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Donnerstag, den 1. Dezember.
1887
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Ueberweisungen und charakterisiere diese Ueberein- stlmmnng, als die nie erloschene Sehnsucht nach dem Einheitsstaat. Er beleuchtete die internationale Lage, die aber durch einen einzelnen Staat nicht gerudert werden kann, so daß wir unsere militärische Rüstung ertragen und Mes thun müssen, was das Fortschreiten anderer Nationen erfordert. Das verstehe sich ganz von selbst und es sei eine ganz unnöthige „Paukerei", daß darüber noch pathetische Versicherungen von Rednern gemacht wurden. Demungeachtet müsse man auch am Militäretat sparen und nichts bewilligen, was nicht mit mathematischer Genauigkeit als erforderlich nachgewiesen sei. Nachdem Redner noch die Schädlichkeit des Sozialistengesetzes berührt hatte, endete derselbe mit einem Appell an die Budgetkommission, daß sie größte Sparsamkeit übe. Damit war laut I bricht der ,Germ.' die Sitzung noch vor 3 Uhr zu Ende. Morgen: Erhöhung der Getreidezölle.
* Der Abg. Rintelen hat, unterstützt vom Centrum, ebenfalls einen Antrag auf Entschädigung unschuldig Verurtheilter eingebracht.
! * Der ,Reichsanzeiger' publizirt eine kaiserliche Verordnung vom heutigen Tage, mittelst welcher die Einfuhr von Schweinen, Schweinefleisch einschl. der Speckseiten, sowie von Würsten aller Art dänischen, schwedischen oder norwegischen I Ursprungs über die Grenzen des Reiches bis auf Weiteres verboten ist. Der Reichskanzler ist ermächtigt, Ausnahmen von dem Verbot unter Anordnung der erforderlichen Kontrolmaßregeln zu
* Der englische Gesandte in Brüssel Lord Vivian soll zu Neujahr zum englischen Botschafter am hiesigen Hofe ernannt werden.
* Der Münch. Allg. Ztg.' zufolge soll der Direktor der Leipziger Diskontogesellschaft, I e ru- salem, sich in einem dortigen Holel erschossen haben und gestern daselbst aufgefunden worden sein.
* 3« den hervorragendsten englischen medizinischen Kressen wird, so berichtet der Londoner CorreSpon- dent dcS ,Berl. Tagebl.', es jetzt für sehr wohl möglich gehalten, daß das lokale Nebel des Kronprinzen schließlich sich doch nicht als Krebs Herausstellen werde. Jene medizinischen Autoritäten erklärten nämlich, daß alle Symptome mit der Bildung eines Abscesses unterhalb des Peri- chondriums vereinbarlich sind, und daß das Bersten jenes Absosse» zu jenem Zustande der schleimigen Membrane führen werde, welcher äußerlich dem Krebs ungemein ähnlich ist. Die frühesten Symp. tome und die Entwickelung der Krankheit in ihrem ganzen Verlaufe, insbesondere die theilweise Unbeweglichkeit des linken Stimmbandes, sowie die darauf folgende Entwickelung eines temporären akuten Oedems werden von jenen medizinischen I Autoritäten vielmehr im Einklänge mit Perichondritis (Knorpelhautentzündung) als mit Krebs angesehen. Sie behaupten ferner, daß ein akutes Oedem und dessen Verschwinden danach niemals der Krebs vorkomme, obgleich ein chronisches permanentes Oedem hierbei nicht selten vorkommt.
