M 270 Freitag, den 25. November. ^^7
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* Die Eröffnung des Reichstages fand heute Mittag 121/« Uhr im weißen Saale des königlichen Schlosser in Gegenwart der zahlreich erschienenen Mitglieder des BundcsratheS und Re chstagcs durch den Staatsminister und Staatssekretär des Innern v. Bötticher statt. Derselbe verlas folgende Eröffnungsrede:
Geehrte Herren! Die Wiederaufnahme der Arbeiten des Reichstags fällt in eine ernste Zeit. Das schwere Leiden, von welchem Seine kaiserliche und königliche Hoheit der Kronprinz heim- gesucht ist, erfüllt nicht nur Se. Majestät den Kaiser, sondern auch Allerhöchstdesielben Hohe Ver- bündele und das ganze deutsche Volk mit banger Sorge. Was menschliche Wissenschaft und Kunst, was sorgsame Pflege zu thun vermögen, um die drohende Gefahr zu bekämpfen, wird nicht versäumt werden. Unsere Blicke und Gebete aber richten sich zu Gott, nach dessen Rathschluß die Geschicke der Völker wie des einzelnen Menschenlebens sich erfüllen. Festes Gottvertrauen und treue Pflichterfüllung sind zu jeder und besonders in schwerer Zeit die bewährten Stützen unseres Volkes gewesen. Sie werden uns auch heute befähigen, den Aufgaben, welche den gesetzgebenden Körpern des Reichs bevorstehen, gerecht zu werden.
Voran steht unter diesen Ihre verfassungsmäßige Mitwirkung bei der Feststellung des Reichshaushalts-Planes. Der Etat ist wiederum unter Betätigung strenger Sparsamkeit und Zurückstellung der nicht unaufschieblichen Ausgaben aufgestellt worden. Ec zeigt eine erfreuliche Besserung der Finanzlage. Obwohl die Wirkungen der in der vorigen Session des Reichstags vereinbarten ausgiebigeren Besteuerung des Zuckers und Branntweins in ihrem vollen Umfange erst den späteren Etatsperioden zu gut kommen werden, so läßt doch schon das nächste Rechnungsjahr einen Ueberschuß aus dem
Die IditctiJkaiitnfleiiicL
28. Fortsetzung.
Die Zuschauer sahen wohl an den Mienen und Bewegungen der Herren, daß etwas Unvorhergesehenes geschehen sei, und daß sich etwas Außerordentliches vorbereite; aber sie zerbrachen sich vergebens die Köpfe, welche Bewandtniß es damit haben möge. Wie erstaunten sie aber, als der Präsident plötzlich auf die vor ihm stehende Glocke drückte und den Befehl ertheilte, sowohl die Geschworenen, wie den Angeklagten sogleich wieder hereinzuführen. Die Ersteren hatten ihre Berath- ung unterdessen in großer Eile zu Ende geführt, und der Obmann machte sich eben bereit, mit feierlichem Ernst den Wahrspruch zu verkünden, als ihm der Präsident mit der folgenden, erstaunlichen Mittheilung zuvorkam:
„Obwohl die Beweisaufnahme längst geschlossen ist, und obwohl nach der Strafprozeßordnung jetzt Ihr Verdikt zu erfolgen hätte, meine Herren, bin ich doch durch besondere Umstände ganz eizen- thümlicher Art gezwungen, einen Schritt nach rückwärts zu thun und noch nachträglich einen Entlastungszeugen zu vernehmen, der sich bei dem Herrn Staatsanwalt gemeldet hat. Da die Per
Reichshaushalt erwarten, welcher — selbst nach Gegenrechnung der Matrikularbeiträge — sich annähernd auf etwa fünfzig Millionen Mark beziffert.
Angesichts dieses Ergebnisses wird mit der Aufbesserung des Einkommens der im Dienste des Reichs stehenden Personen ein Anfang zu machen und zunächst der vom Reichstag befürwortete Wegfall der Wittwen- und Waisengeldbeiträge der Offiziere und Beamten in Aussicht zu nehmen sein. Eine entsprechende Vorlage befindet sich in der Vorbereitung.
Fehlt es auch auf einzelnen Gebieten des nationalen Erwerbslebens nicht an Zeichen eines zu erhoffenden Aufschwungs, so befindet sich doch die wichtigste Quelle unseres wirtschaftlichen Wohlstandes, die Landwirthschaft, in einer bedrohlichen Rothlage. Die Preise unserer land- wirthschaftlichen Erzeugnisse, namentlich des Getreides, sind unter dem Drucke des Angebotes aus fremden, billiger produzirenden Wirthschaftsge- bieten, obwohl wir uns reicher Ernten zu erfreuen gehabt haben, so tief gesunken, daß jede Ertrags- fähigkeit der Arbeit des deutschen Landmannes gefährdet erscheint. Die bestehenden Getreidezölle haben diesem Drucke nicht ausreichend zu begegnen vermocht, Die bedrängte Lage unserer Landwirth- schaft wirkt auf die wirthfchaftliche Thätigkeit der gesammten Bevölkerung ungünstig zurück. Unter diesen Umständen ist ein* weitere Erhöhung der Getreidezölle von den verbündeten Regierungen ins Auge gefaßt word-n. Ein dieses Ziel verfolgender Gesetzentwurf wird dem Reichstag zugehen.
Die Vorsorge Sr. Majestät des Kaisers und der verbündeten Regierungen ist unausgesetzt auf die weitere Entwickelung desHeerwesens gerichtet. Ein Ihnen vorzulegender Gesetzentwurf, welcher die Landwehr und den Landsturm betrifft, ist bestimmt, eine wesentliche Erhöhung der Wehrkraft des Reiches herbeizuführen.
