M 245. Mittwoch, dm 26. Oktober.
1887
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Erster Hirtenbrief des Fürstbischofs Georg von Breslau.
(Schluß.)
So soll der Bischof Allen Schuldner sein! „Men soll er Alles sein, um Alle selig zu machen." Lehrer den Unwisienden, Berather den Zweifelnden, Tröster den Betrübten, Arzt den Seelenkranken, Beschützer den Wittwen und Waisen. Die Gerechten soll er in der Beharrlichkeit erhalten und die Sünder zu den Gnadenquellen führen. Und dabei soll er den glimmenden Docht nicht auslöschen und das geknickte Rohr nicht zerbrechen. Er soll nicht müde werden, die Irrenden zu belehren und seines Vorbildes, de» guten Hirten, eingedenkt sein, der dem verirrten Schafe nachging, bis er es gefunden. Er soll den Sünder zurechtweisen und strafen, wo es nothwendig ist, aber nicht vergessen, daß er jenen Vater zum Vorbilde hat, der da« verirrte Kind freudig in seine Arme schloß, als es zu ihm zurückkehrte. Die Parteiungen und Meinungen, welche die Menschen theilen, sollen an ihn nicht heranreichen, sondern er soll Verantwortung für Alle tragen, die seiner Hirtensorge unterstehen! Ja, Allen ist er Schuldner geworden. „Ihr Blut will ich von Deiner Hand fordern" ruft ihm der Herr zu, und darum ermahnt der h. Paulus seinen Schüler Timotheus so dringend um de» Tode» Christi willen, allen Ständen und jeglichem Alter da» Nothwendige zu sagen, und schließt seine Mahnung mit der Forderung: „Die» rede, diese» ermahne und verweise mit allem Nachdrucke."
Sehet, geliebte Diözesanen, da» sind die Pflichten, die ich für Euch zu erfüllen habe, und Ihr habt ein Recht, von mir zu erwarten, daß ich dieselben mit aller Treue und Sorgfalt erfülle. Mein so ernstlich, so erhaben sie sind, so schwierig sind sie, und ich habe diese Schwierigkeiten nicht übersehen, al» ich mich unter da» Wort de» hl. Vater» beugte.
Me Ictzlcil Kmoknstkiner.
5. Fortsetzung.
Der Förster hatte die dargebotene Hand de» Baron» ergriffen und sie mit herzlicher Wärme gedrückt.
„Sie sind ein wahrhaftiger Edelmann, Herr Oberst," sagte er gerührt, „und Ihre» hochseligen Bruder» treue» Ebenbild. Wie könnte ich armer, dienstbarer Mann eine größere Genugthuung verlangen? — Und dennoch — wäre e» nicht immerhin besser, wenn ich ginge? Baron Herbert wird mich nach einer solchen Demüthigung ingrimmiger Haffen, al» je zuvor, ich fürchte der Friede wird damit für immer au» meinem Hause vertrieben sein!"
„So lange ich am Leben bin, braucht Ihnen da» wenig Kummer zu machen. Nicht mein Sohn ist Herr auf diesem Boden, sondern i ch bin e», und den wollte ich sehen, der sich meinen Befehlen iu widersetzen vermag! Kehren Sie getrost nach Hause zurück, mein Freund, und warten Sie ruhig »b, wa» weiter geschehen wird I Wir Beide werden gute Freunde bleiben, und ich meine, da» wäre die Hauptsache!"