* Im Reichstag ging heute die General- debatte über den Etat schon nach etwa anderthalbstündiger Berathung zu Ende. Erster Redner war der freikonservative Abg. Graf Behr, welcher zur Sparsamkeit mahnte, namentlich beim Postetat. Namens der Sozialdemokraten ergriff darauf der Abg. Bebel das Wort, um zunächst dre internationale Lage einer Besprechung zu unter- ziehen. Von der Thronrede ausgehend zitirte er den Aufruf an die Böhmen und die Bildung der Klapka'fchen Legion, um zu behaupten, wir sollten uns nur nicht besser als andere Nationen stellen. Als er in Verbindung mit der Thronrede von Heuchelei sprach, wurde er vom Präsidenten zur Ordnung gerufen. Redner kam dann auf die Höhe des Mssitäretats, die Getreidezollerhöhung und die Jnvalidenversorgung zu sprechen, um dabei die ökonomische Lage zu streifen. Nächster Redner war der Abg. Dr. Windthorst, um den sich eine dichte Corona bildete, als er sprach. Redner erörterte die Gedankenübereinstimmung Rickert'» und Bennigsen'» hinsichtlich der
2. Fortsetzung.
Ein Dienstmädchen trat ein. Sie legte mit einem Knix einen in Papier gewickelten Gegenstand auf den Redaktionstisch und überreichte Thymian einen Brief.
Ein penetranter Geruch erfüllte plötzlich den Raum. Der ominöse Duft ging zweifelsohne von dem Packet aus.
Thymian erhob sich entsetzt von seinem Sessel und rief mit der Miene tiefen Ekels aus: „Was ist denn das? das riecht ja — —"
--Wie verdorbene Wurst, nicht wahr?" fiel da« Mädchen ein. „Sie sollten sie in die Zeitung bringen, läßt meine Madame sagen, denn so war müßte in'» Blatt, weil es zu schändlich ist. Na, adieu auch! Und die Wurst ist von Häckerling aus der Lenenstraße."
Der stellvertretende Redakteur schleuderte das Packet in das lodernde Feuer de« Ofen«, öffnete Thür und Fenster und riß den Begleitbrief aus dem Couvert.
„Sehr geehrter Herr Redakteur I" lautete das | Schreiben. „Beifolgende Wurst kaufte ich von Fleischer Hackerling. Ich bitte Sie, sich von der * 1
* Köln, 29. Nov. Gegenüber einer Bemerkung der ,Köln. Vztg.', die Nachricht der .Tremonia' betreffs der Besetzung der linksrheinischen Succursal-Pfarreien habe bisher keine Bestätigung erhalten, und in den letzten Monaten seien überhaupt keine weiteren Vereinbarungen zwischen dem apostolischen Stuhle und der preußischen Regierung getroffen worden,
Deutsches Reich.
Berlin, 30. November.
= wiederholt das obengenannte Blatt, „daß das in > Frage kommende Abkommen zwischen Rom und ! Berlin getroffen ist, daß aber die Veröffent- : llchung der betreffenden Urkunde und die Zustellung an die resp. kirchlichen Behörden sich bis letzt verzögert hat, weil einige juristische Personen des Vatikans, welche mit der Sache zu thun haben, in Ferien sind, und weil für das Papst- Jubiläum sich viel Arbeit anhäuft". Die That- fachen erklärten es auch, weshalb am Rhein bis m die letzte Zeit hin für Succursal-Pfarreien noch Pfarr-Verweser (mannt seien. Es sei l wahrscheinlich, daß im Dez. das qu Abkommen in Kraft trete.
* Stuttgart, 29. Nov. Die Abreise des Königs und der Königin nach Florenz erfolgt morgen Vormittag. Die Reife geschieht mittels Extrazuges über München-Jnnsbruck. Die ursprünglich geplante Zusammenkunft mit dem Prinz- rezenten Luitpold in München unterbleibt.
Ausland.
,. 30. Nov. Grevy empfing gestern
dre Besuche zahlreicher politischer Persönlichkeiten Seitens Derjenigen, welche für das Verbleiben Grevy's sind, wurde Goblet angegangen, ein Kabinet zu bilden. Goblet lehnte indessen ab. Nunmehr dürfte kein weiterer Versuch gemacht
I werden, die Pcäsidentschaftskrise zu vermeiden.
