JK 249. Montag, dm 31. Oktober. 1887
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Erstes Blatt.
3^ Die nächste Nummer ds. Bl. erscheint am Mittwoch, de« 2. November.
+ Am Allerseelentag.
Der Himmel ist verschleiert; das goldene Antlitz der Sonne verbirgt sich hinter grauen Wolken; rauhe Stürme wehen über die kahlen Fluren, und der Wind treibt sein loses Spiel mit den gelben Blättern und dem knisternden Laube. Die ganze Natur predigt die Wandelbarkeit und Hinfälligkeit alle» Irdischen'; an die wogenden Kornfelder erinnern nur noch dürre Stoppeln, da» saftige Grün hat sich in fahle» Grau verwandelt, und tiefe Wehmut zieht, uns ernst und feierlich stimmend, in unser Herz ein.
Wir betreten den Gottesacker, und heiliger Schauer durchrieselt uns. Wer wäre so stumpf und gefühllos, daß er auf diese Stätte gleichgiltig seinen Fuß setzte, wo die Saat für die Ewigkeit ausgestreut ist, wo die verweslichen Reste unserer Eltern, Verwandten und Freunde der Auferstehung harren, und wo auch wir über kurz oder lang zur letzten Ruhe gebettet werden! Welche Erinnerungen weckt der Gedächtnißtag der Tobten in unserer Brust, Erinnerungen voll des tiefen Schmerze», aber auch der tröstlichen Hoffnung, denn ohne diese Hoffnung aus ein dereinstige» Wiedersehen, auf ein Fortleben der Seele nach dem Tode, wäre das Leben halt- und zwecklos, und der Selbstmord die höchste Weisheit.
Wir schmücken die Erde, die unser Liebste» in chrem weiten Schooße birgt, wie e« auch schon in grauen Vorzeiten die Völker ahnungslos gethan, die vom Christenthum und seiner trostreichen Lehre keine Ahnung hatten. Um da» schlichte hölzerne Kreuzchen mit der verwitterten Inschrift um die stolze Marmorsäule mit den goldenen Buchstaben schlingt sich heute der Epheu, winden sich Kränze und Blumen, und aus den dunklen Gräbern sproffen Vergißmeinnicht und zartrothe Theerofen, die Blumen der Liebe, das Symbol, welches die kalten, stillen Herzen, die dort unten in schweigender Gruft ruhen, mit den Heißklopfenden Herzen, die über den Gräbern trauern, verbindet. Nackt, wie der Mensch die Welt betreten, verläßt er sie auch. Und dabei hilft kein Ansehen der Person. Hohe und Niedrige, der Fürst wie der Bettler, der mächtigste Staatsmann, wie der ehrsame Unterthan, der nie ein Wort zur Politik hat sagen können, ihnen allen bleibt am Schluß der irdischen Laufbahn dasselbe; sechs kleine Bretter und die kühle Erde. Und die Seele vollends erhält keinen anderen Richter, mag sie hienieden einen mit Purpur oder mit Lumpen bedeckten Körper bewohnt haben. Das sind tröstende Gedanken, Lichtblicke, die niederfallen in die trübe, dunkle Zeit de» Kämpfens und Ringens hienieden.
Das Menschenleben ist wie ein Gras, sagt der königliche Psalmensänger; es blüht des Morgens und wird des Abends adgehauen, und man kennt seine Stätte nicht mehr. Aber auch der andere Dichter hat Recht der da sagt: Die Stätte, die ttn guter Mensch betrat, sie bleibt geweiht für alle Zeiten. Da» Leben rauscht und wogt unaufhaltsam wester, kein Platz bleibt unbesetzt und leer; der Tobte ruht noch nicht in der Erde, und Hunderte drängen sich schon heran, die Stelle einzunehmen, auf der er gestanden. Menschen gehen und kommen in rastlosem Wechsel, ihre Thaten aber bleiben und mit den Thaten die Namen. Es gibt aber noch einen anderen Platz, wo die Tobten lebendig bleiben, und der heißt *
das Herz, das kleine Menschenherz mit seiner unendlich großen Liebe. Könnte eine Mutter jemals ihre» Kindes vergeffen, und wo gäbe es einen Sohn oder eine Tochter, in deren Herzen do» Bild der liebenden Mutter, des treusorgenden Vaters aurgelöschr werden könnte? Nicht blos in der Geschichte, auch in den Herzen gibt es einen Platz, von welchem die Todten nicht verdrängt werden können, wo sie leben bleiben, und wenn jener der größere ist, so ist dieser der schönere; jener gleicht einer festgemauerten Gruft mit vergoldetem Gitter und prunkendem Marmorstein, dieser einem Rasenhügel, berankt von Immergrün, umblüht von Rosen und beschattet von Trauerweiden, Cypreffen und Gebern.
