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M 265.

Sonnabend, ben 19. November.

1887

Intimer W Leitung.

Der Zar in Berlin.

* Berlin, 18. November.

Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind heute Vormittag 10*/a Uhr mit Familie und Ge­folge von Kopenhagen auf dem Lehrter Bahnhofe in Berlin eingetroffen. Prinz Wilhe.lm war dem Zaren bis zur Landesgrenze bei Wittenberge ent- gegengereist. Auf dem festlich geschmückten Bahn- Hofe hatten sich ferner zur Begrüßung eingefunden die Frau Prinzessin Wiihelm, Prinz Heinrich, Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braun­schweig, Prinz Friedrich Leopold, ferner der Erb- prinz von Sachsen-Meiningen, Herzog Johann Al­brecht von Mecklenburg, Äbprinz Reuß u. s. w. Die Prinzen Heinrich, Albrecht und Friedrich Leo­pold trugen die Uniform ihrer russischen Regimen­ter. Zar Alexander III. trug die Uniform seines Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment». Die russischen Großfürsten hatten ebenfalls preußische Uniformen angelegt. Rach Begrüßung und Vor­stellung der zum Ehrendienst befohlenen Damen und Herren schritt Kaiser Alexander die au« Mann­schaften de» ersten Bataillon- de» zweiten Garde­regiment« zu Fuß bestehende Ehrenkompagnie ab. Kaiser Alexander bestieg dann mit dem Prinzen Wilhelm eine offene Kalesche, während die Kaiserin mit der Prinzessin Wilhelm in einer geschloffenen Hosgalakutschr Platz nahmen. Auf dem ganzen Wege vom Bahnhofe durch den Thiergarten nach dem Palai« der russischen Botschaft Unter den Linden war zu beiden Seiten eine zahlreiche Men­schenmenge aufgestellt, namentlich am Brandenbur­ger Thore und Unter den Linden, wo sich da» Publikum zu Tausenden drängte. Der Ezar fuhr in offenem Wagen und grüßte freundlich. Im Botschafttgebäude wurde de: Ezar von unserem Kaiser bewillkommnet. Nach der Begrüßung kehrte Kaiser Wilhelm unter stürmischem Jubel nach seinem Palai« zurück, wo ihm II'/, Uhr Kaiser Alexander III. einen nahezu halbstündigen Besuch adsörttete. Später machte der Ezar noch den hier zur Zeit anwesenden Mitgliedern der königlichen Familie Besuche. Um 1'/, Uhr erschien die Kaiserin von Rußland mit ihren Kindern zum

Die hl. Elisabeth.

l3um 18. November.) Im Königsbaume sproßt' die Edelblurne, Elisabeth! In Thüring» schönen Sauen! Ein Engel, hold, in Sötte« Heiligthume Ei» Leuchtgestirn den edlen deutschen Frauen! Wie demuthsvoll im Glanz der gold'aen Krone» Reicht ihre Hand bei Armut h reiche Sabe, Und bietet mild dem Schwachen fi« }um Stabe, Und steiget nieder, wo Berlassn» wohnen! — So wandelt sie vor Sott, ei» Tugendleben, D» Men Herd, im hohen Mlrstensaale! As holde» Weib in Freud und Leid ergeben. Der Pflicht getreu, in Treue dem Gemahl«! Sie schützt die Waise, lehrt fie stamme Lieder, Sie schirmt die Unschuld, pflegt die Kranken, Wunden, Und spendet Trost der Roth zu allen Stunden, Und rastlos mühen sich die zarten Glieder!

Uu« Quellen heil'ger GotteSlieb' «ntsprühet, DeS Herzens wunderreicher Himmelssegen, Der dust'gen Blüthe gleich, die still erblühet, Äm Dorngewinde trüber Schicksalswege! Sieh. GotteS Auge schaut Dein frommes Walten, Und ließ in hohen Gnaden Deinem Schooß«, Erblühen einst zur holden, süß.n Rose, De« Armen Brod in Deines Kleide- Falten!

Wicht' gerne Dir, der Hohen, Tugendreichen, De» schönsten Kran, von dust'gen Rosen winden; Doch öde ist di« Flur, und an Gesträuchen, Sind Blätter nur »ad Dornen mehr zu finden!

