M 248.
Sonnabend, den 29. Oktober.
1887
Jiliner W Jeilnij.
Die Fuldaer, Zeitung" erschedU täglich - Sonn- und Feiertage ausgenommen. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mrt der belletrrstlschen WochmbeÜage ,Sterne und Blumen" in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf. *
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
■H- Zur Situation in Bayern.
Nach den ersten Sitzungen der Abgeordnetenkammer im September schrieben Blätter verschiedener Parteirichtungen übereinstimmend: es weht ein andererWind in dem Hause an derPran- nerstraße zu München. Ein Vergleich der stenographischen Berichte der vorigen Landtagssession mit denen der jetzigen bestätigt nach mancher Richtung hin dieses Urtheil. Früher hitzige Kämpfe, in denen hüben und drüben gar mancher scharfe, auch wohl unkommentmäßige Hieb fiel, Rededuelle, aus denen namentlich die Regierung gar oft empfindlich schmerzende Wunden davontrug: — und jetzt ein Bestreben auf fast allen Seiten, den alten Hader ruhen zu lasien und in thunlichster Sachlichkeit und Raschheit die Geschäfte zu erledigen. Darob Staunen auf der ganzen Linie der liberalen Presie. Natürlich hatten kurzsichtige liberale Politiker und Journalisten sofort gute Lust, einen Triumphgesang anzustimmen und in dem maß- und taktvollen Auftreten der bayerischen Centrumspartei ein Symptom ihrer Schwäche und Niedergeschlagenheit zu erblicken. Vorsichtigere aber schwiegen, und dieses reservirte Schweigen machte bald unverkennbarer Besorgniß Platz, die Ruhe in den Reihen des Centrums wurde ihnen unheimlich. Diese Leute erkannten wohl, daß die Centrumspartei die durch die Regentschaft des Prinzen Luitpold geschaffene, gegenüber den früheren Zuständen wesentlich veränderte politische Situation richtig zu erfassen und zu behandeln verstand.
Reden wir deutlich: Unter König Ludwig II. war nach Lage der Sache ein Systemwechsel nicht zu erwarten, und es war für die katholische Partei geboten, mit dem Aufgebote ihrer ganzen Kraft zu verhindern, daß das in Folge der Theilnahm- losigkeit des verstorbenen Königs an der politischen Entwickelung fast unbeschränkte Ministerium Lutz seinen stets nach der liberalen Seite gravitirenden Neigungen die Zügel schießen ließ. Das konnte aber nur erreicht werden, wenn die in der Majorität befindliche patriotische Fraktion das Kabinet stets ihre Macht fühlen ließ. Als dann nach der unseligen Katastrophe in den grünen Fluthen des Starnberger See's die Zügel der Regierung
1 wieder sichtbar in den Händen eines willensmächtigen Regenten lagen, hatte die Fraktion die Pflicht, den Regenten nicht im Zweifel darüber zu lassen, daß die große Mehrheit des bayerischen Volkes von dem bisherigen System nichts wissen wollte; sie mußte wenigstens den unter König Ludwig II. aussichtslosen Versuch wagen, den Regenten für einen Systemwechsel zu insinuiren. Das war eine noch- wendige Konsequenz ihrer Grundsätze und ihrer Tradition. Legte sie in diesem Zeitpunkte, wo zum ersten Male die Hoffnung auf Erfolg an sie herantrat, die Hände in den Schooß, so begab sie sich damit auch für später in gewissem Sinne des Rechtes, offen auf die Aenderung der Verhältnisse hinzuarbeiten. Schlug der Versuch fehl, so hatte sie gethan, was sie mußte und sich für die Zukunft nichts vergeben. Ob freilich die Formen, in welchen der Versuch unternommen wurde, in allweg glücklich gewählt waren, ferner in wieweit dieselben zu dem Mißerfolg beitrugen, das sind Fragen, über welche sich streiten läßt. Genug, als der Prinzregent auf das Entlassungsgesuch des Ministeriums so unzweideutig mit dem bekannten Erlaß vom 6. Juli v.J. antwortete, wußte die Fraktion, woran sie war, sie hatte aber auch in Anbetracht dieses Faktums und im Hinblick auf die noch zu wenig bekannten Hsrrschereigenfchaften des neuen Regenten damals noch nicht die Bürgschaften, welche die großen staatsrechtlichen und konstitutionellen Bedenken gegen die vielbesprochene Verfassungsänderung unter der Regentschaft kompensiren konnten. Inzwischen hat aber das Land Gelegenheit gehabt, sich von den sympathischen Eigenschaften und den wohlwollenden Gesinnungen seines Landesvaters zu überzeugen, und als dann vor einigen Wochen dis Vorlage der Verfassungsänderung bezw. die Deklaration des § 18 der Verfassungsurkunde dem Landtage auf'S Neue vorge- legt wurde, schien kein Grund mehr für die Hauptbedenken vorhanden, und der Referent Walter konnte entgegen seinem vorigjährigen ablehnendem Votum in trefflicher Begründungbie Vorlage befürworten.
