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M 232.

Dienstag, den 11. Oktober.

1887

Jilhtr W 3tilnng.

Die »Fuldaer Zeitung' erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Merteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 SR. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen^ in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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* Der Sozialisten-Kongreß in St. Gallen.

Der schon im Sommer angekündigte deutsche Sozialisten - Kongreß ist nun dieser Tage in der Schweiz in St. Gallen abgehalten worden. Dieser- mal war das Geheimniß, womit der Kongreß sich in Folge des Ausnahmezustandes der Partei in Deutschland zu umgeben für nöthig hält, bester gewahrt, als auf dem Kongreß zu Kopenhagen. Anwesend war in dem Kongreßlokal, einer einsam an der Landstraße liegenden Brauerei, welches bei Tage gar nicht verlassen wurde, die meisten sozia­listischen Reichstags - Abgeordneten, Delegirte aus verschiedenen deutschen Städten, aber auch Abge­sandte aus anderen Ländern, wie Frankreich und England. Veranlaßt war der Kongreß dieses Jahr sicher durch das Bestreben, die verschiedenen Richtungen innerhalb der Sozialdemokratie aus­zugleichen. Hauptsächlich unterscheiden sich zwei Richtungen: die eine hält die Mitarbeit der Sozialdemokraten im Parlament, besonders bei sozialen Reformen, für zweckentsprechend; die an­dere will, daß die sozialistischen Vertreter im Par­lament sich der positiven Mitarbeit, welche nur den Ausbruch der Katastrophe verzögere, enthalten und sich besonders nur auf Brandreden, welche zum Fenster hinausgesprochen, im Lande für die Partei Propaganda machen, verlegen sollen. Als hauptsächlicher Vertreter der schärferen Richtung gilt Bebel, als Vertreter der leiseren diejenigen Abgeordneten, die sich im Reichstage selbst an Kommissionsarbeiten, leider bloß kritisirend und verzögernd, betheiligt haben, lieber diese Frage nun, welcher Richtung der Vorzug zu geben sei, ist in St. Gallen zwei Tage lang debattirt worden. Die Folge der Debatte war eine Miß­billigung des Verhaltens der sozialdemokratischen ReichstagSfraktion. Im Einzelnen wurde, so viel bisher verlautet, mißbilligt, daß die sozialdemokra­tischen Mitglieder für die Dampfer - Subvention gestimmt, sich an den KommisstonS - Berathungen überhaupt betheiligt, und daß bei den Stichwahlen an manchen Orten Kompromisse mit den bürger­lichen Parteien abgeschlossen worden wären. Die Mehrheit der sozialistischen Kongreßmitglieder will also von einer Mitarbeit an bet staatlichen Gesetz­gebung unter den gegenwärtigen Verhältnissen nichts

o Der Kapitän des Geiers.

Aus dem Spanischen mit Srlaubniß des Verlegers übersetzt.

11. Fortsetzung

„Eine Person ist gekommen und hat mir diese Nacht gesagt, Sie wären . . ."

Er wäre I — Diese Kranke, die er in einem einsam-n Gasthaus« in einem abgelegenen Dorfe Cumberlands antraf, wo tr sich vollständig sicher glaubte, seine Rolle als Baronet und vornehmer Herr spielen zu können, ohne daß er Gefahr lief, von der Gerechtigkeit gefaßt zu werden, dieses kranke Weib kannte ihn und konnte ihn verrathen I

„Wie, Sie kennen mich?"

„Ja; Sie sind ein Bandit, und man nennt Sie Kapitän Fanny."

Hastig ergriff er Saras Hand und sagte: „Ader Sie werden mich nicht veriaihenl"

„Sara schüttelte bett Kopf, indem sie ihn traurig anblickte und lächelte: „Von allen Geschöpfen cer Erde," sagte sie ihm, „wäre ich die Atzte, welche da» thäte".

„Nutzt mir wenig," murmelte er für sich, «einige Monate, vielleicht einige Wochen mehr oder weniger. Es bleibt sich gleich."

