Jtt 257. Donnerstag, den 10. November. 1887
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Deutsches Reich.
Berlin, 9. November.
* Der Kaiser von Rußland verläßt Kopenhagen am 15. oder 16. d. M.» um nach Berlin zu kommen.
* Heute findet in San Remo die Consultation der dahin berufenen Aerzte statt, welche über die fernere Behandlung des Kronprinzen beziehentlich darüber entscheiden soll, ob eine Operation vorzunehmen ist. Die trüben Nachrichten über den Zustand Sr. k. k. H. des Kronprinzen langten, wie die .Post' erfährt, in der Nacht zum Montag hier ein. In der Frühe des Montags begab sich, wie fchon gemeldet, Prinz Wilhelm vom Marmor- Palais nach Berlin in da» Palais zum Kaiser. In diesen Vormittagsstunden des Montags ward die Reise beschlossen. Für den Abend waren 120 Einladungen zu einem Balle im Marmor-Palai» ergangen, dieser wurde abgesagt. Im Laufe des Montags verweilte Prinz Wilhelm im Auswärtigen Amt, wo mit ihm, wie man hört, noch die Modalitäten anläßlich des Besuche» de» Kaisers von Rußland besprochen wurden. Am Abend reiste der Prinz, von seinem persönlichen Adjutanten von Psuel begleitet, nach San Remo ab. — Amtliche Nachrichten liegen nicht vor.
* Der polnische hohe Adel hat zum 15. ds. eine Volks-Versammlung nach Posen berufen, in welcher gegen die neuen Maßnahmen wegen des polnischen Sprachunterrichts Berathungen stattfinden sollen.
* .Daily News' läßt sich aus Petersburg melden, Krupp in Essen habe 2 Million n Mark für die Zusammensetzung eine» Explosivstoffe» geboten, den der russische Ingenieur Rukeschall erfunden hat. Der letztere habe indeß abgelehnt und verhandele jetzt mit der russischen Regierung.
* Breslau, 9. Nov. Der bekannte fanatische Katholikenfeind und Leugner der Gottheit Christi Prof. Dr. Beyschlag macht in der kirchlichen Chronik des neuesten Heftes feiner .Deutsch-Evangelischen Blätter' aus Anlaß des in derselben erwähnten Einzuges de» neuen Fürstbischofs von Breslau „auf zwei neuerdings in Preußen
Die lrtztkn^rmnftkimr.
15. Fortsetzung
„Ach lieber Himmel! Wie hätte ich ahnen können, daß mich meine Schwatzhaftigkeit in eine so schlimme Sage bringen würde. Nun wird man mir vorwerfen, daß ich es gewesen sei, der den Förster in» Verderben gebracht hat. Und das habe ich doch wirklich nicht gewollt! — Aber widerrufen kann ich trotzdem nichts. Die Wahrheit geht mir über Alles, — und was ich gesagt habe, ist nichts als die reine, lautere Wahrheit."
„Nun gut, wir werden das ja bald erfahren! — Hat man noch einmal nach dem Förster Hage- meister gesandt?"
Der Polizeikowmissar ging hinaus, um sich danach zu erkundigen, und er kam gleich darauf mit der Meldung zurück, daß ter Förster schon seit einer Viertelstunde auf der Terrasse des Schlosses wartete, weil man ihm gesagt habe, daß der Herr Untersuchungsrichter noch mit einer Vernehmung beschäftigt fei.
„Da« kommt uns erwünscht," sagte der Beamte. „Lossen Sie den Mann §eteintreten. Vorher aber begeben Sie sich" — und er wandte sich dabei an Martin — „hier in das Nebengemach zur Linken, aber entfernen Sie sich nicht, und halten
aufkommende Sitten aufmerksam, die auch bei dem in Rede stehenden Anlaß in Anwendung gekommen sind". Er schreibt: „Die Zeitungen melden einmal, daß die Spitzen der Behörden in Breslau, darunter ohne Zweifel nicht wenige Protestanten, der Inthronisation des Fürstbischofs beigewohnt, welche mit einer von demselben celebrirten missa solemnis geschlossen. Dies offizielle Messehören hochgestellter Protestanten scheint sich demnach in den preußischen Beamtenpflichten einzu- bürgern. Ob das in einer Zeit, wo kein römischer Bischof an einem evangelischen Gottesdienste gastweise theinehmen wird, ja in der man eine evangelische Trauung neben der römischen für ein römisches Trauungshinderniß erklärt, schicklich, paritätisch, mit protestantischer Selbstachtung vereinbar ist, darf gefragt werden. Das andere ist, daß bei dem unvermeidlichen Festmahl in Gegenwart derselben staatlichen Autoritäten der neue Fürstbischof imToast den Papst demKaiser vorangestellt hat. Das war noch vor kurzer Zeit selbst bei Bischofstoasten anders, es ging innerhalb Preußens nicht» auf Erden über den Landesherrn. Die ,Post' hat auch in einer be- merkenswerthen Gefühlsanwandlung gesagt: „Dem Kaiser und dem Papst"; aber der wörtlich mit- getheilte Toast lautet umgekehrt. Geschähe so etwas in einem geschloffenen Kreise von Priestern, so ging es uns nichts an: daß es aber in Gegenwart der Repräsentanten des preußischen Staates und unter deren aktiver Betheiligung geschieht, das ist — eine Neuerung von nicht zu unterschätzender symbolischen Bedeutung und als solche ein Zeichen der Zeit." — Die .Schlesische Volkszeitung' findet es überflüssig, diese Auslassungen einer Entgegnung zu würdigen.