Man hat nun dem Centrum vielfach den Vorwurf gemacht, daß es früher kopflose Minister- stürzerei betrieben, jetzt aber zu Kreuz gekrochen sei, und die Wege Bucher's und Rittler's
einen Reitknecht nach der Kreisstadt geschickt hat tn.t einem Telegramm an den Herrn Rechnungs- Assessor, er möge sich dringender Umstände halber gleich nach dem Empfang hier einfinden."
„Ach, mein tugendhafter Herr Bruder soll also unverzüglich in das ihm bestimmte Reich eingeführt werden. Nun, Glück zu, seinem sanften Lärvchen wird es wohl ohne Mühe gelingen, den Alten vollständig herumzubringen. An redlichem Bemühen dazu wird er es ja sicher nicht fehlen lassen."
„Ec wird es kaum nöthig haben, Herr Baron, denn außer dem Telegramm hat der Reitknecht auch einen Brief mitgenommen, von dem ich freilich nichts weiter weiß als die Adresse, aber mir scheint, auch die wäre vielsagend genug. Ec ist nämlich an den Herrn Justizrath Botheisen, Rechtsanwalt und Notar zu B., gerichtet, und es könnte sich darin wohl leicht um eine Einladung zur Aussetzung einer neuen Testamentes handeln. Ich katkulire, daß wir morgen früh den Herrn Gerichts- affessor und übermorgen ben Herrn Justizrath hier haben. Was also geschehen soll, um Ihnen Ihre Rechte zu sichern, muß innerhalb sechsunddreißig Stunden geschehen. Eine sehr kurze Zeit, aber lang genug für einen entschlossenen Mann. Wenn ich Ihnen zu Ihrem Erbe verhelfe, werden Sie mir Ihr Wort halten, Herr Baron?"
Herbert antwortete nicht sogleich. Er war an
Die ichm^8nl»tißemkk.
8. Fortsetzung.
Als der befohlene Wagen bereits auf der Terrasse vorgefahren war, trat Martin wieder in das Ziknmer des jungen Baron« und nahm mit einem beinahe mitleidigen Lächeln den kleinen leichten Koffer auf, welchen derselbe bereit gestellt hatte.
„Es ist vernünftig, gnädiger Herr," meinte er mit einer unter gewöhnlichen Verhältnissen sicherlich sehr unangemessenen Vertraulichkeit, „daß Sie sich nicht allzu viel Gepäck mit auf die Reise nehmen wollen. Sie werden es nicht nöthig haben, denn ich denke, mein paar Tagen holen wir Sie wieder 'vom Bahnhöfe ab."
„Du bist sehr zuversichtlich, mein Bester," gab Herbert finster zurück. „Mir ist es viel eher, als wenn ich diese Räume zum letzten Male betreten hätte. Mein Vater ist wahrhaftig nicht der Mann, der sein Wort und seine Meinung umkehrt wie einen Handschuh."
„Gewiß nicht, es sieht wenigstens ganz so au», al» wenn es ihm sehr ernst um die Sache wäre. Daß er es so eilig betreiben würde, halte ich doch selbst nicht gedacht."