Noch einmal schüttelten sich die beiden Männer, die durch Geburt und gesellschaftliche Stellung so
Da» Arbeitsfeld, zu dem er mich geschickt hat, ist ein weit ausgedehnte»; es erstreckt sich über drei Provinzen der preußischen und einen Theil der österreichischen Monarchie, von der Ostsee bis zu den Oderquellen. Dieser Ausdehnung entspricht auch die Seelenzahl; in nahezu tausend Pfarreien und Seelsorgerstattonen leben weit über zwei Millionen Katholiken, welche noch dazu verschiedenen Staaten und Sprachen Mgehören. Und von diesen wohnen Hunderttausende in manchen Landestheilen so zerstreut, daß sie versprengten Schafen gleichen und nur mit Mühe und Beschwerde ihre religiösen Bedürfnisse befriedigen können. Und diese Tausende und Millionen haben ein Anrecht auf meine Hirten- forge; für da» Heil ihrer unsterblichen Seelen soll ich dem ewigen Richter verantwortlich sein. Welche Bürde und welche Verantwortung? Denn was ist der Werth einer einzigen Seele vor Gott? Vor den Geist des Gottmenschen stellte sich einst das ganze Welltall mit seiner Größe und seinen Wundern, und daneben stellte er die Menschenseele, und welches Urtheil fällt Er? „Wa« nützt e« dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, aber an der Seele Schaden zu leiden?" So hat die ewige Weisheit Selbst den Werth der Menschenseele abgeschätzt und höher als die ganze Welt bestimmt. Ja, Sie hat noch mehr gcthan! „Brüder," ruft der hl. Petrus aus, „ihr seid um einen theuren Preis erkauft, um da» Blut des unbefleckten Lammes". Die Seelen der Menschen vom ewigen Verderben zu retten hat der Sohn Gottes Sein Blut, Sich Selbst dahingegeben; an diesem Preise aber sehen wir, wie hoch Er die Seelen der Menschen schätzt, und wie Er den Verlust einer einzelnen ansteht. Begreifet also, geliebte Diözesanen, wie erdrückend der Gedanke sein muß, eine solche Sorge und Verantwortung auf sich zu nehmen, nicht für eine, sondern für Millionen Seelen; sie vor dem ewigen Unheil und Verderben zu bewahren, die verlorenen Seelen wiederzusuchen und Demjenigen ein treuer Verwalter zu sein, der gekommen war, zu suchen und selig zu machen, was verloren war!
Wohl tröstet mich bei der Uebernahme dieser unermeßlichen Arbeit und Verantwortung der Hinblick auf die seeleneifrige Geistlichkeit, die ich heute als die Gehilfen und Theilnehmerin meiner Sorgen und Arbeiten begrüße. Wohl tröstet mich nicht
weit von einander getrennt waren, herzlich die Hände. Dann schwang sich der Oberst wieder auf sein Pferd, um in schlankem Trab dem Schlosse zuzureiten, während der Förster langsam den Weg nach dem Försterhause einschlug.
III.
Al» der Oberst die Thür seines Arbeitszimmers öffnete, meldete ihm der Diener, daß er schon seit mehr als einer halben Stunde von einem Herrn Peter Michelmann au» dcr Residenz erwartet werde.
„Michelmann?" meinte der Oberst nachdenklich. Mir ist e», al» müßte ich den Namen schon öfter gehört haben, aber ich weiß ihn doch nirgends unzubringen. Nun, wir werden ja sehen! — Lassen Sie den Herrn jedenfalls eintreten!"
Er warf seine Reitpeitsche auf den Tisch und war eben im Begriff, sich die Handschuhe auszuziehen, al» Herrn Michelmann's fette, unsaubere Gestalt auf der Schwelle erschien. Der würdige Herr schien e» doch für räthlich zu halten, sich sier um Viele« höflicher zu benehmen, al« dem ungen Baron gegenüber. Seine Verbeugung war o tief, al« e« seine Beleibtheit nur immer zu- ieß, und seine heisere Sttmme klang viel geschmeidiger und verbindlicher, al« vorhin.
