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• Montag, den 28. November.

1887

Fllldokr

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d Die Aufgaben der jetzigen Reichstagsseffion. *)

Die Thronrede, mit welcher Staatssekretär von Bötticher im Auftrage des Kaisers den Reichstag eröffnet hat, beginnt naturgemäß mit dem Hin­weis auf das schwere Leiden, w-lches den Kron­prinzen heimgesucht hat und den Kaiser, die Bundesfürsten und das deutsche Volk mit banger Sorge erfüllt. In dieser Heimsuchung richtet sich der Blick zu Dem empor, der allein noch helfen kann, wenn auch ' ie menschliche Kunst versagt, und deffen ewige Weisheit und Gerechtigkeit auch diese schwere Prüfung zum Besten der deutschen Nation und ihres Herrscherhauses lenken und fügen wird. In solch' ernster Zeit stärkt sich und erneuert sich das Gottvertrauen, welches unserer materialistischen und rationalistischen Zeitrichtung leider nur zu sehr abhanden gekommen ist. Jene, welche ohne Gott und göttliche Vorsehung, ohne Religion und Kirche oder gar im schärfsten Kampfe und in offener Auflehnung gegen die göttlichen In­stitutionen ihr Leben fristen und Großes auf Erden HU erreichen suchen, werden durch derartige über die Nation hereinbrechende Schicksalsschläge zur Umkehr und Einkehr gemahnt, und so kann denn auch das Schlimmste, was nach menschlicher Be­rechnung zu befürchten wäre, durch die Kraft der Läuterung und Erneuerung des religiösen Geistes der Natron zum Besten dienen. Zu „festem Gott­vertrauen" und „treuer Pflichterfüllung" ermahnt uns heute der greise Kaiser; ein anderer deutscher Fürst hat vor nicht so langer Zeit in ähnlicher eindringlicher Form zur Pflege wahrer Religio­sität und zu treuem Festhalten am Glauben auf­gefordert. Ueberhaupt sahen wir seit jenen Tagen, da Kaiser Wilhelm sprach: „Ich will, daß meinem Volke die Religion erhalten bleibe", immer und immer wieder jene fürstlichen Mahnungen zur Re-

* ) Nachdruck nicht gestattet.

Pik Itbtaijirmnfitiiitt.

(Schluß.)

Dem Baron Herbert hatte er gleich nach seiner Ankunft von diesem Hergänge unumwunden Mit­theilung gemacht, und er hatte ihn, wenn auch nach einigem Widerstreben, dazu zu bewegen ver­mocht, ihn durch seine Aussage in dem teuflischen Vorhaben, den Verdacht auf den unschuldigen Förster zu lenken, zu unterstützen.

Schon am Tage nach Hagemeister's Abführung hatten dann seine Erpressungsversuche begonnen, und Herbert hatte ihm bereits eine sehr erhebliche Summe auszahlen müssen.

„Die Alte beschränkte sich nicht nur auf diese Mittheilung," schloß Georg unter lautloser Stille feine Erzählung, „sondern sie bezeichnete uns auch jenen Versteck in ihrer Hütte, in welchem Martin sowohl die Waffe, mit welchem er meinen Vater getödtet, als auch das Geld untergebracht hatte, welches er als Sünderlohn für diese Blutthat er­halten. Ich habe mir nicht die Zeit genommen, nach diesen Dingen zu suchen, aber ich habe die Thür des Häuschens mit meinem Siegel verschlos­sen und zwei meiner Arbeiter beauftragt, so lange bei demselben Wache zu halten, bis ich selbst oder

ligiösität, jene Hinweise auf den Allmächtigen sich erneuern. Wir erblicken darin nicht nur ein be­redtes Zeugniß für den theilweise bereits voll­zogenen, theilweiss sich anbahnenden. vollstän digen Umschwung der Gesinnungen seit der unseligen Kuiturkampfsepoche, wir sehen !darin weiter ein beachtenswertheS Symptom für jenen aus kleinen Anfängen jetzt immer stärker und stärker hervor­brechenden Zug der Zeit, der von der Glaubens- losigkeit un» religiösen Gleichgiltigkeit zu wahrhaft christlichem Denken und Empfinden und damit zur Kirche und Kirchlichkeit zurückkehrt. Vielleicht wird es noch schwerer Prüfungen und Heimsuchungen bedürfen, damit diese Umkehr eine gründliche und nachhaltige werde; mögen aber jene kleinen, kurz­sichtigen Geister, welche noch ihre ohnmächtige Faust gegen die Kirche und ihre heiligen Institu­tionen erheben, nicht glauben, sie würden den Strom der Zeit aufhalten können. Wer sich ihm entgegenstellt, über den geht er erbarmungslos hinweg.

„ Festes Gottv ertrauen und treue Pflichterfüllung," das ist es, was das deutsche Volk und was auch der deutsche Reichstag zu seiner Devise machen soll, und es ist gewiß nicht von ungefähr, daß vor einigen Tagen der Großherzog von Baden ganz ähnliche ernste Worte an die Kammer gerichtet, daß er auf Gottes Gnade verwiesen hat, die uns schon so oft durch'« Kreuz zum Licht geführt habe, und daß er endlich grade mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit das bedeutsame Verhältniß zwischen Staat nnd Kirche dauernd zu einem friedlichen ge­staltet wissen will. Mögen die, so es angeht, die Zeichen der Zeit verstehen, möge man vor Allem in wahrer Brüderlichkeit und Menschenliebe ein­ander gegenüberstehen und endlich davon ablassen, die Vaterlandsliebe und Reichstreue des katholischen Volkes und der katholischen Kerntruppe, der Z e n» trumspartei, schmählich zu verdächtigen. In ernster Zeit werden sich in treuer Hingebung an's Vater­land die Katholiken von Niemandem übertreffen lassen; und wir können nur hoffen und wünschen, daß der Tag, wo es gelten wird, von dem wahren Patriotismus, dem der That, nicht dem der Phrase, Probe und Zmgniß abzulegen, noch recht ferne sein möge.

