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Donnerstag, den 20. Oktober.
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. Oktober.
* Die Gerüchte über eine bevorstehende Kaiser-Zusammenkunft können noch immer nicht zur Ruhe kommen. Eine Berliner Lokalkorrespondenz berichtet über rege Thätigkeit im Schlosse. Das in der zweiten Etage belegene ehemalige Wohnzimmer Friedrich Wilhelm IV. und die anstoßende Zimmerflucht würden in Stand gc- setzt; man scheine sich auf hohen Besuch vorzu- beteiten. Kopenhagener Blätter wollen wiffen, daß der Czar dringende RegierunqSgeschäfte zu erledigen habe und deßhalb nicht die Genesung seiner Kinder in Kopenhagen abwarten könne. Wahrscheinlich werde er schon in nächster Woche Kopenhagen verlasien. Die Masern nehmen beiläufig in Kopenhagen eine immer größere Verbreitung. Jetzt ist auch der Bruder des Königs von Dänemark, Prinz Johann von Schleswig-Holstein- Sonderburg-Glücksburg, von dieser Krankheit ergriffen worden. Ein Kopenhagener Telegramm des Wolffifchen Bureau« meldet: „Nach näher eingezogener Erkundigung erweist sich das neuliche Telegramm der Hitzau'schen Agentur betreffend die Reiseroute de» Kaisers von Rußland als gründ- los." Danach würde der Czar also nicht über Warnemünde reisen. Ein Dementi der Nachricht von einer bevorstehenden Zusammenkunft der beiden Laifer enthält die Wolff'jche Meldung nicht.
• Römischen Telegrammen zufolge haben sowohl das italienische Königtpaar, al« auch der Papst dem deutschen Kronprinzen anläßlich seine» Geburtstage« herzliche Beglückwünschungen zugehen lasten.
* Die .Nordd. Allgem. Ztg.' meldet: „Am 18. Oktober fand im Kultusministerium die Vereidigung de» neuernannten Fürstbischof- Kopp statt. Zum feierlichen Akte waren vom Kultusminister als Zeugen geladen: der Unter« staatssekretär, die Direktoren und Räthe de» Ministeriums, die Oberpräsidenten, die Diözese Brerlau und die deren Delegaturbezirk umfastenden Provinzen. Der Fürstbischof erschien in Begleitung der fürstbischöflichen Delegaten, des Ehrendomherrn Aßmann und de» Kuratu» Scholz. Der Minister begrüßte den Fürstbischof, indem er der Verdienste desselben um die Wiederherstellung friedlicher Beziehungen zwischen dem Staate und der
katholischen Kirche mit dem Ausdruck warmer Anerkennung gedachte und seine lebhafte Freude au«- sprach, daß der verwaisten Diözese Breslau in der Person des Fürstbischofs ein neuer Oberhirte wiedergegeben werde, welcher sich des Vertrauen« des Kaisers wie de» Oberhauptes der kathol. Kirche erfreue. Der Fürstbischof erwiederte in bewegten von echt patriotischem Geiste getragenen Worten mit der Versicherung aufrichtiger Ehrfurcht und treuer Ergebenheit gegen den Kaiser und das königliche Haus, sowie mit der Erklärung, daß er fest entschlossen sei, alle Kräfte daran zu setzen, um das ihm anvertraute oberhirtliche Amt unter Gottes gnädigem Beistand und königlichem Schutze zum Wohle des Staates und der kathol. Kirche zu verwalten. Nachdem der Fürstbischof unter Beobachtung des üblichen Zeremoniells den durch die Verordnung vom 13. Februar 1887 vorgeschriebenen Bischofseid abgeleistet hatte, empfing er dem Allerhöchsten Befehle zufolge die am 1. Oktober vollzogene landesherrliche Anerkennungsurkunde aus den Händen de» Ministers, welcher schließlich den Fürstbischof der Unterstützung des Staat« und seiner Behörden in der Ausübung des bischöflichen Amts versicherte und da» Vertrauen ausdrückte, daß die Verwaltung de» Fürstbischofs allezeit darauf gerichtet sein werde, den Geist der Eintracht und des konfessionellen Frieden« zu fördern. Der feierliche Akt hinterließ bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck und wurde von ihnen empfunden al» ein neue« Unterpfand de» Frieden« zwischen Staat und Kirche."
