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N 265.

Sonnabend, den 19. November.

1887

filiier SÄ Jtitiu.

Die Fuldaer, Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher ASonnementSpreiS ohne Brinaerlobn und Beüellaeld- 1 M 50 Ns mtt der belletriMchen Wochenbeilage .Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts IM 75 Pf ' ”

Inserate: Die einspalttge Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

Weihnachts-AMM.

Wie in den Vorjahren, so werden wir auch in diesem Jahre wieder als Gratisbeilage zu unserer Zeitung einen

W Weihnachts-Anzeiger *WG herausgeben, der am 26. November, 3., 10. und 17. Dezember erscheint.

Wir berechnen die Inserate pro Zeile mit nur 10 Pfennig und bitten um möglichst bal­dige Einsendung derselben, damit für gefälliges Arrangement Sorge getragen werden kann. Bei wiederholter Insertion wird entsprechender Rabatt bewilligt.

Fulda, im November 1887.

Die Redaktion und Expedition der »Fuldaer Meng'.

Das Kehlkopfleiden.

Unter dieser Ueberschrift veröffentlichten die Münchener .Neuesten Nachrichten' am 12. Nov. eine Darstellung der Krankeit des Kronprinzen in ebenso wissenschaftlicher als allgemein verständ­licher Form aus höchst sachverständiger Feder. N. (Professor Nußbaum in München.) Wir können es uns nicht versagen, diese Darstellung wortge­treu zum Abdruck zu bringen:

Der Kehlkopf ist ein knorpliges Rohr, welches im Munde beginnt, sich unterhalb des Halses in zwei Theile theilt und in die linke und rechte Lunge hineingeht. Hinter dem Kehlkopfe beginnt im Munde noch ein anderes häutiges Rohr, der sogen. Schlund, welcher Speisen und Getränke in den Magen bringt. Der Anfang des Kehlkopfes im Munde ist daher mit einem Dackel versehen, mit dem sogenannten Kehldeckel, welcher sich immer fest schließt, so bald über ihn Speisen und Ge­tränke hinübergehen und in den Schlund und Magen gelangen, so daß nichts davon in die Lunge hinunterkommen kann. Geht bei Krank­heiten oder Operationen von diesem Apparate etwa« verloren und gelangen kleine Speisereste in die Lungen, weil der Kehlkopfdeckel nicht mehr gut schließt, so sterben die Kranken einige Tage nachher an einer sogen. Fremdkörper--Lungen« Entzündung.

Ganz oben im Kehlkopfe sind nun die Stimm­bänder aufgespannt, welche, wenn wir beim Sprechen und Singen die Luft durchblasen, einen Ton geben. Sind diese Stimmbänder geschwollen oder mit kleinen Gewächsen besetzt, so wird die Stimme heiser oder klanglos. Diese Stimmbänder füllen das Kehlkopfrohr größtentheils aus und lassen zwischen sich nur eine schmale Spalte, durch welche wir die Luft einathmen. Ein ganz kleines Oedem (d. h. eine ganz kleine Schwellung) ge­nügt, daß sehr wenig Luft mehr durchkann und große Athemnoth eintritt, wie wir dies in den letzten paar Tagen von unserem geliebten Kron­prinzen erzählen hören. Eine solche Schwellung kommt zu den verschiedensten Krankheiten, sogar zu einfachen Katarrhen hie und da, und kann ebenso schnell wieder verschwinden wie sie kam, ohne daß das Hauptleiden eine besondere Ver­änderung erfährt. Wird diese Schwellung bedeutend, so verlegt sie die kleine Stimmritze gä-zlich, die Kranken werden blau im Gesichte und ringen nach Luft und sind in Gefahr zu ersticken. In jedem Momente läßt sich aber eine solche Ge­fahr beseitigen. Bringt man diese Schwellung

