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i ! M. 274. Mittwoch, den 30. November. 1887

Iilhtr W 3titnng.

Die Fuldaer, Zeitung" erscheint täglich. Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M SO Pf mit der belletristischen Wochenbeilage »Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auSwärtS 1 M. 75 Pf. "

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Für den Monat Dezember werden Abonnements auf die

Juldaer Zeitung

von allen Postanstalten, Landbriefträgern, Zeitungsträgern und von der Expedition (Buttermarkt) zum Preise von 50 Pf. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. November.

* Die Kaiserin ist heute Abend hier einge­troffen.

* Im Reichstage begann heute bei schwach besuchtem Hause die erste Lesung des Etats. Vor Eintritt in die Tagesordnung theilte Präsident v. Wedell-Piesdorf mit, daß das Präsidium vom Kaiser empfangen worden sei; Se. Majestät habe den Ausdruck der Theilnahme an der über da» Kaiserhaus verhängten Fügung mit huldvollem Dank entgegengenommen. Darauf eröffnete der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Dr. Ia co b i, die Berathung, indem er die Gestaltung des Erat« und der Finanzlage erläuterte. Die Darlegung hielt sich im Rahmen einer geschäftsmäßigen liebet- sicht, wie sie in knappen Zügen auch in der Preffe gegeben wurde, entbehrte jedoch der Pointen, welche dem Haufe eine größere Theilnahme hätten ab- nöthigen können. Am Schluffe sprach Redner die Hoffnung der verbündeten Regierungen au«, daß mit dem neuen Etatsjahr die Zeit der Fehlbeträge abgeschloffen sei. Ob sich die an die Branntwein­steuer geknüpften Erwartungen in dem gehofften Maße verwirklichen würden, müsse dahingestellt bleiben. Sodann ergriff ckl» erster Redner au» dem Hause der deutfchfreisinnige Abg. Rickert da» Wort, der die EtatSverhältniffe für verworren erklärte. Die Fcanckenstein'sche Klausel, da» Huene'sche VerwendnngSgefttz, die Ueberweisung an die Bundesstaaten in § 39 des Branntweinsteuer- Gesetzes — Alles richtet nach dem Redner Ver­wirrung an. Aber er würde doch nicht mithelfen, diese „konstitutionellen Ventile" abzuschaffen. Die Matrikularbeiträge verdecken die Ausgaben de» Reiches, ihre Steigerung beträgt in 5 Jahren 128 Millionen. Ueberall im Ordinarium sind die Aus-

Der Hm Redadtm m SlMktrMz.

1. Fortsetzung

Eine Dame trat ein. Sie schlug den Schleier zurück, dem stellvertretenden Redakteur funkelte ein tiefichwarze» Augenpaar mit versengender Gluth entgegen. Eine kleine Hand, bereit Weich­heit der Handschuh nicht zu verheimlichen ver­mochte, streckte sich Thymian entgegen.

„Ich habe die Ehre, mich Ihnen al« die erste naive Liebhaberin der Gesellschaft de« Herrn Theaterdirektor» Schneller vorzustellen, Herr Doktor! E« ist Ihnen gewiß bekannt, daß wir mit heute Abend hier einen Cyklu« von Vorstellungen er­öffnen."

Thymian verbeugte sich und lud die naive Liebhaberin ein, Platz zu nehmen.

Ein sinnberückender Blick traf den stelloer- tretenoen Redakteur, dann kam e« im Wirbel­sturm von den brennend rothen Lippen der Dame:

„Die Macht der Presse, Herr Doktor, ist ja eine unbegrenzte. Die Herren der Presse find unsere Jupiter, deren Donnerkeile un« arme Wesen zerschmettern, deren Sonnenblick un» in den Himmel heben kann."

