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M 258.

Freitag, den 11. November.

1887

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Die Fuldaer, Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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❖ Nationalliberale Winkelzüge.*)

Der nationalliberalen Partei scheint es um ihre Zukunft selbst bange zu werden. Der trotz aller VertuschungSversuche offen am Tage liegende tief­gehende Zwiespalt der Kartellparteien wird bei den künftigen Wahlen immer schärfer hervortreten, denn daß die unnatürliche Vermischung konservativ- orthodoxer mit liberal-freigläubigen Elementen weder in politischer noch in konfesstoneller Be­ziehung lange Stand halten werde, war von An­fang an vorauszusehen. Reichstagswahlen unter so günstigen mittelparteilichen Auspicien, wie die letzten „Septennats"-Wahlen, kommen so bald nicht-wieder. Es ist deßhalb erklärlich, wenn der Nationalliberalismus mit sehr gemischten Gefühlen die stattliche Schaar Jener überblickt, welche am 24. November auf den nationalliberalen Bänken des Reichstages wieder Platz nehmen werden. Der plötzliche Riesenaufschwung des Nationalliberalir- mus, welcher so gerne als ein Zeichen des an­brechenden „Völkerfrühlings" gepriesen wurde, wird sich nur zu bald als ein künstliches Treibhaus- Produkt Herausstellen, welches, sobald die nach­helfende Hand des bekannten mächtigen Reichs­gärtners und die künstlich erwärmte Temperatur der Kriegsangst ihm fehlen, an der ungekünstelten Lust der rauhen Wirklichkeit dahinwelken wird. Deßhalb sind die Liebhaber und Freunde dieser Treibhauspflanze schon seit geraumer Zeit an der Arbeit, um ihr ein längeres Leben zu fristen und ihr möglicher Weise über die Fährlichkerten des veränderten Statuts hinwegzuhelfen. Das Haupt- mittel, wie man der gegenwärtigen kartellmäßigen und mittelparteilichen Reich: tagsmehrheit zu län­gerem Leben verhelfen will, ist die geplante Ver­längerung der Legislaturperioden, welchem Vor­schläge sich eine ganze Reihe von Plänen behufs Abänderung und Korrektur des bestehenden Wahl­rechts und Wahlverfahrens angeschloffen hat. Was den letzteren Punkt betrifft, so müßten die Kartell­brüder, wenn sie selbst an die Solidität der Partei­sache und ihres letzten Wahlerfolges bei den Reichs­tagswahlen glauben, die ersten seien, welche für die Erhaltung einer Wahlgesetzgebung, mit deren Hilfe man solch' glänzende Resultats er­zielen kann, ihre ganze Kraft einsetzten. Daß sie das garade Gegenthsil thun, beweist uns, wie

*) Nachdruck nicht gestattet.

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16. Fortfetzung

„Und ebenso wenig können Sie uns eine Ver- muthung darüber äußem, wer der Mörder des Oberst gewesen sei?"

„Könnte ich es, so hätte ich es ohne Zweifel längst gethan."

Der Untersuchungsrichter gab dem Polizeikom« miffar einen Wink, und dieser öffnete die Thür des Nebengemachs, um Martin herein zu rufen. Mit einigem Erstaunen verfolgte der Förster die­sen Vorgang und er dankte mit einem kaum merk­lichen Kopfnicken, als ihn Martin mit ganz auffäl­liger Höflichkeit und Unterwürfigkeit begrüßte. Aber seine Verwunderung und Bestürzung wuchs, als sich der Richter jetzt abermals an ihn wendete.

„Dieser Mann, Herr Förster, hat uns vor einer Viertelstunde Aussagen gemacht, welche den Ihrigen in vielen Punkten geraoe entgegengesetzt find. Das Jntereffe der Untersuchung aber erheischt dringend, daß wir auch über Punkte, welche Ihnen vielleicht unwesentlich erscheinen, volle Aufklärung erhalten. Der Mann will Zeuge Ihrer Unterredung mit dem Dberst gewesen sein, und seine.Darstellung dersel­ben lautet etwas anders als dre Ihrige! — Wie-

