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1887

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Deutsches Reich.

Berlin, 6. Oktober.

• Der Kronprinz ist heute von Venedig über Mailand nach Baveno am Lago maggiore ab­gereist.

• Der Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung den Antrag Preußens wegen erneuter Anordnungen auf Grund § 28 des Sozialisten­gesetzes für Spandau genehmigt. Die Vorlage wegen Ernennung eines Reichrkommiflar» zur nächstjährigen Weltausstellung in Melbourne wurde den zuständigen Ausschüssen zur Vorberathung überwiesen.

* Man schreibt der »Germania': „Daß ein königlich preußische» amtliches Kreisblatt durch Benörgelung einer Maßregel der kgl. Re­gierung sich selbst in den Verdacht bringt, zum schlimmeren „Theil der freisinnigen Presse" über- gegangen zu sein, ja, sich selbst den „reichsfeind­lichen" „Kreisen Deutschlands" beizählt, dürfte ebenso neu wie bemerkcnswerth sein. Und doch hat die eines großen Viehmarktes wegen außer­ordentlich am Montag (3. Oktober d. I.) aus- gegebene Nummer eines in der Nähe des Harzes erscheinenden Kreisblaltes dieses Kuriosum fertig gebracht. Auf Seite 2 dieser Nummer nämlich wird ganz richtig bemerkt, daß, wenn die (polnischen) Kinder „nicht mehr polnisch lesen und schreiben lernen", mithin „auch den polnischen Katechismus nicht mehr lernen können", alsdann „der Religions­unterricht im Polnischen ... auf die Dauer kaum möglich sein" dürfte, „oder die Geistlichen müßten dann selbst den Unterricht im Polnischen in die Hand nehmen, falls die Eltern nicht Einrichtungen für polnischen Prioat-Unterricht treffen, oder nicht gewillt sind, ihre polnische Sprache überhaupt auf- zugeben. Dazu scheint aber noch wenig Geneigt­heit vorhanden zu sein, und da» kann auch Niemand von ihnen verlangen, denn die Muttersprache gehört zur Person des Menschen, die nicht angetastet wer­den darf. Es ist deßhalb immerhin fraglich, ob durch diese neue Maßregel der erstrebte Zweck er­reicht wird. Gewonnen werden die Polen da­durch jedenfalls nicht" u. s. w.

Ehre dem braven amtlichen Kreisblatte für diese unabhängige Aussprache richtigen Denkens und

o Der KeMn des Keim.

Aus dem Spanischen mit Erlaubniß des Verlegers übersetzt.

8. Fortsetzung.

Sie träumte, sie befände sich an der Spitze der Polizeiagenten auf der Suche nach dem Leichnam der Kapitäns Duke, der gesund in einem kleinen Schranke in dem Hause seiner Großmutter stehe, welche in einem Dorfe der Umgegend wohnte, als ein vorsichtiger Schlag auf die Küchenthüre sie weckte.

Ihre erste Bewegung war ein lauter Schrei, denn Schreien war nach ihrer Ansicht das Beste in eigenthümlichen Fällen. Da sie sich jedoch er­innerte, daß der „Schwarze Bär" sich nicht in dem gewöhnlichen geordneten Zustande befinde, und daß schon seit einigen Tagen fremde Besuche ?u ungewohnter Stunde gekommen seien, so än­derte sie ihre Ansicht und wandte sich nach der Küchenthüre, um zu sehen, wer da sei. Eine dunkle Gestalt stand auf der Schwelle der Thüre, den Hut derart in das Gesicht gedrückt, daß die »ugen verdeckt waren und, wenn e» auch Heller Tag gewesen wäre, e» schwer gefallen hätte, den Gesuch zu erkennen. Die Köchin verlor alle ihre Kraft, und eine dem Tode ähnliche Kälte bemäch- »gte sich ihre» Herzens.

