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HL 253

Sonnabend, den 5. November.

1887

fnliner W Jritug.

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Zweites Blatt.

44 Des GcdirgslMd der Rhön.

Skizze von Jos. Gr.

(Schluß.)

Bischofsheim« Fleiß entfaltete sich früher rühm­lichst in der Tuchweberei, jetzt aber ist besonder» die Holzschneidekunst ein Gewerbszweig, der dort in hoher Blüthe steht. Sonst ist im Allgemeinen die Industrie im Rhöngebiete wenig entwickelt, woran hauptsächlich die lokale Abgeschlossen­heit, sowie der Mangel an Verkehrsadern die Schuld tragen.

„Unser industrielles Jahrhundert weiß nicht, wa» es mit solchen abgelegenen, produktenarmen Gebirgen anfangen soll", sagtW. H. Riehl. „Nicht blo» die Ungunst de» Klima», auch der ganze eigenthümltche Entwickelungsgang unseres Kultur­lebens, wenn man will, der Weltgeschichte, hat sich wie ein tragisches Schicksal auf diese Berge gelegt. Die Rhön gehört so ganz zu jenen Gauen, von welchen einer unserer Dichter sagt: sie seien zu romantisch, um noch glücklich sein zu können, ein Dichter, der selber zu romantisch war, um glück­lich sein zu können — Gottfried Kinkel."

Allerdings, glücklich ist die Rhön, im Banne ihrer Armuth, nicht zu nennen; die Roth hat ihre schwere, nieverdrückende Hand auf sie gelegt und die hält besonders die Bewohner jener steinigen oder sumpfigen Hochlagen, wo kaum der kargen Scholle etwas abzugewinnen, in stumpfer Energie­losigkeit nieder.

„Nix, nox, nebulae sunt optima munera Ehoenae,“ sagt das Sprichwort, und dennoch — jene« tiefe, echte Heimatsgefühl, das ja vorzugs­weise im Herzen des Bergvolkes wurzelt, ist auch ein hervorstechender Zug des braven Rhönländer». Die Sterilität des Bodens zwingt ihn zwar viel­fach im Frühjahr auszuziehen, um im Frankenland oder in der Wetterau mit Senfe und Sichel Ver­dienst zu suchen, aber wenn der Winter wieder- kommt und die Arbeitszeit vorüber ist, dann kehrt auch er mit treuheimischer Sehnsucht in seine elende, raucherfüllte Hütte zurück, wo Kartoffeln und Schnaps seinen genügsamen Sinn zufrieden stellen.

Das Volksleben, nach seinen inneren und äußeren Beziehungen, zeigt im Rhönland ein ziemlich ein­farbige» Gewebe; nur wenige Feste sind es, die al» hellere Farbentöne da» triste Grau de» Alltags­lebens durchziehen. Außer Kirmeß und Fastnacht wird besonders die große Heuernte auf der hohen Rhön mit volksfestlichem Sang und Klang ge­feiert. Seine eigene Feier hat auch der Johannis­tag, an dem Kränze von Johannisblumen über die Hausthüren gehängt werden — damit der Blitz nicht in die Häuser einschlage. Der merkwürdigste Brauch jedoch ist wohl an den ersten Sonntag in der Fastenzeit, den sogenannten „Hutzelsonntag", geknüpft. Am Abend diese» Tage» kommen die jungen Bursche auf den Bergeshöhen zusammen, um mit johlender Freude große Strohwische an­zuzünden und sprühende Feuerräder ins Thal hinabzurollen. Ist da» phantastisch schöne Schau­spiel vorüber, so eilt der ganze Zug in» Dorf zurück, um vor den Häusern ein originelles Lied abzufingen. Man nimmt an, daß diese Sitte dem germanischen Heidenthum entstamme, wie man auch in verschiedenen Sagen noch Nachklänge au« jener fernen Zeit vernimmt. Daß der Born der Sagen in den Gebirgsländern am verschwenderischsten sprudelt, ist ja bekannt, und so hat auch die Rhön ihren reichen Sagenschatz, in dem, außer den schon oben angeführten Moorjungfern, Nixen und Hexen, vorab der Teufel selbst eine große Rolle

spielt. Doch tauchen auch ans christlicher Vorzeit poesiedurchduftete Legenden auf, die neben diesen dämonischen Bildern auf düsterem Untergründe wie zarte Gemälde auf Goldgrund anmuthen.