wenig sie selbst von der reellen Basis ihrer sep- tennatlichen Wahlerfolge überzeugt sind. Ein neues Auskunftsmittel glaubt die .Kölnische Zeitung' ge­funden zu haben, indem sie sich mit dem süßesten Tone, dessen sie fähig ist, an die „nichtultramon- tanen" Katholiken im Reiche und an die „ge­mäßigten" Elemente im Centrum wendet, von denen sie einen allmäligen Anschluß an den „ge­mäßigten" Liberalismus oder an dis Mittelpartei überhaupt erhofft. Die .Kölnische Zeitung' ist be­kanntlich nicht die erste, welche eine „katholische" Bewegung größeren Stiles gegen das Centrum anregt. Abgesehen von den verschiedenartigsten be­deutungslosen Pceßerörterungen über dieses Thema, hat es sich in dem kläglichen Fiasko der bekannten rheinischen Adeligen hinlänglich gezeigt, wie aus­sichtslos der Versuch ist, „gute Katholiken" gegen das Csntrum mobil machen zu wollen.

Solche Versuche knüpfen mit Vorliebe an die Erwägung an, daß durch das neueste preußische Fciedensgesetz der Kulturkampf aus der Welt ge­schafft, und deßhalb eine weitere parlamentarischs Wirksamkeit des Crntrums zur Wiedererlangung oder zum Schutze kirchlicher Zwecke entbehrlich sei. Man braucht diese Zwietrachtsspekulanten nur an die Worte des hl. Vaters in der vielmiß- brauchten Jakobini'schen Septennatsnote zu er­innern, wonach der Fortbestand des Centrums nothwendig sei, nicht nur zur Beseitigung der noch übrigen kirchenfeindlichen Gesetze, sondern auch zur Ueberwachung der Ausführung der neuen Gesetze und zum Schutzs der katholischen Interessen über­haupt. Daß aber noch längst nicht alle Beschwer­den der Katholiken beseitigt sind, hat nicht nur der heilige Vater in seinem bekannten Schreiben an den Erzbischof von Köln, sondern auch der von den Liberalen so gerne als „Fciedsns"-Bsschof im Gegensatz zum Crntrum mißbrauchte neue Fürst­bischof von Breslau in seinem herrlichen ersten Hirtenbriefe mit verständlicher Betonung hervor­gehoben.

Noch drolliger aber als die Einladung an die Centrumspartei, auseinanderzugehen, und an die Katholiken, sich von der ultramontanen Leitung loszusagen, ist der gute Rath, sich nunmehr dem „gemäßigten" Liberalismus anzuschließen, der Partei der .Köln. Ztg.', jener Partei, welche be­kanntlich das „Friedensgesetz", auf welches man die Katholiken begütigend hinweist, einstimmig

derholen Sie uns noch einmal Alles, was Sre uns gesagt!"

Martin machte seine gewöhnlichen Ausflüchte und schüchternen Einwendungen; aber auf die energi­schen Vorsiellungen des Richters bequemte er sich, das ganze, mit teuflischer Berechnung aus Lüge und Wahrheit zusammengesetzte Gewebe noch ein­mal vorzubringen. Der Förster wurde abwechselnd blaß und roth und versuchte ihn mehr als einmal heftig zu unterbrechen. Aber der Richter hielt ihn jedesmal durch eine ernste Mahnung davon zurück, und Hagemeister kämpfte seinen wüthenden Ingrimm nieder bi» zu dem Augenblicks, in welchem Martin zu dem Schluß seiner Erzählung und zu der noch­maligen Schilderung der drohenden Geberde des Försters bei der Entfernung des Oberst kam. Jetzt aber konnte er nicht länger an sich halten, machte einen starken Schritt auf Martin zu und packte den Verleumder heftig an der Schulter.

