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1887

M 273.

Dienstag, den 29. November.

Iilhtr W Itilm.

Die Fuldaer, Zeitung erscheint täglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

Inserat«: Die einspaltig« Zeil« oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

d Die Aufgaben der jetzigen Reichstagss esfion.

(Schluß.)

Auch diesmal kündigt uns die Thronrede wieder eine militärische Vorlage an, einen die Land­wehr und den Landsturm betreffenden Entwurf, welcher die weitere Entwickelung des Heerwesens und eine wesentliche Erhöhung der Wehrkraft des Reiches bezwecken soll. Liese An­kündigung hat allgemein überrascht; zwar ist in den letzten Tagen mehrfach davon die Rede ge­wesen , daß den Kommandeuren der einzelnen Armeekorps die bisher dem Kaiser allein zustehende Befugniß zur Einberufung des Landsturmes für den Bereich ihrer Korpsbezirke beigelegt werden solle. Allein darauf scheint sich die angekündigte Vorlage nicht zu beschränken, insbesondere da ja auch von der Landwehr die Rede ist. Die Vorlage scheint eine einschneidende Aenderung der Organisation von Landwehr und Landsturm im Auge zu haben, denn sonst könnte davon wohl kaum eine „wesentliche Erhöhung der Wehrkraft des Reiches" erwartet werden. Man muß die Vorlage selbst oder nähere Mittheilungen über dieselbe abwarten, ehe man über diese überraschende Nachricht ein Urtheil abgeben kann.

Daß die Finanzlage des Reiches durch die Erträge aus der erhöhten Besteuerung des Zuckers und vor allem des Branntweins eine wesent­liche Aufbtfferung erfährt, ist selbstredend, der nach Abzug der Matrikularbeiträge verbleibende Ueberschuß wird auf rund fünf zig Millionen berechnet. Dieser Ueberschuß soll nun schon als­bald zur Aufbesserung der Reichsbeamtengehälter und zum Wegfall der Wlttwen- und Waiseugeld- beiträge der Offiziere und Beamten im Reiche verwandt werden. Der lctztere Vorschlag ent­spricht einer von der Reichstagsmehrheit gestellten Aufforderung und kann im Prinzip nur gebilligt werden. Ob eine Aufbesserung der Gehälter der Reichsbeamten das erste und nothwendigste Bc- dürfniß ist, dem der Ueberschuß zugewendet wer­den muß, wird noch zu untersuchen sein. Die deutschen Steuerzahler, — mögen sie ihre Steuer nun direkt oder indirekt entrichten — haben

Der Herr UMtait in Zleilmttttimg.

(Unbefugter Nachdruck nicht gestattet.)

Daß der Redakteur einer Zeitung mit einer ge­wissen Dosts Unempfindlichkeit ausgerüstet fein muß, wenn er nicht elend am Gallenfieber als ein Opfer feines Berufs zu Grunde gehen will, das wird mir auch der tingtfleischteste Feind des Geschlechts der Zeitungsschreiber glauben. Welche Keulen­schläge sausen auf das Haupt des Redakteurs nie­der! Welchen heimtückisch versteckten Nadelstichen ist er stündlich ausgesetzt! Von hundert Abon­nenten einer Zeitung find mindestens neunundneunzig fest überzeugt, das Blatt besser redigiren zu können als der Redakteur, und wo gäbe es einen Stamm­tisch seines Ortes, an dess.n Kreuz er nicht min­destens des Abends einmal geschlagen würde — wenn er nicht zugegen ist.

Zu den unerbittlichsten B fferwissern des Städt­chens Ntsselort, dessen einzige Zeitung, der „Mer­kur", meiner Leitung anvertraut war, gehörte Apotheker Thymian. Eigentlich nannte man ihn mit Unrecht noch Apotheker. Er hatte bereits vor Jahren sein Metier an den Nagel gehängt und seine ganze Thätigkeit bestand seitdem darin, sich mit der Regelmäßigkeit eines Pendels zwischen Haus und Bierstube zu bewegen und hinter dem Krug zu kannegießern.

jedenfalls gehofft, daß der Ueberschuß vor Allem zu ihrer Entlastung verwandt, also mög­lichst ungekürzt an die Einzelstaaten übergeführt werde.