Wie lieblich ist beispielsweise die Sage, die sich an die Entstehung der Städtchens Neustadt an der Saale knüpft: Kaiser Karl der Große stand mit seiner Gemahlin an einem Erkerfenster seiner prächtigen Saal- oder Salzburg, und Beide blickten entzückt hinab in das schöne, gesegnete Flußthal. „Mein Herz erfreut sich bei dem Anblick", sagte die Kaiserin, „und doch hegt es noch einen sehn­lichen Wunsch dabei: daß drüben über dem Flusse eine Stadt mit einem Gotteshause sich erhebe!" Und sogleich war der Kaiser bereit, diesen Wunsch zu verwirklichen, und es entstand die Stadt Neu­stadt — in Gestalt eines Herzens erbaut.

„Neustadt hat den Stolz," heißt es also doch nicht ohne Grund, denn in der That stolze Er­innerungen sind es, dis sich um die Ruinen dieser einstmal so prächtigen Kaiserburg ranken, Erinne­rungen an viele glänzende Hoflager und Versamm­lungen.

Eine andere interessante, sagenumsponnene Ruine im Saalgau ist die Bodenlaube bei Kissingen, wo einst der Minnesänger Otto von Bodenlauben seinen liedersüßen Mund erklingen ließ. Voll Be­geisterung betheiligte derselbe sich an einem Kreuz­zuge, aus dem er nicht nur reichen Waffenruhm, sondern auch eine fremde, dunkelschön: Blume mit in die Heimath brachte. Beatrix, die Nichte des Königs Balduin von Jerusalem war e», welche Otto als seine Gemahlin heimführte und der er die meisten seiner zartsinnigen Lieder gewidmet hat.

Eine schöne Sage bewahrt auch ihr Gedächtniß. Einst wandelte das edle Paar traulich um die Burg, da kam ein rauher Windstoß und entriß der Gräfin ihren Schleier, unerreichbar schnell ihn weiter tragend.

„Wo wir ihn finden, soll ein Kloster erstehen," gelobte sie, und Otto war damit einverstanden. Es wurde nun eifrig nach dem vermißten Gegen­stand gesucht, und siehe! am dritten Tage fanden ihn einige Frauen an einem blühenden Rosen­strauche, an dem er haften geblieben war. Der Graf und die Gräfin eilten hocherfreut hm und lösten sowohl den Schleier als auch dar Gelübde. Das Kloster, welches an der Stelle erbaut und mit Cistercienserinnen besetzt wurde, führte den Namen: „Unser Frauen Rod"; noch heute steht die alte Klosterkirche und bewahrt die Gebeine ihrer Stifter und Beatricens Schleier in einem Glaskasten.

Die Romantik webt ihren Zauberduft um die Trümmer der Rhönburgen, aber diese Burgen zeugen noch in ihrem Verfall von einer wirklich glänzenden Vergangenheit, von einem bedeutsam geschichtlichen Leben. Jawohl, die Rhön hat bessere Tage gesehen, ihre Scenerien waren einst erfüllt von einer buntfarbigen Staffage, wenngleich sie auch oft den Rahmen zu fizurenreichen, blutigen Schlachtstücken geben mußten. Schon Tacitu« be­richtet von einer Schlacht, welche zwei tapfere Germanenstämme, die Chatten und Hermunduren, im Jahre 58 nach Chr. um die Salzquellen der fränkischen Saale sich lieferten.

Tiefes Dunkel bedeckt jene ferne Zeit, und erst sieben Jahrhunderte später sehen wir ein Bild von schärferen Umrissen. Die gewaltige Gestalt des Glaubensapostels Bonifatius taucht in der buchonifchen Wildniß auf, um Licht und Kultur dahin zu tragen und erfolgreich.ein Werk zu vollenden, dar St. Kilian schon etwa« früher für die Rhöngegend angestrebt hatte.

Im Mittelalter waren es besonder« die an­sässigen, rauflustigen Rittergeschlechter, welche, meist

in Fehde lebend mit ihren Lehnsherren, den Bischöfen von Würzburg und Aebten von Fulda, die Bergwelt von Schwerterklirren und Kampf- geschrei widerhallen ließen. Doch auch geistige Kämpfe sollten der Rhön nicht erspart bleiben, al« die Sturmflut der Reformation ihre Wogen und Wellen über sie hinbranden ließ. Furcht­bar blutige Dramen spielte dann der Bauernkrieg ab und auch der dreißigjährige Krieg verpflanzte seine Schrecken bis mitten in die tiefste Berg- wildniß, wo die Schweden sich als sicheren Schlupf­winkel eine Schanze erbaut hatten, deren Spuren noch heute dort erkennbar sind.

