M 226.
Dienstag, den 4. Oktober.
1887
Albaer
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k Zur Erledigung der Grenz- kouflikte.
Der zweite und hoffentlich letzte Akt des Familien-Revanche-Dramas „Schnäbele" ist für „messieurs Schnaebele pdre et fils“ höchst jammervoll abgelaufen. Der grüne Junge, welcher seinen französischen Heldenmuth an einem unschuldigen Baume an der deutschen Grenze bethätigte und sich hinterher ertappen ließ, ist während der Untersuchungshaft in Metz ganz zahm geworden, so zahm, daß er in der Gerichtsverhandlung in Metz ganz offen erklärte „je regrette ce que j’ai fait“, „ich bedauere, was ich gethan habe." Und Schnäbele Vater machte in einem eigenhändigen Schreiben an den Metzer Staatsanwalt den höchst unrühmlichen Versuch, durch Vorschützung geistiger Schwäche seinen Sohn, den Gymnasiasten, aus der Klemme zu ziehen. So ist der Bubenstreich des Sohnes auch dem kürzlich noch in der Pariser Preffe als patriotischer Held gefeierten Vater zum Verhängniß geworden und hat dem Familiennamen Schnäbele in den Augen eines jeden Vollblut-Franzosen allen patriotischen Reiz benommen. Geradezu beschämend aber ist es nicht nur für die vielgenannte Familie Schnäbele, sondern auch für denjenigen Theil der Grande nation, welcher jenen Namen den Ruhmesblättern der neuesten französischen Geschichte einzuverleiben suchte, daß der deutsche Kaiser in seiner Großmuth dem jungen Menschen, der eben erst die deutsche Grenze und die deutsche Ehre beschimpfte, die ihm vom Metzer Gericht zudiktirte 3wöchige Gefängnißstrafe auf sein gehorsamstes Gesuch in Gnaden erlassen hat. Das ist der würdige Schluß des Schnäbele-Skan- dals, der in der letzten Zeit über Gebühr die öffentliche Meinung in Bewegung gesetzt hatte.
Sicherlich wird aber auch der neueste Grenz- Skandal, welcher leider viel ernsterer Natur ist, einen für Deutschland nach jeder Richtung hin
o Der Kipitm des Geiers.
Aus dem Spanischen mit Erlaubniß deS Verlegers übersetzt. 5. Fortsetzung.
Etwa drei Monate später sei Frau Duke von Marlcy nach Compton gekommen und habe von einer Erscheinung gesprochen, welche sie gehabt habe: Eines Abends sei sie am Strande von Marlcy im Mondschein lustwandeln gegangen, als sie einen Reiter auf sich zureiten sah, der vor ihr sein Pferd anhielt, sie starren Blickes ansah und bann nach einigen Sekunden schon wieder verschwunden war. Auch sie hatte den Kapitän George Duke zu erkennen geglaubt. Aus der Beschreibung, welche sie ihm von demselben gegeben, habe er erkannt, daß es dieselbe Person sei, die ihn nach dem Wege, der nach Marlcy führe, gefragt habe. Allgemein habe man geglaubt, dies sei der Geist George Duke's.
Vor zwei Tagen nun sei George Duke lebend wiedergekehrt, es könne jene Erscheinung also sein Geist nicht gewesen sein.
An demselben Abend aber, als George Duke noch bei seiner Frau im blauen Zimmer war, fei bie Erscheinung wieder gekommen, habe ein Glas Cognac getrunken, ein Goldstück auf den Tffch geworfen und gesagt, sie sollten sein ermüdetes
wurstereien verdienen nichts anderes, als stille Veo
verwirrte B-richt Samuels aufgeklärt: Das un
erwartete Erscheinen des Kapitän«, die harten
Auf diese Frage gab Samuel eine ausweichende Antwort: er begann zu erklären, daß es in dem Benehmen Millicents und des Kapitäns nicht» sehr Gefühlvolles geben könne; dann sagte er, Frau Duke sei in den Schnee gefallen und habe über ihr Schicksal geklagt; dann fügte er hinzu, daß M_a_, _
sie nicht mit ihrem Manne gesprochen habe, auch nommen wurde. Durch seine Aussage wurde der nicht ein einziges Mal, daß sie aber plötzlich aus- 1---m ’** ~ ~ -
gerufen habe: „Wcßhalb ist er gekommen, um
| ehrenvollen Ausgang finden. Denn ehrenvoll ist I i
es auch wenn man nöthigenfalls ein geschehenes achtung. Erfreulich ist "es aber ,'daß" auch" Unrecht oder eine Ueberschreitung eingesteht und ~ •• • ~ • —
in allen Ehren Satisfaktion leistet. Ob dies in der Affaire von Raon für Plaine erforderlich sein wird, läßt sich zwar heute noch nicht sagen, jedoch steht soviel fest, daß die Darstellung des deutschen Soldaten Kaufmann, der übrigens in der Sache selbst Partei ist, und dem eventuell eine strafrechtliche Verfolgung bevorsteht, die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ganz abgesehen von den bestimmten Aussagen aller an der französischen Jagdgesellschaft beseitigten Personen. Es ist nahezu unerklärlich, daß ein tödtlich getroffener Mensch nicht gleich Zusammenstürzen, sondern sich erst über die nahe Grenze schleppen soll, um erst dort in einer Blutlache zusammenzubrechen; ebenso, daq ein anderer Mann mit
Bowers wünschte dem jungen Manne Glück, daß er so leicht von der Anklage befreit worden sei; doch hörte und achtete Darrell nicht auf ihn. Er hatte sich neben den Stuhl Millicent» gestellt und betrachtete ihr bleiches ergebenes Antlitz indem er mit Angst und Schrecken daran dachte, daß jede» Wort, das ihn rechtfertigte, nur die Verdachtsgründe gegen sie vermehrte.