Fühlens I Nun aber schlage man das Blatt um und lese auf Seite 1 derselben Nummer: „Aus Posen kam eine Nachricht, die in allen Kreisen Deutschland», mit Ausnahme der reichs- feindltchen, freudig begrüßt worden ist . . . Es ist damit von Neuem der energische Wille be­kundet, da» Vordringen de» Polenthum» aufzu­halten . . . Bemerkenswerth ist, daß ein Theil der freisinnigen Presse auch diese Maßregel be- nörgelt." Und die Moral? Es gibt eben „Maß­regeln", welche „freudig" zu begrüßen, ja, nicht zu „benörgeln" selbst der offiziösen Presse nicht immer gelingt."

* Von einer immer bedenklicher werdenden Stimmung der Gutsbesitzer im Osten be­richtet die .Kreuzztg.'. Die Bauern verlören nach und nach alles Vertrauen in die Regierung, weil sie ihnen nicht die gewünschten Getreidepreise verschaffe.

* Die Zahl der Landrathsstellen in Preußen beträgt nach dem neuesten Terminkalen­der für die Verwaltungsbeamten 481 gegen 464, 458 und 387 in den 3 Vorjahren. Die Ver­mehrung fällt in diesem Jahre ausschließlich auf Posen und Westpreußen, wo durch die Theilung der bisherigen Kreise eine größere Anzahl von Landrathsstellen geschaffen worden ist, welche erst eben besetzt sind. Im Ganzen sind von den vor­handenen 481 Stellen zur Zeit nur 38 unbesetzt, und bei zweien ist der Inhaber beurlaubt. 35 von diesen 40 Stellen werden von Regierungs- Assessoren kommissarisch verwaltet, 5 sind gänzlich unbesetzt. 7 Laudcäche, von denen 6 in Hannover sind, haben einen besonderen Hilfsbeamten. 30 Landi äihe führen den Charakter als Geheimer Regierungsrath und 1 Geheimer Ober-Regie- runqsrath.

* Görlitz, 6. Okt. General v. Kirchbach ist auf Moholz bei Niesky in Folge eines Schlag­anfalle» gestorben.

* Köln, 5. Okt. Am 13. d. wird Hierselbst eine Konferenz der Präsides der katholischen Ge- sellen-Vereine abgehalten, zu welcher auch Herr Bischof Gruscha, Central-Präses der österreich­ungarischen Vereine, erwartet wird.

* Leipzig, 6. Okt. Zn dem Prozeß Neve ist die Publlkation de» Urtheils auf Montag 12 Uhr festgesetzt. Der Oberreichsanwalt beantragte

Es wäre ein großer Trost für sie gewesen, wenn sie j: tzt hätte schreien können, aber dies war ihr unmöglich, und erschrocken, wie sie war, konnte sie nur unbeweglich stehen bleiben und bestürzt auf die fürchterliche Gestalt blicken.

Sollte eS vielleicht der schreckliche Schatten, der Geist des Kapitäns Duke fein, den sie zweimal vor seiner Ermordung gesehen hatte? Ohne Zweifel war er gekommen, um den Ort zu zeigen, wo sein Lerchnam verborgen lag, und hatte Betty als die geeignetste Person bestimmt, ihn dabei zu unterstützen.

Mritcn in dem angstvollen Schrecken, welchen sie empfand, bemächtigte sich ein Gr fühl von Triumph dieses einfachen Bauernmä ckens, denn sie dachte in diesem Augenblicke, wie sehr sie durch dieses Abenteuer in der Achtung von Compton steigen würde; aber wie der niedere Sravtbürger zuweib u ane bürgerliche Ehrenstelle, die er für eine halbe Last ansieht, zurückweist, so opferte auch Betly die Gelegenheit, sich auszeichnen zu können, und streß endlich einen schrecklichen Schrei aus.

In demselben Augenblicke schloß eine schwere Hand ihr den Mund, und eine rauhe Stimme fragte sie, warum sie schreie und weshalb sie so bange sei.

Da die Geister und Erscheinungen nicht die Ge-

über zehn Jahre Zuchthaus. Der Angeklagte sprach eine halbe Stunde lang für seine Frei­sprechung. (Fr. Z.)