Herr Thymian verbeugte sich, während die Naive Athem holte. Dann fuhr sie fort:

gaben gestiegen. Redner greift die Vermehrung de» Kadettenkorps heraus, die er tadelt. Sodann wandte er sich in langer Rede gegen die geplante Erhöhung der Getreidezölle, durch welche die Kon­kurrenzfähigkeit unserer Industrie zerstört und der Zollkrieg entfacht werden würde. Ein tiefer Pessi­mismus habe sich des deutschen Volkes bemächtigt, d ffen Bekämpfung jetzt f ie Aufgabe fein müsse. Abg. Frhr. v. Maltzahn-Gültz (tonf.) trat den Ausführungen Rickerts bezüglich der Getreide­zölle mit kurzen Worten entgegen; zu einer wei­teren Erörterung werde sich Gelegenheit bieten, wenn die Vorlage selbst auf der Tagesordnung stehe. Abg. v. Bennigsen (nat.-lib.) erklärte, persönlich ein Gegner der Kornzolloorlage zu fein, durch welche den Gegnern der Regierung nur Agi­tationsmaterial geliefert werde. Er bestreite ent­schieden, daß der Pessimismus in Deutschland über­hand genommen. Nie hätten sich Liebe und Treue zu Kaiser und Reich und feste Zuversicht in schönerem Lichte gezeigt, als in der heutigen schweren Zeit. — Weiterberathung morgen.

• Die Fraktionsliste des Reichstages ist erschienen. Von den 397 Mandaten ist eines, 2. Bromberger Wahlkreis, erledigt. Die Fraktio­nen haben folgende Mitgliederzahl: Deutsch-Kon­servative 76 und 2 Hospitanten; Reichspartei (Freikonservative) 39; Centrum 98 und 3 Hospi­tanten; Polen 13; Nationalliberale 95 und 3 Hospitanten, darunter der neugewählte Abgeordnete für Straßburg, Dr. Petri;Deutsch.FreiflnnigeZ4; Sozialdemokraten 11; bei keiner Fraktion 22, darunter die 14 Elsaß Lothringer, Langwerth v. Simmern, Frhr. v. Hornstein au» Baden, endlich der Präsident von Wedell-Piesdorf.

^Poppenhausen (Amt Tauberbischofsheim), 27. Nov. Zum Kapitel: „Er ist kein Priester­mangel", den Liberalen in'» Stammbuch. Unser Herr Dekan Pfarrer Hippler ist schwer krank und absolut unfähig, den Pfarrdienst weiter zu versehen. Au» diesem Grunde hat derselbe Hochw. Erzbischöfl. Ordinariat um einen Hilfspriester gebeten. Der diesbezügliche Erlaß der Behörde an da» Dekanat Tauberbischofsheim zur Eröffnung an unfern Heim Pfarrer lautet nun: „Herr Pfarrer Hippler in Poppenhausen, welcher laut ärztlichem Zeugniß absolut unfähig ist, seinen Dienst zu versehen, hat

„Ich darf, Gott se» Dank, mich rühmen, ein verzogenes Kind der Presse zu fein. In meinem Alter, Herr Doktor, ist es ja nicht schwer, Freunde zu gewinnen. Der goldenen Jugend gehören die Herzen, und nicht wahr, Herr Doktor, auch Sie werden mir Ihre Gunst nicht vorenthalten. Bitte schön, bitte" — die schwarzbehandschuhten Hände der Dame schlugen einen Wirbel — „wenn Sie in die heutige Nummer einen kleinen vorbereiten­den Artikel bringen möchten! Hier habe ich Ihnen einige Z itungsrezensionen au« den früheren Städten meiner Wirksamkeit mitgebracht. Sie finden darin da« nöthige Material; nicht wahr, Herr Doktor, Sie machen ein so kleine» Artikel- chen für mich?"

Wieoer traf Herrn Thymian ein feuriger Blick, ter sein H-rz erbeben ließ.

„HerrThymian,find die „Kleinen Mttheilung-n" fertig?" rief e« durch die Thür.

ja, gleich!" rief der Exapotheker unwirsch zurück.

D r Metteur machte keine Miene, stch zu ent­fernen.

„Woraus »arten Sie noch?" herrschte Thymian ihn an.

