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M 276. Freitag, den 2. Dezember. 1887

fülbner

Die Fuldaer, Zeitung erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brinqerlohn und Beliellaeld- IM «f mit der belletriMchen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. 8 *

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Deutsches Reich.

Berlin, 1. Dezember. .

* Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht an der Spitze seine« amtlichen Theil« folgendes Bulletin: San Remo, 30. November. Das örtliche Leiden Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen zeigt augenblicklich keinerlei Symp­tome einer um sich greifenden Ausdehnung; Be­schwerden irgend welcher Art sind nicht vorhanden, die allgemeinen Körperfunktionen sind andauernd sehr gut. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit unternehmen täglich bei günstigem Wetter regel­mäßige Spaziergänge und Ausfahrten in die Um­gebung. Schrader. Krause. Maix Howell.

• Im Reichstage begann heute die erste Lesung der Vorlage über die Erhöhung der Getreide- zöflle schon um IP/4 Uhr. Das Haus war nur schwach besucht, ebenso zeigten die Tribünen geringen Besuch. Am Bundesrathstische waren erschienen Land- wirthschaftsminister Dr. Lucius, Staatsminister v. Bötticher, Finanzminister v. Scholz; später kam noch Minister v. Puttkamer hinzu. Auch Feldmar­schall Graf Moltke, der seither unpäßlich gewesen, befand sich heute im Hause. Die Debatte eröffnete LandwirthschaftSminister Dr. Lucius, welcher in der ihm eigenen objektiven Weise ein Referat über die Gründe gab, welche den Bundesrath veran­laßten, die Vorlage einzubringen. Der Mnister legte dar, daß wir feit 1861 jetzt den niedrigsten Weizenpreis hätten und daß es mit dem Roggen- p»eis ähnlich stehe. Wir haben trotz der Zölle ein erhebliches Sinken der Preise zu verzeichnen. Um diesen Rückgang aufzuhalten, muffen die Zölle er­höht werden, was geschehen könne, da die j tzige Differenz zwischen dem Inlandspreise und dem Weltmarktpreise noch nicht ein Drittel des Zolles beträgt. Eine Enquete ist unnütz; es handelt sich um eine schwere Krisis, über die schnell und sofort hinweggeholfen werden muß. Eme Vollmacht, die Zölle herabzusetzen, wünscht die Regierung nicht; wenn ein Rothstand eintritt, dann wird die Regie­rung den Reichstag einberufen zur Herabsetzung, sobald sie erforderlich sein sollte. Erster Redner au» dem Hause ist Dr. Reichensperger, der

Der Hm Kkdadteir in MnertretW.

(Schluß.)

Voll banger Ahnung öffnete Thymian die Thür seines Arbeitszimmers. Erschrocken fuhr er einen Schritt zurück. Eine Dame in phantastischem Kostüm, eine Hünengestalt, einen pyramidenförmi­gen Hut auf dem schwarzen, fettglänzenden Kraus­haar, dtffen Spitze fast die Decke des Zimmers berührte, trat ihm entgegen. Die grauen Lippen eng zusammengekniffen, den stechenden Blick drohend in die Augen Thymians bohrend, donnerte sie ihn mit einer Stimme an, die wie das Echo der Posaunen von Jericho klang:

„Sie sind der Revaktenr des Merkur'?"

„Zu dienen, meine Gnädige."

„So! Wissen Sie, wer ich bin?"

„Ich habe nicht die Ehre. Wollen Sie mir nicht gütigst--"

„Ich bin die erste Heldin des Thalia-Theaters, Sie haben in Ihrem gestrigen Blatte das nichtige Ding, die sich fälschlicher Weise für eine eiste Liebhaberin ausgebende Dilettantin, die Flatter, als die erste Kraft unseres Ensembles bezeichnet. Wollen Sie das zurücknehmen? Ich frage Sie, jch, Fräulein Jugurtha Protzini, erste Heroine „nd stellvertretende Direktorin in deren Abwe- ^nheit!"

