Freitag, den 4. November.
ZL 252.
1887
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Die Fuldaer, Zeitung" erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenbrilage »Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. 70 Pf-, auswärts 1 M. 75 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin, 3. November.
♦ Der .Reichsanzeiger' veröffentlicht folgende- amtliche Bulletin: Das Befinden Sr. Maj. de» Kaisers und Königs gestattete, daß Allerhöchst- dieselben heute um 1 Uhr das Bett verlaffen und den Vortrag des Chefs des Militärkabinets entgegennehmen konnten.
• Die ,Voff. Ztg.' erhält folgendes Telegramm aus New-York: „Dem ,N.-Y. Herald' zufolge sandten die amerikanischen Anarchisten mit der letzten Post nach Deutschland mehrere Tausend Exemplare eines in deutscher Sprache gedruckten von Most unterzeichneten Rundschreiben», worin die deutschen Soldaten aufgefordert werden, fich zu empören, fall» ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbricht. Dieses Rundschreiben solle unter die Truppen des stehenden Heeres wie unter die Mannschaften der Landwehr vertheilt werden.
* Das Ministerium für Landwirthfchaft, Domänen und Forsten hat die königlichen Regierungen angewiesen, behufs Ausführung des Gesetze» betr. die Unfall- und Krankenverstcherung der land- und forstwirthschaftlichen Arbeiter schon jetzt für diejenigen Gemeinden, Kreise und Regierungsbezirke, in welchen Betriebe auf fiskalischen Grundstücken vorhanden sind, Verzeichnisse aufzu- stellen, aus welchen ersichtlich ist, zu welcher Kategorie jeder einzelne Betrieb gehört. Es soll folgenden Kategorien unterschieden werden: 1) Betriebe, welche nicht für Rechnung de» Staates, sondern dritter Personen erfolgen, seien letztere Pächter oder Nießbraucher, 2) dauernde Staatsbetriebe und 3) vorübergehende Staatsbetriebe. Die erste Kategorie gehört zu den Berufsgenoffen- fchaften, ebenso die dritte, während die zweite der Staatsversicherung unterliegt. Gleichzeitig wird der Entwurf eines Normal-Statuts für land- und forstwirthschaftliche Berufsgenoffenschaften, welche nach dem preußischen Ausführungsgesetz vom 20. Mai 1887 gebildet werden, veröffentlicht.
* München, 29. Okt. Gegen das Geheimmittel-Unwesen hier hatte sich dieser Tage der unter dem Vorsitze des Ober - MedizinalratheS Dr. v. Kerfchensteiner tagende erweiterte Ober« Medizinalausschuß für das Königreich Bayern mit der Frage der Bekämpfung des Gsheimmittel-Un-
Pt letzten AlmWmr.
12. Fortsetzung.
In ziemlich vorgeschrittener Vormittagsstunde erst sah Lisbeth den Vater vom Walde her auf das Haus zugeschritten kommen und, einer alten, liebgewordenen Gewohnheit folgend, deren Innehaltung den Förster jedesmal von Neuem mit aufrichtiger Freude erfüllte, eilte sie ihm auch heute ein Dutzend Schritte entgegen. Aber sie blieb erschrocken stehen, als sie die heftige Erregung im Antlitz ihres Vaters bemerkte, und als er, statt sie, wie sonst, in seine Arme zu schließen, und sie mit einem Kuß auf die Stirn zu begrüßen, nur eine abwehrende Handbewegung machte und sie stumm bedeutete, sich in das Haus zurückzubegeben.
„Aber um des Himmelswillen, lieber Vater, was ist denn geschehen?" fragte sie erschrocken. „Er ist Dir doch nichts zugestoßen? Du bist doch nicht krank?"