* Mainz, 4. Okt. Die Generalversammlung der Görresgesellschafr nahm gestern Abend im fest­lich geschmückten Saale des .Frankfurter Hofes' durch die Begrüßung der sehr zahlreich erschienenen Mitglieder und Freunde von hier und Auswärt» seinen Anfang. Herr Oberbürgermeister Dr. Oechs- ner bietet den katholischen Gelehrten in der altehr­würdigen Stadt Mainz den Willkommgruß und versichert die wärmsten Sympathien der Bürger­schaft. Mainz, sagte er, habe eigentlich ein Recht darauf, ein Emporium der Kunst und Wissenschaft zu sein. Ehedem berühmt durch seine Universität und gelehrten Schulen habe sich das goldene Mainz wie in anderer so auch in dieser Beziehung mit den ersten Deutschland» muffen können. Durch die Stürme der Zeit sei dies anders geworden. Noch einmal heißt er die Versammlung herzlich willkom­men, versichert sie der Mainzer Gastfreundschaft und hofft, daß die Anwesenden ein gutes Andenken von Mainz mitnehmen werden. Herr Julius Bachem, Rechtsanwalt aus Köln, dankt Namens des Ver- waltungs - Ausschusses der Görres - Gesellschaft für die Begrüßungsworte des Herrn Oberbürgermei­sters. Herr Bischof Dr. Haffner freut sich, " daß die Versammlung gerade in der Zeit tage, in welcher das bischöfliche Seminar seiner Wieder­eröffnung entgegensehe. Es sei im Kulturkämpfe nichts schmerzlicher gewesen, als die polizeiliche Un­terdrückung des Seminars, das allein in Mainz noch an die alten Bildungsstätten erinnert habe. Der hochw. Herr schließt mt einem Hoch auf den Verwaltungs'- Ausschuß. Baron Dr. v. Hertling dankt in dessen Namen und schließt mit einem Hoch auf den hochw. Herrn Bischof, Herrn Dom- Dekan Dr. Heinrich und Herrn Moufang, deren Verdienste um die Wissenschaft er in seiner vorauSgegangenen Rede gefeiert hatte. Eine zwanglose Unterhaltung, gewürzt durch die Vorträge einer ausgezeichneten Kapelle, verherr­lichte den Vorabend. — Der Festkommers der katholischen Studenten am heutigen Abend verlief in glänzender Weise. Die Studentenkorporationen vertrat die an der Landesuniversität Gießen be­stehende katholische Studentenverbindung. Herr Schmitt, cand. phil. aus Dürkheim präsidirte

wohnheit haben, auf diese Weise zu sprechen, und sich damit begnügen, Geberden zu machen und mittelst Zeichen einige einzelne Orte zu bezeichnen, so fühlte Betty sich wieder voll Kraft, und nach einem tiefen Seufzer fragte sie die unbekannte Er­scheinung, was sie wolle und weshalb sie einem armen Mädchen, wie sie sei, einen solchen Schrecken einjage.

Der Unbekannte gab keine Antwort, wandte sich von der Köchin ab und trat schnell in die Küche, welche schwach von dem halb erloschenen Feuer und einem ersterbenden Lichte beleuchtet war. —

Nachdem der erste Schreck vorbei war, konnte Betty erkennen, daß der Unbekannte von höherer und gesetzterer Gestalt sei als der Kapitän Duke, daß er in nichts dem ermordeten Seemanns gleiche.

Er blieb, den Rückn gegen .den Feuerherd ge­kehrt, stehen und zog langsam einen großen wollenen Shawl, den er um den Hal» gebunden hatte, ab. Dann nahm er den Hut ab, fuhr sich mit der Hand durch'» graue haar und betrachtete da» Mädchen, mit starrem, festem Blicks.

Der Fremde war ein Tabuletthändler, der, wie ich j tzt Betty erinnerte, vor sechs Jahren in der- elben Küche die Uhr, den Gldbeutel und die silbernen Löffel Sarah'» gestohlen hatte. Sein