laut Bericht der ,Germ.' gegen die Vorlage spricht. Redner führt aus, er habe feinen Standpunkt schon publicistisch bekannt gegeben in der Absicht, Beleh- rung zu erhalten. Das sei aber nicht geschehen; er sei angegriffen und geschmäht, aber nicht wider­legt, im Gegentheil in seiner Ansicht bestärkt wor­den. Er sei ein warmer Freund der Landwirth- schaft und Anhänger der Schutzzollpolitik. Aber hier handele es sich, wie aus der Verschiedenheit der landwirthschaftlichen Betriebe, der geographischen Lage u. s. w. hervorgehe, um eine Zollagitation, die eine einseitige Jntereffenverfolgung ist. Redner erörtert dann seine Gründe, die ihn zu einem ver­neinenden Votum veranloffen. Für die Vorlage spricht dann der deutschkonservative Abg. v. Hell- dorff, der die Ausführungen Reichensperger's bekämpft und die Erhöhung der Getreidezölle ver­langt, da sie eine Frage des höchsten nationalen Interesses fei. Redner ist gegen Kommifsions-Be- rathung. Die Frage fei klar und müsse im allge­meinen Interesse so rasch wie möglich im Plenum erledigt werden. Namens der Mehrheit der Natio­nalliberalen erklärte dann der Kammergulspächter Abg. Geibel, daß sie nicht nur gegen die Vor­lage der Regierung, sondern gegen jede weitere Erhöhung der Getreidezölle stimmen werden. Red­ner giebt buchmäßige Aufschlüffe, daß die Erträg- niffe des Getreidebaues nicht gefallen sind, wohl aber die Löhne. Abg. Gehlert (Reichsp.) suchte nachzuweisen, daß Zölle und indirekte Steuern eine einzelne Klasse der Bevölkerung nicht ausschließ ich treffen könnten und eine Erhöhung der Löhne im Gefolge haben müßten. Seine Freunde feien einig in der Anerkennung der Nothwendigkeit der Er­höhung der landwirthschaftlichen Zölle, doch bestän­den über die Höhe der Z ffern noch Meinungsver­schiedenheiten, weshalb er Ueberweisung an eine Llgliedrige Kommission beantrage. Abg. Loren­zen (fretf.) gegen die'Erhöhung, von derer poli­tische Konflikte befürchte. — Weiterberathung morgen.

* Beim Reichstage sind bis j-tzt etwa 7000 Petitionen eingegangen, darunter befinden sicy ungefähr3600 fürErhöhung derGetreide- zölle und 18 gegen dieselbe. Nahezu 2000 Petitionen sind gerichtet auf Maßregeln zur Be­kämpfung der Trunksucht.

Die empörte Heldin fuchtelte drohend mit dem Regenschirm vor den Augen Thymian'» herum und zeigte dabei Arme, um deren Muskeln ein Achilles sie beneidet haben würde.

„Aber, meine Gnä — Gnädige —" stammelte Thymian, Schritt um Schritt vor den funkelnden Augen de» Heldenweibes zurückweichend, „ich — ich — weiß--"

»Herr Redakteur, die Leute warten auf Ma­nuskript," tönte es in die Redaktionsstube hinein.

„Wollen Sie da» zurücknehmen ober nicht? — Wollen Sie das berichtigen oder nicht?"' fuchtelte die aufgebrachte Dame mit beängstigenden Gesten.

„Ja, ja!" stotterte der Bedrohte. „Sie sehen — ich — meine Zeit — —"

„Also ich, ich bin die erste Kraft des Thalia- Theaters und nicht diese Schminkstrippe! Ver­standen? Und wenn Sie mir keine Genugthuung geben, stelle ich mich morgen hier wieder ein?"

Sie rauschte hinaus wie ein Drache, welchen plötzlich ein kräftiger Winvstoß über da» Feld jagt.

„Herr Thymian, ich muß aber wirklich was zum Setzen haben!" murrte der Metteur.

