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1887
Montag, den 31. Ottober.
Iilhet K Zeitung.
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Zweites Blatt.
Allerseelen!*)
1 Allerseelen! Blätter fallen, Tanzen auf des Windes Schwingen, Wirbelnd ihre Todtentänze;
Wolken ziehen, Nebel wallen, Blumen-, Strahlen-, Liederkränze Welken, bleichen und verklingen.
Allerseelen! grambefangen, Kinderlos, in Wittwentrauer, Weint Natur am weiten Grabe: Alle sind sie hingegangen, Jugend, Schönheit, Glanz und Habe, Alles birgt die Kirchhofsmauer.
Allerseelen! Thränen stehen Auf den kummerbleichen Wangen; Herzen bluten, die verlassen In der Sehnsucht Qual vergehen. Die es klagend nimmer fasten. Daß der schöne Traum vergangen.
Lust und Liebe, reiches Leben, Schimmernd früh in der Juwelen, Der Rubinen Thaugeschmeide, Ach! von Schatten bald umgeben, Farblos, öd', im Sterbekleide Wallt ihr hin, gen Allerseelen! —
Allerseelen! aus der dunklen Tiefe tausend Sterne glänzen; Lange Pilgerzüge wallen Betend bei der Kerzen Funkeln: Leben herrscht in Todeshallen, Gräber sieht man nicht vor Kränzen.
Allerseelen! in den Sphären Heben Wonnenmelodien Wunderlieblich an zu klingen; Schon versiegt der Quell der Zähren; Sel'g« licht auf Engelsschwingen Durch die goldnen Pforten ziehen.
Allerseelen! strahlend schweben Die Verklärten aus der Flamme Zu dem Thron im ew'gen Lichte, Zu dem wandellosen Leben;
Mit verhülltem Angesichte Knien sie vor dem Gotteslamme.
Die wir hier im Dämmer gehen, Wird der grüne Rasen hehlen Ach! wer weiß! in kurzen Stunden . . . Frühling singt und auferstehen, Von der Hoffnung hold umwunden, Das Gebet auf Allerseelen.
Leo von Heemstede.
*) Nachdruck verboten.
Wk
9. Fortsetzung.
Er hatte über dem Zasainmentrcffen mit dem Oberst für eine kurze Zeit den eigentlichen Zweck seines Streifzugs ganz vergessen, und er fuhr heftig empor, als er plötzlich ganz in seiner Nähe einen Schuß fallen hörte. Da keiner seiner Gehilfen unterwegs war und da auch der Oberst kein Gewehr getragen hatte, so konnte kein Anderer als der lange gesuchte Wilddieb diesen Schuß abgegeben haben, und ohne Besinnen drang der Förster durch Unterholz und Gesträuch vorwärts, um den Frevler, der keine hundert Schritte von ihm entfernt sein konnte, womöglich noch zu erwischen.
Da war es ihm, als vernähme er plötzlich dicht an seiner Seile einen dumpfen, ächzenden Laut gleich einem Stöhnen aus menschlicher Brust. Ec blieb steh.n und horchte mit verdoppelter Aufmerksamkeit. Aber der seltsame, unheimliche Ton war verstummt und wiederholte sich nicht. Nichtsdestoweniger durfte der Förster al» ein gewifferhaftcr Mann jetzt nicht weiter gehen, ehe er sich davon überzeugt hatte, ob nicht vielleicht dennoch irgend ein Unglücklicher seiner Hilfe bedürfe. Ec arbeitete sich durch das Buschwerk das ihm Weg und Aussicht versperrte, und mit einem Aufschrei des Ent
setzens blieb er für einen Augenblick wie angewurzelt stehen, al» er auf dem schmalen Waldwege die regungslos ausgestreckte Gestalt eines Manne» gewahrte, in welchem er auf den ersten Blick den Oberst von Gravenstein erkannte. Doch er war durchaus richt der Mann, in der Bestürzung den Kopf zu verlieren, und er hatte das erste, lähmende Entsetzen rasch genug von sich ab- geschnüttelt.