So ist da« Rhöngebirge in der Vergangenheit von mannigfachen Kulturwandlungen berührt wor­den, aber wir hoffen, daß auch die Zukunft es bald zu neuem Leben erwecken werde. Eifrige Kräfte wirken ja für fein Wohl, und wenn erst die Eisenschienen mit ihrem Netz das interessante Gebirgsland durchziehen, battet wird es, wie das erwachte Dorn­röschen, auch voll und ganz der Gegen­wart gehören — sich selber zum fröh­lichen Gedeihen, seinen Besuchern zur Lust und Freude.

Vermischtes.

* Am 16. v. M. fand bei den in ihre alte Heimstätte zurückgekehrten Benediktinern zu Beuron in Hohen- zollern die erste Profeß-Ablegung statt. Zwei Chor- Novizen und drei Laienbrüder opferten sich Gott durch die ewigen Bande der Ordensgelübde. Das Ereigniß er­regte auch in weiteren Kreisen Aufmerksamkeit, da der eine der beiden Chornovizen, Se. Durchlaucht Edmund Prinz Radziwill, allgemein bekannt ist. Die Feier hatte außer den Verwandten des Prinzen auch viele Andächtige aus der Umgegend angezogen; war es ja seit 12 Jahren wiederum die erste Gelübde-Ablegung, welcher das gläubige Volk beizuwohnen Gelegenheit hatte. Nachdem der Novize im Kapitelsaale, wo ihm vor versammelten Convente die weltlichen und die klösterlichen Kleider zur Wahl vorge­legt wurden, sich für die letzteren entschieden hatte, ge­leiteten ihn die Mönche in Prozession zur Kirche. Das Kreuz zieht voran, der Novize schreitet unmittelbar hinter demselben. Der Abt in Pontifikalgewändern mit seiner zahlreichen liturgischen Assistenz von Leviten und Kaplänen beschließt den Zug. Man singt den Psalm 125: „In con- vertendo“: „Als der Herr die Gefangenschaft Sions wandte, da wurden wir voll des Trostes". Bei der Opfe­rung, während des Hochamtes nahm der Hochw. Herr Erzabt die Gelübde der fünf auserwählten Seelen ent­gegen. Vor dem Altäre stehend, las ein jeder von ihnen seine Gelöbniffe von der Profeßurkunde laut und feierlich ab, unterzeichnete sodann dieses sein Dokument auf dem Altäre mit seinem Namen und zeigte es allen im Chore Anwesenden zur Beglaubigung, worauf er es zu den Opfergaben des Altares legte. Die Neoprofessen sangen sodann, wiederum an den Stufen des Altars stehend, mit ausgebreiteten Armen, den Psalmsvers: „Sascipe me Domino“: „Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Ver­heißung und ich werde leben"; und niederknieend, tiefge­beugt: „Und laß mich nicht zu schänden werden in meiner Erwartung." Sie erhielten zum Zeichen dieser Aufnahme von feiten Gottes und gleichsam als ein Unterpfand des­selben das gesegnete Profeßkleid (das lange Skapulier und den weiten, schwarzen Chormantel) und wurden vomAbte, wie von den Mitgliedern der klösterlichen Gemeinde mit Umarmung und Bruderkuß begrüßt. Nun stiegen die Neo­professen in das für sie im Chore bereitete mystische Grab; die Scheideglocke läutete; zwei gelbe Wachskerzen brannten zu Häupten und zu Füßen. Das Hochamt wurde fortgesetzt. Nach der Kommunion des Zelebranten, ver­ließen sie, durch den Ruf des Diakons geweckt, ihr Grab und empfingen das Brod des Lebens zur Stärkung auf ihrer Wanderschaft durch das Ordensleben. Möge das Beispiel des erlauchten Prinzen, der alles, was die Welt ihm bis jetzt Glänzendes geboten, Adel, Reichthum, Ehre, Amt und Stellung und kirchliche Wü-den von sich ge- wiesen, zur Erbauung gereichen für weite Kreise!

Ichwarzseid. Mantelstoffe, Pelzbe­züge 2C. Ö. Mk. 3-65 bis 31.60 (ca. 60 versch. genres) — Damaste, Moscovite, Perle, leloutine, Sicilienne etc. — oerf. meterweise zollfrei ins Hau? bas Skidmfabcik-Lepöt Gr. Hennebgrg (Ä. u. Ä. Hofli-f.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Pf. Porto. [1910