Hagemeister schüttelte den Kopf, aber er gab ihr keine Antwort, bi» sie in dem freundlich eingerichteten Wohnzimmer des Förstechauses standen. Da nahm er feine Doppelbüchse von der Schulter, zog halb mechanisch, wie er es stets gleich nach seiner Heimkehr that, die Ladung au» den Läufen und
wesen» zu befasien — eine Frage, welche zur Zeit die Regierungen beschäftigt. Die Berathung erfolgte im Anschluß an die vom Ministerium for- mulirten Fragen, nämlich: 1) Ob und inwiefern sich in Bezug auf den Handel mit Geheimmitteln seither Unzuträglichkeiten fühlbar gemacht haben und das Bedürfniß einer Abhilfe hervorgetreten ist; 2) welche Maßregeln zur Bekämpfung dieser Mißstände in Aussicht zu nehmen sein möchten? Die erste Frage wurde vom Ober - Medizinalausschuß einstimmig und entschieden bejaht. Bei der Frage der zu ergreifenden Maßregeln einigte sich der Ober-Medizinal-Ausschuß nach längerer Debatte in folgenden Vorschlägen: 1) In Anbetracht der zur Zeit bestchenden Unthunlichkeit eines allgemeinen Geheimmittel-Verbotes erscheint das generelle Verbot der Ankündigung und Anpreisung von sogenannten Geheimmitteln, auch wenn bereit Zusammensetzung bekannt gegeben ist, als wirksamste Maßregel gegen das Geheimmittel-Un- wesen nothwendig. 2) Geheimmittel sollen nur in Apotheken feilgehalten werden. Um aber das Emporblühen und Ueberwuchern de» Geheimmittel- Unwesens in den Apotheken zu verhindern, ist es nöthig, unzweideutige Bestimmungen zu erlasien, welche den Geheimmittelverkehr in Apotheken regeln und in Schranken halten; insbesondere wäre den Apothekern zu verbieten, im Handverkauf jene Geheimmittel adzugeben, welche nach ihrer Zusammensetzung unter die Tabula B. und 0. der Phar- macopoea Germanica fallen. 3) Eine Bestimmung ist nothwendig, welche gewährleistet, daß der Großhandel mit Geheimmitteln nur in solchen Bahnen sich bewege, welche mit der Konzentrirung des Geheimmittelhandels in den Apotheken im Einklang stehen. 4) Regelmäßige amtliche Untersuchungen von im Verkehr befindlichen Geheimmitteln, sowie die zeitweise Veröffentlichung des Untersuchungs-Ergebniffes sind zu empfehlen.
Ausland.
* Brüssel, 3. Nov. Eingelaufenen Nachrichten zufolge legten in ProduitS sou» Seitu 584, in Quaregnon 470 Grubenarbeiter die Arbeit nieder; sie verlangen eine Lohnerhöhung.
• In die Gerüchte über ein Attentat auf den Fürsten Ferdinand von Bulgarien bezw. über Attentatspläne kommt jetzt einige Klarheit. Das in Varna verhaftete Individuum ist al»
stellte die Waffe in den Gewehrschrank. Noch immer hatte er kein Wort gesprochen und Lisbeth war mit steigender Angst jeder seiner Bewegungen gefolgt. Ihr Herz klopfte zum Zersp ringen und der Förster fühlte, wie heftig ihre Glieder zitterten, als er sie jetzt sanft an der Hand nahm und sie zum Sopha führte.
„Sei gefaßt, mein liebes Kind," sagte er, seine eigene Erregung sichtlich nur mit gewaltiger Anstrengung bemeisternd. „Es ist etwas sehr Trauriges geschehen, das Dich tief betrüben und wahrscheinlich eine sehr große Veränderung in unferm Leben herbeisühren wird. Wir haben einen wackeren und gütigen Beschützer verloren — der Oberst von Gravenstein ist nicht mehr am Leben."
Starr und bewegungslos, wie betäubt von der Wucht des schweren und unerwarteten Shlages, saß Lisbeth an seiner Seite. Ihr liebreizendes Gesichtchen war totenbleich geworden uns ihr Äthern ging rasch und beklommen, als der Förster nun erzählte, auf eine wie entsetzliche Werse der Oberst fast w ter seinen Augen der teuflrschen Hinterlist eines feigen Mordbuben erlegen sei.
„O mein Gott," brachte sie endlich mühsam hervor, „und Georg — Georg ist heute angekommen I Wie furchtbar muß ihn dieser Schlag treffen!"
irrsinnig erkannt worden. Me Angaben über eine Höllenmaschine und dergl. stellen sich als erfunden heraus.