Er kniete an der Seite des Barons nieder, der auf das Gesicht gefallen war und desien Finger sich krampfhaft in den weichen Sandboden ein- gegraben hatten, und als fein Zuruf ohne eine Erwiderung blieb, machte er den Versuch, seinen Kopf nach oben zu ^kehren. Schon die Schlaffheit des Körpers erfüllte ihn mit banger Beforgniß, und als er jetzt in da» todtenbleiche Antlitz mit den weit geöffneten, verglasten Augen schaute, als er dicht über der Nasenwurzel, in der Stirn des Gefallenen ein kleines, beinahe kreisrundes Loch bemerkte, aus welchem nur wenige Tropfen Blut geflossen zu fein schienen, da hatte er die fürchterliche Gewißheit erhalten, daß das Rittergut Gravenstein in dieser Stunde seinen Herrn verloren habe.
Daß an eine Hilfeleistung oder an irgend welche Wiederbelebungsversuche hier nicht zu denken sei, wußte er nur zu gut ; denn die Büchsenkugel, die wohl au» sehr großer Nähe abgefeuert war, mußte den Tod des unglücklichen Mannes ohne Zweifel fast auf der Stelle herbeigeführt haben. Freilich war dem Förster blitzschnell der Gedanke durch den Sinn gefahren, daß hier ein Selbstmord vorliegen könnte, eine Annahme, zu welcher das verstörte Aussehen und das veränderte Wesen des Oberst Grund genug abgeben konnte, aber Hagemeister wies diese Vermuthung doch gleich darauf als eine Tollheit wieder zurück, da eine solche Handlung feiger Verzweiflung mit dem Charakter des Oberst sehr wenig in Uebereinstimmung ge- wesen wäre und auch überdies nirgends eine Waffe zu erblicken war, mit deren Hilfe er die That hätte vollführen können.
So blieb also keine andere Möglichkeit, als daß hier ein Verbrechen verübt worden sei, ein fluchwürdiges, schändliches Verbrechen, ein elender, heimtückischer Meuchelmord. Zwar wäre die nächstliegende Annahme gewesen, daß der Baron den Wilderer erwischt, und daß dieser in der Verzweiflung den Tod bringende« Büchsenlauf gegen ihn erhoben hätte! aber dann wäre sicherlich ein lauter Wortwechsel vorau« gegangen, von welchem der ganz in der Nähe befindliche Förster noth- wendig etwas gehört haben mußte. Auch wären auf dem weichen Boden die Spuren der Begegnung ohne Zweifel noch wahrzunehmen gc- wesen. Der Schuß waw also, wie sich fast mit Bestimmtheit behaupten ließ, aus dem Hinterhalt und nach bedächtigstem Zielen abgegeben worden; — aber hatte er denn auch wirklich dem Oberst gegolten? — War die Kugel nicht vielleicht ihm selbst, dem Förster, bestimmt gewesen, und war der Baron in dem unsicheren Dämmerlicht des Morgens etwa da» Opfer eine» verhängnißvollen Jrrthum« des Mörders geworden?
Alle diese Erwägungen jagten sich blitzschnell in HagemeisterS Kopf, während er nach dem Puls und nach dem Herzen des Leblos-n griff, um sich die volle Ueberzeugung zu verschaffen, daß in beid.n keine Bewegung mehr wahrzunehmen war. Dann sprang er auf und warf die Büchse, welche er neben sich auf btn Boden gelegt hatte, wieder über die Schulter. Es galt jetzt zunächst, auf dem Schlöffe von dem Vorgefallenen Nachricht zu geben und für die Ueberführung des Tobten Sorge zu tragen. Am liebsten zwar hätte sich der Förster
auf der Stelle an die Verfolgung de» Mörder- gemacht; aber die Pietät gegen den Verstorbenen verbot ihm da» ganz entschieden, und außerdem wäre für ihn, den Einzelnen, wohl nur wenig Aussicht auf die Ergreifung de» längst Geflüchteten, der nun schon einen gewaltigen Vorsprung haben mußte, gewesen. Aber er wollte jedenfalls keine Minute ungenützt verlieren, und so eilte er denn ohne sich viel um Steg und Pfad zu kümmern, auf dem kürzesten Wege quer durch den Wald in der Richtung nach dem Schlöffe zu. Al» er die breite Fahrstraße überschritt, welche den Forst durchschnitt, kamen ihm zwei Holzfäller mit den Aexten auf der Schulter entgegen und zogen höflich ihre Mützen. Aber er stürmte an ihnen vorbei, ohne ihren Gruß zu erwidern, und kopfschüttelnd sagte der eine der beiden Männer zu seinem Gefährten:
„Was muß doch dem Förster pasfirt sein? Er war ja ganz aschgrau im Gesicht, und wenn man den Mann nicht kennen würde, könnte man meinen, er habe ein böses Gewissen!"