„Heinrich Masterton," sagte die Kranke, „sagen Sie mir, wie und wo haben Sie gelebt?"

wissen, sie hat sich zu Gunsten der unversöhn­lichen Richtung ausgesprochen. Das war vor- aurzusehen, denn auf allen bisherigen sozialistischen Kongressen hat die entschiedenere Richtung ihren Willen durchgesetzt. Run ist daun vielfach an solche innere Spaltungen die Hoffnung auf eine Schwächung der sozialdemokratischen Partei ge­knüpft worden. Wie man bisher sich mit solchen Hoffnungen enttäuscht gefunden hat, so dürfte es auch jetzt gehen. Die Organisation der Partei wird wahrscheinlich auch solche Gegensätze über­winden , und fügen sich die parlamentari­schen Vertreter dem Macht - Spruche des Kongresses nicht, nun so werden sie wahrscheinlich durch gehorsamere ersetzt werden. Das Obsiegen der schärferen Richtung ist ein betrübendes Zeichen, aber erstaunt sind wir darü-er nicht, im Gegentheil haben wir das als eine Folge des Sozialistengesetzes vorausgesagt. Erstaunt dürften blos die Anhänger des Sozialistengesetzes sein, be- sonders aber v. Puttkamer, der sich von dem Ausnahmegesetz eine vei ziehende Wirkung und eine „Zurückbrängung der revolutionären Elemente" der Partei versprach. Roch die letzte V erlängerung des Ausnahmegesetzes wurde mit dem Hinweis auf zwei angebliche gute Wirkungen desselben motivirt. Was die Bewegung, so hieß es, an Breite ge­wonnen, das habe sie an Intensität und revo­lutionärer Energie verloren; und zweitens müsse doch die Mitwirkung der Führer bei den gesetzgeberischen Arbeiten die revolutionären Ten­denzen in den Hintergrund drängen. Mehrere Redner des Centrums und fast die ganze katho­lische Presse haben damals vor diesem Optimis­mus gewarnt; sie waren der Meinung, daß die durch das Ausnahmegesetz ins Innere getriebene Krankheit schlimmer wirken, die ins Dunkele verbannte Tyätigkeit nur revolutionären Tendenzen zu Gute kommen werde. Nun, diese Anschauungen sind durch die Thatsachen bestätigt worden. Was vor allem aber der schärferen Richtung den Sieg verschafft hat, das dürfte die stramme Anwendung des Ausnahmegesetzes auf die Streiks, die Ver­sammlungen, die Presse sein. Wir glauben, daß die fortdauernde Ausweisung einzelner Sozial­demokraten aus allen Städten, wo sie sich nur niederließen, allein genügte, um verbitternd zu wirken und solche Beschlüsse zu Tage zu fördern.

Sara nannte ihn mit einem Namen, dm er feit siebenzehn Jahren nicht mehr gehört hatte; die leichte Röthe seines Antlitze» verschwand und seine Wangen wurden weiß wie die Betttücher auf Saras Lager.

„Sie wundern sich, daß ich Ihren Namen kenne," sagte Sara, „aber — — o mein Sohn, mein Sohn! Es ist seltsam, daß, als ich Dich letzte Weihnachten sah, ich die Ursache meiner Aufregung nicht erklären konnte. Wie konnte ich jene Aufregung einer anderen Ursache beim-ff en? Wie konnte ich glauben, daß eine andere Person mein Herz so konnte schlagen machen? Hätte ich mich beim Anblicke einer anderen Person also freuen können? — Mein Kindl"

Der Jüngling athmete auf, wandte sich plötz- ich zu Sara und fragte mit dumpfer und heiserer Stimme: „Was wollen Sie sagen? Wa» wollen Sie sagen? Ich habe meinen Vater sagen hören, rch sei in Cumberland geboren, er habe meine Mutter verlassen und sich von ihr getrennt, als ich noch ein kleines Kmd war. Wa» wollen Sie tagen?"

„Ich will sagen, Heinrich Masterton, daß ich )as unglückliche Weib und die arme Mutter bin, oie jener Mensch verlassen hat, und daß Du mein Sohn bist."

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Oktober.

