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Dienstag, den 15. November.

M 261.

1887

Muer W Jeitiiz.

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❖ Die neveste« Skandale in Frankreich.*)

lieber der französischen Republik waltet gegen­wärtig ein böser Stern. Abgesehen von der wahrlich nicht auf gleichen Grundsätzen und Re­gierungsmaximen basirten, sondern vom pursten Deutschenhaß geschmiedeten Freundschaft zwischen Frankreich und Rußland, steht die französtsche Republik unter den Völkern und Staaten Europas fast ganz isolirt da. Der frühere internationale Respekt vor der „grande nation“ ist völlig ge­schwunden, und nun bricht mit einem Male auch das ganze gleißende Truggebäude zusammen, welches die bürgerliche Uneyrenhaftigkeit und Gaunerei der hervorragendsten Staatspersonen bisher so täuschend umgeben hatte. Die Staatsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts weist kaum einen einzigen Vorgang auf, welcher sich an skandalöser Tragweite mit den bereit» aufgedeckten und all- mälig immer stärker an'» Licht tretenden Schur­kereien gewisser tonangebenden Persönlichkeiten der französischen Staatsleitung messen könnte. Und man glaube nur nicht, daß das, was jetzt enthüllt wird, den stinkenden Pfuhl der officiellen und nicht officiellen Korruption in der Republik erschöpfe. Die Pestbeule, welche jetzt eben in Paris aufgebrochen ist, dürste nur ein Symptom der republikanischen Lumpenwirthschaft sein, welche ihr Retz über einen großen Theil Frank­reichs ausbreitet.

Nepotismus, Stellenjägerei, gewissenlosestes Streberthum haben sich schon seit vielen Jahren offen vor aller Welt breit gemacht, so zwar, daß sich die öffentliche Meinung allmälig daran, wie an ein nothwendige» Uebel, gewöhnt hatte. Daß aber der Stellenkauf, in Trinkgelder-System en gros, der Handel mit Staatswürden in den höchsten Regionen der Regierung zu den täglichen Gewohnheiten gehöre, daß aber liederliche Frauens­personen mit Kriegsministern, Generälen, ja mit dem Präsidentschafts-Faktotum Wilson nicht etwa bloz privatim verkehrten, sondern auch in die Staatsangelegenheiten Hineinredeten und zu den regelmäßigen Besuchern der Staatsbureaux gehörten, davon haben wohl nur einige wenige Eingeweihte eine Ahnung gehabt.

Wir Deutsche wollen uns gewiß nicht selbst

*) Nachdruck nicht gestattet.

Die

19 Harrieyung

Alle diese obrigkeitlichen Personen hatten sich während der verflossenen Nacht überhaupt nicht zur Ruhe begeben. Zunächst war die Sektion der Leiche des Ermordeten vorgenommen worden, ohne daß der Befund im Geringsten von den von vorn herein ausgesprochenen Vermuthungen des Kreis- physikus abgewichen wäre. Der Tod war un­zweifelhaft fast auf der Stelle durch den Schuß in den Kopf herbeigeführt worden, und der Mör­der hatte btefen Schuß jedenfalls aus größter Nähe abgefeuert, oa nie Kugel, nachdem sie den Schädelknochen an zwei Stellen zertrümmert und dadurch eine Ablenkung erfahren hatte, am Halse wieder aus dem Kö per herausgedlungen war, und in Folge dessen nicht ausgefunden werden konnte. Mit Tagesanbruch harte sich dann die ganze Un- tersuchungs - Kommission an die Stätte des Ver­brechens begeben, welche der Förster, den man dazu aus seinem provisorischen Gesängniß geholt hatte, bezeichnen mußte. Man hatte den be- dauernSwerthen Mann nicht erst zu wecken brauchen, denn er halte während dieser entsetzlichen Nacht kein Auge geschloffen und nicht einmal seine Klei-