Die Thronrede betont auch diesmal wieder die Friedensliebe der kaiserlichen und deutschen auswärtigen Politik, eine Friedensne gung, welche

ein Abgesandter der Obrigkeit zurückgekehrt sein würde. Das, Herr Präsident, ist für den Augen­blick Alles, was ich zu sagen habe. Ich hoffe, es wird Ihnen auf Grund dessen nicht mehr schwer werden, die Schuldigen zu einem Geständniß zu bringen."

Gleichsam als eine Antwort auf die letzte Aeußc- rung ertönte in demselben Augenblicke aus dem Nebenzimmer, in welches Baron Herbert geführt worden war, der Knall eines Schusses, und un­mittelbar darauf riß einer der Gerichtsdiener die Thür auf und stürzte mit schreckensbleichem Antlitz an den Richtertisch, um die Meldung zu erstatten, daß der Zeuge Baron v. Gravenstein soeben in einem Augenblicke ungenügender Beobachtung den Versuch gemacht habe, sich mittelst eines mitge­brachten Revolvers zu erschießen. Er sei zwar noch am Leben, aber die Verletzung scheine doch eine sehr schwere zu sein.

Natürlich wurde die Verhandlung sofort unter­brochen und der Präsident begab sich in Beglei­tung des Staatsanwalts in das Nebenzimmer, in welchem sie nur noch einen Sterbenden fanden, der seinen letzten Athem dazu benutzte, seine Schuld zu gestehen und seinen Bruder um Verzeihung zu bitten. Georg stand mit abgewandtem Gesicht neben

durch die Geschichte der letzten 17 Jahre gewiß hinlänglich approbirt ist. Das Reich verfolgt keine aggressiven Pläne, es will keine andere Macht angreifen, hinterlistig überfallen und seine Grenzen erweitern. Nur die Abwehr von frem­den Angriffen, die Vertheidigung seiner Unab­hängigkeit und seines Besitzstandes würde das Reich zum Kriege bewegen. Der ganze diesbe­zügliche Passus der Thronrede ist sehr verständlich an die ruffisch-fcanzösische Doppeladresse gerichtet. Ein gewisses Gefühl der Befriedigung und des stolzen Selbstbewußtseins spricht aus den Erklär­ungen über die Verträge und Bündnisse mit anderen Mächten, welche den Zweck haben, den Kriegsgefahren vorzubeugen und ungerechten An­griffen gemeinsam entgegenzutreten, sowie aus dem Schlußsätze, welcher auf die Stärke unserer Waffen pocht und in einen Hinweis auf Gottes Hilfe in jeder Gefahr ausläuft. Der alte Satz „si vis pacem, para bellum“, „wenn du den Frieden willst, rüste dich zum Kriege", ist der Grundgedanke der deutschen militärischen und auswärtigen Politik, und mit dieser Tendenz ist das deutsche Reich bisher gut gefahren und wird auch weiterhin in diesen Bahnen verharren müssen, so lange nicht die politischen Zustände in ganz Europa eine allgemeine Abrüstung möglich machen. Daß aber diese Frage mit der Frage des Sep. tennats oder Triennats absolut nichts zu schaffen hat, brauchen wir wohl kaum besonders anzu­merken. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin, 27. November.

* Prinz Wilhelm wird auch im kommenden Winter an den Arbeiten des auswärtigen Amts Theil nehmen, zugleich ist aber auch die Ein­führung des Prinzen in die Geschäfte des Finanz­ministeriums vorgesehen. Später wird sich Prinz Wilhelm auch mit den Geschäften des Ministeriums des Innern betraut machen.

* Der Abg. Dr. Reichensperger hat den Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen und Er­gänzungen des Gerichtsverfaffungsgesetzes, sowie der Strafprozeß-Ordnung, welcher namentlich die Wiedereinführung der Berufung gegen die Urtheile der Strafkammern in erster Instanz und die Bildung von Straf-Berufungskammern (in der dem Verwundeten und nahm die Hand nicht an, welche ihm dieser mit verzweifelter Geberde ent­gegenstreckte. Da fühlte er eine leichte Berührung seines Armes und als er sich umwandte, sah er in Lisbeth's schöne, mit bittendem Ausdruck auf ihn gerichteten Augen.

„Vergieb ihm, Georg!" sagte sie weich. „Hat er furchtbar gesündigt, so hat er auch furchtbar gebüßt, und ein anderer Richter als wir mag ihn dafür strafen. Du darfst rhm verzeihen, wie ich ihm in meinem und in meines Vaters Namen all' das unsägliche Leid vergebe, das er uns zugefügt I"

Sie beugte sich zu dem Sterbenden nieder und nahm seine Hand. Beschämt folgte Georg ihrem Beispiel, und ein Ausdruck friedlicher Genugthuung glitt über Herbert's Antlitz, ehe er, ohne noch ein ein Wort gesprochen zu haben, seine Augen für immer schloß.

Nach diesen Vorgängen mußte die Verhandlung selbstverständlich vertagt werden. Der Förster wurde noch einmal in das UntersuchungSgefängniß zurück­geführt, aber man behandelte ihn nicht mehr als einen des Mordes Verdächtigen, und schon am nächsten Tage erfolgte seine Freilassung, denn an diesem Tage hatte sich Martin unter der erdrücken­den Last der gegen ihn vorliegenden Beweise zu