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M 268

Mittwoch, den 23. November

1887

Alimtr

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M- -KIM«., ga. .to to, *•

Videant consules I

(Aus dem »Wiener Vaterland'.)

Ernsten Katastrophen im Völkerleben gehen regel- mäßig in den geistig führenden Ländern gewisse Symptome vorher, deren Beobachtung für den praktischen Staatsmann von Wichtigkeit sein sollte. Der Revolution von 1848 gingen die Korruptions- Skandale von Teste, CubiSner, Petit, Genfs, Du- chatel, Lagrange, Drouilland, Boutvy, Bouvalon, Praslm voraus, welche die vollständige sittliche Fäulniß der plutokratifchen Gesellschaft jener Reit anbeuteter. Eine ähnliche Bedeutung hat jetzt die mffalre Wilson, welche unmittelbar an da« Staats­oberhaupt heranreicht und dasselbe bi» zum Ent- Musse der Resignation kompromiitirt. Aehnliche Skandale in etwa untergeordneter Sphäre treten masftnhaft hervor und gleichzeitig — wie 1848 durch da« Verbot der politischen Bankette — reizt eine unfähige Regierung durchs Provokationen den öffentlichen Geist.

Die französische Revolution von 1789 wurde ebenfall« durch große öffentliche Skandale - wir erinnern nur an die Halsbandgeschichte — einae- leitet und gleichzeitig zeigte sich auch das andere Anzeichen eines gewaltsamen Umsturzes, daß zu der a ahren Ursache der Katastrophe: den uner- träglichen Leiden des Volke» und der Unfähigkeit der Regierung denselben abzuhelfen - die poli- Me zielbewußte Jntrigue hinzutrat. Ganz da», stlbe sehen wir in dem heutigen Frankreich: die Desorganisation de» Volke«, daher die demago- glschen Jnstmne unu uic ivi'hiiju/uihkvi.

selben; daneben aber auch da« Umsturzbestreben politischer Jntriguanten und die intellektuelle Un­fähigkeit nebst dem lähmenden Schuldbewußtfein der Herrschenden. Frankreich aber — wie gebe» müthigt es auch burch seine Rieberlagen sein mag — ist bennoch ber revolutionäre Führer de» euro­päischen Festlanbe» unb wenn bort dir Katastrophe ausbricht, so wirb sie sich allenthalben bort fest» setzen, wo man bie Ruhe nicht benützt hat, feste Fundamente der inneren Politik zu legen. Roch bedenklicher fast gestalten sich die Zustände in Eng­land. Durch da» Meer vom Kontinente getrennt, wirkt die Ansteckung von dort allerdings nicht so unmittelbar, aber dafür garantirt die zähe Energie de« angelsächsischen Volksstamme« ein um so

Ale ktfmjiniitnfltmtt.

2«. Fortsetzung

Die Verhandlung nahm einen sehr rasche» und ruhigen Verlauf und entbehrte durchaus aller aufregenden Zwischenfälle. Hagemeister, der alle an ihn gerichteten Fragen mit fester Stimme be­antwortete, wiederholte nur die Aussagen, welche er von vorn herein gemacht hatte, und da ein Gefländniß von ihm somit nicht zu erwarten war, konnten bald die Zeugenvernehmungen beginnen. Auch diese bestätigten nur durchweg die Be­hauptungen der im Beginn der Verhandlung zur Verlesung gelangten Anklageschrift. Diejenigen Belastungszeugen, deren Aussagen auch heute von Ausschlag gebender Bedeutung sein mußten waren Baron Herbert und Martin; und Beide gaben ihre Aussagen mit derselben Bestimmtheit und fast in demselben Wortlaut wie bei ihrer Vernehmung durch den Untersuchungsrichter ab. Der Förster unterbrach sie nicht. Nur einmal — al« Martin wieder sein Märchen von dem An­legen de» Gewehre» vorbrachte — schien e», al» wenn die alte Heftigkeit in ihm erwachte, und er fuhr mit einer wilden Geber de von seinem Sitz empor. Aber da fielen seine zornfunkelnden Augen abermals auf die schlanke, weibliche Ge-

dauernderes und deshalb auch für da« Ausland um so gefährlichere« Feuer. Wie e« jenseit» de» Kanals la Manche aussieht, darüber brachte die .Neue Preußische Ztg/ jüngst einen sehr interessanten aber zugleich auch erschreckenden Bericht. Das kon- servative Blatt ließ sich aus London Folgendes schreiben:

Ä9”-1 d» Annäherung des Winters pflegen sich seit auch dre Manifestationen der Arbeiter einzustellen • baß die Arbeiter noch niemals mrt solcher Ausdauer manifestirt haben. Es liegt Me­thode darin. Schon seit länger als einer Woche wälzen sich an jebem Tage Bataillone von Männern in »et« ^jdung und mit gramdurchfurchten Gesichtern durch die Straßen, und an jeder Ecke stoßen neue An­kömmlinge zu ihnen. Das Westend ist das stete der Manifestat on. Die Führer tragen gewöhnlich schwarze Mn««« Setzen, daß es sich um eine ernste Mani­festation handle; einige Verwegene schwenken indessen rothe Fahnen, um Sympathie mit den französischen Komm».

