M 234. Donnerstag, den 13. Oktober. *8^7
filhrr W
Die Kuldaer Reituna' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brmgerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. ' mit der belletristischen Wochmbeilage ,Sterne und Blumen^ in Fulda 1 M. 70 Pf-, auswärts 1 M. 75 Pf.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Ein politischer Skandal in Frankreich.*)
Der glücklich beigelegte jüngste deutsch-französische Grenzkonflikt, der Besuch de» leitenden italienischen Staatsmannes beim Fürsten Bismarck und die dadurch bedingte Verstärkung des Bündnisses Deutschlands mit Oesterreich und Italien, der deutsch-feindliche Toast des rusfischen Großfürsten Nikolaus auf einem französischen Schiffe, diese und andere Ereignisse haben die ernsten Betrachtungen über das Verhältniß Frankreichs zu Deutschland wieder in den Vordergrund gedrängt. Wenn nun schon in dem mitteleuropäischen Friedensbünrniffe, welches über eine Armee von nahezu 6 Millionen Soldaten auf Kriegsfuß verfügt, eine erfreuliche Garantie für die Erhaltung des Friedens liegt, und wenn ferner der strikte Beweis erbracht sein dürfte, daß Deutschland mehr als irgend ein anderer europäischer Staat von Friedensliebe erfüllt ist, daß allen seinen diplomatischen Zügen nur das eine Ziel der dauernden Friedenserhaltung vorschwebt, so darf uns anderseits auch das fast permanente Mißgeschick Frankreichs in der obersten Militärleitung über die etwa zu befürchtenden französischen Erfolge einigermaßen beruhigen. Kriegsminister Thibaudin ist noch in Aller Erinnerung, und der lange Zeit so gefeierte Boulanger, der sogar unfern deutschen Septennats- Wahl-Machern als Angst-Wauwau dienen mußte, ist in einer Weise abgedankt morden, daß er nachgerade zum Gespött der vernünftig denkenden Franzosen geworden ist. Der jüngste Skandal, als es sich herausstellte, daß der Probemobilmachungs- plan von Beamten des Kriegsministeriums vorzeitig an den .Figaro' verkauft worden war, und mehr noch die allerneueste Skandal-Affaire Caffarel, welche auch mit dem ,Figaro'°Eklat im Zusammenhang stehen soll, haben abermals ein höchst bedenkliches und beschämendes Licht auf die Zustände in den höchsten Kreisen der republikanischen Regierung geworfen.
Nur aus diesem Gefühle der Beschämung und dem begreiflichen Bestreben, von dem Nimbus des Militär-Regiments in den Augen des Volkes noch
*) Nachdruck nicht gestattet.
o Dkl Kapitän des Geiers.
Aus dem Spanischen mit Erlaubniß des Verlegers übersetzt.
13. Fortsetzung.
VII.
Darrell war nicht müssig geblieben. Ein schottischer Landedelmann, der ihn begleitete, tröstete ihn in seiner Betrübniß, und drei Tage nach dem Verhöre bet Montagne Bowers wurde der Prozeß Millicents einem der besten Advokaten übergeben.
Darrell gab stch auch Mühe, etwas von dem frühern Leben Duke's zu erfahren. Er erfuhr auch, daß das schöne Schiff „Geier" von einem französischen Kriegsschiffe an den Küsten Berberiens genommen und verbrannt worden, daß der Kapnän Duke und sein Steuermann Thomas Masterlon als Seeräuber und als des Mordes verdächtige Leute auf die Galeeren geschickt worden seien, daß aber beide am ersten Januar dieses Jahres dort ausgebrochen und entflohen feien.