der Stimmritze mit Aetzungen Inhalationen nicht weg und kommt es wirklich zur Erstickungsgefahr, so macht man dis Tracheotomie, den sogen. Luft­röhrenschnitt, eine Operation, welche ein ge­übter Chirurg in einer halben Minute fertig macht. Der Schnitt wird am Halse unterhalb der angeschwollenen Stimmbänder gemacht und in diese Schnittwunde legt man ein fingerdickes stl- berner Rohr ein, damit der Schnitt in der knorp­ligen Röhre gehörig offen klaffend bleibt. Der Kranke, welcher vor einer Minute noch in größter Sticknoth war, ist von diesem Momente angefangen ruhig und gut athmend. Ec athmet aber die Luft nicht mehr durch Mund, Nase und Stimmritze ein, sondern er athmet durch das im Halse unter­halb der Stimmritze in den Kehlkopf eingelegte silberne Rohr. Da beim gesunden Menschen die Luft, welche in die Lunge kommt, durch Nase und Mund vorher gewärmt wird, so legt man in die Nachbarschaft des silbernen Rohres warme feuchte Schwämme, um die Lust auch;ju wärmen, damit durch kalte Luft keine Lungentzündung er­zeugt wird. Sobald die Schwellung der Stimm­ritze wieder nachläßt, so daß die Siimmritze wieder weit genug ist, die nöthige Luft einathmen zu lassen, nimmt man das silberne Rohr wieder her­aus und läßt den Schnitt der Tracheotomie wie­der zuheilen.

Bei unserem lieben Kronprinzen macht man diesen Schnitt aber vielleicht noch aus einem anderen Grunde. Nicht allein um bei Athemnoth der Luft Zugang zu verschaffen, wie wir gerade erzählren, sondern vorzüglich, um Geschwülste, bösartige Wucherungen, die das ganze Rohr zu zerstören und so die höchste Lebensgefahr zu bringen drohen, herauszuätzen oder herauszu- fchneiden; denn wenn solche Wucherungen unter­halb derStimmritze sitzen, dannistman nicht im Stande, selbe ohne Eröffnung des Kehlkopfrohres anzugreifen.

Geschwülste und Wucherungen, welche ganz oben an der Stimmritze sitzen, werden in der neuen Zeit allerdings in dewundernswerther Weise durch den Mund ohne Verletzung des knorp­ligen Kehlkopfrohre» mit ganz kleinen Zängelchen und Scheichen, namentlich mit Platin­drahtschlingen entfernt, welche, nachdem man sie an den rechten Platz) gebracht hat, durch einen Fingerdruck glühend gemacht werden, weil sie mit einer galvanischen Batterie in Verbindung stehen. Mit diesen Operationen durch den Mund hat man es in der allerneuesten Zeit sehr -weit gebracht, da die Kehlkopfärzte jetzt Den großen Vortheil be­nützen, mit Kokain-Empinselung die Reizbarkeit des Kehlkopfes, insbesondere der Stimmritze voll­kommen adzustumpfen. Früher hatten sich die Kehlkopfärzte machen-, ja monatelang mit ihren Patienten eingeübt, bis es ihnen einmal gelang, die Stimmritze mit einem Instrument berühren zu dürfen, ahnenden quälendsten Stickanfall hervor­zurufen. Man darf sich nur daran erinnern, rote man husten muß, wenn uns ein Tropfen Flüssigkeit oder ein Bröschen Brod in den Kehl­kopf kommt, (tn den „unrechten Hals" sagen die Leute.) Jetzt bepinselt der Kehlkopfarzt die ganze reizbare Region mit Koka'in und stumpft dadurch lebe Reizbarkeit so gründlich ab, daß er sofort mit Zängelchen, Schercheu und Drahtschlingen operiren kann.

Allein der Thätigkeit, des Kehlkopfarztes ist noch eine andere Grenze gesteckt. Jene Spalte, welche die Stimmbänder freilassen und welche den ein­igen Weg zu den tiefer sitzenden Wucherungen nldet, ist so enge, daß man durch dieselbe die tiefsitzenden Wucherungen kaum mehrerblicken, viel menget operativ angreifen kann.