* Pari», 28. Nov. Die Limouzin geht, nachdem sie vergebens versucht hat, sich durch den Ausschank von Getränken zu ernähren, unter die Journalisten. Sie hat an alle Redaktionen der Pariser Zeitungen folgenden Brief geschrieben: „Mein Herr! Ihre Zeitung von heute morgen handelt so viel von mir, daß ich von Ihrer Höflichkeit die Aufnahme diese» Briefe» an der Stelle, wo der Angriff erschienen ist, erwarte, wie e» da« Gesetz vom 29. Juli 1881 will. Ohne Vertheidiger in der Presse, die mich nur beleidigt, um die schände und Würdelosigkeit meiner Verleumder zu verdecken, werde ich am Mittwoch den 30. November die erste Nummer de« Journals ,L e» CHatiments' herausgeben, wo ich alle diejenigen erscheinen lassen werde, die noch ein Interesse daran haben, im Schalten zu bleiben. Ich er- warte, mein Herr, von Ihrer Billigkeit die Ver- öffentlichung diese» Briefe», und Sie werden es
Gesundheitsschädlichkeit der Wurst zu überzeugen und den Mann an den Pranger zu stellen, wie er es verdient. Alle Hausfrauen werden Ihnen dafür dankbar sein!"
Da nahmen die Augen Thymian» plötzlich einen | stieren Ausdruck an.
! Mit einem kräftigen Fluch schleuderte er da» Papier zur Erde und stürzte an den Ofen. Höhnisch flackerten ihm die Flammen entgegen.
„Er ist verbrannt," murmelte er zwischen den Zähnen — niederträchtig I
Am Schluffe des Briefes stand: „Zugleich lege ich zur Begleichung meiner Annoncenrechnung den Betrag von 70 M. bei, einen Fünfzigmarkschein und 20 M. in Gold. Die Quittung bitte mir gelegentlich zu übersenden. Hochachtend Caroline Schulz, Modistin."
Eine Reihe von Verwünschungen knurrend, begab sich Thymian wieder auf den Redaktionsstubl, um in einem geharnischten Artikel gegen m ß- bandelnde Lehrer und nahrungsmittcloerfälschende Fleischer seinem Zorn Luft zu machen.
Nun trat ein Postbote ein. H rrn Thymian durchzog bei dem Anblick der Zuschriften em ge- lmder Schauer, der beim Lesen derselben nichts an Jntensiviiät verlor.
Hier beschwerte sich einer über die Erfolglosig-
keit de« Maiee'schen Hühneraugenwaffers, da setzte man die Redaktion in Kenntniß von dem Ueber- griff eines Polizisten.
Ein anderer Briefschreiber beschwerte sich über
I die Rücksichtslosigkeit der Velozipedisten und wieder in einem Schreiben wurde der Merkur' ersucht, die Verdienste de» „Keg-lklub" herauszustreichen. Ein Eingesandt warnte vor dem Tragen von Strumpfbändern, da dieselben den freien Umlauf de» Blute» hinderten. Ein Cirkular, um dessen Aufnahme ersucht tiurbe, enthielt die Kritik eine» schlechten Roman«, verfaßt von dem Verleger und ein andere« pries die gesundheitsfördernde Wirkung eine« neu erfundenen Heilmittel«, das sich „Kondensirter Ozon" nannte.
„Man muß dem Publikum entgegenkommen", murmelte Thymian. Ruch Gutdünken stutzte er die Einsendungen zurecht und Übergab sie dem M tteur, welcher endlich erklärte, mit genügendem Mannst fript versehen zu fein.
Thymian'« Brust erhob sich erleichtert. Er wischte sich den Schweiß von der breiten Denker« stirn und rieb sich die Hände.
Dennoch vermochte er nicht ganz de« Gefühle» »fülltec Pflicht froh zu wer en. Eine beklemmende Bangigkeit erfüllte ihn und erst al» er den ersten Abzug de« heutigen Merkur' zwischen den Fingern
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