M 230.
Sonnabend, den 8. Oktober.
1887
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* Vom hygienischen Kongreß in Wien.
Die Sozialpolitik der Katholiken Deutschlands und Oesterreichs hat auf dem gegenwärtig in Wien tagenden hygienischen Kongresse, an welchem auch der Kronprinz Rudolf von Oesterreich theilnahm, eine glänzende Rechtfertigung erhalten. Was die Abgeordneten des katholischen deutschen Centrums in Bezug auf Kinder- und Frauenarbeit, sowie in Bezug des Normal- (Maximal-) Arbeitstages und der Sonntagsruhe anstreben, was in dieser Richtung in Oesterreich von der deutsch-konservativen Partei durch das Entgenkommen der Regierung zu einem großen Theile verwirklicht worden ist, das hat auch die volle Billigung des hygienischen Kongresses gefunden. In den Be- rathungen über Fabrikhygienie und Fabrikgesetzgebung kam naturgemäß der Arbeiterschutz zur Verhandlung. Zunächst wurde über die Kinder- Arbeit nachfolgender Beschluß gefaßt:
„Die nachtheiligen Folgen der Fabrik-Industrie für Kinder (Leute unter 13 Jahren) offenbaren sich bald durch charakteristische Mißtzesialtungen, Schwächungen einzelner Organe, bald durch Hemmung der körperlichen Entwickelung und größere Kränklichkeit, als bei anderen Berufsarten. Es erscheinen daher vom hygienischen Standpunkte aus für die Altersstufen von 14—18 Jahren bezüglich der Arbeitsdauer, noch mehr aber bezüglich der Nachtarbeit gesetzliche Beschränkungen wünschens- werth, für Altersklaffen jedoch unter 14 Jahren deren gänzlicher Ausschluß geboten. Die Unterbrechung der Arbeitsdauer durch Zwischenpausen sind nur da wünschbar, wo die Innehaltung derselben leicht konstatirt und gesichert werden kann."
In Bezug auf die Frauen-Arbeit gelangte nachfolgender Beschluß zur Annahme:
„Die Beschränkung der Arbeitszeit der Arbeiterinnen und vor Allem das Verbot der Nachtarbeit muß aus hygienischen wie aus moralischen ^Gründen verlangt werden. Ebenso ist den Frauen, die einen eigenen Haushalt haben, eine hinreichend lange Pause zur Besorgung des Mittagseffens zu gewähren. Der Ausschluß der Schwangeren aus der Fabrik ist wünschbar, aber aus praktischen Gründen undurchführbar. Dagegen muß eine mehr-
o Der ftapitim des Seins.
Aus dem Spanischen mit Srlaubniß des Verlegers übersetzt. 9. Fortsetzung.
„Du bist .sehr liebreich und gastfreundlich," sagte der Tabuletthändler. „Doch höre mich; ich komme weit her, und zwei Beweggründe führen mich hierher. Der erste und hauptsächlichste ist, Deine Herrin zu sehen; der zweite, einen Freund zu besuchen, von dem ich fünfzehn Jahre getrennt war, und der mich hierher eingeladen hat, doch glaube ich, daß ich vor ihm angekommen bin. Dieser Freund ist ein eleganter und vornehmer Mann und heißt George Duke, der Kapitän des Geiers."
Betty streckte mit flehendem Blicke die Hände au«. —
„Ach mein Gott," sagte sie, „jetzt sagen Zwei, daß sie von dem ermordeten Herrn eine Einladung erhalten hätten."
„Was für ein ermordeter Herr?"
Betty erzählte ihm die Geschichte, die in den letzten Tagen so viel von sich reden gemacht hatte.
Ihre Erzählung war sehr unzusammenhängend und verwirrt, doch konnte sie den Tabuletthändler mit der schrecklichen That bekannt machen.