„Wie kommsi Du zu diesen niederträchtigen Lügen, Eiender?" donnerte er ihm zu. „Auf der Stells wirst Du eingestehsn, daß soeben kein wah­res Wort aus Deinem Munde gekommen ist, oder bei Gott —"

Er konnte seine Drohung nicht vollenden; denn der Polizeikommissar hatte Martin von seinem Griff

verworfen hat, deren Wortführer im Abgeord­netenhause, wie auch in den Konventikeln des Evangelischen Bundes ganz offen für nicht ferne Zeit eins Wiederaufnahme des Kulturkampfes, einen „neuen Kulturkampf" in Aussicht stellen. Mit derselben Logik könnte man auch dem Lamms rathsn, sich getrost unter dis Obhut des Wolfes zu stellen, der momentan durch eine höher Macht gezwungen ist, feine Mordlust zu zähmen, dabei aber gar kein Hehl daraus macht, daß er sein Handwerk wieder aufnehmen wird, sobald er nur kann.

Die .Köln. Ztg.' glaubt jetzt das Csntrum da­durch zu diskreditirsn, daß es mit Hilfe mephi- stofelischer Zahlenkünsts „beweist", von den deut­schen Katholiken standen nur 9,275,000 hinter dem Centrum und seien „ultramontan", während 7,500,000 Katholiken „nichtultramontan" seien. Er ist nicht der Zweck dirser Zeilen, den Lügen- beweis der ,Köln. Ztg.' durch statistische Gegen­überstellungen über den Haufen zu werfen, denn diese Arbeit ist bereits von der .Köln. Volksztg.' und von mehreren anderen katholischen Blättern so gründlich besorgt worden, daß der Statistiker der .Köln. Ztg.' als ein lächerlicher Wörtheld, ein politischer Gaukler und Lügenbold ordinärster Sorte entlarvt ist. Denn, um dies kurz zu re- kapituliren, hat der Zahlenkünstler es mit keiner Silbe erwähnt, daß das Centrum bei den Sep- tennatswahlen rund 234,000 Stimmen mehr er­halten hat, als bei den vorhergehenden Wahlen, er hat die von den katholischen Polen und von den katholischen Elsässern aufgebrachten Stimmen (212,626 + 247,654 = 460,280) ohne Skrupel den N i ch t - llltramontanen zugezählt, ferner läßt er die vielen Hunderttausends nach­weislich für Anti-Septennats-Kandidaten (Frei­sinnige, Demokraten u. s. w.) abgegebenen „ul­tramontanen" Stimmen ganz außer Betracht.

Und dasselbe Lügenmanöver, wie mit den ab­gegebenen Wählerstimmen, veranstaltet die .Köln. Ztg.' auch mit der Bevölkerungszahl und Kon- fejsionsziffer. Hierbei stellt sie sich an, als ob es überhaupt möglich wäre, das Konfessionsvsrhältniß derjenigen, welche ihr Wahlrecht ausgeübt haben, festzustellen. Das Blatt sollte doch wissen, daß an der Wahlurne Niemand um seine Konfession gefragt wird, und daß es deshalb reiner Schwindel ist, wenn man nachher sagt, in

befreit und der Richter sagte sehr streng und mit großem Nachdruck:

„Ich fordere Sie auf, sich hier einigen Zwang aufzuerlegen und vollste Ruhe zu bewahren. Ihr jetziges Benehmen läßt darauf schließen, daß der Zmge wenigstens damit die Wahrheit sagte, daß er Sie aufbrausend und jähzornig nennt. Aber Sie haben kein Recht, den Mann hier zu beleidi­gen, oder gar sichthätlich an ihm zu vergreifen."

„O, meine Herren, soll ein ehrlicher Mann ver­pflichtet sein, solche Büberei geduldig über sich er­gehen zu lassen? Warum lassen Sie diesen Schur­ken mit seiner erlogenen Geschichte zu Ende kommen ?"

„Weil ich noch keineswegs dis Uebsrzeugung ge­wonnen habe, daß diese Geschichte so durchaus er­logen sei! Können Sie in Abrede stellen, daß Ihr Gespräch den jungen Baron Herbert und seine Be­mühungen um Ihre Tochter behandelt habe?"

„Erbärmlicher Spion!" murmelte der Förster, indem er einen letzten, zornigen Blick auf Martin warf, ehe er ihm voll Verachtung den Rücken zu­wandte. „Bin ich wirklich verpflichtet, darauf eine Antwort zu geben?"

„Sie sind nicht nur dazu verpflichtet, sondern es scheint mir auch durchaus in Ihrem eigenen Jnteresss zu liegen, daß Sie es thun!"