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M 277.

Sonnabend, den 3. Dezember.

1887

filiert W 3rilni.

©te Fuldaer, Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher AbonnementSprerS ohne Bringerlohn und Bestellgeld- IM 50 mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Alllocution Sr. Heiligkeit des Papstes Leo XLIL

in dem Konsistorium vom 25. Nov. 1887. Ehrwürdige Brüder!

Da der Tag herannaht, an dem Wir vor fünfzig Jahren Die hl. Priesterweihe erhalten und Gott das erste hl, Meßopfer dargebracht haben, so sagen Wlr, wie billig, Gott Unseren tiefsten lank, weil er Uns in seiner Güte bis zu diesem Alter unversehrt erhalten hat. Gleichzeitig aber können Wir Uns nicht enthalten, mit Freude und Genugthung wahrzunehmen, daß in der gesammten christlichen Welt aus diesem Anlasse eine unge­wöhnliche Bewegung entstanden ist. Wir wollen nämlich Uns nicht den Schein geben, als bemerk­ten wir nicht, was vor aller Welt zu Tage liegt und nicht Uns, sondern anderen zur Ehre gereicht; ihr sehet ja, Ehrwürdige Brüder, welche'Bedeu­tung der öffentlichen Freude gegeben wird, wie groß die Uebereinstimmung der Geister ist, wie vielfache und ausgesuchte Zeugnisse einer voll­ständigen kindlichen Hingabe zu verzeichnen sind. Alle Menschenklaffen in allen Weltgegenden wett­eifern, sei es öffentlich, sei es privatim, um Uns mit jeder Art von Dienstbeflissenheit zu über­schütten: es werden Gesandtschaften und Glück­wunschschreiben geschickt,. Pilgerfahrten selbst aus entfernten Ländern freiwillig unternommen uno in ungeheuerer Menge Geschenke gesandt, welche offenbar durch den verwendeten Stoff und die Ausführung noch nicht an den vorhandenen guten Willen heranreichen. Hierin giebt sich in wunder­barer Weise die Güte und Kraft Gottes kund, der die Kirche in schweren Zeiten des Ringens kräftigt und unterstützt der Den für feine Ehre Kämpfenden Trost ertheilt, der in den Rathschlä­gen seiner Vorsehung selbst aus dem Bösen reiche Früchte des Guten zu ziehen versteht; ferner er­glänzt hierdurch der Ruhm der Kirche, welche die göttliche Kraft ihres Ursprungs und Lebens, sowie den göttlichen Geist kundgiebt, von dem sie ge­leitet und beseelt wird, und verwöge dessen sie die Gemüther der Gläubigen mit einander durch ein und doffelbe Band vereint und mit dem höchsten Hirten der Kirche verbindet. — Dem Gefühl der Freude, welches Wir beim Anblicke von alle Dem empfinden, geben Wir, Ehrwürdige Brüder, zu Gottes und Der Kirche Ehre vor euch allen Ausdruck und bekennen öffentlich, daß Unsere Seele durch so viele und so große Beweise von Liebe des christlichen Volkes gegen Uns tief be­wegt ist, und daß niemals die Erinnerung daran aus Unserem Herzen schwinden wird.

Im stärksten Gegensätze hierzu stehen die Re­gungen der kirchenfeindlichen Elemente unseres katholischen Vaterlanöes. Denn nicht widmen sie sich der Arbeiten des Friedens, sondern sinnen auf Krieg gegen die Krrche, indem sie den Namen des Rechtes ihren Ungerechtigkeiten geben und kein Bedenken tragen, durch ihre Beschimpfungen den Haß der Volksmassen gegen den apostolischen Stuhl zu entfachen und Uns und den gesammten Katholiken einen neuen und schweren Schmerz zuzufügen, was erst eben wieder der Fall ge- wesen ist.