• Die Eröffnung des orientalischen Seminars, welche nach den Veröffentlichungen de« Reichsanzeigers heute stattfinden sollte, ist einstweilen noch auf etwa einen Monat hinausgeschoben; man nennt jetzt als Eröffnungstag den 26. November. Bisher ist noch nicht einmal das Verzeichniß der Vorlesungen für das Seminar erfchienen.
* Pofen, 18.Okt. DieParzellirungpolnischer Güter zum Zwecke polnischer Colonisation, welche zuerst in Westpreußen begonnen hatte, nimmt gegenwärtig auch in unserer Provinz ihren Anfang.
• In tfcn sächsischen Landtag sind gewählt worden: 19 konservative, 4 nationalliberale, 5 freisinnige Abgeordnete, 1 Sozialdemokrat.
Me letzten Kmenftkiner.
(Nachdruck verboten.)
I.
©ine der dürftigsten und arnrseligsten Mieth« - kutschen au« der nahen Kreisstadt war e», welche um die Mittagsstunde eine» schwülen Spätsommertages auf die Terrasse vor Schloß Gravenstein rollte. Die Gutsleute hatten den mageren Gaul, welcher bei jedem Schritt zusammenzubrechen drohte, schon auf seinem Wege durch die Dorfstraße mit spöttischen Zurufen verfolgt und unter einander allerlei nicht sehr schmeichelhaste Bemerkungen über das Aeußere des ungemein wohlbeleibten Mannes ausgetauscht, der es sich auf dem Rücksitz des gebrechlichen Gefährts bequem gemacht hatte. Freilich war es mit der Bequemlichkeit dabei nicht allzu weit her; denn der federlose Wagen stieß so entsetzlich, daß sich der Mann mit beiden Händen an den Seitenlehnen festhalten mußte, um nicht gar zu unbarmherzig hin- und hergeschleudert zu werden, und daß ihm die Hellen Schweißtropfen auf der Stirn perlten, al» et endlich Anstalten machen konnte, von seiner Marterbank herunter zu klettern. Au» dem Innern des Hause» war iwar ein alter Diener mit schwarzem Anzug ; herbeigeeilt in der Absicht, dem Ankömmling beim 1
Aussteigen behilflich zu sein, aber als er denselben etwas näher ins Auge gefaßt, blieb er in einiger Entfernung stehen und wartete ruhig ad, bis ihn der Fremde zuerst anreden würde. In der That war da» Aussehen dieses unerwarteten Besuchers nicht eben von sonderlich Vertrauen erweckender Art, und man war auf Schloß Gravenstein nicht gewöhnt, Gäste von solcher Beschaffenheit zu empfangen. Die Kleidung de» dicken Mannes war schäbig und ihr Schnitt gehörte einer längst vergessenen Mode an. Der Kragen seine» Rocke« war mit Flecken förmlich besäet, und auch seine Wäsche war unsauber und fettig. Al» er jetzt den zerdrückten Fllzhut abnahm, sah man, daß sein Haar, welches bereit« hier und da ergraute, struppig und wirr um den Kopf hing, und der widerwärtige Eindruck seiner ganzen Erscheinung erhielt dadurch eine angemeßene Vervollständigung.
„Ich wünsche den jungen Baron von Gravenstein zu sprechen," sagte er mit heiser klingender Stimme und in ziemlich hochfahrendem Ton. „Melden Sie mich .al« Herr Peter Michelmann au« der Residenz!"
Der Diener betrachtete ihn noch einmal vom Kopf bi» zu den Füßen; Zaber er rührte sich nicht von der Stelle.
„Ich bezweifle sehr, daß dec gnädige Herr
Ausland.
