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Montag, den 14. November.

filbitr W Jeifug.

des Kronprinzen schreibt man der Magdeburgischen Zeitung': „Angesicht« der Krankheit, an welcher unser herrlicher Kaisersohn, der die Liebe, die Hoff­nung und der Stolz unserer Nation ist, leidet, fragt man, ob hier nicht eine erbliche Anlage zu Grunde liegt? Unsere Hohenzollern-Famüie ist so gesund und so frei von erblichen Belastungen, daß es schwierig erscheint, jene Frage zu bejahen. Die hochselige ^Königin Luise, der Liebling der preußischen Volke», ist bekanntlich jung gestorben. Der ärztliche Bericht über den Sektionsbefund lau­tete: „Man fand die rechte Lunge fast zerstört, mehrere polypenartige Gewächse am Herzen, die mit zwei dicken Aesten darin verwachsen waren."

• Der.Reichsanzeiger' veröffentlicht amtlich die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den Kronprinzen von Italien. — Außer dem Orden überreichte der deutsche Botschafter in Rom Graf Solms dem italienischen Kronprinzen ein Glückwunschschreiben de» Kaisers anläßlich der Großjährigkeitserklä rung desselben.

* Der Abgeordnete Hasenclever ist heute hier geisteskrank geworden und Abends in die Maison de ©ante überführt worden. Ec war heute mit seiner Frau von Dessau hierhergekommen und in einem Hotel abgestiegen. Er führte wirre Reden, hielt seine Frau für geisteskrank und be­hauptete, er müsse Virchow sprechen, damit dieser ihm ein Attest gebe, daß er gesund und seine Frau krank sei. Freunde sahen stch gezwungen, ihn in die Heilanstalt zu bringen.

• Dirschau, 12. Nov. Gestern Abend um 10 Uhr passtrte der russische Hofzug in der Stärke von 57 Achsen die hiesige Station von Eydtkuhnen herkommend.

* Paderborn, 12. Nov. Der Bischof fordert in einer besonderen Ausgabe des Amt­lichen Kirchenblattes zum Gebet für den Kron­prinzen auf und verordnet, daß in allen Pfarr­kirchen Sonntags nach der Predigt gemeinschaft­lich um seine Genesung gebetet wird.

• Darmstadt, 13. Nov. Prinz Wilhelm von Preußen traf heute Nachmittag von San Remo kommend zum Besuche des Großherzog» hier ein und setzte nach mehrstündigem Aufenthalte die Reise nach Berlin fort.

Der Untersuchungsrichter besprach sich unterdessen leise mit Herbert, welch' Letzterer in der That sehr angegriffen zu sein schien, da er sich sichtlich nur mit großer Mühe aufrecht hielt. In einem Zim­mer de» zweiten Stocker, das nur eine einzige, fest verschließbare Thür hatte, sollte der Arrestant vor­läufig untergebracht werden und der Kommissar erhielt die diesbezüglichen Weisungen. In ge­brochener Haltung folgte ihm Hagemeister zur Thür, aber auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um und fragte mit fast erstickter Stimme:

„Darf ich nicht wenigstens mein Kind zuvor noch einmal sehen und sprechen? — Der Schlag muß sie ja zu Boden schmettern, wenn sie au» einem fremden Munde die Nachricht von — von meiner Verhaftung erfährt."

„Er thut mir leid," war die gemessene Ant- wort, „aber ich kann Ihnen für heute keinen Ver­kehr mehr mit irgend Jemanden gestatten. Viel­leicht werde ich morgen Ihrem Wunsche willfahren können. Im Uebrigen verspreche ich Ihnen gern, daß ich dafür Sorge tragen werde, Ihre Tochter so schonend al» möglich von dem Vorgefallenen zu unterrichten!"

E» schien, al» wenn der Förster noch etwa» sagen wollte. Er richtete einen langen Blick auf Martin, der ihn mit ruhiger Frechheit aushielt und auf den jungen Baron, der sich plötzlich mit

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Deutsches Reich.