* Münster, 8. Nov. An der heute Morgen abgehaltenen Herbstkonti olversammlung mußten auch acht Alumnen des hiesigen Priesterseminars theilnehmen. Wie wir sicher wissen, haben dieselben um Befreiung von derselben nachgesucht, jedoch abschläglichen Bescheid erhallen. Erheiternd war es zu sehen, wie die geistlichen Herren auf da» betreffende Kommando die „Knochen zusammen nahmen" und strammen Schrittes mit den übrigen Reservisten zum Kreise zusammenschwenkten, um sich die Kriegsartlkel oorlesen zu lassen. (Germ.)
Sie sich bereit, auf meine Weisung hereiUlikom- men, denn es könnte sein, daß wir Jhrxr noch bedürfen."
Martin machte einen Kratzfuß und ging. Niemand sah das triumphirende Lächeln, das für einen Augenblick feinen breiten Mund verzerrte, und das tückische Auflackern in feinen kleinen, bösartigen Augen.
Der Untersuchungsrichter gab dem Kommissar einen Wink und der Förster wurde eingeführt. Er war in feinem Dienstanzuge — so, wie er aus dem Walde heimgekehrt war — mit Hirschfänger und Doppelflinte; denn er hatte sich nicht erst Zeit genommen, feine JagdauSrüstüng abzulegen, als er vernahm, daß man vom Schlosse schon zweimal nach ihm geschickt habe. Die beiden Beamten faßten ihn scharf ins Auge; aber fie^iußten sich sagen, daß in seiner Erscheinung nichts Verdacht Erweckendes lag. Seine Haltung war straff und militärisch, seine Züge von ruhigem, männlichem Ernst und sein Blick so frei und offen, wie ihn ein schuldbeladenes Gewissen schwerlich zu- gelassen hätte. Er begrüßte die Herren von der Obrigkeit mit ruhiger Höflichkeit und schien einigermaßen erstaunt, daß man seinen Gruß nur sehr kurz und oberflächlich erwiderte. Der Untersuchungsrichter deutete aus einen Stuhl und lud ihn durch eine Handbewegung zum Niedersctzen ein; aber 1
Ausland.
• Die Gerüchte über angebliche russische Truppenverstärkungen an der deutschen Grenze werden in einer Warschauer Mittheilung der »Pol. Korr.' al» unbegründet bezeichnet und mit den alljährlich auf die Herbstmanöver folgenden Truppenerscheinungen erklärt. Dagegen sollen die an Deutschland grenzenden westlichen Gouvernements in nächster Zeit der Schauplatz größerer Festungsarbeiten robben. Es handle sich zunächst um die Aufführung von Verschanzungen, sowie um die Anlage von größeren Militärmagazinen. Bereits wird in militärischen Kreisen Bialystok als einer der Punkte genannt, an welchen größere fortrfikatorische Arbeiten demnächst in Angriff genommen werden sollen.
* Paris, 9. Nov. Hier herrscht große Erregung über die Nachrichten aus San Nemo. Ter ,Matin' veröffentlicht eine Unterredung seine» Mitarbeiter» mit den beiden bedeutendsten Spezialisten Frankreichs, den Doktoren Poyet und Fanvel, die beide erklären, daß eine augenblickliche Gefahr für den Kronprinzen nicht vorhanden, aber eine Tracheotomie (Einschnitt von außen in die Luftröhre) nothwendig sei. (Fr. Z.)
* Rom, 9. Nov.' Heute Nacht gegen 2 Uhr wurde in Venedig ein Erdstoß verspürt, der aber keinen Schaden anrichtete. Ebenso verspürte man in Ferrara gegen P/a Uhr ein wellenförmige», sieben Sekunden andauernde» Erdbeben in der Richtung Nordost gegen Südwest.
* Madrid, 9. Nov. Hillairand, welcher ein Attentat auf Bazaine verübt hat, ist zu achtjähriger Zwangsarbeit verurtheilt worden.
* Ein gestern in London eingegangenes Telegramm Mackenzie'» betont wiederholt, daß bei dem Halsleiden de» deutschen Kronprinzen keine unverzügliche Gefahr vorhanden fei; Alles hänge von der Natur der neuen Geschwulst ab, weshalb Mackenzie zuerst versuchen will, ein Stück derselben abzuzwicken, um es Virchow zur Begutachtung unterbreiten zu lassen. — In London glaubt man, Mackenzie's Ansicht, daß eine ernstere Operation vorläufig nicht erforderlich fei, werde durchdringen.
• Chicago, 7. Nov. Dem .Standard' zufolge ist der Sprengstoff in der Zelle be» zum
der Förster leistete dieser Aufforderung nicht Folge, sondern blieb in straffer Haltung vor dem mit einem grünen Tuch bedeckten Tische stehen.
Der Untersuchungsrichter durchblätterte noch einmal das eben aufgenommene Protokoll und begann dann das neue Verhör mit der ihm eigenen, unerschütterlichen Ruhe, ohne von der Spannung und Aufregung, die sich auch feiner bemächtigt hatte, in feinem Benehmen das Geringste zu ver- rathen.
„Sie waren es, Herr Förster, der die Leiche des Ermordeten zuerst auffand, und zwar unmittelbar, nachdem da» Verbrechen verübt worden war? So hat man mir wenigstens berichtet. Verhält es sich so?
„Ja wohl!"
„Woraus schlossen Sie, daß die Ermordung des Oberst erst soeben stattgefunden habe?"
„Ich hörte einen Schuß fallen und ging der Richtung nach, weil ich glaubte, einen Wilderer zu erwischen."
„Sie befanden sich also dem Thatorte ganz nahe?"
„Ich war kaum dreißig Schritte von der Stelle entfernt, an welcher der Oberst fiel."
„Und dennoch nahmen Sie nichts von dem Thäter wahr? — Dachten Sie denn nicht an seine Verfolgung?"