.""^beuten. Wilde Lieder und die Balladen des Sozialismus, die von Elend, Verzweiflung und Drohung sch°"b«n auf den Lippen der Theilnehmer am Liuge. Da m den Reihen braver und unglücklicher Ar- beiter auch viele Schurken vertreten sind, die nur auf Plünderung und Diebstahl lauern, so hat sich die Furcht ^^nbesitzer m den eleganten Vierteln des Westens näberun» d a®oIe »erden frühzeitig bei der An­näherung des Zuges geschloffen, um Plünderungen zu entgehen, wie sie im vorigen Frühjahre stattfanden. In F Ä wachsenden Besorgnisse der ruhigen Bewohner

Minister des Innern mit dem Polizeikommiffar verabredet, kem« großen Demonstrationen mehr zu dulden. Für so ernst hielt man die Gefahr vor einigen Tagen, M man das Militär in Bereitschaft hielt und den Plan « . f**ne Anzahl von Bürgern einzuschwören und zur Unterstützung der Polizei heranzuziehen. Diese Maßregel 'E-vsw äO Jahren ,um letzten Male ergriffen und ausge- oder Dichtung — daß oamais uuu, ,.Lr----- ”

Kaiser der Franzosen, der zwei Zimmer in St. James- Street W. bewohnte, zur Bürgerpolizei herangezogen worden sei. In den letzten Wochen hat die Londoner Po­lizei einen äußerst harten Dienst gehabt, es wird ver­sichert, daß manche Polizisten 16—18 Stunden hinterein­ander im Dienste waren. Bon verschiedenen Seiten wird behauptet, daß sich unter dem Mob viele Fremde, nament­lich deutsche Sozialisten befunden hätten. Solche Er­zählungen, wie die Reden der Führer des Mobs, führen mich jedoch zu der Ansicht, daß diese Behauptung unrichtig ist, wenn auch zuzugeben ist, daß sich Ausländer unter den Waffen befanden. Der weitaus größte Theil der Manifestanten besteht aus Engländern; dann kommen Schotten und Irländer. Die Redner sind alle Engländer. Sie greifen auf das heftigste die Kapitalisten an und schonen auch nicht die politischen Parteien. Lord Salis­bury wird wegen seiner aristokratischen Verbündeten ange­griffen; Mr. Gladstone als Haupt der Bourgeoisie ge­stalt im Zuschauerraum, unb seine Erregung schien sich augenblicklich zu besänftigen. Ec ließ sich mit einem resignirten Seufzer wieber auf bie Bank nieberfallen unb beantwortete bie Erkundig­ung bt« Präsidenten, ob er vielleicht eine Frage an bie Zeugen zu richten habe, nur mit einem Kopfschütteln. Tie Geschworenen aber sprachen leise mit einanber unb nickten sich verstänbnißooll zu — ihr Uttheil war schon gefällt, ehe noch bie Plaiboyer» ihren Anfang genommen hatten.

Die von der Vertheibigung herbeigeschaften Entlastungszeugen bekunbeten nur wenig Erhebliches unb in Bezug auf bie That selbst vermochten sie überhaupt nicht» anzuführen. D-r alte Diener bes Oberst, welchen bieser noch von seinem Bru­der übernommen hatte, sagte au», daß sein erster Herr außerordentlich viel von dem Förster gehalten und daß auch der Oberst stet» nur in Ausdrücken warmer Anerkennung von der Tüchtigkeit und Biederkeit Hagemerster'» gesprochen habe, die Jägerburschen aber erklärten, daß ihr Vorgesetzter wohl zuweilen etwa» rauh unb aufbrausend ge­wesen fei, daß sie aber niemals eine Neigung zu Gewaltthätigkeiten an ihm bemerkt hätten und ihn einer solchen Blutthat durchaus nicht für fähig hielten. Auch in Bezug auf bie aufgesund ne Kugel sagten sie unter ihrem Zeugeneid überein»