'Paris, 2. Nov. Wilson hat an den Finanzminister zur Ersetzung de» unterschlagenen Porto's 40,000 Fr. gesandt. Damit ist die Sache jedoch schwerlich erledigt. Da» Blatt .Pari»', da» unter den Angreifern Wilson'» in erster Linie steht, kommt auf die Porto-Angelegenheit zurück und behauptet, daß die al» Entschädigung gesandten 40,000 Fr. ganz unzureichend seien. Nach den Gesetzen vom 24. April 1848 und 27. Prai- rial des Jahres IX werde „jede einzelne Zuwiderhandlung mit Geldstrafe von 150—300 fr belegt" und e» dürfe „in keinem Falle und unter keinem Vorwande diese Geldstrafe erlasien oder herabgesetzt werden." Hiernach stellt nun das genannte Blatt folgende, allerdings vom juristischen Standpunkte etwa» naive Berechnung an: Wilson hat zugestanden, sechs Jahre lang täglich 100 Briefe unter dem Präsidentschaftsstempel abgeschickt zu-haben. Sechs Jahre sind aber gleich 2190 Tage, was mit der Zahl der Briefe (100 für jeden Tag) multiplizirt 219,000 Briefe er- gibt. Berechnet man nun für jeden dieser Briefe die geringste Strafe von 150 Fr., so ergäbe das eine Gesammtstrafsumme von 32,850,000 Fr.! Das wäre allerdings etwas mehr als 40,000 Fr.
• San Remo, 3. Nov. Der Kronprinz von Deutschland ist heute Abend 7 Uhr hier eingetroffen.
* Der Prozeß gegen 8 der wegen Ermordung einer Anzahl von Polizisten auf dem Hmmarkt in Chicago durch Werfen einer Dynamit-Bombe angeklagten Anarchist en hat l'/z Jahre gedauert. Die That fand Anfang» Mai 1886 statt und da» Urtheil de» Schwurgerichts wurde nach mehrmonatlichen Verhandlungen am 20. August 1886 gesprochen. Sieben der Angeklagten: August Spie», Michael Schwab, Samuel Fielden, Albert R. Parsons, AdolphFischer, GeorgEngel und Louis Ling wurden zum Tode, und der achte, Oskar W. Ne ebe, zu 14 Jahren Zuchthaus ver- urtheilt. Die Urtheile wurden am 9. Oktober gefällt. Am 25. November erlangten die Anwälte der Verurtheilten einen Strafaufschub für ihre Klienten, um an die Supreme Court des Staates um Gewährung eine» neuen Prozeßverfahrens apprlliren zu können. Die diesbezüglichen Verhandlungen fanden in Ottawa statt, dauerten ebenfall»
Bewundert blickte der Förster auf fein Kind.
„Ja, freilich ist er angekommen, aber woher konntest Du das wisien?"
Lisbeths eben noch so blasse Wangen färbten sich mit einer dunklen Röthe. Aber sie sagte trotzdem nicht die Unwahrheit.
„Er ging hier vorüber, al» ich im Garten beschäftigt war, und wir haben uns gesprochen. Ein Telegramm seines Vater» hatte ihn gerufen V*
„So ist es! Er sollte eine wichtige Mittheilung empfangen, und nun sah er den Oberst nur al» Leiche wieder 1 — Ein fürchterlicher Zufall wollte, daß er uns im Walde begegnete, als wir mit der entseeltenHülle des Barons unfern traurigen Weg nach dem Schlöffe angetreten hafien. Sein Schmerz war ein grenzenloser und wir Alle weinten bei seinem Jammer wie die Kinder."
Auch Lisbeth verbarg ihr Gesicht in den Händen und hielt ihre Thränen nicht länger zurück. Aber dieselben galten viel weniger dem Oberst, den sie zwar stets aufrichtig geschätzt hatte, vor d ssen strengem und ernstem Wesen sie aber doch immer eine gewisse Scheu empfunden, als dem Geliebten, der bei seiner Heimkehr so grausam enttäuscht worden war und dessen innige und hingehende Liebe für den Vater sie gut genug kannt-.