Der Weg bi» zum Schlosse war ziemlich weit; aber der Förster brauchte ihn nicht ganz zurückzulegen. Auf einer der Wiesen am Rande de» Forstes arbeitete eine ganze Anzahl von Tagelöhnern, und als er diese mit fllegendem Athem und kurzen Worten von dem entsetzlichen Vor- kommniß verständigt, war rasch au» Stangen und Brettern eine» auf der Wiese haltenden Leiterwagens eine rohe Tragbahre zusammengebunden, mit welcher ein halbes Dutzend der Tagelöhner dem auf dem nämlichen Wege in den Wald zurückkehrenden Förster folgte.
Dir Andern hatte er ausgeschickt, um den Forst in allen Richtungen nach dem Mörder zu durchstreifen. Er versprach sich zwar von diesen Nachforschungen der ungeschickten Leute sehr wenig, aber es schien ihm eine unabweisliche Pflicht, kein Mittel unversucht zu lassen, da» eine, wenn auch noch so schwache Aussicht auf eine Ergreifung de» Schuldigen darbot.
Man fand den Körper de» meuchlings Ermordeten noch in der nämlichen Lage vor; aber die Leichenstarre war inzwischen eingetreten, und man hatte Mühe, seine rechte, fast in das Erdreich eingegrabene Hand ohne Anwendung gar zu brutaler Gewaltmittel zu lösen.
Endlich aber hatte man ihn doch auf die noth- dürftig hergestellte Bahre gelegt, mit einem Tuche bedeckt und der traurige Zug setzte sich langsam nach dem Schlosse in Bewegung.
^Fortsetzung im ersten Blatte.)
Vermischtes.
* [Saftige Inserate.) Wie man durch unvorsichtigen Ausdruck sich bösem Verdacht aussetzen kann, zeigt Josef Reiland, der durch Zeitungsannonce „seine in der Königlichen Strafanstalt Kaiserslautern selbstverfertigten Knaben- und Mädchenstiefeln" empfiehlt. — Rach dem »Leerer Anzeigeblatt' „beginnt der Fang der Caviar- Fabrikanten erst Ende Mai." Wahrscheinlich wird der Fang der Caviar-Fabrikanten von den Stören betrieben. — In der „Harke" wird angezeigt: „Ich habe zu Michaelis meine obere Etage zu vermiethen. A. Gungel." Früher sprach man nur vom Oberstübchen, aber jetzt ist Alles vornehmer geworden. — Die .Mülheimer Zeitung' schreibt über das Wetter vom 23. Mai: „In Strömen kam der Regens holder Segen von dem ewigen Blau herab. Wehe dem, der keinen Schirm bei sich und einen langen Weg zu machen hatte, der ist durchnäßt worden bis auf des Pudels Kern." Die Hitze scheint dort sehr arg gewesen zu sein. — „Ich beabsichtige den Schafmist, welcher vorn ganzen Herbst lagert, aus der Hand zu verkaufen. Friedrich Tilge, Bülten 8." (Braunschweiger Anzeiger.) — Aus der,Jenaer Zeitung': „Ein fast neuer, wenig gebrauchter sehr schöner Stutzflügel aus der Fabrik des Hoflieferanten Duysen in Berlin ist kränklichkeitshalber um den halben Werth zu verkaufen." Wahrscheinlich hat der Stutzflügel arge Saitenschmerzen.