Hier hört die Thätigkeit de» Kehlkopfarztes auf und kommt der Ch i rurg, der Operateur wieder an die Reihe. Entstehen also unterhalb der Stimmritze Gewächse oder Wucherungen, welche durch Ausfüllung des Rohres Erstickungsgefahr bringen, oder gar solch' bösartige Wucherungen, welche durch Verjauchung das ganze Rohr zu zerstören drohen, so wird der Chirurg die oben beschriebene Tracheotomie machen, um diese Wucherungen genau zu sehen und beurtheilen zu können. Kann er hoffen, selbe mit dem Messer gründlich herauszuschneiden oder mit dem glühen­den Platin radikal zu zerstören, so wird er die» von der Tracheotomiewunde aus unternehmen und so lange, bis die Operationswunde geheilt ist, em silbernes Rohr, eine Tracheotomie-Canüle, einlegen. Sind die Wucherungen aber so bösartig, daß sie das knorpelige Rohr und vielleicht sogar auch seine Nachbarschaft schon zerstört haben oder zu zerstören drohen, so wird der Chirurg, wenn es der Kranke zugibt, da» ergriffene Stück des knorpligen Kehlkopfrohre», vielleicht die Hälfte, vielleicht da» ganzeRohr sorgfältig herauslösen und sich bei dieser Kehlkopfexstirpation sehr mühen, ja keine bösen Keime zu­rückzulassen, welche in kürzester Zeit einen Rückfall de» Leiden» bringen würden.

Billroth war der erste, welcher diese» wichtige Organ herauszunehmen wagte. Jetzt wurde die Operation von den meisten Klinikern schon gemacht. Sie gehört aber entschieden zu den schwie­rigsten und auch zu den gefährlichsten. Ein ehrlicher Operateur wird dem Kranken oder doch feinen nächsten Angehörigen alle Verhältnisse wahrheitsgetreu mittheilen, bevor er sich die Er- laubniß zur Ausführung erholt. Nicht allein, daß viele Kranke schon ein paar Tage nach der Ope­ration sterben, sondern auch jene, welche die Ope­ration überleben, haben meist nur einige Monate gewonnen, wenn die Wucherungen wirklich bös­artige, krebsige waren. Es kommt meist am gleichen oder an einem nachbarlichen Platze das alte Leiden wieder oder die Kranken sterben, weil ähnliche Ab- lagerungen in anderen edlen Organen auftreten. Endlich ist das gewonnene Leben kein beneidens- werthes. Der von feinem Silber gemachte künst­liche Kehlkopf, welcher den verlorenen ersetzen soll, ist so unbequem zu tragen, daß ihn die meisten Kranken nur für ein paar Stunden täglich be­nutzen. Die Sprache, welche hierdurch allein er­möglicht wird, hat einen häßlichen Ton; fast so, wie ein hölzernes Kindertrompetchen. Alles diese» würde man aber gern mit in den Kauf nehmen, wäre die Lebensrettung sicherer und da« gerettete Leben länger. Je später operirt wird, je weiter die Zerstörung schon gekommen ist, desto kürzer wird die gewonnene Lebensdauer fein.

Ergibt sich aber nach dem Luftröhrenschnitte, daß die Wucherungen keine bösartigen sind, so kann sie derChirurg sicher und radikal vernichten, ohne den Kehlkopf he raus zu nehmen. Er wird den Schnitt nur so lange mit einem silbernen Rohre offen halten, bis die Operationswunden geheilt sind. Das End­resultat kannaber ein gute« und lange dauernde» Leben sichern. Gott gebe, daß die» bei unserem geliebten Kehlkopfkranken sich so erweist.

Vermischtes.

fDer richtige Berliner.) DreiBekannte begegnen N an «'nem kalten Wintertage. Erster: „Entsetzlich, heute ist s kalt! — Zweiter: „Ja, es sind aber auch 12 Grad." — Dritter: „Jott, was is denn bet for ne Stadt wie Berlin!"