Es war der erste Zeuge, der nach Samuel ver-
I nationalliberale Zeitungen, wie z. B. die ,Nat.- Ztg.' und vor allem die ,Sttaßb. Post', tu dem Bedauern über den Vorfall und in der Mahnung zur Vorsicht und Maßhaltung im Grenzverkehr ganz mit der sog. „Oppositionspreffe" übereinstimmen. Die .Straßb. Post' erklärt offen heraus. „Kann das aber so weiter gehen? Es müffen un- ! bedingt Maßregeln getroffen werden, durch welche verhindert wirb, daß friedliche Leute, selbst für den Fall, daß sie eine Grenzverletzung begehen, welche mit einer Geld- oder Haftstrafe geahndet ist, gleich der denkbar höchsten, der Todesstrafe verfallen. Es darf unbedingt nicht Vorkommen, daß auf solche Leute gleich geschossen wird." Dieser in einem gewiß „reichsfreundlichen" elsäßischen Blatte vertretene Standpunkt wird übrigens sicherm Vernehmen nach in den maßgebenden Kreisen des deutschen auswärtigen Amtes getheilt, denn e» sollen bereit» einleitende Schritte geschehen fein, um einen modus vivendi für den Verkehr an der deutsch-französischen Grenze zu finden und ähnlichen blutigen Zusammenstößen vorzubeugen. Jedenfalls dürsten die als Forstpatrouille verwandten Soldaten fernerhin angewiesen werden, in Konstcktsfällen nach der Forst-Instruktion und nicht nach der weit schärferen Militär-Instruktion zu verfahren. Wa» aber weiter verlangt werden muß, daß ist eine strengere Kontrolle der französischen Gcenzbehörden gegen die überhandnehmende Wilddieberei. Es wird dem beiderseitigen Jn- tereffe entsprechen, wenn jedem Konflikt, der die herrschende Feindseligkeit zu Hellen Flammen auflodern machen konnte, ernstlich aus dem Wege gegangen wird, unbeschadet der Wahrung der Ehre beider Nationen.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Oktober.
* Der italienische Ministerpräsident Crispi hat heute früh Friedrichsruh verlassen. Da über die zu Friedrichsruh gepflogenen Verhandlungen Authentisches nicht bekannt geworden, so ist den Zeitungen ein weites Gebiet für Kombinationen offen gelassen. Die französische Preffe beharrt dabei, daß über die römische Frage verhandelt worden sei, ja
mich zu dem elendesten und unglücklichsten Weide zu machen?"
Hier brach der Wirth, entmuthigt durch seine Gattin, die mit wilder Geberde den Kopf nach feinem Sitze wandte, plötzlich ab.
Die ziemlich verwirrte Darstellung Samuels war immer noch deutlich genug, die Unschuld Darrels darzuthun, nachdem er mit ihm da» Schloß von Compton und den Kapitän frisch und gesund verlaffen hatte. Von dieser Stunde an bi» zu dem Verschwinden des Kapitäns Duke waren Millicent und die Haushälterin die einzigen Personen, welche bei dem Manne geblieben waren, der ermordet sein sollte und den man nicht finden konnte.
zerschossenem Knie dieselbe Rückzugsbewegung über die Grenze machen sollte — notabene beide, ohne die geringste Blutspur oder sonstige Spur im hohen Farrengestrüpp zurückzulaffen. Wahrscheinlicher klingt deßhalb immerhin die Darstellung der Franzosen, daß der Soldat Kaufmann in Folge eine» bedauerlichen Versehens die Schüsse über die Grenze abgegeben habe. Vielleicht gelingt es indessen, die gegen die erstere Version sprechenden Gründe auszuräumen und den Fall wenigstens formell zu Gunsten des betheiligten deutschen Soldaten aufzuklären. Wir können dies nur dringend wünschen und hoffen, was uns aber nicht hindern kann, nach reiflicher Prüfung aller Umstände unsere Ansicht über die Sache offen auszusprechen. Einzelne nationalliberale Zitungen, welche an Chauvinismus den ärgsten französischen Revanche-Schreiern nichts nachgeben, haben bereits ein Scherbengericht abgehalten über diejenigen deutschen „ Oppofltionsblätter", welche nach Recht und Billigkeit den Fall — ganz abgesehen von der formellen Kompetenzfrage — als einen höchst bedauerlichen behandeln und den Wunsch aussprechen, daß deutscherseits alles, was die vorhandene Spannung vermehren könnte, streng vermieden werde. Den trivialen Vorwurf solche Warnungen und Mahnungen zeugten wieder ein Mal von der reichsfeindlrchen, reichsnörgerlichen Gesinnung der betreffenden Blätter, kann man sehr leicht nehmen; solche „nationale" Hans-
Pferd ordentlich pflegen, er werde es wieder abholen; dann habe er sich entfernt, ohne auf die Fragen der übrigen Gäste, woher er komme und wohin er gehe, eine Antwort zu geben.
Als Samuel mit seinem Berichte so weit gekommen war, war er so verwirrt, daß er nur noch durch kurze Fragen etwas au» ihm heraus- bringen konnte.
»Run gut, wir wollen annehmen, daß Alles wahr ist, was Ihr mir erzählt habt, Herr Samuel, um wie viel Uhr hat der Kapitän Duke Euer Haus verlassen?"
„Zwischen neun und zehn Uhr."
„Gut; und Ihr habt ihn, wie es scheint, begleitet?"
„Ja, mit Darrell."
„Schienen Ihnen Frau Duke und ihr Ehemann in guter Stimmung zu sein?"