Besuche bei unserem Kaiser. Nachmittag» fand im Kaiserlichen Palais ein größere» Galadiner statt, welchem außer dem russischen Botschafter mit Gemahlin noch der dänische und mecklen­burgische Gesandte beiwohnten. Kaiser Wilhelm hatte zu seiner Rechten die Kaiserin von Rußland, zur Linken den Kaiser Alexander. Während de» Diner» erhob sich Kaiser Wilhelm mit seinem Glase und trank dem Kaiser von Rußland mit einigen Worten zu. Da» Musikkorps de» Alexan- derregiment» intonirte die russische Nationalhymne, während sich die Gesellschaft erhob. Nach 6 Uhr wurde der Kaffee servirt. Die Anwesenden ver­ließen um 6'/z Uhr da« Palais. Das russische Kaiserpaar, welches bereits nach der Galatafel vom Kaiser Wilhelm sich verabschiedet hatte, reiste Abend» 9 Uhr 35 Minuten ab. Die Prinzen Wil­helm, Heinrich, Albrecht und Leopold gaben dem­selben bi» zum Potsdamer Bahnhof das Geleite, wo die zum Ehrendienst befohlenen Personen, ferner die gesammte Generalität, die General- und Flügeladjutanten des Kaiser» Wllhelm zur Verabschiedung anwesend waren. Die uriprünglich sür Abend» in Aussicht genom­mene Galaoper mußte wegen der frühen Abreise der ruifischen Gäste au»fallen. Erwähnt sei noch, daß der Reichskanzler Fürst Bismarck zum Empfange de« Ezaren auf dem Bahnhofe nicht anwesend war. Der Reichskanzler begab sich dagegen Nachmittag» 3'/» Utjr zum Ezaren in» Botschaftshotel und empfing im Laufe de» Nachmittag» den General­adjutanten de« Kaiser« von Rußland, General Scherewin. Au dem Galadiner bei unserem Kaiser, etwa 100 Kouvert«, nahmen neben dem Reich«- kanzler auch die Fürstin Bismarck und Graf Her­bert Bismarck Theil.

Lasten wir zum Schluffe noch einige Aeußerungen de« Berliner Korrespondenten der .Franks. Ztg.' hier folgen. Derselbe schreibt:

„Kühl wie in bet Preste war auch heute ble Begrüßung beä russischen Kaisers burch bie Berliner Bevölkerung. Schon baS gänzliche Fehlen beS Flaggenschmucks war un­gewöhnlich, bet Andrang bei Publikums sichtlich geringer wie sonst bei ähnlichen Anlässen. Das Aufgebot von Schutzmannschaft in Uniformen und Civil bagegen unb bie Strenge der Absperrung-Maßregeln waren so groß wie noch nie zuvor. Hi» unb wieder ein Hochruf, im Allgemeinen aber nur stumme- Grüßen mit der Kopf- bebeckung feiten« bet in zwei bi» btei nicht zu dichten Reihen den Weg vom Lehttet Bahnhof bi« zum tussischen

So blicke auf ben fiten, der frommen Stauen, Voll Hu lb herab, die Deinem Dienst sich weihen; Sr barmung-voll de« Wohlthun» Rosen st reuen, Und Deiner gnäd'gen Hülfe sich vertrauen!

Und laß mein schlichtes Sieb Dir wohlgefallen. Der Schutzbefohl'nen stille Liebesspende!

Roch könnt ich nicht den süßen Namen nennen;

Elisabeth! nicht falten meine Hände,

Al» an der Taufe heil'gem Gnadenbronnen,

Du wardst al» güt'ge Mutter mir gegeben, Dein leuchtend Vorbild möge unS umschweben. Daß wir dem Himmel einst, und Dir gewonnen! -y-

Die letzten LmicuSkiner.

23. Fortsetzung

„Ich wiederhole trotzdem meine Bitte! Mein Vater ist unschuldig, folglich kann die Kugel, mit welcher der Oberst gelödtet wurde, nur zu seiner Entlastung dienen l“

Die Bestimmtheit in ihren Worten impoairte ihm und er widerstrebte nicht länger.

„Nun denn, mein Fiäu ein, so sei es darum! Ader ich bitte Sie, sich zu erinnern, daß ich Sie nicht zu die'er Hilfeleistung aufgefordert, sondern mich im Gegentheil bemüht habe, S>e in Ihrem eigenen Interesse davon zurückzuhalten! Ist e« aber trotzd m Ihr fester Wille, so ersuch« ich Sie, un« sogleich zu begleiten!'