„Weshalb nur hat man ihn in der Nacht seiner Rückkehr ermordet?" rief sie aus. „Schlechte
wöchentliche gänzliche Ausschließung aus der Fabrik nach der Niederkunft in ihrem Jntereffe und noch mehr in demjenigen ihre« Kinde« gefordert werden. Er muß durch gesetzlich eingeführte Unterstützung Vorsorge getroffen werden, damit es den Wöchnerinnen während der Ausschließung nicht an den nöthigen Subsistenzmitteln fehle."
lieber die Einführung eines Maximal-Ar- beitstages wurde wieder lebhaft verhandelt. Schließlich wurde in dieser Frage, wie in der verwandten Frage der Sonntagsruhe und der Nachtarbeit überhaupt folgender Beschluß gefaßt:
„Die Gesundheit der Männer leidet durch eine übermäßig lange Arbeitszeit, sowie durch Nachtarbeit. Beide üben auch einen nachtheiligen Einfluß auf Moralität und Intelligenz des Arbeiters au«. Erfahrungsgemäß vermag sich dieser nur selten gegen eine solche Beanspruchung zu wehren, und es liegt deshalb in der Aufgabe de« um die Erhaltung einer tüchtigen Bevölkerung besorgten Staates, durch eine Gesetzgebung vorzubeugen. Den gegenwärtigen Verhältniffen dürfte bei unvermeidlicher Tag- und Nachtarbeit, die Einführung eines Schichtenwechsels vorausgesetzt, einMaximal- Arbeitstag von 11—10 Stunden genügen. Die Festsitzung dieserMoximal-Arbeitrzeit hat aber den Gegenstand internationaler Vereinbarung zu bilden. Sonntagsruhe für alle Arbeiter ist eine der dringendsten Forderungen der Hyzienie. Sie ist nur dann in vollem Maße zu erreichen, wenn durch Verkürzung der Samstagsarbeit es dem Arbeiter möglich wird, von schweren Sonntags arbeiten frfi zu werden. Die Beschränkung der Arbeitszeit Erwachsener erheischt die Möglichkeit von Ausnahmen, deren Gestattung namentlich hinsichtlich der Anwendung gleicher Grundsätze genau zu kontrolliren ist. Kinder bis zu 16 Jahren und verheirathete Frauen sind jedoch von ausnahmsweise! Nachtarbeit freizuhalten."
Nach diesem Wortlaut ist die Uebereinstimmung der Forderungen der Gesundheitspfleger in Betreff des Arbciterschutzes mit jenen der katholischen Sozialpolitiker eine sehr weitgehende und es kann nur angenehm sein, daß weiter beschloffen sworden, die obigen Bischlüffe angesichts der Wichtigkeit der Sache allen europäischen Parlamenten offiziell zu übermitteln.
That I Es wäre ihm besser gewesen, wenn er nicht zurückgekshrt wäre!"
„Und es ist nichts geraubt worden, weder Silber, noch Kleinodien, und seine Gattin sitzt im Gefängniffe zu Carlisle, angeklagt, ihn ermordet zu haben? Seltsame Geschichte I Ich habe immer geglaubt, daß der Teufel ihn beschütze, aber ich sehe, daß ihn endlich sein Stern ver- laffen hat."
Der Leier wird sich erinnern, daß der Baronet, als er den Mord erfuhr, sagte, daß von Anfang an Duke ein unglücklicher Mensch gewesen sei; das beweist, wie verschieden die Meinungen über eine und dieselbe Person sein können.
„Also Kapitän Duke ist ermordet worden, das ist nicht gut für mich," murmelte der Tabuletthändler, „denn ich kenne ein Geheimniß dieses braven Seemannes, der mir sein Haus zur Verfügung gestellt haben würde, wenn ich mich ihm vorgestellt hätte, und feine G-lvbörfe wäre immer mein gerat fen." —
„Ich möchte Deine Herrin sehen, ohne viel Zeit zu verlieren, Mädchen. Befindet sie sich in einem Zimmer, da« in der Nähe des Gemaches liegt, wo sich Dein Herr mit dem Baronet eing> schloffen hat?"