Berlin, 13. November.

♦ Der Kaiser empfing heute 128/t Uhr die Prinzessin Wilhelm, den Erbprinzen und die Erb- Prinzessin von Meiningen und den Prinzen Hein­rich, sowie um 2 Uhr den Professor Bergmann und Dr. Schmidt (Frankfurt a. M.). Später nahm der Kaiser die Vorträge de» Grafen Bis­marck und de» Minister» v. Puttkamer entgegen.

• Die ,Nordd. Allg. Ztg.' meldet: Der Reichs- kanzler wird sich auf Befehl der Kaisers zu Beginn nächster Woche in Berlin einfinden.

* Das Kehlkopfleiden de» Kronprinzen istein krebsartiges, darüber find auch die Aerzte einstimmig; sie sind auch einstimmig darüber, daß eine Operation zur Zeit nicht stattfinden soll. Zweifel können nach den bis jetzt vorliegenden Meldungen nur noch darüber bestehen, ob man von der Operation abfieht, well fie keinen oder nur geringen Erfolg verspricht, oder ob man sie nur vorläufig aufschiebt, um den Zustand noch einige Zeit zu beobachten und fie später unter besseren Bedingungen auszuführen. Wenn ein hies. Blatt berichtet, daß der Kronprinz gestern nach kurzer Ueberlegung fich dahin entschieden habe, daß die Operation unterbleiben solle, so ist diese Nachricht zwar richtig, aber leicht mißverständlich und nicht ganz vollständig. In einem früheren Telegramm ist bereit» angedeutet, daß bei der Entscheidung, ob operirt werden soll oder nicht, jetzt sowohl, wie auch schon im Frühjahr, nicht nur die ärztlichen Gutachten und Rücksichten, son­dern mindesten» in demselben Maße Erwägungen der Staat-raison mitwirken. Die Erhaltung de» Leben» des Thronfolgers, sei es auch nur für wenige Jahre, kann an denjenigen maßgebenden Stellen, welche die gefammte politische Sage des Reiche» zu überblicken in der Sage sind, für eine so unbedingte Nothwendigkeit erachtet werden, daß man eine in ihrem Ausgange höchst zweifelhafte Operation nicht vornimmt, die man bei einem Privatmann vielleicht wagen würde. Es ist etwas ganz Andere», ob man an einem Privatmann oder an dem Erben der deutschen Kaiserkrone, noch dazu Angesicht» de» hohen Alter» de» Kaiser»,

Pir lchnl^riimftemtk.

18. Fortsetzung.

Noch ehe Herbert den letzten Satz beendet hatte, öffnete sich die Thür de» Nebengemachs und die Gestalt de« Förster» erschien auf der Schwelle. Sein Gesicht trug einen Ausdruck tiefer Betrüb- uiß und in dem Blick, welchen er auf den jungen Baron richtete, lagen Mitleiden und Verachtung. Aber er sagte kein Wort, und erst al» ihn der Untersuchungsrichter in strengerem Ton, als vor­hin, anredete:

„Sie haben da drinnen wahrscheinlich Alle» gehört und Sie werden doch wohl nicht daran denken, die Glaubwürdigkeit de» Herrn Baron», auf dessen Zeugmß Sie fich ja selbst berufen haben, ebenfalls zu verdächtigen. Was haben Sie nun auf diese beiden übereinstimmenden Zeugenaussagen zu erroiebern?" Da erst wendete er seine Angm langsam von Herbert ab und sagte ernst und traurig:

Nichts, als daß fie Beides im Komplott mit einander find und daß fie Beide lügen I“

Diese Antwort erregte den Unwillen be6tHnter» suchungsrichter».

