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1887.

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Von Carlos Armand.

(Fortsetzung.)

Was bekümmerte ihn der Boden, dem die von ihm begehrte Blume entsproffen? er war unab­hängig und vorurtheilsfrei! nichts hinderte ihn, sie in sein eigenes, sonniges Erdreich zu verpflanzen — und sie? nun, wie die Blume ihren Kelch freudig dem Lichte erschließt, so öffnete sie glück­selig ihr Herz dem glänzenden Künstler, deffen Liebe für sie im vollsten Sinne die Sonne be­deutete, die aus dem Dunkel ihres bisherigen Lebens sie hinausführen sollte zur lichten Höhe.

Ein strahlendes, berauschendes Glück hatte seinen Einzug gehalten in die enge Mansarde/

Die alte, uur an Leid und Entsagung gewöhnte Frau im Lehnstuhl wagte sich nur zagend dem­selben hinzugeben. Schien cs ihrem demüthigen Sinn doch fast zu groß, um von Dauer sein zu können, und nie vermochte sie ihres Kindes ver­klärte Züge zu blicken, ohne ein stilles Gebet, daß j der Himmel die süßen Hoffnungen erfüllen möge die das Herz des bräutlichen Mädchens schwellen'

Es war anders beschloffen.

Ein wonnevoller traumhaft schöner Sommer und Herbst zogen in ungetrübter Seligkeit an dem jungen Brautpaar vorüber. Angelika hatte wäh- rend dieser Zeit ihrem Verlobten zu einem Por- trait gesessen, und dieser, dem Liebe und Begei­sterung dabei den Pinsel geführt, hatte mit dem­selben auf der öffentlichen Ausstellung einen vollen Erfolg errungen. Das Bilv, welches Angelika's eigenthümliche Schönheit in edler Auffassung und vollendeter Treue wiedergab, erregte allgemeinste Bewunderung und brachte seinem genialen Schöpfer zahlreiche neue Aufträge ein. Letzterer, dem das Schicksal so immer gewisser eine ruhmvolle Zukunft zu verbürgen schien, wollte nun auch seine Ver­einigung mit der Geliebten nicht länger mehr hin- ausschteben; drängte es ihn doch, außer dem Wunsche, sie endlich ganz sein eigen zu nennen, auch vor Allem, Angelika den dürftigen Verhält­nissen zu entreißen, die ihrer in seinen Augen so wenig würdig waren. Gleich nach dem Weihnachts­feste sollte die Hochzeit stattfinden und Angelika war in glückseligem Eifer mit den Vorbereitunaen dazu beschäftigt. a

Eine Woche vor dem Feste war endlich Alles bereit. Die kleine selbstgefertigte Ausstattung lag vollendet in der Truhe, ebenso wie das weiße lustige Brautgewand mit dem zierlichen Myrthen- kräutlein, das die geschickten Finger der jungen Braut unter seligem Herzklopfen ineinander gefügt

Unvergeßlich lebte der Abend, an dem es ge­schehen, in ihrer Erinnerung. — Er war bei ihr gewesen und hatte ihr zugesehen, während sie die bedeutungsvollen grünen Zweige ineinander schlang.

„Wie mancher Brautkranz ist unter meinen Händen erstanden, ehe ich heute den eigenen win­den darf!" hatte sie lächelnd geflüstert, indem sie da« Haupt mit dem titf im Nacken hängenden, chweren Haarknoten an seine Schulter lehnte.

„Wer mir damals gesagt hätte, daß für mich eine Stunde kommen würde, gleich dieser!"

Er schloß sie als Erwiederung innig in seine Arme und nahm dann das fertige Gewinde aus ihrer Hand, um es ihr in zärtlichem Scherz auf das weichgewellte, dunkle Haar zu drücken.

Erschauernd hatte sie die kühlen Blätter auf ihrer Stirn gefühlt. Wie mit ahnungsvollem Beben durchrieselte sie eine plötzliche herzbeklemmende Angst, ein dumpfes, ihr selber unverständliches Schwer- gefühl . . .

Sich an des Verlobten Brust werfend und beide | Arme so fest um seinen Nackend schlingend, als fürchte sie, er könne ihr entrissen werden, war sie bann unwillkürlich in die Worte ausgebrochen:

„O mein Geliebter, werde ich diesen Kranz auch jemals vor dem Altäre tragen dürfen? Mir ist zu Muthe, als könnte es nicht fein! ..... ." „Närrchen, und warum denn nicht?" hatte er be­schwichtigend erwiedert. und unter feinen fröhlichen Scherzworten war die flüchtige Wolke bald ver­schwunden, welche vorübergehend den Himmel ihres Glückes getrübt. Der Rest des Abends verging dem Brautpaar wie immer in ungestörter Harmonie.

Es waren die letzten frohen Stunden, die ihnen beschieden waren. — — —

Am andern Morgen hatte ein düsterer Gast feinen Einzug in das Haus gehalten. Eine junge Mustkerswittwe, welche mit Angelika und deren Mutter auf demselben Flur wohnte und sich und ihre zwei kleine Kinder kümmerlich durch Näharbeit ernährte, war plötzlich vom Typhus befallen wor­den und lag in wildem Fieber hilflos auf ihrem ärmlichen Lager.