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weniger der Hinblick auf Euch Selbst, geliebte Diözesanen, auf Eure Glaubensfestigkeit und Treue, auf Eure Folgsamkeit gegen die Euch vorgesetzten Oberhirten, wie die vergangenen Zeiten kund ge- than haben! Aber vor Allem tröstet mich da« Wort de» großen Weltapostels: „Ich bin Alle« in Dem, der mich stärkt I" Zu diesem, der Stärke der Schwachen, will ich darum mit dem König Salomon täglich und stündlich beten: „Dein Knecht ist in der Mitte de» Volke», da» Du erwählt hast, de» zahllosen Volke», da» nicht gezählt noch gerechnet werden kann vor Menge. Darum wollest Du Deinem Diener ein gelehrige» Herz geben, daß er Dein Volk recht richte und Gute« und Böse» zu unterscheiden wisse."
Und dieser göttlichen Hilfe, dieser Weisheit von Oben, wie sehr bedarf sie Euer Bischof ferner im Hinblick auf die Verhältnisse der Zeit! Der fromme und milde Oberhirt, dessen müden Händen am letzten Weihnachtsfeste der Hirtenstab entglitt, trat das Bisthum zu einer Zeit an, wo Kirche und Staat sich wieder näherten, um den unseligen langjährigen Zwist beizulegen. Freilich unterlag jene Zeit noch all den Schwankungen, welche der Ueber- gang vom Kampfe zum Frieden mit sich bringt. Seit einem Jahre nun hat sich die Lage unserer kirchlichen Verhältnisse entschieden zum Bessern gewandt; eine Reihe von wichtigen Freiheiten ist unserer Kirche zurückgegeben worden, und wir hoffen, daß durch da» wiederhergestellte Vertrauen und versöhnliche Zusammenwirken der kirchlichen und staatlichen Gewalt die kirchlichen Angelegenheiten sich immer mehr ordnen werden. Allein während wir un» der wiedererrungenen Segnungen de» Frieden» freuen und dankbaren Herzen» die Urheber segnen, vernehmen wir um uns her die Befürchtung, als feien die Rechte des Staate« beeinträchtigt durch die Freiheiten, die uns zucück- gewährt sind, und al« läge darin eine Gefahr für den konfessionellen Frieden.
Welch seltsame Verkennung deffen, wa« dem Staatswohl dient! Ist denn nicht der Flieden in seinen eigenen Grenzen das Grundgesetz für da» Glück und die Wohlfahrt des Staates? Haben Vernunft, Staatsweisheit und Geschichte je ander« gelehrt? Und ist nicht Alles, was für den Frieden geschehen ist, Zurückgabe der Rechte, welche zu den wesentlichen Lebensbedingungen der Kirche
„Gehorsamster Diener, Herr Oberst," sagte er. „Ich darf wohl nicht annehmen, daß ich noch die Ehre habe, von dem Herrn Oberst gekannt zu sein!"
Der Baron hatte ihn mit einem scharfen, durchdringenden Blick von oben bis unten betrachtet, und die unmuthige Falte zwischen seinen Augenbrauen war noch tiefer geworden.
„Jetzt, wo ich Sie vor mir sehe, erinnere ich mich Ihrer allerdings sehr wohl, Herr Michelmann," sagte er hart. „Wir unterhandelten mit einander, al» sich ein junger Lieutenant meine» Regiment» zu erschießen versucht hatte, weil er durch Wuchergeschäfte mit Ihnen zur Verzweiflung getrieben war. Ist e» nicht so?"
„Der Herr Oberst haben ein ausgezeichnete» Gedächtniß! — Aber Sie beurtheilen mich doch wohl etwa» zu hart! Ich bin ein armer Mann, rer sich mühsam durchschlagen muß, und der im Auftrage anderer Leute arbeitet!"
„Um so verächtlicher wäre Ihr Gewerbe! — Aber da» kümmert mich nicht», und ich glaube auch, Ihnen meine Ansicht damal» deutlich genug ausgesprochen zn haben. Welche Ursache hat also Ihr heutiger Besuch?"
„"sch hatte ein kleine» Geschäft mit Ihrem gnädigsten Herrn Sohn, Herr Oberst!"