Was anderes hat man denn mit dem jüngsten Beschlüsse der bürgerlichen Gewalten beabsichtigt, wodurch die italienischen Bürger von denen, die w dieser Hinsicht keine Autorität besitzen, von der Zahlung der kirchlichen Zehnten, wozu sie durch Kirchengesttz verpflichtet sind, befreit worden sind, wenn nicht die Vergewaltigung jenes Rechtes, wo­durch es der Kirche freisteht, zeitliche Güter zu er­werben und frei zu verwalten; was anderes ist damrt erstrebt worden, außer daß der Klerus in

eine größere Bedrängniß gebracht und damit in feiner Fähigkeit, für den Gottesdienst zu sorgen, dem Elend der Armen zu Hilfe zu kommen, und die Zierde und die Würde der göttlichen Amts­führung selbst zu wahren, beeinträchtigt werde?

Allein darauf beschränken sich die Bitterkeiten, die uns treffen, noch nicht. Der Kirche droht nämlich eine äußerst schwere Gefahr auch aus einem Gesetze, welches, wie es heißt, durchgeführt werden soll und das seinen Ursprung aus Lehren hernimmt, durch welche die auf göttlicher An­ordnung beruhende Stellung der Kirche umgestoßen wird. Es handelt sich nämlich darum, die freie Verwaltung des Kirchenvermögens zu knebeln durch neue StaatSgesetze, die ' araus abzielen, die Gil­tigkeit der kanonischen Gesetze über das Kirchen­vermögen zu beseitigen, der Kirche ihr Recht auf ihre Güter zu nehmen, alle Gewalt und Befug­nisse darüber der Staatsgewalt zu übertragen, die Verwaltung der Güter aber in die Hände vom Volke erwählter Laien zu legen, welche, nach Be­seitigung der kirchlichen Autorität, einzig den Mi­nistern des Staates und der bürgerlichen Juris­diktion unterworfen sind. Ihr sehet, Ehrwürdige Brüder, welHe Wunde das neue Gesetz, falls es durchgesührt wird, der Kirche schlagen würde, weil cs nicht nur die Disziplin umkehrt, sondern auch die Gewalt und Freiheit der Kirche verletzt so sehr, daß, während einerseits ganz offen Laien zur Bekämpfung der Kirche Waffen in die Hand ge­drückt werden, dieselbe andererseits in ihrem Hirten­amte, in der Verwaltung des Gottesdienstes und ihres katholischen Lehramtes von fremder Willkür abhängig fein würde. Aber auch noch ein anderer Umstand läßt Uns nicht frei von Sorge fein. Für die Heranwachsende Jugend müssen Wir fürchten, wenn Wir sehen, wie so Viele danach trachten, die Zöglinge der öffentlichen Schulen dem Einflüsse der Kirche, sogar was den Religionsunter­richt betrifft, zu entziehen. Es ist, zumal für die Katholiken, klar, wie sehr ein solches Verfahren mit der Gerechtigkeit im Widerspruch steht, und wie viel Stoff zu Hebeln für den Staat wie für die Einzelnen es in sich birgt.

Indem Wir diese Gefahren vor Uns schauen, werden Wir von bitterer Sorge ergäben um dieses katholische Volk, weil Wir die beklagens- werthen Uebet Uns vergegenwärtigen, denen die Völker durch Verachtung der Religion an­heimfallen.

Wir aber thun dies heute und von diesem Orte aus, Euch und dem gesammten katholischen Erd­kreise kund und zu wissen, indem Wir Gott bitten, die öffentlichen Zustände Italiens zum Besseren zu wenden, und Aller Gedanken und Werke zum wahren Vortheile und zum wahren Ruhme des Vaterlandes zu lenken. — Im Uebrigen, Ehr­würdige Brüder, setzen Wir Unser ganze« Ver­trauen auf Seine Macht und Güte: Gott schaut von seinem heiligen Berge die Leiden seines Volkes, und obwohl Er ansteht, die Macht feines Armes zu zeigen, fo läßt Er dennoch, wenn die Zahl feiner Rathschliisse gekommen, seiner Kirche es an Hilfe nicht fehlen.

Nunmehr jedoch erfordert die Pflicht Unseres apostolischen Amtes, verschiedenen Kirchen des ka­tholischen EcdkreiseS neue Hirten zu geben.

(Folgt die Ernennung bet Bischöfe.)

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Dezember.