Nicht minder groß, wie das Buch der Weltgeschichte, ist das kleine Menschenherz, das seine all- umfaffende Liebe auf der Leiter der Gebete hinabsteigen läßt in den Läuterungsofen des Fegfeuers und hinauf in die Glorie des Himmels. Das Gebet an den Gräbern ist die unsichtbare Gnadenkette zwischen Endlichem und Unendlichem, zwischen Irdischem und Ewigem, zwischen den Lebenden und den Abgestorbenen, zwischen den Geschöpfen und dem Schöpfer. Wie die Lichter, welche die stummen Grabhügel schmücken, gen Himmel züngeln, so steigen die Gebete für die armen Seelen gleich lebendigen Liebesflammen hinauf zum Throne des Richters. Mag der stolzgeblähte Mensch in frevelhaftem Dünkel das Wiedersehen im Jenseits einen leeren Schall nennen, — es ist doch wunderbar, wie dieser „leere Schall" so mächtig und tief selbst aus den Ueberlieferungen der alten heidnischen Völker herausklingt! Das Wiedersehen im Jenseits, ein ewiges Zusammenleben in Gott und bei Gott, ist dem Christen ein felsenfester Glaube, und dieser Glaube ist da» Fundament der ganzen sittlichen Weltordnung, das Fundament, auf welchem die Staaten und die Throne, die Familie und der Zweck des Einzeldaseins aufgebaut ist. Wir erwarten nicht, wie die heidnischen Völker im Jenseits, die Fortsetzung irdischer Freuden und Genüsse, wir erwarten das Schauen der ewigen Wahrheit, das Schauen Gottes. Und durch diesen Glauben und in dieser Erwartung hat der Tod für uns seine Schrecken verloren, ist er uns der letzte Tribut, welchen wir dem Irdischen zu zollen haben, ist er eine Freimachung des unsterblichen Geistes, eine Rückkehr de» zeitweilig ge- feffelten Unsterblichen zu dem Anfang und Urquell de» immerdar freien Geistes, des Unvollkommenen zur göttlichen Vollkommenheit. Und jene Liebe im Herzen, emporgehoben von diesem Glauben, treten wir an die Gräber unserer lieben Tobten.
Die darinnen ruhen, waren dereinst, was wir jetzt sind, ringende, hoffende, liebende und vielleicht auch hassende Menschen; was sie jetzt find, werden wir bald sein, vermoderte Gebeine, ein grinsender Todtenkopf, ein Häuflein Asche. Wer sieht es den stummen Grabhügeln an, ob die Verstorbenen, die darunter schlummern, als armselige Bettler durch's Leben gingest, oder ob sie in stolzen Karossen fuhren? Dieser nackte Schädel, der vielleicht einem Minister gehörte, vor dem Tausende sich verneinten, der vielleicht auch die Weisheit eine» Professors in seiner Knochenschale barg und das Woher und Wohin aller Dmge zu ergrübeln suchte, — was predigt er uns? Und dieses Gebein, das sich vielleicht müde und gehetzt durch's Leben schleppte, vielleicht auch lustig und fröhlich tanzte, — was ruft e» uns zu? Daß Alle», was geboren ist, zu Staub und Asche werden muß. Hier in diesem Grabe ruht ein liebes Kind, die Freude und die Hoffnung seiner Eltern, — die heißen Thränen der Mutter benetzen den kleinen Hügel; dort ruht die Braut, deren Herz so hoff
nungsfreudig klopfte, und die der unerbittliche Tod hinwegmähte, ehe der Myrthenkranz das Lockenhaupt schmückte; hier schlummert der Vater, der mitten au» seinem Schaffensdrange den Sei- nigen entrissen wurde, — welch' eine Summe von Schmerz und Weh bergen diese Hügel! Aber sollen die Lieben für immer verloren sein? Wer dar zu behaupten wagt, drückt die Menschenwürde auf die Thierstufe herab. Tausend Blumen schmücken den Friedhof, tausend Lichter erhellen das Dunkel, — Glaube, Hoffnung und Liebe sind hier auf’» Innigste vereinigt; hier reichen sich Erde und Himmel die Hände, hier ist der herbe Schmerz verklärt durch frohe Zuversicht, hier werden die Thränen und Gebete von Engeln gesammelt und als köstliche Zier hinaufgetragen zu den Wohnungen der Seligen.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Oktober.
