs hängt. Diese Texte dagegen, welche un» heute ausschließlich beschäftigen, halte ich großen- lheils für verfehlt; denn sehr viele, vielleicht die meisten derselben sind 1) keine frommen und 2) keine volksthümlichen Lieder.

Das Gebet ist eine Erhebung des GemütheS zu Gott. Das Gebet ist keine bloße Thätigkeit des Verstandes, sondern vorzugsweise eine Thätig­keit des Herzens. Bloß an Gott oder religiöse Wahrheiten denken, heißt noch keineswegs beten; man mu8 die religiösen Gedanken auf das Herz, den Willen einwirken lassen und die da entstehen­den Empfindungen, Affekte und Wünsche über das Irdische hinaus zu Gott erheben. Wenn wir beten, müssen wir unser Herz mit all feinen An- muthungen der Trauer und Angst, der Hoffnung und Furcht, der Wehmuth und Sehnsucht, der Dankbarkeit, der Freude und des Jubels vor Gott ausschütten. — Nun entsteht die Frage: Wenn man ein Gebet in eine poetische Form kleiden will, welche Dichtungsart wird dafür zu wählen fein? M. H., in einer Dichtung kommt entweder das Gebiet der Außenwelt oder das der Innen­welt zur Darstellung. Im ersteren Falle werden entweder die Begebenheiten als bereits vergangen besungen, und da haben wir die reichhaltige Klasse der epischen Dichtungen, — oder es werden die Begebenheiten, wie wenn sie gegenwärtig sich ab­wickelten, vorgeführt, und das geschieht in den v rschiedenen Arten der dramatischen Poesie. Die dichterische Darstellung der Innenwelt aber, dessen, was in der Seele vorgeht, der Gedanken, Em­pfindungen, kurz der Seelenstimmung, heißt Lyrik, so genannt nach dem musikalischen Instrument Lyra, und damit ist schon angedeutet, daß diese Dlchtungsart naturgemäß nach Melodien verlangt, in denen sie die mannigfaltigen Seelenstimmungen ausklingen läßt. „Die Lyrik," sagt Joseph von Eichendorf, „ist ihrer Natur nach musikalisch und sangbar, und ihr eigentliches Organ ist das Lied." — M. H., unsere Frage ist beantwortet. Wenn man ein Gebet in eine poetische Form kleidet, so entsteht ein Lied, und wenn ein religiöses seinen Namen verdienen soll, so muß es wesent­lich lyrisch, der Ausdruck religiöser Affekte und Seelenstimmungen fein. — Daraus aber folgt alsbald etwas für unsere Besprechung sehr Wich­

t iges. Das Verderben eines Liedes, oder um mit P. Dreves zu reden, der Würgengel aller Lyrik ist der Docirton, ist die rhetorische Anlage eine» Liedes in der Absicht, dem Volke Glaubens- oder Sittenlehren vorzutragen und es so zu belehren. Nichts ist verkehrter als das; eine Predigt ist kein Gebet. Der Redner sucht mit seinen retho- rischen Mitteln Stimmungen und Entschlüsse hervor - zurufen, das Lied setzt Erregtheit und Stimmung voraus. Für den Prediger ist Versetzung der Zuhörer in eine gewisse Seelenstimmung das Ziel, für den Liederdichter soll diese Stimmung der Ausgangspunkt sein. Wa» wird deshalb die natürliche Folge fein, wenn die relig ösen Gesänge zunächst auf die Belehrung de» Volkes angelegt sind? Der größere Theil des gereimten Werkes wird Repetition eines Abschnittes aus dem Kate­chismus oder der biblischen Geschichte fein; höchste ns wird in den letzten Strophen etwas wie Geb et, wird das lyrische Element zur schwachen Geltung kommen.

M. H., durch diesen wesentlichen Fehler sind eine Menge der Gedichte in unsrem Gesangbuche verdorben, ich sage „Gedichte"; es sind eben keine Lieder, keine poetischen Ergüsse des Herzens, der inneren Stimmung. — Zum Belege erinnere ich z. B. an Nr. 215. „Wie der Hirsch in schwülen Tagen." In Str. 1 und 2 wird gesagt, daß es ein Fegfeuer gibt, und wer da zu leiden hat. In Str. 3 wird der „singende Christ" hinab- gkführt in „des Kerkers finst're Höhle"; die armen Seelen schildern die Schwere und die lange Dauer ihrer Peinen, erinnern dann daran, daß wir ihnen helfen können, bitten um Erbarmen und mahnen uns, durch das hl. Opfer, durch Gebet, Fasten und Almosengeben ihnen beizuspringen; dies der Inhalt von Str. 3 bis 8. In Str. 8 macht nun der „singende Christ" erst einen steifen Vorsatz, unfern Brüdern beizuspringen durch das hl. Opfer, durch Gebet, Fasten und Almofengeben. In Str. 9 kommt er endlich zum Gebete: „Jesus, Bräutigam der Seelen, * laß sie doch nicht länger quälen, • lindre ihre Pein geschwind!" Wie aber, wenn Str. 9 nicht gesungen wird? Nun, dann kommt er eben gar nicht zum Gebete für die armen Seelen.

Wie viel herzlicher und andächtiger ist es doch, wenn ein Lied alsbald mit Gebet anhebt! „O Golt, Herr Jesu Christ, * der du so schmerzlich bist • am harten Kreuz gestorben, * sieh an der Seelen Gluth, * die ou mit deinem Blut • so theuer hast erworben. * — Hör' an ihr Klage- schrei, * schau' ihre Noth und Reu' * und ehr so langes Dulden. * Du weißt, was Schmerzen sind ; * ach hilf, ach hilf geschwind * abtragen ihre Schul­den. * — All deine Angst und Nolh, * Verfol­gung, Hohn und Spott, * Speer, Geißel, Kron' und Ruthe, * dein letzter TooeSstreil, * all deine Bitterkeit * komm' ihnen reich zu Gute." U. s. w. — Knüpfen wir hieran eine Bemerkung. In dem Siede, dessen 3 erste Strophen ich eben mitgetheilt, werden dieselben Glaubenswahrheiten erwähnt, wie in Nr. 215 des Fuldaer Gesangbuches. Ein Kir- chenlred soll ja keiner wegs ohne dogmatischen Ge­halt, im Gegentheil, es muß vom Geiste des Glaubens durchweht sein, und wenn es dieses ist, wird es ganz naturgemäß auch belehren. Aber die Glaubenswahrheiten dürfen nicht von außen, wie von einem Professor oder Prediger, dem Ver­stände des Singenden vorgetragen werden: sie müssen bereits vom Gemüthe erfaßt, mit ihm ver­schmolzen fein und aus demselben in seinen Bitten und Anmuthungen mit hervorquellen.

Uebrigens glauben Sie nicht, daß ich in dem Sieb Nr. 215 ein besonders unglücklich ausgc- führtes Sieb gewählt hätte. Das burchaus nicht ,