* Im Reichstage wurde heute die erste Lesung der Vorlage über die Erhöhung der Ge- treidezölle vor völlig therlnahmslosem und spärlich besuchtem Hause fortgesetzt. Erster Redner

aus dem Hause war der nationalliberale Abg. Landwirthschaftsdirektor Seemann (Württem­berg), der Namens der Minorität der National- liberalen sich für die Vorlage erklärte, um einen Ausgleich für die auf dem Grundbesitz ruhenden Lasten herbeizuführen. Die deutsche Landwirthschaft sei zersplittert und bedürfe des Schutzes gegen­über dem kompakten Auftreten der Produktion in den Konkurrenzländern. Gegen die Vorlage sprach hierauf der sozialdemokratische Abg. S i n g e t, der mit sozialdemokratischen Phrasen um sich warf, die ländliche Gesindeordnung für moderne Sklaverei erklärte u. s. w. Dem gegenüber erinnerte der für die Vorlage eintretende konservative Abg. v. Frege in tnffenber Weise an das Elend der Berliner Näherinnen, denen Herr Singer nahe­steht. Redner ging dann auf die Vorlage selbst ein, bei der es sich um die Erhaltung des ländlichen Grundbesitzes und der nationalen Arbeit handele. Der agrarffche Gedanke ,beherrsche die Majorität des deutschen Volkes. Redner wandte sich gegen die Kommissionsberathung, weil sie die Spekulation entfesseln und ro< il die Frage ander? als auf dem Wege der Regierungsvorlage doch nicht gelöst werden könne. Als vierter Red- ner sprach Dr. Bart h aus der deutschfreisinnigen Fraktion. Er hielt die Nothlage der Landwirth­schaft durchaus nicht für erwiesen und bekämpfte aufs Schärfste die Getreidezollerhöhung, sowie den Schutzzoll überhaupt, bei dessen Aufhebung, die sicher komme, unsägliches Unglück über den Grund­besitz kommen werde. Der freikonservative Abg. v. Kar dorff entgegnete, indem er den enormen Rückgang der Grundrente barlegte. Redner be­handelte dann die Einführung der Doppelwährung vor deren Einführung auch die jetzt vorgcfchlagenen Zölle nichts helfen würden; außerdem fürchtet Redner, daß Rußland, wenn es seinen Getreide- export geschädigt sieht, sich mehr auf die Produk- kion von Zucker und Branntwein werfe und uns dadurch schädige. Trotzdem trat Redner für die Erhöhung der Zölle ein, weil augenblick­lich nichts an deren Stelle gesetzt werden kann. Er erklärte, daß ein großer Theil seiner Freunde ohne den $ 2 (Nachverzollung vom 26. November ab) die Vorlage nicht annehmen könnten, wobei der Abg. Richter dazwischen rief: Da sind wir ja schön heraus! Lanswirthschaftsminister Dr. Lucius bekämpfte atSDann den Vorwurf, als handle es sich bei der Vorlage nur um die In­teressen des Großgrundbesitzes. Wäre das Der Fall, dann würde die Vorlage nicht eingebracht worden fein. Redner wies noch einige an feinen statistischen Aufstellungen gemachte Bemängelungen zurück. Die Sätze der Vorlage feien nicht zu hoch gegriffen; immerhin sei zuzugeben, daß die Erfahrung die Richtigkeit derselben erst noch erweisen muffe. Seien sie zu hoch, Dann kömsten sie reduzirt werben: ein großer Schaben aber wäre es, wenn sie jetzt zu nieber normirt würben und Da­mit sofort der Agitation neue Nahrung geben würden. Die Kommission möge die Frage der Erhöhung nicht mit anderen Fragen belasten, da dies das Scheitern der Vorlage herbeiführen könnte. Hinsichtlich der Aufhebung des Jventitäts- nachweises sage er non liquet; die Interessen widersprechen sich hier. Als letzter Redner sprach Frhr. v. LanDSderg-Steinfurt aus dem Cen­trum für Die Erhöhung der Getreidezölle in äußerst warmen Worten indem er namentlich >etonte, daß es sich um eine gemeinsame Sache )eS ganz n Bauernstandes handle. Die sachliche und ruhige Alt der Red: des verehrten Herrn machte im Gegensätze zu anderen für uhd gegen die Vorlage gehaltenen einen sympathischen Ein­druck. Die Debatte wurde darauf geschloffen und