Das große Werk der Alters- und Inva­lid enverforgung der Arbeiter soll in dieser Sesfion in Angriff genommen -erden; daß es auch schon gleich zum Abschlüsse gedeiht, wird selbst der größte Optimist nicht erwarten. Die ganze Materie bedarf der eingehendsten Prüfung und sorgfältigsten Erwägung, und die verschiedenen wichtigen Anstände, welche gegen die jetzt bekannt gewordenen Grundzüge bereits erhoben werden, lassen darauf schließen, das der Entwurf, ähnlich wie beim ersten Unfallgesetze, nicht gleich im ersten Anlauf gesetzliche Kraft erlangen wird. Hoffen wir aber, daß der Reichstag mit ange­spanntem Eifer sich dem schon in der kaiserlichen Botschaft vom 17. Nov. 1881 angekündigten und auch später mehrfach in nahe Aussicht gestellten Gesctzgebungswerke widmen und es baldmöglichst „als Gewähr für die Befestigung des sozialen Friedens und für die Stärkung der nationalen Arbeitskraft" zum gedeihlichen Abschluß bringen werde. Die weitere Ausdehnung der Un­fallversicherung wird demselben Zwecke dienen.

Die Erhöhung der Getreidezölle wird mit Rücksicht auf die bedrohliche Nothlage der Land- wirthschaft angekündigt, sodann eine längst als Bedürfniß empfundene Vorlage, welche die Bil­dung von Erwerbs- und Wirthschaftr-Genossen- schäften mit beschränkter Haftp flicht, also ohne allzugroße Gefährdung der wirthschaftlichen Lage und Selbständigkeit der Genossenschafter er­möglichen soll. Auch steht eine Gesetzesvorlage über den Verkehr mit Wein bevor, zur Be­seitigung der Unzuträglichkeiten, welche sich aus der bisherigen Handhabung des Nahrungsmittel­gesetzes in gesundheitspolizeilicher Hinsicht ergeben haben.

Der Handelsvertrag mit Oesterreich-Un­garn soll vorläufig verlängert werden, um Zeit zu gewinnen für die befriedigende Lösung der Schwierigkeiten, welche sich der Neugestaltung der Vertragsverhältnisse entgegenstellen. Auch meiden

Er war ein Pessimist ärgster Sorte, rechthaberisch und verbissen. Die Erde war ihm ein kugelför­miges Konglomerat von Bosheit und Unverstand, aus dem sich ein besonders dunkler und ein leuch­tender Punkt abzeichnete. Der leuchtende Punkt war er, Thymian; der dunkle war das Zeitungs­wesen. Das war nach Thymian gründlich ver­fahren, so verfahren, daß es überhaupt nicht mehr zu retten war. In den Augen Thymians war jeder Zeitungsschreiber ein Ignorant zum mindesten, wenn er nicht noch eine schlimmere Bezeichnung verdiente.

Aber Thymian hat sich gebessert und wie das zugegangen, will ich hier erzählen.

Eines Abends ging mir ein Telegramm zu, wel­ches mich auf wenige Tage in meine Heimathstavt rief. Um einen befreundeten Gymnasiallehrer aufzu­suchen, welcher mich bereits früher einmal in der Redaktion vertreten hatte, begab ich mich in das Restaurant „Zum grünen Hirsch". M in Freund saß am ehrwürdigen Stammtisch der Gaststube, in der Runde befand sich auch Exnpolheker Thymian.

Mein Freund lehnte die Stellvertretung ent­schieden ab. Ec wünsche sich nicht noch einmal der Unannehmlichkeiten auszasetzen, welche die Redigirung der Zeitung derzeit für ihn ihm G- folge gehabt, sagte er.

Thymian hatte aufmerksam unser Gespräch ver-

Handelsverträge mit einigen amerikanischen Staaten in Aussicht gestellt.

Schmerzlich vermissen wir in der Thronrede u. A. die Ankündigung einer Vorlage über die längst spruchreife Frage des Arbeiterschutzes. Die Kartellbrüder werden vielleicht den Antrag auf Verlängerung der Legislaturperioden darin vermissen; möglicherweise will die Regierung es ihnen überlassen, ihr diese gefährlichen Kastanien aus dem Feuer zu holen, vielleicht will man auch in „ernster" Zeit von solchen das Volk erbittern­den Experimenten abstehen.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. November.