„Nun wohl, wir «erden Ihnen Zett geben, fich auf eine bessere Erklärung zu besinnen," sagte er kurz. „Ich bin gezwungen, Sie auf Grund der

eine Operation wagt, die in mehr als der Hälfte der Fälle mißglückt und, selbst wenn sie glückt, das Leben 'des Pattenten oft nicht so lange er­hält, als es ohne Operation vorausfichtlich doch erhalten werden kann. In den Erörterungen und Polemiken der Zeitungen in den letzten Tagen sind, wie die ,Frkf. Ztg.' hervorhebt, diese Gesichts- punkte so gut wie gar nicht beachtet worden, wir wissen aber, daß sie eine entscheidende Rolle ge­spielt haben. Ueber die Operation entscheiden in diesem Falle nicht nur die Aerzte, wie es gewöhn­lich bei einem Privatmann stattfinden mag, son­dern es treten an den Kaiser und seine verant­wortlichen Berather, sowie an den Kronprinzen selbst Erwägungen allerernstester politischer Natur heran, und da« Unterbleiben einer Operation, die der Patient, wenn er ein Privatmann wäre, vielleicht wagen würde, kann in diesem Falle ein Akt heroischen Patriotismus sein» Wir wissen, daß die Separatgutachten der Aerzte, die dem­nächst werden bekannt werden, sich auch darüber aussprechen, wie lange nach dem Ermessen der ärztlichen Autoritäten da» Leiden de» Kronprinzen ohne eine Operation noch dauern kann. Vollstän­dige Gewißheit darüber, ob die Operation definitiv als zu gefahrvoll und ausstchtslos aufgegeben ober ob fie noch Gegenstand weiterer Erwägung ist, wird man wohl erst in einigen Tagen erhalten. Wir haben Grund, das Letztere anzunehmen; dafür spricht auch der Umstand, daß Dr. Schmidt aus Frankfurt a. M. zur Berichterstattung hierher kommt und daß Professor Bergmann noch ein Gutachten erstatte« wird. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß der Reichskanzler und da» Staats­ministerium in dieser ernsten Situation als Räthe der Krone beteiligt find. Die Sage der Sache ist eine sehr traurige, aber noch keine hoffnungs­lose. Es wird aus San Remo berichtet, daß Mackenzie entschieden gegen die Exstirpation des Kehlkopfes war, und daß diese Anficht schließlich die Zustimmung Aller sand. Man wolle abwarten, ob der Verlauf der Krankheit schließlich die Opera­tion unerläßlich macht. Auch taucht immer wieder die Mittheilung ans, daß Virchow nochmals die Wucherung untersuchen und ein ^Gutachten er­statten soll.

• In Bezug auf den Ursprung der Krankheit Verdachtsgründe, welche fich gegen Sie ergeben haben, vorläufig in Hast zu nehmen und ersuche den Herrn Polizeikommissar, das Weitere zu ver­anlassen."

Jetzt aber kam Hagemeister'» Heftigkeit noch ein­mal zum vollen Durchbruch.

„Wie? — In Hast nehmen? Mich?" schrie er. „Und unter dem Verdacht eines feigen hinter­listigen Meuchelmordes? Wie können Sie das wagen, Herr? — Wer giebt Ihnen das Recht, einen ehrlichen, unbefchostenen Mann fo zu be­handeln?"

„Ich werde da», wa» ich thue, auch zu verant- warten wissen," gab* der Beamte ruhig zurück. Wenn wir un» in einem Jrrthum befinden, so wird stch Ihre Unschuld bald genug Herausstellen, und Sie können ganz sicher s in, daß wir Ihre Haft nicht um eine einzige Stunde ohne zwingende Roth verlängern werden! Daß ich aber gezwun­gen bin, mit solcher Strenge vorzugehen, haben Sie in erster Linie der Unsicherheit und Unwahr­haftigkeit Ihrer eigenen Aussagen zuzuschreiben."

Der Förster hatte nach dem ersten wilden Ans- flackecn des Zornes wohl eingesehen, daß er sich In da« Unabänderliche fügen müsse, und schwei­gend hatte er auf den höflich geäußerten Wunsch de« Polizeikommiffar« feine Doppelflinte und feinen Hirschfänger abgelegt.