BotschastSpalaiS unter den Linden säumenden Zuschauer begleitete den Zaren, als et an der Seite deS Prinzen Wilhelm im offenen Wagen einfuhr. Die Begrüßung auf dem Bahnhof zwischen dem Zaren und dem Prinzen Wilhelm, bet Kaiserin und bet Prinzessin Wilhelm durch Kuß und Umaraung soll einen herzlichen Eindruck ge­macht haben. Ebenso wird der Moment geschildert, al» unser greiser Kaiser das russische Kaiserpaar im Bot­schaftshotel begrüßte, Bei der Fahrt über den KllnigS- platz gelang es einem Mann, die Kette der Schutz­leute zu durchbrechen, er warf sich dicht vor dem Wagen auf die Knie und hielt ein Bittschreiben empor, daS ihm der Zar lächelnd abnahm. Der Mann wurde natürlich darauf sofort verhaftet. Ein ähnlicher Vorgang soll sich später auch Unter den Linde» abgespielt haben. Die wichtigste Frage, ob die Zusammenkunft einen poli­tischen Eharakter hat, dürfte wohl dadurch entschieden sein, daß Fürst Bismarck Nachmittags um >/,« Uhr in einer langen Audienz beim Zaren verweitte. Sin Höflich­keitsbesuch war das sicher nichts

Deutsches Reich.

Berlin, 18. November.

• Die Ernennung de« Prinzen Wilhelm zum Generalmajor ist gestern erfolgt.

• Prinz Heinrich wird sich dem Vernehmen nach in den allernächsten Tagen, wahrscheinlich sogar schon morgen, von hier zu feinen erlauchten Eltern nach San Remo begeben.

* Der Gesetzentwurf über Erhöhung der Ge- treidezölle schließt sich, dem Vernehmen der ,Hamb. Nachr.' nach, eng an die Beschlüsse de» LandwirthschaftSrath» an und schlägt die Ver­doppelung de» bisherigen Getreidezolle» vor. Ebenso haben die Sperrmaßregeln nach dem An­träge von Below-Sale»ke Zustimmung grfnndrv.

* Die Grundzüge zur Alter«- und Jnva- liden-Versicherung der Arbeiter liegen nunmehr vor. Dieselben zählen die einzelnen, be­reit« bekannten Kategorien der zu Versichernden auf und bestimmen im Wesenttichen Folgende«: Die Altersversorgung erhält, wer da« siebenzigste Lebensjahr vollendet hat, die Jnvalidenversorgung, wer nachweislich dauernd erwerbsunfähig ist; beides in Renten. Die Letztere kann in gewissen Fällen bi» zu drei Viertel in Naturalleistung gewährt werden. Die Mittel zur Gewährung der Renten werden vom Reiche, den Arbeitgebern und den Versicherten je zu einem Drittel aufgebracht. Die Höhe der für den Arbeitstag zu entrichtenden Bei­träge ist derart im Vorau» festzustellen, daß die

Schweigend ging sie mit den ernst dreinschauen­den Männern fort. Der Kriminalbeamte, welchen man am Morgen an der Stätte des Verbrechen» zurückgelaffen, hatte bie fruchtlose Arbeit des Suchen« längst eingestellt; aber der erhaltenen Weisung y mäß hatte er sich nicht von seinem Posten entfernt.

Al» ihm mitgetheilt wurde, daß die Nachfor­schungen mit Unterstützung der jungen Dame noch einmal ausgenommen werden sollten, zuckte er die Achseln und meinte: _

„Da» wird voraussichtlich vergebliche Mühe sein ; denn in einem weiten Umkreise ist kein Zoll breit Erde undurchsucht geblieben, und doch kann die Kugel, nachdem sie einen solchen Weg gemacht hatte, kaum noch wenige Schritte weiter g» flogen sein.'

Ec beteiligte sich denn auch nicht so sehr an dem Suchen, al» daß er eip scharfer Augenmerk auf die Bewegungen de» jungen Mädchen» richtete. Ec hatte sie un Verdacht, daß sie die Kugel nur suchen wollte, um sie zu beteiligen, und obwohl er überzeugt war, daß sie dieselbe ebenso wenig ausfinden würde, al» er und seine Vorgesetzten, hielt er doch eine genaue Aufmerksamkeit nicht für überflüssig. Aber Lisbeth war sehr weit von einer solchen Absicht entfernt.

Die Ueberzeugung, daß das Geschoß hier noch

Erste» Blatt

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