Theil der Manifestation besteht au- unglücklichen Arbeitern, die keine Beschäftiguna finden Offnen; aber Diebe und Einbrecher mengen sich in ihre SHn’n eLdie Gelegenheit zum Stehlen zu erhaschen. Von den Manifestanten am vorigen Sonntag ist Folaen- er fdie Reden unter der Nelsonbrücke auf Trafalgar-Square beendet waren, zog der gejammte . f? zerlumpt, wie es nur je einen gab — nach der Westmmsterabtei, wo gerade Abend-Gottesdienst ftatb Rischem Lärme zoz der Haufe in die Abtei. ränhe^Lw ? Abtei , em Heiligthum für jeden Eng- w? i.ben au[ b'« niederträchtigste Weise beschmutzt '$kUn9ren ?er Ä!r$e' b«r Gottesdienst, bie Seift« vUÜben<mtaut verhöhnt, verlacht und niederträchtig nnn^°sm‘rr‘ Ataff muß zugeben, daß bei einer Bevölkerung P°lizeimannschaft von 15,000 Mann Böttig ungenügend ist. — Man wird hier die Frage auf« werfen, ob dr Rothstand in London in der That so groß man'n!» ’ÜTV’s» Porgängen folgern kann. Hält

man sich an die Berichte der Regierung, so liegt ein außer- Aothstaud nicht vor, aber diese amt­lichen Berichte beruhen meist auf Täuschungen, «unääft ge6en sie mir die Anzahl der Armen in den Arbeits­häusern in England an; diese Zahlen sind zwar groß bekunden aber keine Zunahme des Elendes. Am vorigen arTttÄh» ber Armen in den Londoner

Arbeitshäusern 92,690 verglichen mit 89,500 in derselben

Wahres 1886, 88,640 im Jahre 1885 und 88 275 3lun fi"d aber diese Arbeitshäuser die Zufluchtsstätte des größten, völlig hoffnungslosen Elendes' oULa!!6!,t8rlin^i6e Menschen sind dort zu finden. Ihre Zahl hat also nichts mit den Zahlen der Beschäftigungs- losen zu Ihn», welche angeblich d n Grundstock der Mani- ^ "gbm bilden D,e Zahl der Beschäftigungslosen wird auf 600,000 Männer und Frauen geschätzt. Da viele eraetei^fiiüh un|roe‘fe^“tt ben sozialdemokratischen Ideen

D-- ii»d di- i-Ma, »onfrquetiant einer faum ziellen Mammonismu». Man sieht unverkennbar, baß in ben beiden führenden Großstaaten, in beneu biese Prinzipien schon am längsten herrschen, bie Zustänbe sich zu einer Krisi» zuspitzen. Von den übrigen europäischen Ländern unb von Nordame­rika wollen wir heute nicht reden. Eine gründ­liche Beleuchtung ihrer Zustände würde beweisen, daß auch in ihnen Zündstoff in Hülle und Fülle gehäuft ist, und daß man nirgend» — abgesehen von ben schwachen Ansätzen einer gesunden Re­organisation be» Volke», welche man bei un« unternommen — ein Verstänbniß für bie schreiende Nothwendigkeit eingreifender Reorganisations-Re­formen gezeigt ober gar bethätigt hat.

stimmend au«, daß sich ber Förster niemals einer solchen Munition bebient habe unb daß eine ähn­liche Kugel im ganzen Försterhause nicht aufzu- finden wäre.

Um bie brüte Nachmittagsstunde war ba» Zeugenverhör beenbet, unb ber Präsident ver- lünbete eine einstündige Pause bi» zum Beginn ber Plaiboyer». Der Gerichtshof zog sich zurück; auch ber Angeklagte würbe hinausgeführt, und bie Zuschauer verließen ihre Plätze, um draußen in der freien Lüft einige erfrischende Athemzüge zu thun, ober sich in einer nahe gelegenen Restau­ration mit Speise unb Trank zu stärken.

Außer ben Gerichtsdienern blieb nur eine einzige Person im Saale zurück: — bie schlanke, junge Dame auf einer ber ersten Bänke be« Zu'chaue - raum», welche unbeweglich auf ihrem Platze saß. Emer ber Beamten näherte sich ihr in ber Mei­nung, baß sie eingeschlafen sei; aber in demselben Augenblick schlug sie den Schleier zurück, unb der Gerichtsdiener iah in ein schöne«, tobtenbleidje« Antlitz, in dessen großen Augen — als sie ^ch wie mit stummer Bitte auf ihn richteten — ein Ausdruck so unsäglichen, namenlosen Schmerze« lag, daß er sich betroffen zurückzog, ohne die Dame mit einer Frage oder einer Bemerkung zu behelligen.