Schon in der Allerhöchsten Botschaft vom 17. November 1881 ist der dringende Wunsch Seiner Majestät des Kaisers ausgesprochen, den Arbeitern, welche durch Alter und Invalidität erwerbsunfähig werden, das berechtigte Maß staatlicher Fürsorge durch die Gesetzgebung zu sichern und damit eine weitere Gewähr für die Befestigung des
sönlichkeit dieses Zeugen jeden Verdacht einer Mystifikation ausschließt, und da es sich seiner Mittheilung nach um Enthüllungen von der bedeutsamsten Art handelt, so glaube ich dazu sowohl der Zustimmung des Herrn Staatsanwalts, wie derjenigen des Herrn Vertheidigers sicher zu fein, und ich ersuche hiermit die Gerichtsdiener, den draußen harrenden Zeugen in den Saal zu führen."
Aller Augen wendeten sich auf die nach dem Zeugenzimmer führende Thür. Brennende Neugierde und Erwartung prägte sich in allen Mienen aus, — nur zwei Personen auf der Zeugenbank schienen von einem lähmenden Schrecken befallen zu sein. Herbert preßte seine Hände fest in einander, um ihr nervöses Zittern zu verbergen und selbst Martin'- sonst so frech blickende Augen gingen unruhig hin und her.
Da endlich öffnete sich die Thür, um einen jungen Mann hereinzulaffen, der allen bei dem Drama Betheiligten nur zu wohl bekannt war. Es war der Regierungsasseflor Georg v. Äraven- stein. Sein eleganter Anzug war mit Staub bedeckt und sein Äthern ging rasch, wie nach einer außerordentlichen körperlichen Anstrengung. Auf seinem Antlitz aber lag ein Ausdruck so finsterer
sozialen Friedens, und für die Stärkung der nationalen Arbeitskraft zu gewinnen. Nach der schrittweisen Wetterführung der für die genossenschaftliche Gliederung unseres Ecwerbslebens grundlegenden Unfallversicherungs - Gesetzgebung ist es nunmehr möglich geworden, die mit besonderen Schwierigkeiten verknüpfte Aufgabe ihrer Lösung soweit näher zu führen, daß die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs über die Alters- und Invalidenversicherung der Arbeiter vorliegt. Seine Majestät der Kaiser hofft, daß der Entwurf, nachdem die Grundzüge für denselben der öffentlichen Erörterung unterstellt und der besonderen Prüfung sachverständiger Kreise übergeben worden sind, Ihnen noch in dieser Session wird vorgelegt werden können. Daneben wird nicht verabsäumt, die weitere Ausdehnung der, wie mit Genugthuung hervorgehoben werden darf, je länger desto segensreicher wirkenden Unfallversicherung auf die derselben bedürftigen Theile der Bevölkerung im Auge zu behalten.
Das gegenwärtig geltende Gesetz über die Erwerbs- und Wirthschafts - Genossenschaften beruht auf dem Grundsätze der vollen Gesammt- haft aller Mitglieder. Die Erfahrung hat ergeben, daß die Nothwendigkeit, sich dieser Haftform zu unterwerfen, der wünschenswerthen Fortentwickelung des Genossenschaftswesens hinderlich ist und die beitretenden Mitglieder nicht selten einer un- verhältnißmäßigen Gefährdung ihrer wirthschast- lichen Lage und Selbstständigkeit aussetzt. Dem zufolge und da auch die Einzelbestimmungen des Gesetzes in manchen Punkten einer Aenderung und Vervollständigung bedürfen, wird Ihnen ein Gesetzentwurf zugehen, welcher die Verhältnisse der freien Genossenschaften regeln und insbesondere die Bildung von Genossenschaften mit be- beschränkter Haftpflicht der Mitglieder ermöglichen soll.
~ie Anwendung des Nahrungsmittelgesetzes auf den Verkehr mit Wein begegnet in der Praxis mannigfachen Schwierigkeiten. Dieselben sind bereits wiederholt int Reichstage Gegenstand der Verhandlungen gewesen. Es wird.Jhnen ein Gesetzentwurf vorgelegt werden, dessen Zweck es ist, diese Frage in gesundheitspolizeilicher Hinsicht zu regeln.
Der bevorstehende Ablauf unseres Handels-
Entschlossenheit, und der Blick, mit welchem er beim Eintritt seinen Bruder streifte, war so voll eisiger Verachtung, daß Herbert, der im ersten Augenblick erleichtert aufgeathmet hatte, plötzlich eine Beklemmung fühlte, als würde sein Herz von eisernen Klammern zusammengepreßt.
Georg begrüßte zu allgemeinem Erstaunen zuerst den Angeklagten und dqnn den Gerichtshof. Dann trat er festen Schritts vor den Platz des Präsidenten und erwartete dessen Anrede.
„Sie sind der Regierungsasseflor Georg von Gravenstein?" fragte der Richter, und als Georg bejaht hatte, fuhr er fort:
„Sie haben dem Herrn Staatsanwalt die Mittheilung zukommen laflen, daß Sie eine Aussage von entscheidender Wichtigkeit für den Gang dieses Prozesses zu machen haben. Es ist eine Pflicht, Sie als Zeugen zunächst in Eid zu nehmen und Sie auf die Heiligkeit dieses Eides aufmerksam zu machen. Ihr Aussehen, Herr Regierungsassessor, läßt da: auf schließen, daß Sie sich in einer außerordentlichen Aufregung befinden — wollen Sie trotzdem sogleich den Eid leisten und uns dann Ihre Aussagen unter der Verantwortung desselben machen?"
„Ich will es, Herr Präfident! Wenn Sie mich