Der Advokat, den Darrell beaufti agt hatte, die Vertheidigung Millicents vorzubereiten, glaubte, daß es vortheilhaft sei, zu entdecken, wo sich j n-r Thomas Masterton aufhalte, da er hoffe, von ihm einige Aufklärungen zu erhalten, die in j n s undurchdringliche Geheimniß Licht brächten, da er der Genosse des Ermordeten gewesen fei. E nige
zu retten, was zu retten ist, kann die Ansprache des Kriegsministers Ferron erklärt werden, welcher anläßlich der Einweihung de« LyceurnS in Chartres unter Anspielung auf den Caffarell-Skandal sagte: „Erwartet von mir nicht die geringste Schwäche gegenüber den Verstößen gegen Ehre und Disziplin. Ich werde um so schärfer vorgehen, je höher die Schuldigen in der militärischen Hierarchie steht n. Aber das Vergehen des Einzelnen befleckt nicht die Ehre der Armee; bewahren Sie derselben daher Ihre Achtung!" Gewiß, die Ehre der Armee, das heißt: der Gesammtheit der französischen Offiziere und Soldaten, kann auch bei den schlimmsten Verstößen und Vergehen Einzelner unbefleckt bleiben. Aber Dinge, wie sie jetzt enthüllt worden sind und anscheinend noch weiter enthüllt werden sollen, falls nicht die sogen. „StaatSraison" ein hemmendes Veto einlegt, tasten die Ehre der obersten Armeeleitung derart an, daß nur die unerbittlichste Klarstellung und die rücksichtsloseste Bestrafung der Schuldigen, mit einem Worte die gründliche Säuberung des schmutzigen Nches, ein Gegengewicht gegen die Schande bilden könnte. Wenn auch dis Affaire des Generals Caffarel ihren eigentlichen Ausgangspunkt in der Amts- periode Ehren-Boulanger's hat, fo läßt stch die Verantwortung für solche schmachvolle Vorkommnisse doch nicht vollständig von der heutigen Leitung des Kriegsministeriums abwälzen, es sei Benn, daß Herr Ferron selbst derjenige ist, der zur Entlarvung des sauberen Generals Caffarell seine Hand geboten hat.
Der Caffarel-Skandal scheint durch die Rolle, welche Herr Wilson, der leichtsinnige Schwiegersohn des Präsidenten Grevy, darin spielt, auch das Elysee, den Sitz des Regierungsoberhaupte«, in eine gewisse Mitleidenschaft zu ziehen. Denn der Handel mit dem Ehrenlegionskreuz, den General Caffarel mit Hilfe der „Dame" Limousin (Geliebte des früheren Kcieasministers Thibaudin und Freundin des Kriegsminrsters Bouianger) betrieben hat, soll gerade vom Elysee aus erleichtert worden fein, indem man hier mit der Ordensverleihung höchst freigebig und weitherzig gewesen sein soll. Ob die bei Frau Limonen (dieselbe soll von deutscher Familie aus Baden stammen) gefundenen Briefe und Karten von Bouianger, Thi-
Mal setzte er eine Anzeige in eine Londoner Zeitung, und das R fultat war, daß er von dem Direktor des Gesängntss s zu Cariisle einen Brief erhielt, der Angaben über bufe Persönlichkeit enthielt.
Thomas Masterton befand sich, wie wir wissen, eines einfachen Diebstahles wegen in dem Gefängnisse zu Carlisle, als man die Öffnung der Assisen erwartete, die über das Schrcksat der Frau Duke entscheiden mußten.
Einer der befähigtsten Polizeiagentm wurde von den Advokaten, denen die Vertheidigung Millicents anvertraut war, in Dienst genommen.
Darrell bat sie, kein Geld und keine Mühe zu scheuen, um die Freiheit seiner unglücklichen Millicent zu erlangen; der Vertherdiger ichüttelte jedoch den Kopf und sagte, indem er auf seine Akten blickte, er habe keine Hoffnung.