Angelika Irving besaß ein weiches, mitleidiges Ein tiefes Erbarmen hatte sie von Anfang I Ort M der jungen, blassen Frau hingezogen, die ungeachtet ihrer schwachen Gesundheit so heroisch für Kinder mit dem feindlichen Leben kämpfte. In zartsinniger Weise hatte sie derselben von dem Er- trag ihres Fleißes Unterstützung gewährt, wo immer sie konnte, besonders in der letzten Zeit, wo ihr ; bräutliches Glück alle edlen Keime ihres Wesens zur reichsten Entfaltung gebracht. Die Wittwe und ihre Kmder verehrten in dem holden Mädchen ihren guten Engel, dessen Eintritt stets einen Son­nenstrahl in ihr ärmliches Zimmerchen brachte.

Ohne Besinnen war Angelika auch jetzt an das Lager der Kranken geeilt. Die Furcht vor An­steckung war ihrem hochherzigen Charakter fremd, und daher vermochte die Rücksicht auf eine mög­liche Gefahr für sie selbst sie von der Uebernahme der Pflege nicht abzuhalten.

Auch ihre Mutter dachte zu edel, um ihr Thun zu mißbilligen.

„Gehe mit Gott, mein Kind, und thue, was Dein Herz Dir vorschreibt," hatte sie gesagt, als Angelika ihr die Kinder der Wittwe gebracht, da­mit sie dieselben während der Dauer der Krankheit unter ihre Obhut nehme, und dabei hatte sie einen Augenblick wie segnend ihre Hand auf der Tochter Scheitel gelegt.

Mit ihrem Verlobten hatte Angelika zwar einen schweren Kampf zu bestehen gehabt, aber sie hatte

auch seine besorgten Vorstellungen hellen Blickes erwiedert.

„Es ist meine Pflicht, Geliebter, laß sie mich erfüllen und das Uebrige Gott anheimstellen.

So war sie denn gegangen in ihres Herzens jugendlicher Begeisterung — bereit, ihr blühendes Leben zum Opfer zu bringen, wenn Gott es von ihr fordern sollte.--

Arme Angelika! Das Opfer, das von ihr ge­fordert wurde, war weit schwerer, als sie es zu ahnen vermochte; ihr Leben blieb verschont — aber er, das Leben ihres Lebens, der schöne, froh­herzige Künstler, er ward ergriffen von der furcht­baren Krankheit, und alle Thränen und Gebete der unglücklichen Braut, welche drei Tage und drei Nächte verzweifelnd an seinem Lager mit dem tückischen Feinde rang, vermochten nicht, ihm seine Beute zu entreißen. Ohne nur ein einziges Mal die Besinnung wieder erlangt zu haben, ohne Gruß upd Lebewnhl erlag er der Gewalt des Fiebers, und fast zur selben Stunde schloß auch die junge Wittwe drüben ihre Augen zum ewigen Schlaf.

An einem Tage trug man die beiden Opfer der verheerenden Krankheit hinaus aus dem düstern Hause, und seitdem saß Angelika, wie wir sie ge­funden, in der Dämmerstunde des Christabends: starr — regungslos — gleichgültig gegen Alles um sie her. Sie berührte weder Speise noch Trank, sorgte auch nicht wie sonst für die Bedürfniffe der Mutter und der verwaisten Kleinen, welche dieselbe noch immer in barmherzigem Mitleid bei sich behielt.

Die Stunde des Mittagsmahles kam heran — Angelika gewahrte es nicht. Das Bewußtsein ihrer Pflicht schien untergegangen in dem Bewußtsein ihres Jammers; ihre Augen sahen nichts als die Brauttruhe zu ihren Füßen — den Sara ihres Glückes.....

Einmal während des Tages hatte die Mutter es versucht, durch sanften Zuspruch ihr unglück­liches Kind aufzurichten, aber als einzige Erwie­derung hatte von Angelika's Lippen ein Lachen ge­lungen, so schaurig und verzweifelt, daß es der alten Frau durch Mark und Bein gegangen war und die Kinder sich zitternd fester an ihre Kniee gedrückt hatten.

Seitvem herrschte in der kleinen Mansarde jenes athembeklemmende Schweigen, unter dessen Banne wir zu Beginn unserer Erzählung die Bewohner gefunden. Höher und höher krochen die Schatten der Dämmerung an den weißgetünchten Wänden hmauf. Durch das Dunkel klingt jetzt leise ein flüsterndes Stimmchen. Es gehört dem kleinen Knaben, der fein Schwesterchen am Kleide zupfend, schüchtern sagte:

„Du, Klärchen, heut' kommt wohl das Christ­kind nicht zu uns?" Klärchen schüttelte ernsthaft ihre langen gelben Locken.

„Weißt Du nicht mehr," erwrederte sie ebenso leise mit geheimnißvoll-m Ausdruck, „daß die Mut­ter neulich sagte: wenn man im vierten Stock wohne wie wir, dann könne das Christkind nicht zu einem kommen; unsere Mansarde sei ihm viel zu hoch, es käme nur zu den Reichen und Vor­nehmen, wo es nicht zu steigen brauche."