„Was heißt das?" fragte Herbert bestürzt. „Was hast Du ausfpionirt?"
„Nun, nichts weiter, als daß der Herr Oberst
beschritten habe. Das Ein? zeugt so wenig von Einsicht in die thatsächlichen Verhältnisse, wie das Andere. Warum das Erstere, haben wir oben dar- gethan; vor der Jdentifizirung mit der Politik jener vom .Moniteur de Rome' sogen. „Deserteure der katholischen Partei" schützt die Fraktion die Thatsache, daß sie dem Ministerium fremd und kühl bi» ans Herz hinan, wie früher, gegenüber steht, während Bucher und Rittler ministerfreundlich sind. Daß die Partei ihren Prinzipien in keiner Weife zu vergeben geneigt ist, dazu zeigen lag bisher keine Veranlassung vor, wird sich aber bei der geeigneten Gelegenheit, z. B. bei der demnächstigen Berathung des Kulturetats, schon offenbaren. Von Ministerstürzerei kann aber schon deßhalb keine Rede sein, weil dem Regenten bekanntlich allein das Recht der Entschließung betreffs der Entlassung der obersten Räthe der Krone zusteht. Sodann hätte aber auch die Frak- ktion jetzt um so weniger Ursache, den Regenten zu einem solchen Schritte zu drängen, als sie nach den bisherigen Erfahrungen zu ihm das Vertrauen hegen zu dürfen glaubt, daß er im Ministerium die liberalen Bäume nicht in den Himmel wachsen lasse.
Somit ergibt sich für die Centrumspartei als eine naturnothwendige Konsequenz der damaligen Situation das Bsdürfniß, in der ruhigen, sicheren und in der Form thunlichst maßvollen Haltung gegenüber dem Regenten und den Vorlagen seiner Regierung auszuharren, welche sie bisher unter der klugen Führung ihres Führers Ruppert beobachtet hat. Für alle Kundigen ist es kein Zweifel, daß so mit der Zeit am ehesten die liberalen Hoffnungen zu Schanden gemacht werden können und eine bessere Zukunft für Bayerns treukatholisches Volk heranbrechen wird. Das sehen auch weitschauende liberale Parlamentarier, wie Frhr. v. Stauffenberg ein, der kürzlich auf einem liberalen Meeting voll Besorgniß vor Vertrauensseligkeit warnte und betrübten Herzens konstatirte, daß „die Gefahr für die Herrschaft des Liberalismus in Bayern größer fei, als je." Hoffen wir, daß der von der Centrumspartei eingeschlagene Weg zum schönen Ziele führe und zum Segen de» ganzen Landes gereiche!
das Fenster getreten, das nach dem prächtigen, wohlgepflegten Park hinausging, und starrte mit finster zusammengezogenen Brauen in die unbewegten Wipfel der uralten Linden, die ihre letzten Zweige bis hierher emporreckten. Noch schien in seinem Herzen ein gewaltiger Kampf zu stürmen, und die Geberde, mit welcher er sich plötzlich zu Martin umwandte, ließ fast vermuthen, daß er dennoch gesonnen sei, die unwürdige Bundesgenossenschaft zucückzuweisen. Da aber verspürte er einen brennenden Schmerz auf seiner linken Wange, und mit der Erinnerung an den beispiellosen Schimpf, der ihm geschehen war, erwachte auch die alte, ingrimmige Wuth von Neuem in seiner Brust. Er trug kein Bedenken mehr, dem verachteten Knecht seine feine, weiße, wohlgepflegte Hand entgegenjuflreden und den Druck seiner harten, schmutzigen Finger zu dulden.
„Thu', was Du kannst, und was es auch immer sei, ich roeroe Dich fürstlich zu belohnen wissen, wenn es mir zu meinem Recht verhilft."
Zehn Minuten später rollte der leichte Jagdwagen mit dem jungen Bacon und seinem geringfügigen Gepäck auf demselben Wege dahin, auf welchem kaum eine Stunde zuvor Herr Peter Michelmann in seinem gebrechlichen Gefährt mit so vergnügtem Schmunzeln zur Kreisstadt zurückgefahren war.