* Während der König von Sachsen dem Papste zu dessen Jubiläum eine kostbare edelstein- geschmückte Nachbildung einer alten „Armenbibel" verehrte, hat die Königin dem Papste ein kunst­voll gearbeitete» Weihwasserbecken au» Meißner Porzellan übersenden lassen, in welchem eine Spende von mehreren Tausend Francs in Gold enthalten war.

* Freiherr o. Solemacher-Antweiler ver­öffentlicht folgende Erklärung: Die katholische Presse beschäftigt sich in letzter Zeit mehrfach mit meiner Stellung zu unserer heiligen Kirche und erwartet meinerseits eine diesbezügliche öffentliche Kundge­bung. — Ich erkläre hiermit, daß die betr. Ver­handlungen mit dem hochwürdigsten Erzbischof von Köln längst zum Abschluß gelangt sind, und darauf­hin meine Aussöhnung mit der Kirche erfolgt ist, welche Thatsache auf meinen Wunsch zur öffent­lichen Kenntniß gebracht werden sollte. Da hin­sichtlich der Einzelheiten, welche das Gewissen und innere Seelenleben berühren und theilweise in den Beichtstuhl hineinragen, eine Publikation von vorn herein ausgeschlossen worden ist, so muß ich mich darauf beschränken, die darüber in die O-ffentlich- keit gelangten Mittheilungen als dem wirklichen Thatvorgange nicht ganz entsprechend zu bezeichnen. Bonn, den 6. Oktober 1887. Frhr v. Solemacher- Antweiler.

* Hamburg, 7. Okt. Der Verwaltungs- Rath der Hamburg-Südamerikanischen Dampf­schifffahrts-Gesellschaft beschloß, mit dem Bau von drei neuen großen Dampfern die hiesige Reiherstieg-Schiffswerft und die Schiffswerfte von Biohm u. Voß zu beauftragen. Die .Hamburgische Börsenhalle', welche diese Nachricht veröffentlicht, spricht ihre Genugthuung darüber aus, daß diese auf viele Millionen sich belaufenden Aufträge deutschen Wersten zugefallen seien.

* Mainz, 8. Okt. Die in dem jüngsten Sozialistenprozeß zu 6, 5 und 4 Monate ver- unheilten Führer der hiesigen Sozialdemokraten wollen von dem Rechtsmittel der Revision an das Reichsgericht Gebrauch machen.

* Bochum, 7. Okt. Das ,Wests. Volksbl.' erfährt, daß die k. Regierung zu Arnsberg nach

Der Jüngling ließ mit lautem Schluchzen fein Haupt auf das Bett sinken.

Seine Mutter meinte und beklagte ihn. „Mein Sohn! Mein Sohn!" rief sie aus; „hat man mir die Wahrheit gesagt? Ist es wahr?"

„Das ich ein Räuber und ein Bandit bin? Ja, meine Mutter; daß ich seit meiner Kindheit ein unordentlicher Mensch gewesen bin? Ja, meine Mutter; daß ich seit den Jahren meiner Vernunft nie mit ehrlichen Menschen gelebt habe? Ja, Mutter, Alles ist wahr. — Mein Vater hat mich geschlagen, hat mich mißhandelt, hat mich ganze Tage in schrecklichen Höhlen gelassen und ganz vergessen, daß sein Sohn zu dieser Wit gehörte; aber er vergaß es nicht, mich stehlen zu lehren, und ich habe seine Unterweisungen vollkommen aufgefaßt. Ich verließ ihn, als ich zehn Jahre alt war, und ich habe bei Zigeunern Dieben, Vaga­bunden und Bettlern gelebt, bis daß ich schlechter war als alle diese Bösewichte, die dreimal älter waren als ich. Sie ohrfeigten und schlugen mich wegen meiner Schönheit und Geschicklichkeit; deß- halb v rließ ich sie und vereinigte mich mit einem Menschen, der anfangs mein Freund, später mein Diener war, der aber in der Folge die Stimme meines Gewissens erstickte und mir jede Hoffnung raubte, ein ordentlicher Mensch zu werden. Die