* Die Gemeindewahlen in Belgien, die am Sonntag stattfanden, scheinen keiner Partei große Vortheile gebracht zu haben, denn wenn auch die Liberalen sich einiger Erfolge in den Städten rühmen, so schreibt doch andererseit» das offiziöse .Journal de Bruxelles', die Katholiken hätten zahlreiche und wichtige Siege errungen, welche die liberalen Siege weit überwiegen. Arn bemerken«- werthesten ist das Resultat der Wahl in der Hauptstadt. Dort hatten sich die Fortschrittler mit den Arbeitern vereinigt und das liberale Stadtregiment, insbesondere den Bürgermeister Auls, auf bfe schärfste Weise bekämpft, aber sie blieben in der Minorität.
Die Jubiläumsgabe des Königs von Sachsen an Leo.XIII.
Ein wahrhaft fürstliche» Geschenk ist e», welche» König Albert von Sachsen Sr. Heiligkeit dem Papst Leo XIII. zu dessen Priesterjubiläum überreichen läßt, eine Gabe, ebenso feinsinnig ersonnen, wie prachtvoll und echt künstlerisch autgeführt. Die Leitung des Unternehmen» war in die Hand des Direktors der königlichen Kunstakademie zu Leipzig, Dr. Ludwig Rieper, gelegt; über die Ausführung de» Werkes veröffentlicht der bekannte Kunsthistoriker W. Lüdke in der Münchener ,Allg. Ztg.' einen längeren Bericht, dem wir die nach- stehenden Angaben entnehmen: <
Di« Aufgabe bestand darin, die berühmte Konstanzer Biblia pauperum mit ihren sämmtlichen Bildern und Inschriften in Faksimiledruck auf großen Pergamentblättern zu reproduziren und diesem kostbaren Inhalte eine künstlerisch werthvolle Fassung zu geben. Mit dem Namen „Armenbibel" bezeichnet man bekanntlich jene alten Holzschnittausgaben eines Bilderzyklus aus dem Leben Christi, welcher von erklärenden Parallelszenen aus dem Alten Testamente begleitet ist. Schon im frühen Mittelalter tauchen jene „topologischen" Bilderkreise auf, in welchem jedesmal einer Darstellung aus dem Neuen Testamente zwei vorbildliche Szenen (Typen und Antitypen) beigegeben sind, und zwar bei den durchgebildetsten Werken dieser Art ein Borgang aus der Zeit während der Herrschaft des mosaischen Gesetzes („sub lege“), und ein anderer aus der vormosaischen Epoche („ante legem“), dem dann da« Neue Testament als die Zeit der Gnade („sub gratia“) gegenüber gestellt ist. In dieser tiefsinnigen Weis« gliederte das Mittelalter den großartigen bildnerischen Stoff, in welchem das Erlösungsweü Christi tausend-
Baron zu sprechen sein wird, meinte er achselzuckend. „Ich habe eine ganz genaue Weisung darüber, welche Personen einzulaffen sind, und ich muß sehr bedauern, daß sich der Name Michelmann nicht unter denselben befindet 1"
Der Zurückgewiesene wischte sich mit einem bunten, baumwollenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn und schoß aus seinen kleinen, unruhigen Augen einen giftigen Blick auf den Diener.
„Meinen Sie, daß ich eine Reise von acht Stunden gemacht haben soll, um mich vom ersten Besten an der Thür zurückweisen zu lassen?" murmelte er: „Ich sage Ihnen, der Herr ’tiaron Herbert wird mich empfangen, und er wird Ihnen schlechten Dank wissen, wenn >ich eine Ursache haben sollte, mich über Ihre Unhöflichkeit zu beklagen."
Die dreiste Zuversichtlichkeit in seinem Benehmen blieb nicht ohne Wirkung auf den Diener. Er zog zwar die Schultern in die Hlhe, c/s wollte er sagen: „Es nkktzt Ihnen doch nicht«, mein Bester!" — aber er schickte sich doch an, langsam die breite, teppichbelegte Treppe emporzusteigen, während ihm der dicke Herr Michelmann, ohne erst eine Aufforderung abzuwarten, keuchend und schnaufend auf dem Fuße folgte.