Auf dem Tisch lag ein Circular. „An die geehrte Redaktion," lautete die Ueberschrift. Thy­mian schob cs dem Mahner mit einem wüthenden Blick hin.

Wieder öffnete sich die Thür, durch die Spalte

* Die beiden jetzt eingebrachten Anträge, be­treffend die Entschädigung unschuldig Verurtheilter, verfolgen, obwohl sie in einer Reihe von Paragraphen übereinstimmen, eine wesentlich verschiedene Tendenz. Der Antrag Munckel will jedem im Wiederaufnahmever­fahren Freigtsprochenen das Recht auf Entschädi­gung gewähren. Nachweisbar beruht nun aber ein ganz erheblicher Prozentsatz (über 50 pCt.) der Freisprechungen im Wiederaufnahmeverfahren auf einer Coustruktion desselben in der Reichsstraf­prozeßordnung, durch welche es ermöglicht wird, daß ein wirklich Schuldiger in Folge bloßer Ver­dunkelungen des Thatbestandes, wie solche bei der oft längere Zeit zwischen der Verurtheilung und dem Wiederaufnahmeverfahren nur zu er­klärlich sind, freigesprochen werden muß. In solchen Fällen würde die Zubilligung einer Ent­schädigung mit dem R, chtSbewußtsein de« Volke« nicht in Einklang zu bringen sein. Die Tendenz de« Anträge« Rintelen geht nun dahin, da« Wiederaufnahmeverfahren ander« und so zu kon- struiren, daß die bei der bisherigen Construktion obwaltende vorgedachte Gefahr der Freisprechung wirklicher Schuldiger nach Möglichkeit beseitigt wird, und daß die Entschädigung nur denjenigen gewährt werde, welche in dem früheren Verfahren zu Unrecht verurtheilt waren.

* Augsburg, 1. De». Dr. Max Huttler, Besitzer des Literarischen Instituts in Augsburg und München und früherer Landtagsabceordneter, ist gestorben. (Fr. Z.)

Ausland.

* In Paris ist ganz unerwartet in der poli­tischen Sage ein Umschwung eingetreten. Papa Gr«vy bleibt, trotzdem er Rouvier feinen Rücktritt offiziell angekündigt, und dieser deshalb auch seine Demission rückgängig gemacht hatte. Die Minister traten heute (Donnerstag) Vormittag unter dem Vorsitze Grsvy'S im Elyfoe zu einer Sitzung zusammen. Gröoy theilte denselben mit, daß er, da die Lage sich verändert habe, den Kammern heute keinerlei Mittheilung zugehen lassen werde. Ministerpräsident Rouvier wird diesen Entschluß G.soy's zur Kenntniß der Kammern

wurde ein rothglühender Kopf mit gebrannten strohgelben Locken geschoben.

„Bitte um Verzeihung! Der Herr Redakteur zugegen?"

„War wünschen Sie?"

Der Eigenthümer des Kopses, der sich ausnahm wie ein bemalter Gummiball, hüpfte vor Thymian hin, blickte ihn impertinent an und sagte:

„Mein Name ist Hase, Friseur Hase. Haben Herr Redakteur vielleicht Hühneraugen?"

„Nein, warum?"

„Schade. Sonst hätte Herr Redakteur sicher meine Hühneraugeminklur länast erprobt und wür­den diese sä öne Gabe der Natur nicht in den Augen aller Huhneraugenleidenden herunterfitzen. Ich muß dem Herrn Redakteur bemerken, daß es nicht gewiss nhafi ist, etwas zu verdammen, was man nicht k nut. So! Nun gehen Sie hin und verklagen Sie mich! Ich habe die Ehre!"

Der Hase hüpfte mit stolz erhobenem Haupte hinaus.

„Herr Thymian, die Leute haben nichts--

„Sapperment, ich gab Ihnen doch eben--

„Das hier? Das ist em Lebensversicherung« - profpekt, den können wir doch wohl nicht in der Zeitung abdrucken!"

Thymian preßie die Lippen zusammen. Dann faßte er nach eimr Zeitung, nach derjenigen, welche