„Nein, die Wohnung meiner Herrin bifindet sich auf der andern Seite des Ganges."
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Oktober.
* Prinz Ludwig von Bayern und dessen Sohn Prinz Ruprecht, welche zum Besuche de« Kaiser« und der Kaiserin in Baden - Baden eingetroffen waren, haben sich gestern Abend von den Majestäten verabschiedet und sind nach München zurückgekehrt. — Der deutsche Kronprinz ist heute in Baveno eingetroffen und in der Villa Clara abgestiegen, woselbst er einige Wochen zu bleiben gedenkt.
* Das Hauptereizniß der Woche ist die Zusammenkunft des italienischen Minister-Präsidenten Crispi mit dem Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe. Crispt hatte drei Sekretäre mitgenommen, auch war der italienische Botschafter auf der einen und Staatssekretär Graf Herbert Bismarck auf der andern Seite zu den Verhandlungen zugezogen. Das Alles ist Beweis genug dafür, daß die gepflogenen Verhandlungen wichtiger politischer Natur waren. Die Zusammenkunft ist aber auch nach anderer Seite hin sehr beachtenswerth. Crispi hat keine untadelhafte Vergangenheit — in politischer wie auch in anderer Beziehung —; vor Jahren war er als Präsident der italienischen Kammer schon einmal in Deutschland und hat sich durch eine Taktlosigkeit gegen Se. Majestät den Kaiser unangenehm bemerkbar gemacht.. Fast unmittelbar vor seinem neuen Ministerium hat ihn das „Leibbla)t" des Fürsten 8):an,'1rcp und Gesinnungsgenossen der Umstürzler bös angelassen, und nun wird natürlich in allen Tonarten sein Lob gesungen, und nächstens wird cs zu den „patriotischen" Pflichten gehören, für Crispi zu schwärmen. In der modernen Politik und Diplomatie spielt eben die Stellung und Macht die Hauptrolle; sie deckt Dinge zu, die man sonst nicht übersehen würde, und läßt Freundschaften zu Stande kommen, die sonst undenkbar wären. Natürlich ist »ofort die Frage aufgeworfen worden, was die beiden Herren wohl miteinander verhandelt hatten. Wir glauben selbst, daß Bulgarien, Rom und Frankreich Hauptgegenstände der Besprechung waren. Italiens Interesse muß seine Regierung und Staatsleitung von Frankreich weg zu Deutschland ziehen, so sehr es sich auch mit Frankreich verwandt und
„Gut; geh' und sage ihr, daß der, welcher vor sechs Jahren hier war und das kleine Geschenk annahm, das sie ihm damals machte, zurückgekehrt ist und sie sogleich zu sehen wünscht."
Sara schlief noch nicht, sondern las in einem Buche, welch s aus dem Tische vor ihrem Bette lag; sie erhob den Kopf vom Kiffen, als Betty eilenden Laufes in dar Zimmer eintrat.
Betty sah sehr aufgeregt aus, und Sara be- merkte auf den ersten Blick, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen fei.
„Niel" rief sie, als die Köchin ihr gesagt hatte, daß ein Mann in der Küche sei, der sie zu sehen wünsche. „Nie! — Wie grausam! — Wie grausam, in diesem Augenblicke zu kommen, da mein Geist sich bei der armen Millicent befindet, und ich Tag und Nacht bete, daß irgend etwas sich ereigne, das sie rechtfertige! Da« ist sehr grausam, ja, sehr grausam!"
„Es gibt viele Dinge im Leben, die grausam erscheinen," sagte eine Stimme an der halbgeöffneten Thüre. .Und der Tabuletthändler trat eilig ohne alle Umstände in das Gemach.
„Beinrhe sterben vor Hunger und dabei einen weiten Weg burd) den Schnee machen, da« ist wahrlich grausam, noch mehr a'.s viele andere Dinge, die ich erzählen könnte. Du kannst gehen, Mädchen," fügte er zu Betiy gewandt hinzu und