überheben, wir wollen auch das sittliche Leben und Treiben der oberen Zehntausend, der sogen, creme de la creme der Gesellschaft, nicht im rosigsten Lichte darstellen, aber soviel ist gewiß, daßSkandale, Gemesincheiten und Schur­kereien, wie sie jetzt in Paris offenbar werden, in Deutsckland einfach — unmöglich wären. Wenn auch int Punkte der Sittlichkeit und der Heiligkeit der Ehe leider in einigen höheren Ge­sellschaftsregionen nur zu sehr französische Gepflogenheiten Eingang finden, so dürfen wir denn doch wohl ohne llebertreibung sagen, daß der ganze deutsche Regierungsapparat hoch erhaben dasteHt über einer solchen Schandwirthschaft, wie fie in Pari» von einigen bevorzugten Staatrpersonen getrieben worden ist.

Ehren-Thibaudin und Ehren-Boulanger, diese» edle Brüderpaar von französischen Kriegsministern, steht mit einer „Dame" Limouzin, einer durch und durch wurmstichigen und anrüchigen Person, und einer nicht minder liederlichen „Dame" Ra- tazzi in dem intimsten Briefoerkehr über militär­ische Ernennungen, Beförderungen u. s. w. und einzelne Briefe, welche in dem Prozeß Caffarel vorgelegt wurden, enthalten derart ekelhafte De­tail», daß man von der Verlesung Abstand nehmen mußte. Und bann bieser Wilson, Schwiegersohn be» Präsidenten der Republik, der u. A. am 23. Mai 1884 an Frau Limouzin schrieb: „Dem Herrn Präsidenten der Republik und mir liegt die Ernennung des Generals Thibaudin zum Befehlshaber eines Armeekorps sehr am Herzen. Bis jetzt waren unsere An­strengungen fruchtlos; wir laffen uns aber nicht entmutigen. Genehmigen Sie u. f. w." Also die Limouzin empfiehlt ihren Freund „Thibaudin" der Fürsprache des Monsieur Wilson, und dieser setzt alle Hebel in Bewegung, um der „Madame" gefällig zu sein! Auch sonst hat die Gerichtsver­handlung eine ganze Reihe von Briefen an den Tag gebracht, worin Wilson der Limouzin und Ratazzi die Protektion der von ihnen empfohlenen Klienten (für Orden oder Staatsstellen) ver­spricht.

Und dieser Wilson soll unschuldig sein? Die Anschuldigungen gegen ihn sollen nach Grevy's Meinung nur Verleumdungen sein? Ob die Ge­schichte mit dem „Douceur" von einigen 700 000

der abgelegt. Er sah in Folge deffen sehr bleich und ermattet ans und schien in den wenigen Stunden um Jahre gealtert. Aber seine vorige Heftigkeit war gänzlich gebrochen.

Finster vor sich hinstarrend und mit düster zu­sammengezogenen Brauen gab er Antwort auf alle an ihn gerichteten Fragen. Die Aufforderung des Staatsanwalt», nunmehr in feinem eigenen In­teresse die volle Wahrheit zu sagen, hatte er mit der stolzen Erklärung beantwortet, daß er nichts weiter zu sagen habe, als was man bereits gestern von ihm vernommen. Im Uebrigen schien er sich ganz daraus zu verlassen, daß die weiteren Er­hebungen seine Unschuld auch ohne seine Zuthun erweisen würben, und dem Staatsanwalt war es, trotz seiner reichen psychologischen Erfahrung, un­möglich, festzustellen, ob diese Ergebung die Ge- wiffensrnhe eines unschuldig verurtheilten Mannes, die geschickt festgehaltene Maike ober bie verzwei­felte Resignation eines wirklichen Verbrechers fei. Doch nölhigte Hagemeister'S Verhalten den Beam­ten immerhin so viel Achtung ab, baß sie ihn mit jeder Rücksicht behandelten, die man einem Unter­suchungsgefangenen zu Theil werden lassen konnte.