„auf die „Kleinen Mittheilungen!" Und.Ver­mischte«" müssen wir auch haben. Die Setzer stehen und warten!"

um Zusendung eines Vikars gebeten; wir sind aber nicht im Stande, dieser Bitte zu entsprechen, weil der Priestermangel unsäglich groß und drückend ist und kein Hilfspriester abgerufen werden kann, ohne daß an dem Orte, wo er angestellt ist, die Pa- storation zum großen Theile aufhören müßte."

Ausland.

* Paris, 26. Nov. Die Limousin und ihr trauriger Ritter Lorentz, welche am Mittwoch in der Rue de Clichy ausgezischt und bedroht wur­den, als sie dort ein Bierlokal eröffneten, ver­suchten gestern ihr Glück auf dem linken Ufer; aber die Jugend des Quartierlatin war ihnen eben so wenig hold, wie das muthwillige Maler­volk der Abhänge des Montmartre. Das edle Paar hatte jene Studentenkneipe in der Nähe des Pauthöon gewählt, wo vor einem Jahre der Kellner Rossel die Wirthin ermordete und au«» raubte. Aber der Einfall sollte die beiden noch thenrer zu stehen kommen, als Rue de Clichy. Gegen 9 Uhr bildete sich ein furchtbares Gedränge, aus dem immer drohender werdende Stimmen laut wurden: „Nieder mit der Limousin! Nach dem Elyfoe! In» Wasser mit der Hexe!" In­zwischen wurde das bekannte Boulanger-Lied mit einer Variante gesungen:

, C’est Limou, Limou, Limousin C’est Limousin ou’il nous faut“ und zur Abwechslung stimmten Spaßvögel den Refrain eine« jetzt in Pari» allbekannten auf Gieoy gemünzten Liede» an: „Ah! quel malheur d’avoir un grendre.“ Er mochte 10 Uhr fein, al» Lorentz einen Fiaker kommen ließ und sich mit der Schönen hineinflüchtete. Da« paßte jedoch den Lärmmachern nicht. Sie zwangen den Kutscher, vom Sitze herabzusteigen, spannten da» Pferd au», rissen Lorentz au» Dem Wagen, um ihn durchzuprügeln, während ein paar handfeste Weiber sich der Limousin bemächtigten und ihr coram populo die Züchtigung ertheilten, vor welcher die ungezogenen Rangen die meiste Scheu haben. Von der Rue Gay-Luflac bi» zum Ooüon wurden die Limousin und Lorentz mit fortge- rissen, bi« die Polizei sie in Schutz nahm und

„Ich will Sie nicht länger Ihrer kostbaren Zeit berauben, Herr Doktor!" erhob sich die Naive. „Aber, nicht wahr, Sie lassen mir Ihre gütige Protektion angedeihen. Ich erwarte mit Sehnsucht die heutige Zeitung. Meine unbegrenzte Dank» barkeit ist Ihnen sicher!"

Noch einmal rüttelte ein schmachtender Blick an» den glänzenden Belladonnaanzen an da« Herz Thymian». Sie ergriff seine Hand, — er fühlte einen verständnißinnigen Druck, ihrer zarten Finger, — verbeugte sich, und hüpfte trotz ihrer dreißig Jahre mit dem naiven Anstand eine» sechszehn­jährigen Backfische» hinan».

„Uff, uff!" stöhnte der Stellvertretende und fahr sich mit der Rechten über die Stirn, dann nahm er die Jagd nach „Kleine Mittheilungen" wieder auf,

Raum hatte er die Feder wieder angefeuchtet, da öffnete sich die Rrdaktionsthür auf« Neue.

„Ah, Herr Thymian! Also Sie vertreten den Redakteur! Habe e« schon gehört. Nun, da« ist ja schön. Also, da muß ich Ionen doch gleich eine Geschichte erzählen. Gräßlich, sage ich Ihnen! Haarsträubend! Müssen Sie bringen, unbedingt!"

Dec Eingetretene, welcher da« stoßweise hervor­brachte, wie ein Vulkan, der von Ruck zu Ruck die Lava ausspeit, war der Sargfabrikant Hup« pelfen. Er war ein Mann von Einfluß in der