• Ein nationalliberales Blatt hat dieser Tage den Verbuch gemacht, den „edleren" Theil des Centrums zum Eintritt ins Lager der „Regierungsparteien" einzuladen. Der Wolf im Schafskleide ist leider nur zu bekannt. Wenn man auf gegnerischer Seite den konfessionellen Frieden will, wir sind die ersten, die das freudig begrüßen. Fange man nur damit an; wir können in der Sache nichts thun, denn wir haben immer Frieden gehalten. Mögen die Hetzpastoren, die Herren vom „Eoangelifchen Bunde" und ihre Gesinnungsgenossen im konservativen und liberalen Lager anfangen. Frieden zu halten, so wird er sein. Aber uns Mahnungen ertheilen zu wollen, uns auf die Friedensworte von Papst und Bischöfen Hinweisen zu wollen, da» finden wir, milbe_au4- gedrückt, anmaßend. Gegen andere Konfesfionen Hetzen wir nicht, und wenn wir darauf bestehen, daß bei. Kirche ihre Rechte unb Freiheiten zurückgegeben werben, so handeln wir damit nach den Worten unserer geistlichen Oberen und dienen dem Frieden. Erfüllt die Regierung hier, was man von ihr zu erwarten berechtigt ist, so find wir dem vollen Frieden um einen großen Schritt näher gekommen. Neuerdings soll der hl. Vater für die nächsten Wochen schon einen bedeutsamen Schritt der Regierung in Sachen der Anzeigepflicht in Aussicht gestellt haben. Auch von hoher kirchlicher Seite in Deutschland ist dieser Tage an den Klerus die Mahnung ergangen, Vertrauen zur Regierung zu haben, da in Sachen der Anzeige nichts geschehen werde, was der Freiheit der Ktrche gefährlich sein könnte. Diese Nachrichten kann man nur mit hoher Freude begrüßen. Wenn sich in letzter Zeit die Staatskatholiken wieder ganz auffallend in den Vordergrund drängen, so darf man die Herren wohl daran erinnern, daß da» erreichte und etwa noch zu erreichende Gute ihnen nicht im allermindesten zu verdanken sei, daß wir es vielmehr gegen ihren Willen erreichten, und sie alles gethan haben, was in ihrer Macht stand, um diese Wendung der ~inge zu verhindern. Meinen die Herren etwa, das katholische Volk habe das bereits vergessen oder sei geneigt, nunmehr ohne weitere» darüber wegzusehen? Die Centrumspartei wird, je mehr -der Kampf um die kirchliche Freiheit gegenstandslos wird, um so mehr auf anderen Gebieten des öffentlichen Lebens beweisen können, daß sie, wie ein nationalliberales Blatt in seltener Unparteilichkeit jüngst zugestand, ihrer „ganzen Natur nach dazu geschaffen ist, eine staatserhaltende Macht darzustellen, Autoritäten zu stützen und sich an Autoritäten anzu- lehnen." Sie wird das namentlich auf sozialem Gebiete, voran in der Arbeiterfrage, beweisen;