Die Lokalinspektion war nur von kurzer Dauer gewesen. Sie ergab keinerlei brauchbaren Anhalt

Franken für die Vermittlung einer Tuchlieferung für die Armee sich bewahrheiten wird, muß ab­gewartet werden. Am schlimmsten für Wilson ist jedenfalls die sensationelle Angelegenheit der Unterschiebung gefälschter Briefe in die Gerichtsakten. Die eetamotirten Briefe scheinen in der That schöne Dinge enthalten zu haben! Man darf auf das Ergebniß der Untersuchung über diese Gaunerei, bei welcher mehrere Per­sonen „im Auftrag" die Hand im Spiel gehabt zu haben scheinen, gespannt sein. Auch der Dieb­stahl von wichtigen Papieren in der Redaktion de» XIX. Siöcle und da» Attentat auf seinen Redakteur dürfte möglicherweise dem Prozeß Caffarel ein neue» Relief geben. Von dem Ge­neral Caffarel, welcher nebst seinen Mitangeklag­ten vorläufig entlassen wurde, spricht man heute kaum noch, denn die Personen, welche da» öffent­liche Interesse erregen, standen und stehen viel höher als er.

Was bie von der Kammer auf Antrag des Bonapartisten Cuneo d'Ornano eingesetzte Unter­suchungskommission ermitteln wirb, muß man ruhig abwarten; möglicherweise wird der Schmutz fich so haufenhoch angefammelt finden, daß man im Interesse der Reputation der Re­publik Manches geheim halten und im Schooßr der Kommission begraben wird. Jedenfalls ist aber der ganze Skandal schon jetzt ein schwerer Schlag nicht, nur gegen den Präsidenten Greoy, der, wenn er wirklich selbst ein tadelloser Ehren­mann sein sollte, einer ganz unverantwortlichen Schwäche, Unselbständigkeit und Vertrauensselig­keit überführt ist, sondern auch gegen bie Repu­blik, wenn man jetzt alle» aufzubieten sucht, um Grevy zu halten, so geschieht es jedenfalls von den Meisten nur aus Beforgniß, eine ihnen miß­liebige Persönlichkeit könnte von dem herrschenden Wrrrwar begünstigt, an bie erste Stelle des Staates gelangen, ober gar aus Furcht vor einem Staatsstreich.

In Deutschland verfolgt man biese französischen Skanbale allenthalben mit gemischten Gefühlen. Zu ber Entrüstung über bie abscheuliche Korrup­tion gesellt sich ein gewisses Gefühl, nicht etwa ber Schadenfreude, sondern vielmehr der G^nug- thuung über das verdiente Schicksal, welches die beiden Haupthetzer gegen Deutschland, Ehren-Thi­baudin und Ehren-Boulanger erreicht hat. Denn

und auch bie Kugel, nach welcher man eifrig suchte, konnte nicht gefunben werden. Der Polizeikom- miflar erhielt den Auftrag, die Nachforschungen an dieser Stelle fortzusetzen; die anderen Herren aber begaben sich mit dem Förster zum Schlosse zurück. Auf dem Wege dahin stießen sie auf viele ins Feld gehende Arbeiter, und die Kunde von des Försters Verhaftung, welche schon feit gestern Abend als ein dunkles Gerücht un hergeschwirrt, aber von Niemandem ernstlich geglaubt worden war, weil man sie zuerst aus Martm's Munde vernommen hatte, verbreitete sich nun wie ein Lauffeuer über das ganze Gut. Oowohl vorher Keiner dem Förster etwas Schlimme» zugetraut hätte, war doch Ber Rejpekt ber einfachen Leute vor ber hohen Obrigkeit und der Glaube an bie Unfehlbarkeit ihrer Maßregel ein so großer, daß sich bie allgemeine Ansicht sofort zu seinen Un­gunst, n änberte Jetzt wollte mit einem Male Jeder etwas bemerkt haben, wa» al« eine Bestä­tigung des furchtbaren Verdachts dienen konnte, und Die schwer belastende Erzählung der beiden Holzfäller, welche den Förster gleich nach dem Lau, werden des Schusses mit so verstörtem Aeußern harten an sich vorbeistürzen sehen, ging bald von Mund zu Mund. So war das scheue und ge.