Am Vorabende des TaaeS, an dem der Prozeß Millicents beginnen sollte, kamen Darrell, M. Paunont, der Sachwalter, und Horaz Weldon, der Advokat von Carlisle, in der Diligence von N. an.--
Die sanften Strahlen der Ma^onne beleuchteten den Justizpalast, der von einer bunten M nge besitzt war, als Millic nt auf die Anklagtank geführt wurde, um auf die Anklagepunkte zu antworten.
baudin, Wilson, Delattre, de Mackau auf eine Mitwisserschaft ober Beihilfe aller genannten Personen bei dem Handel mit Orden und Adels- diplome schließen läßt, oder ob hier die sittenlosen „Freunde" der Frau Limousin, die Besucher ihres Salons, mit den wirklichen Betrügern und Gaunern in eine fatale zufällige Gemeinschaft geraden find, wird sich noch Herausstellen. Soviel steht aber jetzt schon fest, daß außer dem schwungvoll betriebenen, wohl organisirten Ordenshandel (für ein Kreuz der Ehrenlegion wurden bis zu 30 und 50 Tausend Franken bezahlt), auch wieder einmal jene schauderhafte Entsittlichung der höheren französischen Gesellschaft durch diese Skandal-Affaire an's Tageslicht gezogen worden ist.
Heute wird man es verstehen, weshalb der ehemalige Minister Ferry den Kriegsminister Bau- langer in öffentlicher Rede als einen Tingel- Tangel-Helden verhöhnte. Jene vergoldete Pariser Männerwelt, welche der ausgedehntesten Maitre ssen- wirthschaft huldigt und in den luxuriösen Salons gewisser mit einem sehr honetten Schein umgebener Damen dem frivolen Kultus der Sinnlichkeit stöhnt, retrutirt sich aus den höchsten militärischen und ciöilen Beamiungen bis in die höchsten Bureaux der Ministerien hinein. Es fällt uns nicht ein, bei dieser Gelegenheit etwas tiefer in den schmutzigen Pfuhl des Privatlebens eines großen Theiles der Pariser „Gesellschaft" hineinzuleuchten, aber das wollen wir doch festgestellt haben, daß der Schwindel und die Gaunerei, die Charakterlosigkeit und Gesinnungslumperei, wie sie wieder einmal in dieser Affaire grell zu Tage treten, Hand in Hand gehen mit einer maßlosen Verhöhnung aller Sittlichkeitsbegriffe und der Heiligkeit der Ehe. Der „General" Caffarel, der Günstling Boulangers, wäre vielleicht niemals dazu übergegangen, den Staat durch feinen Ordensfchacher zu betrügen und feine Ehre in den Koch zu treten, wenn nicht feine „noblen Passionen", seine „galanten Abenteuer" Summen verschlungen hätten, die er aus seinem ehrlichen Einkommen nicht decken konnte. Eine Sittenlosigkeit, wie sie in Paris grassirt, führt in vielen Fällen nothwendig zur Lumperei und Ehrlosigkeit auch in anderen Dingen.
Ihre Gesundheit war durch die lange Gefangenschaft so zerrüttet, daß die Wächter, welche sie führten, Mitleid mit ihr hatten und ihr erlaubt wurde, während des Verhöres zu sitzen.
„Nicht schuldig, Mylord," hörte man ihre reine und Helle Stimme auf die Frage des Richters antworten, ob sie sich schuldig bekenne.
Man hörte ihre Helle und reine Stimme in allen Theilen des großen Gebäudes. Ader unter den Zuschauern herrschte eine allgemeine und feste Uederzeugung: Dieses schwache Weib ist des Verbrechens schuldig, duffen sie angeklagt ist. Der Glaube an Hexerei war bei jenen Leuten noch nicht verschwunden, und viele mochten glauben, daß diese schöne, junge Frau Heu Teufel in Person in sich habe. Ihre Tugend und ihre Schönheit war bei diesen Leuten ein Beweis gegen sie, und überdies, wie konnte sie nach der Vollführung des Verbrechens ohne Hülfe des bösen Feindes den Körper ihres Mannes eine Strecke von vierzig Meter weit tragen? Gerade dieser unerklärliche Umstand war jenen Personen Grund genug, daran zu glauben.
Die von den Zeugen vorgebrachten Beweise waren dieselben, wie vor Montagne Bowers.
Samuel war s hr unsicher und verwirrt, als es sich um die Identität George Duke's mit jener Erscheinung, die er während der letzten sieben Jahre