* Da« Reichstagspräsidium ist gestern Nachmittag zwei Uhr vom Kaiser in Audienz empfangen morsen. Die ,Post' bringt darüber folgenden Bericht:

S«. Majestät der Kaiser geruhte heute um 2 Uhr das Reichstagsprästdium, bestehend aus den Abgeordneten n. Wedell-Piesdorf, Dr. Buhl uns Freiherrn v. Unrnhe- Bomst, zu empfangen, um die Meldung von der erfolgten Konstitmrung des Reichstages entgegenzunehmen. Se. Majestät erschien äußerst rüstig und frisch und bewegte sich in strammer Haltung sogar mit lebhaften Geberden während der ganzen Dauer der fast halbstündigen Audienz; die Stimme klang ein wenig rauh, aber durchaus nicht heiser. „Ich freue Mich über die Wiederwahl der Herren und freue Mich, Sie hier begrüßen zu können", mit diesen Worten etwa empfing der Kaiser das Präsidium.

Als Herr v. Wedell der Theilnahme des Reichstages wegen der Krankheit des Kronprinzen Ausdruck verliehen hatte, erwiderte Se. Majestät: „Sie können sich wohl denken, wie tief es Mich in Meinem Alter erschüttert, daß ein Mann, der körperlich und geistig die besten Garantien für die Zukunft des Reiches zu gewähren schien, von einem Leiden ergriffen ist, das ihn zwischen Tod und Leben schweben läßt, so daß die völlige Wieder­herstellung nach menschlichem Ermessen fast wie ein Wunder erscheinen muß."

Auf die Eröffnung des Reichstags eingehend, sagte der Kaiser: „Es hat Mich recht tief geschmerzt, den Akt der Eröffnung nicht persönlich vornehmen zu können. Ich hätte gern namentlich die Schlußworte der Thronrede zu Ihnen gesprochen." Se. Majestät trat einen Schritt zurück und sprach darauf sich hoch auf richtend und mit besonders kräftiger Betonung: „Ich hätte Ihnen gern persönlich ge­sagt, daß Ich den Frieden will, aber wenn Ich ange­griffen werde, dann . . ."

Se. Majestät gedachte auch der Finanzlage des Reiches. Wenn bezüglich derselben auch noch Manches zu wünschen übrig bleibe, so seien die Schritte zum Besseren doch nicht

folgt und warf nun mit der ihm eigenen Miene der Ueberlegenheit die Bemerkung dazwischen:

„AVer. Herr Oberlehrer! So ein bischen Zeitung zu redigiren und sich Unannehmlichkeiten zuziehen! Das begreife ich absolut nicht! Man muß es nur verstehen, den Leuten die rechte Brühe zu kochen! Nicht in rücksichtsloser Selbstüberhebung die be­rechtigten Forderungen des Publikums unbeachtet lassen! Nicht die eigene Meinung der O.ffntlich- keü als die der Allgemeinheit aufdrängen wollen, und richt im bequemen Sichgehenlaffen die SAeere für die Feder arbeiten lassen! Ja, ja! Ueber das Kapitel ließe sich noch M mches sagen, aber —"

Ein Blick, zusammengefttzt aus Spott und Vor­wurf, traf mich durch die ichacfen Augengläser; kann vertiefte H rc Thymian die glühende R ,'e m den Bi rkrug, so lange, daß ich hinreicheno Zeit hatte, einen mich du chnutzenden diabolischen Gedanken zu einem wohlüberlegten Plan auszu­spinnen.

Unbarmherzig j^tte Thymian bis jetzt jedes Blatt des Merkur' zerpflückt, mohte er einmal zeigen, ob das „B ssecmachen" bet ihm aus oer gleichen Höhe mit seiner Kritik stank,!

Als seine Nase nn-der aus dem Hellen Krug emporstieg, wie der Purpurmll dec Sonne früh aus dem lichten Aeiher auftaucht, wendete ich mich an ihn: